Rudolf Schandalik / Elf Jahre! Ein Irrtum? Eine Aufhebungsanklage / Leseprobe

Exposé

 

»Elf Jahre! Ein Irrtum? Eine Aufhebungsanklage.« (~Arbeitstitel)
 

 Das Manuskript ist keine reine Fiktion! Eher eine zeitpolitisch dominierte Schrift
mit biographischen Hintergründen!
 Der Roman beschreibt wie die elf Jahre, von 1927 bis 1938, über die
Lebensbühne der Hauptdarsteller Fritz und Berta gegangen sind! Der Zeitgeist, die
politischen und weltanschaulichen Veränderungen haben aber dagegen gearbeitet und
die ›Aufhebungsklage‹, basierend auf dem vom NS-Staat angebotenen juristischen
Terminus »Irrtum«, alles beendet. Die Intention liegt nicht im (Neu-)Bewerten
historischer Tatsachen, sondern in der Beeinflussung der handelnden Personen, wie sie
damit umgegangen sind.
 Fritz Schandalik, geboren 1907, der Wiener Mittelschicht entstammend,
katholisch, aber nicht religiös, und Berta Guttmann, geboren 1908, assimilierte, getaufte
Jüdin, die ›heimliche‹ Heldin des Romans: Elf Jahre ihres Lebens verbringen sie  
miteinander, sechs davon in ehelicher Gemeinschaft. Zwei Menschen, die meine Eltern
hätten sein können, ja fast geworden wären.
 Die Handlung spielt zum größten Teil in Wien, auch in Pressbaum, einem
westlichen Vorort Wiens, in Holland, Paris, Berlin.
 Vorangestellt werden ein Vorwort und 2 Prologe, die in die handelnden Familien
einführen

 Das Geschehen ist in 4 Kreisen aufgebaut, die miteinander aufs Innigste und
untrennbar verwoben sind:

Zum Ersten und für den Handlungsablauf verantwortlich: die langsam aufkeimende
Liebe, die Beziehung zueinander, ihre Ehe mit all den Höhen und Tiefen. In diesem
Erzählstrang wird auf das Medizinstudium von Fritz ebenso eingegangen wie auch
Bertas Interessen. Hierher gehört auch die Schilderung der Hochzeitsreise nach
Holland, das Land, in dem Fritz nach dem ›Großen Krieg‹ ein Jahr bei Pflegeeltern
verbracht hatte. Wichtig erscheint der darzulegende Konnex zum assimilierten
Judentum. Und dann die Problematik, die sich mit dem abschließenden Gerichtsurteil
der Ehe-Aufhebung aufgrund der NS-Rasse- und Ehegesetze, einstellt.

Zum Zweiten ist das Gerüst des geschichtlichen Hintergrundes tragend: der Bogen
spannt sich von der Kaiserzeit Österreichs über die Zwischenkriegszeit, bis knapp nach
dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. In dem Handlungsbogen wird von
der Gesetzgebung des Kaiserreiches bzgl. der Religionen, auf das Fin de Siècle mit
ihren teilweise ausufernden, antisemitischen Auswüchsen eines von Schönerer und
Luegers eingegangen. Vom Werden der Hochschülerschaften, dann intensiver von den  
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politischen Unruhen vonseiten der ›Hakenkreuzler‹, sowohl im Alltag Wiens, aber auch
speziell an der Universität ist zu berichten. In Form des sozialistischen Freundes der
beiden wird die politisch-soziale Situation der Stadt Wien, zu der Zeit richtungsweisend,
nicht zu kurz kommen, so auch das ›Schlüsselerlebnis‹ des Justizpalastbrandes!
Dediziert besprochen wird der Übergang der Demokratie über den Bürgerkrieg zum
›austrofaschistischen‹ Ständestaat, die Beziehung zu Hitlerdeutschland, der
erzwungene/erhoffte Anschluss 1938. Da können die Geschicke des assimilierten
Judentums, vom Kaiserreich bis zum ›Anschluss‹, nicht vergessen werden: Die
Guttmanns sind eine typische Familie der jüdischen Wiener Bourgeoisie, auch wenn
Bertas Eltern schon zum Christentum konvertiert waren.

Zum Dritten Handlungsstrang kann ich die musischen, künstlerischen und kulturellen
Episoden zählen. Fritz war ein begnadeter Musiker, Pianist. Ihrer beiden musikalische
Interessen erstrecken sich von Lehár bis Richard Strauss, von der Wiener Staatsoper
bis zu den Salzburger Festspielen sich. Ob in Amsterdam ein Besuch des
Concertgebouw – Orchesters, in Berlin einer Lehároperette, in Salzburg die Umstände
eines ›Meistersinger‹ nach dem ›Anschluss‹: Alles wird diskutiert, ins rechte Licht
gesetzt. Eine miterlebte ›Turandot‹-Aufführung in der Staatsoper Wiens kann in äußerst
heiterer Wiese nacherzählt werden. Fritz ist aber auch ›literarisch‹, eher dilettantisch,
tätig, Artikeln in Zeitungen, auch nur private Niederschriften belegen dies. Ein
Zeitungsartikel über das Theatergeschehen einer Woche in Wien mag als besonders
gelungen bezeichnet werden. Der »Wiener Kreis«, die »Moderne« und Karl Kraus fügt
sich nahtlos ein.

Zum Vierten Bereich zähle ich die geschichtlichen Hintergründe der Familien, wobei
hier sowohl über Bertas Familie, der Problematik der Assimilation, und auch der Familie
von Fritz referiert wird. Die intensive Beschäftigung mit der Historie der »Schandalik’s«
ab 1780 führt in die Welt der Waldwirtschaft. Eine Erzählung über das Leben der
Forstleute im ›k.k. Staatswald‹ gewährt tiefen Einblick bis hin zu den Borkenkäfern. Der
Stiefgroßvater Mol, ein Oberförster in Pressbaum bei Wien, lenkt in die Welt der
Kaiserin Elisabeth, ›Sisi‹, zurück. Eine tragende Rolle liegt in der Person von Richard,
dem Vater von Fritz. Aber die Linie ›Guttmann‹ wird nicht völlig vernachlässigt, auch
was Bertas Vater Otto und die Umstände seiner Konversion zum Christentum
anbelangt.

Im Epilog wird noch das weitere Leben skizziert.

Dies alles ist verwebt, verschlungen dargestellt, spannend erzählt, zu einem
gemeinsamen Ganzen aufgebaut.
Mit Bildern aus der Familie, von Zeitungsartikel, des Urteils usw., Quellenangaben in
den Endnotes. Ca. 400 Seiten.

 

 

Leseprobe

 

 

Quo magis aeternum da dictis, diva, leporem.

effice ut interea fera moenera militiai

per maria ac terras omnis sopita quiescant;

nam tu sola potes tranquilla pace iuvare

mortalis

 

»Um so mehr gib, Göttin, den Worten ewigen Liebreiz,

wirk, dass in dieser Zeit die wilden Werke des Krieges

über die Länder und Meere hin tief entschlummern und ruhen;

denn du allein vermagst die Menschen mit ruhigem Frieden zu erfreuen.«1

 

Titus Lucretius Carus

 

Vorwort

 

Publikationen über Österreich der 20iger und 30iger Jahre des letzten Jahrhunderts füllen Bibliotheken, die politischen Entwicklungen sind, wenn auch noch nicht alles geklärt ist, so doch offenliegend. Aber wie haben Menschen, die sich „unpolitisch“ sahen, agiert? Wie sind diese mit dem damaligen Mainstream umgegangen, wie haben diese es gelernt, mit dem Ausklang der Demokratie, dem Ständestaat und dann der Zeit des Anschlusses zu leben.

Haben diese Menschen Überlegung zur jeweiligen politischen Situation angestellt? Wie haben die vielen, ja Hunderttausenden, die „normalen“ Bürger Österreichs reagiert, wenn ein Abdriften in eine österreichisch-präformierte Abwehrfront gegen den Nationalsozialismus ihr Land geradeaus in die Hände des großen Nachbarn treibt. Haben sie überhaupt reagiert darauf?

Was haben sie gemacht, die vermeintlich an Politik Uninteressierten? Haben diese wirklich nicht teilgenommen am Staat, an der politischen Diskussion. Haben sie in einem Vakuum gelebt, in einem Vakuum an Parolen, einem Vakuum an weltanschaulichen, religiösen, rassisch determinierten Gegebenheiten, wie diese im großen Nachbarsland vorexerziert worden waren? Niemand, sollte man doch annehmen, kann damals so blind, so blauäugig gewesen sein! Kann Desinteresse an dieser gesellschaftlich, weltanschaulich und damit politischen eminent wichtigen Zeit jemanden wie einen Schlafwandler zwischen allen sich immer tiefer auftuenden Fronten handeln lassen, leben lassen? Kann Desinteresse als eine österreichische Form des „Das alles geht mich doch gar nichts an“, einem Wurstigkeitsstandpunkt gewertet werden, der den Wienern, den Österreichern ja gerne nachgesagt wird? Oder doch als ein Standpunkt gewertet werden, dass man in diese Zeit hineingeboren wurde und halt damit fertig werden muss? Und mit diesem Standpunkt, der vielerorts nicht ins Bewusstsein gekommen ist, sich so gedankenlos eben mit der jeweiligen Situation zurecht finden muss. Stellt sich da nicht die Frage nach dem, was man landläufig als Gewissen bezeichnet? Was macht das Gewissen, wenn man lächelnd zusieht, wenn der Nachbar, mit dem man Jahre zusammengewohnt hat, der Arzt, der einem gesund gemacht hat, der Ladenbesitzer, bei dem man immer zufrieden eingekauft hat, der Juwelier, der einem die Hochzeitsringe verkauft hat, im Sonntagsgewand zur Reinigung, zum Schrubben des Bürgersteiges, auf den Knien, gezwungen wird. Und dann plötzlich deportiert wird. Und dann seine Wohnung, sein Haus man sich nehmen kann?

 

Ein junger Mensch, der es sich geleistet hat, sein Leben so zu gestalten, wie es sein Opportunismus ihm vorschrieb. Friedrich, ein musisch äußerst begabter und auffallend charmanter Mann, der durch das Studium und künstlerischen Streben nur am Rande von politischen Veränderungen Notiz nimmt. Aber sich mit allen Neuerungen arrangieren kann, den Werdegang ohne Politik gestaltet, aber doch die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu seinem Gunsten benützt. Ein handwerklich äußerst geschickter Mensch, der in seinem Beruf sehr rasch durch Können zu einem gehobenen Lebensstandard kommt, der aber auch ohne Hemmungen familiäre Situationen ausnützt. Und ein Mensch, ein Mann, der kaum eine sich ihm bietende Situation, Frauen zu beeindrucken und die sich daraus entwickelnde Verhältnisse ungenützt lässt. Der es für normal, ja selbstverständlich hält, wechselnden Beziehungen auch dem Ehepartner nicht zu verschweigen und damit eine große Last aufbürdet.

Nein, er hat sich nicht an den Gütern anderer bereichert, als dies so viele gemacht haben.

 

Dieser Mensch dringt nun in die Welt des assimilierten Judentums Wiens ein, eine Welt, die ihm fremd sein muss, aber doch so vertraut, so nahe wird, dass er auch einheiratet. Keine Familie aus dem Bankenbereich, keine Familie aus dem Großkapital, über solche ist schon viel berichtet worden, eine Familie, aus der Mittelgeschichte stammend, akademisch gebildet, eine jüdische Familie, die voll akkulteriert ist, zum Christentum konvertiert, nur mehr »wienerisch« denkend, fühlend. Aber doch, im Sinne der Hitler`schen Rassegesetze, Juden bleiben. Die dann einer Desillusion entgegen gehen, gehen müssen. Berta, die junge Gattin, die heimliche Heldin, die zarte Frau an Friedrichs Seite, die keinen Gedanken hegt, ihn verlieren zu können!

 

Dieser Mann, diese Frau, meistern erfolgreich die Erste Republik, den Ständestaat, ohne ärgere Schrammen abzubekommen. Er scheut sich nicht, die politischen Veränderungen des Anschlusses an das Deutsche Reich für sich zu nützen, die sie ihm entfremden, entreißen müssen. Verlebt die ersten Kriegsjahre unbehelligt und geschützt, und als dann doch vier, fünf Monate ›Fronterfahrung‹ zu leisten sind, in rührenden Briefen sich um Frau und Kind sorgt. Ohne zu verschweigen, dass es ihm doch recht gut geht, da draußen im Feld. Ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten von Mutter, Frau und Kind seine Ruhmestaten bei der Frauenwelt bekennt, ja sich ein wenig damit brüstet. Der ohne Hemmung klar legt, dass nur sein Kind für ihn zählt. Und der seine erste große Liebe rasch verleugnet, als die politischen Veränderungen dies für zweckdienlich erweisen. Und diese erste Liebe totschweigt, die ihn doch prägen musste. Wie wenn sie nie gewesen wäre! Für immer!

 

Wahrlich alltägliche Leben, die hier ausgebreitet werden? Sind diese nur egozentrisch und ungehemmt gelebt worden, oder ist der Druck der eigenen Seelen so übermächtig und für sie letztlich bestimmend? Sind die sich auftuende Zwiespältigkeit, die seelischen Qualen und ein leichtfertiges Leben für ihr Denken und Handeln bestimmend? Was bewirkt eine jahrelangen Beziehung einer jüdischen Frau zum ›arischen‹ Mann, wie ist dies zu bewerten? Ist er ein gespaltenes Wesen, das zwischen Rücksichtslosigkeit und erfolglos gesuchter tiefer Liebe schwankt, sich nicht zurecht finden kann oder auch es nicht will. Oder ist die Angst bestimmend, die Angst vor Bomben im Krieg genau so wie die Angst, jemanden zu verlieren, den man zuvor sehr verstört hat. Kann sie dies begreifen, empathisch ertragen.

Zwei Leben, zwei Menschen, in dieser Zeit, zu betrachten, zu analysieren, gelingt ohne die Einbindung des historischen Zeitgeschehens nicht, so bestimmend sich diese darstellt. Auch für sie. Gerade für sie beide! Und die intellektuell, die kulturell hochstehende Beziehung auszuleuchten, muss ein besonderes Anliegen sein.

 

Dieser Mann war mein Vater, heiß geliebt und tief verachtet. Den ich zu kennen annahm, aber doch so fremd blieb, fremd, durch sein Handeln, sein Denken. Fremd, auch durch mein Denken, mein Fühlen. Ein Ringen, ihn verstehen zu können, begreifen zu wollen, lieben zu lernen.

Und diese Frau, die unter anderen Umständen auch meine Mutter hätte werden können, so unbekannt, so wenig vertraut sie bleiben musste. Die aber mein Denken und Fühlen so beeinflussen konnte. Die mir näher gekommen ist, ohne dass ich sie kannte. Die mir eine Welt eröffnete, die ich für mich verschlossen meinte. Die Welt, die mich immer mehr gefangen nimmt. Hätte ich sie lieben können?

 

Übrig bleibt nur der Versuch einer Annäherung. Lediglich ein Versuch.

 

Menschen können nachträglich nicht in ihren Taten rehabilitiert werden. Aber hat er, hat sie, nicht das Recht, Verständnis zu erhoffen? Und unsere Liebe zu erwarten? Über alle Räume und Zeiten hinweg?

 

 

Prolog 1

 

 

 

 

Geht man heute die Straße entlang, ist man enttäuscht! Ja, die Veranda ist geblieben, aber wo sind die dichten Hecken entlang dem Straßenzug, der nun viel zu knapp, durch Begradigung und damit einhergehender Verbreiterung, an das Haus herangebaut wurde, das nun so umgemodelt wurde. An windstillen Tagen kann man die Fahrzeuge oben am Pfalzberghang die Autobahn entlangbrausen, hören. Nur die ‚Dürre Wien’, der hier noch kleine Bach hinterm Haus, fließt nach wie vor unbeeindruckt vorbei, doch eingezwängt, begradigt.

 

Vor hundert, vor hundertzwanzig Jahren, war hier ein kleines Paradies gewesen!

 

 

Frau Maria Mol-Anderl, geb. Hameder. Mit Tochter Poldi (mit Reif) und Mizzi Abb.1

Das schon damals betagte Forsthaus in Pressbaum hatte von der staubigen, schmalen, ja unbedeutenden Landstraße ausreichen Abstand genommen. Hinter einer dichten, hohen Fichtenhecke gut versteckt, die Einsicht verwährte. Und das Schnauben der Rösser, den Peitschenknall der Kutscher abschwächte. Das ebenerdige, nur durch den Keller angehobene Haus, breit in einem Wiesengrund stehend, war von angejahrten Obstgehölzen umgeben, als Schattenspender fungierend, besonders aber als Lieferanten für mannigfaltige Marmeladen und eingelegten Früchten. Hinter dem Haus ein bescheidener Hof, der in der Mitte vom mit einem hölzernen Schöpfarm bewehrter Brunnen dominiert wird. Etwas nach hinten sich absetzend ein Schuppen. Mit einem seitlich angebrachten Holzdach, unter dem gerade noch ein roh gezimmerter Tisch und eine sich an die Wand drückende, der lehnenlosen gegenüber, zweite Sitzbank Platz fanden. Alles schon etwas in die Jahre gekommen. Etwas schief steht die vordere Stütze und das kaum bearbeiteten Rundholz, das die Kinderschaukel trägt.

 

 

Das Bächlein, die ›Dürre Wien‹, schlängelte sich, meterweit hinter dem Holzschuppen, durch die bis zum sanften Anstieg des bewaldeten Berghanges hinziehende Wiese, um irgendwo dort oben zu entspringen. An der Stirnseite des Hauses, zur Fichtenhecke, zur entfernten Straße hin, schmiegte sich die markante, fast beherrschende Holzveranda ans Refugium, ohne die wohl ein ehemals kaiserliches Forsthaus nicht auskommen mochte.

Eine schmale Zufahrtsstraße, verstohlen durch eine kaum wahrnehmbare Lücke in der mächtigen Fichtenhecke Einlass erlaubend, führte in schwungvollem Bogen hierher, in den Hof. Eigentlich nur zwei schmale Fahrstreifen im Wiesengrund! Die Anzahl der bisher hier gefahrenen Automobile war wohl noch als unerheblich anzusetzen. Und Kutschen, diese Zeit ging langsam, unaufhörlich, zu Ende. Und wenn, dann wohl das Fuhrwerk, dass die Senkgrube entleerte, maximal dreimal mal im Jahr.

 

Etwa sechs, einstmals geländerlose Stufen luden vom Hof her zum Eintritt durch das zweiflügelige Holztor ein. Öffnete man den linken der beiden, oben mit je 4 Fensterchen ausgestatteten Türflügel, trat man in einen, mit blitzblank polierten Steinplatten ausgelegten Gang ein. Die ersten zwei, etwas gelockerten Platten, meldeten den Eintritt, verläßlicher als jede Glocke.

 

Das Haus war recht geräumig, größer, als man es, von außen gesehen, erwarten wollte. Gleich nach dem Eingang links bot eine niedrige Tür den Zugang zum ›stillen Örtchen‹. Einmal hier eingetreten, stieß man an den dominierenden, truhenartigen, dunkelbraunen Kasten mit der leicht zum schmalen Fenster hingerückten kreisrunden Öffnung, dicht verschlossen von der mit einem grob geschnitzten, durch den oftmaligen Gebrauch abgegriffenen Handgriff, armierter Holzplatte. Neben der, zum schmalen Fensterchen hin, der frisch gefüllt gehaltene Korb mit akkurat geschnittenem Zeitungspapier auf dessen Entnahme wartete. So wie es sich gehört, war das Fenster in den unteren zwei Dritteln mit einem weiß gehäkelten Vorhang abgedeckt. Erstaunlich, eine auffällige Geruchsbelästigung war kaum zu bemerken, nur leichter Karbolgeruch hing in der Luft.

 

Rechts, nach der Eingangstür, eine zweiflügelige dunkle Tür, tief eingelassen in die starke Mauer, die in die kleinere der zwei Wohnungen führte. Diese ward nun schon viele Jahre vom letzten Gehilfen des alten Mol bewohnt. Die Sedlaceks, ein grundehrlicher Mann in nun schon fortgeschrittenen Jahren und seine Marika, waren kinderlos geblieben. Sie haben sich durch die Jahre unentbehrlich gemacht. Marika, die er erst in späten Jahren geheiratet hatte, konnte ihre Abstammung aus dem Kronland Mähren, aus der Gegend um Brünn, nicht verleugnen. Die herzensgute Frauensperson war noch immer nicht so fließend mit dem Deutschen vertraut. Aber die Sedlacek´s kümmerten sich um alles, betreute, auch später noch, die alte Dame, die ›Herrschaft‹, wie sie immer noch von ihnen genannt wurde, auch als Mol schon verstorben war.

 

Die Dame des Hauses war die Frau des einstigen Oberförsters Mol, knapp nach dem ›Großen Krieg‹ verstorben, nach nur wenigen Jahren ist er dem geliebten Kaiser in die Ewigkeit nachgefolgt. Ein mächtiger Mann war er, mit grauem, bis auf die Brust reichenden Bart, unter dem ein ansehnlicher Bauch sich wölbte, sodass der schon weiß gewordene Bartrand auf diesem ruhen konnte.

Die Frau Oberförster Mol, wie sie allseits ehrfurchtsvoll tituliert wurde, war mit ihren zwei Töchtern, die ihr der so früh verstorbener Gatte, der Rudolf Anderl, hinterlassen hatte, in späten Jahren dem rauhen Charme des alten Försters erlegen. Nach dem Jahrhundertende hatte sie sich mit ihm verehelicht.

 

Aus einem Gehöft in Hintersdorf bei St.Andrä-Wördern, schon mehr in den Wienerwald hinauf gelegen, stammte die lebensfrohe Maria. Sie hatte den Wiener Fabrikanten Rudolf Anderl geheiratet, nachdem dieser dem Vater, dem Bauer Hameder, bei der Begleichung einer größeren Schuld unter die Arme gegriffen hatte.

Aus dieser Ehe rührten die zwei Töchter her. Wie ihre Mutter, frische, hübsche Gesichtchen und in das Leben verliebt, die Ältere, die Poldi, ist, viel zu früh als junge Frau an einem Herzleiden verstorben. Maria, die allseits nur ›Mizzi‹ gerufen Jüngere, erlag, noch so blutjung, 1906 der Ausstrahlung und dem Reiz eines Mannes, des Zahntechnikers Richard Schandalik. Worauf sehr bald, aber doch nicht zu früh nach der Hochzeit, gerade um das Gesicht wahren zu können, Fritz, strenger Friedrich, oder auch liebevoll Fritzerl genannt, 1907 das Licht der Fuchsthalergasse am Wiener Alsergrund erblickte.

 

Fritz konnte den Stiefgroßvater noch kennenlernen. Den Mol, dem er wohl, auf dessen Schoss sitzend, mit seinen kleinen Händchen in den langen Vollbart gegriffen und an diesem kräftig gezogen haben mag.

Mol war eine überaus geachtete Persönlichkeit! Er hatte das vorher im Besitz der kaiserlichen Jagd- und Forstgüter stehende Forsthaus, knapp vor der so späten Verehelichung, erwerben können. Vieles hatte er erlebt es gerne erzählt, aber seine Erlebnisse mit der Kaiserin Elisabeth wurden als die Vorzüglichsten betrachtet und daher ausführlich, voll Vergnügen, nacherzählt. Die schöne, junge Kaiserin habe auf ihren langen Spazierwegen und Reitausflügen in den Wienerwald auch das Revier vom Mol besucht. In Begleitung einer Hofdame und ihres Leibjägers hatte sie gerade auf die Führung durch Mol bestanden! Der Förster führte ›Sisi‹ zu den herrlichsten Aussichten zum Brentenmais, der Pfalzau und des Wolfsgrabens hin. Das zusammenklappbare Dreibein, mit einem erstklassigen Rindsledereinsatz als Sitzfläche, für alle Fälle, mitgetragen an einem über die Schulter geschlungenen dünnen Lederriemen, wurde auch mehrmals benützt, wenn Ihre kaiserliche Majestät zu ermüden schien. Nun liegt es, das Dreibein, etwas angestaubt oben auf einem Bücherkasten und träumt noch vom kaiserlichen Allerwertesten. Keinen anderen hätte es jemals seither mehr tragen müssen! Sagte man.

 

 

Förster Mol, Fritz auf d. Schaukel, Mama ›Mizzi‹ ganz rechts. Privat. Abb.2

 

Die Dame Mol bekam oft Besuch aus Wien. Die Tochter Maria, die ›Mizzi‹, und der Enkel Fritz waren im Sommer und an schönen Wochenenden des Öftern aus der Stadt herausgefahren. Am sich hinziehenden nördlichen Abhang, weit oberhalb des am Talgrund stehenden Forsthauses, war schon 1858 eine Bahnlinie gebaut worden. Die ›Kaiserin-Elisabeth-Bahn‹, die wichtigste Verbindung der kaiserlichen Residenzstadt gen Westen, hat hier eine Station. ›Dürrwien‹ nennt sich diese, damals und auch noch heute, knapp über dem Friedhof zu finden, benannt nach dem Bächlein da hinter Mol´s Forsthaus, der ›Dürren Wien‹. Im nahen Kaiserbründl, so sagt man, hoch oben am Pfalzberg, entspringt die Quelle des der Wienerstadt den Namen gebenden Flusses, zu dem es erst werden wird, nachdem es hier als Bächlein am Forsthaus vorübergezogen war. Von dieser Bahnstation war es nur ein kurzer Weg steilbergab zum Forsthaus.

 

Fast kann man es sehen, wie der kleine Fritzl den Weg hinunter zum Haus gelaufen war, an der Hand der Mutter zu gehen wird er doch nicht gewollt haben. Die Großmama wird so gute Speisen aufwarten, natürlich nur für ihn! Fritz ist immer ein Leckermäulchen geblieben, besonders Mehlspeisen haben es ihm angetan! Genau 30 Jahre später, 1944, hat er sich bei Mizzi, seiner überalles geliebten Mama, für die Süßigkeiten bedankt, die sie ihm, per Feldpost, auf den Balkan zukommen lassen wird!

 

 

Es ist Friedenszeit!

Seit seinem 7. Geburtstag Mitte Mai sind schon viele Tage vorbeigegangen, so weit gelang das Aufzählen schon, fast bis hundert kommt der Knabe! Im Herbst soll er in die Grundschule gehen, im 19. Bezirk, in Grinzing, die er dann in Gersthof bei den Marienbrüdern beenden wird, näher zu Mutter`s Wohnung in der Währingerstraße.

 

In wenigen Augenblicken wird er beim alten Opa sein, der ihn, auf der Veranda sitzend, im gepolsterten Stuhl, erwarten wird. Oder doch hinten beim Schuppen, unter dem Vordach, dort wo der einfache, mit dem knapp bemessenen, blütenweißen Tuch belegte Holztisch steht, auf dem zu allen Zeiten die Zeitung aufgeschlagen lag? Er wird ihn schon finden, dessen ist er sicher! Die Mizzi, die Mama, zierlich, mit vielen Löckchen unter ihrem breitrandigen, beigen Sommerhut, ein etwas stupsiges Näschen, muntere Augen, ein kleiner Mund, der so schnell sprechen konnte! Viel zu rasch kamen die Worte. Nicht immer verstand er alles, musste es auch nicht. Die Mama liebt er, Zeit seines Lebens, aber muss er auf sie auch immer hören, ihr zuhören? An so einem Tag?

 

Hinter der Mama mühte sich der Sedlacek ab. Auf dem mitleiderregend quietschenden Holzkarren aufgetürmt, schleppte er die zwei schweren großen Koffer der jungen Frau. Der Weg von der Bahnstation hinunter zum Forsthaus war holprig, schmal, keine Straße, grad ein Wegerl, für ihn fast zu steil bergab führend.

Die Omama, wie sie korrekt genannt werden wollte, wartete schon auf ihn! Auf Fritzel! Marika, die Sedlacek´, musste ihr noch die Haare kämmen und bürsten, sie tat dies gerne, sie mochte die Frau Oberförster, dann es eng an den Kopf angelegt mit unzähligen Spangen befestigt. Eine herzensgute, freundlich lächelnde Dame, die Mol, die Omama, immer rührig, um die Hüften etwas stärker, was zu ihrem Gesamtbild aber sehr passte.

 

Bis zum Schulbeginn wollen Mutter und Sohn bei den Großeltern bleiben. Und der September ist noch so weit, viele heiße Tage liegen vor Fritz. Der Bach hinter dem Schuppen muss erforscht werden, vielleicht kann er einige Krebse fangen, die sich verstecken wollen, wenn er bloßfüßig im Bach aufwärts watet, den kleinen Korb am linken Arm tragend. Im Vorjahr waren da Prachtexemplare gewesen, die, als Oma sie in den Kochtopf mit siedenden Wasser getaucht hatte, so schön rot geworden waren. Fast erschreckt hatte er sich, aber gut waren sie doch. Stolz war er gewesen, wie der Mol-Opa ihn mit strahlenden Augen gelobt hatte.

Mit Sedlacek, manchmal vielleicht auch mit der Mama, den an die weite Wiese angrenzenden, nur leicht ansteigenden Wald durchwandern, oder gar dem Bach folgend bis zum Kaiserbründl, durch den dichten Wienerwald? Er kannte den Wienfluss schon, der, nachdem er den prächtigen Wiener Stadtpark durchströmten hatte, zuerst in den Donaukanal, der die Leopoldstadt und den Prater zur großen Insel macht, und damit auch in die Donau mündet. Ein größerer Bach, ein kleiner Fluss, der hier entspringe? In diesem kümmerlichen Brunnen?

 

Wie jedem Kind sind auch ihm die Tage oft zu kurz. Ein warmer Regentag mit dem Mol-Opapa auf der Veranda, den Geschichten von früher zuhören, oder der Omama, wenn sie vorliest. All das lieben Buben. Ruhig schaukeln, den Erwachsenen zuhören, ein paar Blätter Papier, ein Stift, ›gar nicht so ungeschickt, was der Bub da zeichnet‹, meinte die Omama, ›könnte Talent haben.‹ Ein wenig stolz war die Mama schon, auf ›ihren Buben‹!

Kein Radio, kein Telefon störte sie. Solch neumodisches Zeug wollte der alte Mol nicht im Haus, wenn wer was will, soll er doch herkommen! Er möchte den sehen, mit dem er redet, in der guten Stube, oder auf der Veranda! Oder beim Schuppen.

 

Bis, ja bis plötzlich die Glocken des Sonntagnachmittags wie wild erklangen, in voller Lautstärke ertönten diese herauf vom Ort, konnten schier nicht aufhören. Der Sedlacek musste ausgeschickt werden, zu erfragen, was das zu bedeuten hätte?

 

 

Abb.3

Entsetzt, atemlos kam er zurück, »Den Erzherzog Franz Ferdinand haben`s erschossen, Herr Oberförster, unten in Sarajewo, bei den Bosniaken! Die Serben waren es!«

 

Jetzt ist der Mol stad geworden. Entgeistert sitzt er unter dem vor der Sonne schützenden Dach, dem Holzstadel angebaut, greift mit der Rechten an seinen wallenden Vollbart, die unvermeidliche langstielige Jägerpfeife mit dem prachtvoll verzierten Pfeifenkopf in der linken Hand haltend.

»Setzt dich her, Sedlacek, magst ein Zigarrl? Da, nimm sie aus der Schachtel.«

Noch nie hat der das Angebot seines Gönners Mol abgelehnt. Als er wieder zu Atem gekommen war, die Virginia endlich glomm, muss er alles genau verzählen, was im Dorf gesprochen wird.

»Was macht´ er auch den dummen Ausflug nach Bosnien! Wär doch g´scheiter gewesen in Kroatien bei seinen Freunden zu bleiben«, poltert Mol, und die drohende Zukunft vorhersehend fügt er an: »Das ist das End, Sedlacek, jetzt ist’s aus, das wird unser Kaiser nicht überstehen! Zuerst den Rudolf, dann die Frau! Und nun den Thronfolger!«

Der 28.Juni 1914, ein schöner Sommersonntag, neigte sich dem Ende zu.

 

Mol las immer die Zeitung. Er, der alte Herr, ist ganz und gar informiert. Und wie viele im Habsburgerreich, den alten Kaiser eingeschlossen, war er kein Apologet des tuberkulösen Erzherzogs Franz Ferdinand, der einstmals Kaiser werden sollte.

Fritz wird das alles noch nicht verstanden haben. So vage erinnert er sich, dass er mit der Mama vor Ostern den Kaiser in der Kutsche am Ring vorbeifahren gesehen hatte. Auch so ein alter Mann halt, wie Großvater Mol. Nur der Bart war anders, der schlohweiße Kaiserbart hatte ihn schon recht beeindruckt! Den hatte er nicht so schnell vergessen.

Der nächste Tag hatte bei Fritz, auch bei seiner Familie, den Alltag einkehren lassen. Er wird über die Wiesen gelaufen sein, vielleicht eine Blindschleiche gefangen haben, nachmittags, wenn es schon etwas kühler geworden ist, wird er mit Sedlacek in den Wald hinauf wandern wollen.

 

Ein paar hundert Meter, auf der anderen Seite der Straße, wohnten in einem bescheidenen Häuschen die Trauners. Die zwar nur, wie Fritzchen betonte, nur eine Tochter hatten, grad einige Monate älter, aber so furchtbar gescheit war, wie er für sich schon geklärt hatte! Auch die Karoline, er nennt sie Karo, wird im Herbst mit dem Schulgehen anfangen. Hier, in Pressbaum. Vater Trauner arbeitet im Holz, wie Opa Mol sagt, im Sägewerk.

»Fritzl, Fritzl«, rief sie heute nach dem Mittagessen, als sie in den Hof bei Mols hereinstürmte, »laufen wir ins Dorf runter, die Leut sind so aufgeregt. Weiß nicht warum, möchts aber schon gerne wissen!«

Mama gibt ihnen ein paar Münzen für Süßigkeiten mit, und die beiden waren schon weg. Ungestüm laufen sie hinunter ins Dorf, sind ja bloß ein paar Hundert Meter. Am Kirchenplatz stehen die Menschen und reden durcheinander. Die meisten hatten es ja erst heute gehört, von dem Unglück da irgendwo unten am Balkan, manche haben eine Zeitung in der Hand und gestikulieren damit wild herum.

So wichtig tun doch die Leut! Wie beklommen ist das, was sie reden. Die beiden Kinder haben schon verstanden, etwas Furchtbares sei geschehen! Sie sehen es an den ernsten Mienen der Männer.

»Was ist das, ein Attentat«, wollte Karo wissen. Fritz sagte, was er vom Opa Mol gehört hatte, »einen Erzherzog und seine Frau haben`s erschossen, die Serben sollen es gewesen sein!«

 

Vor Mol liegt am Tisch die Zeitung: Groß aufgemacht berichtete das Illustrierte Wiener Extrablatt:

»Die Ermordung des Thronfolgerpaares.«

Aufmerksam liest Mol, keine Zeile des ›Extrablattes‹ wird ausgelassen. Bedrückt brummelt er vor sich hin, »Hab es mir ja gedacht, nicht einmal dazu ist der Mann fähig! Und der hätt meinem Kaiser, meinem!, nachfolgen sollen! Dass sie, die Gräfin auch erschossen wurde, das ist tragisch! Die Kinder tun mir leid!«

Seine Frau nickt, »Was wird jetzt aus denen werden?«

 

 

Karl Kraus pointierte es so:

Zu den Erkenntnissen, welche die Ereignisse vergebens dem Gebrauch empfehlen, gehört die vom Unwert der politischen Werte, da doch ein ungewaschener Intelligenzbub um acht Uhr früh schon wissen kann, dass er mittags einen Staat auf den Kopf stellen wird, und da es ihm mit geringeren Umständen als einem Napoleon gelingen könnte, die Landkarte Europas zu verändern. Hinter solcher Möglichkeit scheint eine tiefere Gefahr verborgen, als serbische Nationalwut. Wie sollten Machthaber verhindern können, daß Schulbuben sie absetzen, da die Schulbuben doch zuvor die absetzen können? [...] Franz Ferdinands Wesen war, alles in allem, den Triebkräften österreichischer Verwesung, dem Gemütlichen und dem Jüdischen, unfaßbar und unbequem.[...] Nichts hatte er von jener »gewinnenden« Art, die ein Volk von Zuschauern über die Verluste beruhigt. Auf jene unerforschte Gegend, die der Wiener sein Herz nennt, hatte er es nicht abgesehen. Ein ungestümer Bote aus Altösterreich wollte er eine kranke Zeit wecken, daß sie nicht ihren Tod verschlafe. Nun verschläft sie den seinen.‹2

 

 

 

 

 

 

…..

 

 

 

 

Hochzeit 1906: Mizzi und Richard. Privat. Abb.4

Auch wenn sie nicht mehr zusammenleben, der Richard ist der einzige Mann in Maria`s, Mizzis Leben. Und wird es auch immer bleiben. Ein Mann mit der Zeit entsprechendem Schnauzer, wohl situiert, mit beiden Beinen im Leben stehend. Und bei Kriegsbeginn 37 Jahre. Er kann es sich ›richten‹, wie schon Karl Kraus es in seinen ›Letzten Tagen der Menschheit‹ aussprach. Er muss nicht ins Feld. Die Praxis, die neben der Anstellung als erster Zahntechniker an der Poliklinik, dann als Dentist, sehr gut geht, ist in der Alserbachstrasse Nr.11.

 

 

Brief Richards an seine Mizzi Abb. 5

Richard war ein attraktiver Mann. Ein Mannsbild, der das Leben liebte, dem Genuss zugetan. Sein Großvater Thomas war in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus der Gegend um Brünn in die Kaiserstadt gezogen. Der Vater, Franz, schon ein echter Wiener Kaufmann, konnte den drei Söhnen eine gute Ausbildung zukommen lassen. Den 1877

 

 

 

geborenen mittleren Sohn brachte er bei einem Zahntechniker unter, was eine weise Entscheidung gewesen war. Richard liebte diesen Beruf und konnte durch Weiterbildung eine geachtete Position erreichen.

 

 

Richard mag ein kunstsinniger Mann gewesen sein, das ›herzigliebes Mizzerl‹ hat er 4 Monate vor der Hochzeit zu Max Dreyers Schauspiel »Der Probekanditat« geführt, »Ich hoffe von dir lieb Mizzi, dass du die Titelrolle dieser Aufführung nicht auf mich allein beziehen wirst«, korrespondiert er mit ihr. »Wenn es deine Zeit erlaubt,« schreibt der 29-jährige Richard seiner gerade mal 18-jährigen Braut Maria Josefa Anderl, »dann bitte ich dich, mein liebes Pimgi, mich um 7h bei der Klinik zu erwarten, bist du nicht dort dann treffen wir sich im Theater, Beginn ist ½ 8h.«

 

Aber Richard kann es nicht lassen, wobei sein Sohn ihm einmal kaum nachstehen wird. Die Hochzeit ist vorbei, die blutjunge Ehefrau kommt mit dem herzigen Bübchen Fritzl nieder, was den Richard kaum motiviert, den lockeren Lebenswandel einzuschränken. Das kann nicht lange gut gehen, Frau Mizzi verlässt ihn. Bald!

 

 

 

 

Vater und Sohn hatten immer eine problemlose Beziehung, die wichtige Vaterfigur blieb erhalten. Die Ähnlichkeit, im Wesen aber auch im Aussehen, ist bemerkenswert.

 

 

Fritz als Gymnasiast Abb.6

Der kleine Friedrich war, 1919 nach Ende des Krieges, 12-jährig nach Holland verschickt worden, wie so viele andere Wiener Kinder auch. Einer der Organisatoren dieser Fahrten nach Holland war Sales Oblaten-Pater Johann Egger. Viel später ein angesehener Pfarrer zu Wien-Neufünfhaus.

 

Über ihn sind viele Kinder nach dem reichen, vom ›Großen Krieg‹ verschonten Holland verbracht worden. Es ist anzunehmen, dass der Pater, damals seine theologischen Studien im Kaasgraben, zwischen Grinzing und Sievering am Rande des Wienerwaldes gelegen, betreibend, mit den Mol’s oder Fritzis Mama in Kontakt gekommen war. Oder hatte er, der Pater, einmal Zahnschmerzen gehabt?

 

In Helmond, in der Nähe der holländischen Industriestadt Eindhoven, fand er Aufnahme bei einem gut situierten, aber kinderlosen Paar. Dieses Hollandjahr hat Friedrich sehr gut getan, er blühte nach dem schrecklichen Krieg auf und hat den Grundstein für die Liebe zu Holland gelegt. Der Kontakt zur ›Holländer-Mama‹, sie selbst bezeichnete sich immer als ›Mama II‹, ist bis zu ihrem Tode in den späten 60er Jahren intensiv geblieben, auch war die Beziehung zu dem schönen Land nie abgerissen. Reisen, Friedrich war nie ein Liebhaber weiter Fahrten, führten trotzdem nach Helmond. Einen guten, lebenslangen Freund, den Jan Eijmberts, hatte er dort gewonnen, der auch aufgesucht werden wollte.

In Währing absolvierte er das Gymnasium, mit der durch das Hollandjahr bedingten Verspätung, hier wohnte er mit der Mama nach der Trennung vom Vater.

Friedrich war kein sehr guter Schüler, aber es gab nie größere Probleme, die schriftliche Maturaarbeit legte er in Altgriechisch ab: ›Das Wesen der Satire in den Göttergesprächen bei Lukian‹. Die Prüfung ging am 5.7.1927 erfolgreich über die Bühne, er war nun 20.

 

Seine Studienjahre an der Wiener Universität hat er intensiv genossen. Nicht dass er sich beeilt hätte, das Medizinstudium rasch durchzuziehen. Ein Ausspruch, den er dem eigenen Sohn als Leitspruch mitgeben wird: ›Nie mehr wird es dir so gut gehen wie in der Studentenzeit! Genieße diese Zeit!‹

 

 

Prolog 2

 

 

 

Das Haus in der Hirschengassen, im 6., ist ein typisches Vorstadthaus mit Mezzanin, ersten, zweiten Stock, kein spektakuläres Palais, eben nur ein gewöhnliches, über die Ecke in die Gumpendorferstraße reichendes Haus. Im ersten Stockwerk zählt man 7 Fenster, die dann um die Ecke von drei zusätzlichen ergänzt werden. Es wird wohl kaum sinnvoll sein, dies ausführlich zu schildern, es war einfach ein normales Gebäude, unaufdringlich, nichtssagend, ohne Prunk und Protz. Wer in dem etwas erhöhten Mezzanin lebte, ist nie erforscht worden, den Bewohnern der Beletage, dem ersten Stock, ist es höchst selten zu Bewusstsein gekommen, wer dort zu Hause war. Man grüßte sich, freilich, dass war schon alles. Nicht dass diese Familie so hochmütig war, aber schon damals waren engere Kontakte im Haus kaum üblich. So wie auch jetzt, man wohnt nebeneinander, nicht miteinander.

Auch mit den im zweiten Stock wohnenden zwei Familien wurde kein direkter Umgang gepflegt. Die Guttmanns bewohnten das gesamte erste Stockwerk, zurückgezogen auf sich und die Familie, die ihm, dem Dr. Otto Guttmann, alles bedeutete. Guttmann war als Baufachmann zu Wohlstand gekommen, das Technikstudium hatte sich gelohnt. Und ihm auch einen respektablen Titel, den ›Oberbaurat‹, eingebracht. Otto Guttmann erlangte ein zweites Doktorat, schon als Beamter der Wiener Stadtverwaltung studierte er noch Jurisprudenz. Mit Gattin Friederike baute er sich ein Leben auf, ohne finanzielle Sorgen, aber nach gesellschaftlicher Anerkennung heischend. Als Jude in Wien musste man entweder sehr, sehr reich, anerkannter Wissenschaftler, Arzt oder gar Künstler, sein. Im ›glücklichen‹ Fin de Siècle erschien es ihm wichtig, ein echter Wiener, ein Christ zu werden. Er trat am 1.9.19023,4 aus der israelitischen Kultusgemeinde aus und konvertierte zum christlichen Glauben. Wenn man den Unterlagen folgt, ist er am 6.9.1902 getauft worden, in Triest! Fünf Tage nach der Abkehr vom Glauben des Vaters, dem Glauben seiner Geschwister. Ein Karrierist? Friederike, die spätere Gattin verlies dann am 18.4.19075,6, also knapp vor der Verehelichung, die Kultusgemeinde. Noch unter ihrem Mädchennamen ,Kraus’ lies auch sie den Glauben ihrer Vorfahren hinter sich. Aber erst 1908 erfolgte die Taufe. Ob aus eigenem Antrieb? War Otto so bestimmend? Und warum nicht die ›Staatsreligion Katholizismus? Da muss angeführt werden, dass für den Übertritt zum Katholizismus eine doch zeitraubende ›Glaubensschulung‹ vorgenommen werden musste. Die evangelische Kirche verlangte dies nicht.

Wie so viele andere Wiener Juden betraten sie diesen schmerzhaften Weg. Den Glauben der Väter aufzugeben, war mit Sicherheit nicht leicht, auch wenn man nie strenggläubig gewesen war und die Besuche der Synagoge nur mehr selten stattgefunden hatten. Der Bruder, die Schwestern, ja die Eltern, gingen diesen Schritt nicht mit, keiner war bereit, Israel den Rücken zu kehren. War er dadurch ausgestoßen worden? War Friederike ausgestoßen worden? Aus ihrer Familie? Was hat ihn dazu gebracht? Was hat ihn dazu bewegt, der Jude war doch, zumindest dem Gesetze nach, gleichgestellt! Wir wissen nicht, was ihn, den Herrn Dr. Otto Guttmann und seine Frau Friederike, im Speziellen bewogen hatte, zu konvertieren. So soll die Situation etwas näher betrachtet werden, die sich damals, also auch für sie Beide, gestellt hatte.

Den Juden war in Zentraleuropa, besonders auch den deutschen Ländern und der Donaumonarchie, ein ›Quid pro quo‹ vorgeschlagen worden: Die Juden sollen assimiliert und sich damit ›moralisch verbessern‹, dafür würden sie von den bedrückenden Sondergesetzen befreit. Die interkonfessionellen Gesetze 1868 reglementierten in Österreich-Ungarn das Prozedere zum Austritt aus einer Religionsgemeinschaft. Mit diesen Gesetzen, durch das am 21.12.1867 beschlossene Staatsgrundgesetz7 vorbereitet, war der Prozess der Gleichsetzung abgeschlossen. Das Resultat war aber nicht die völlige, radikale Integration, sondern eine neue jüdische Identität, zwar akkulturiert, aber doch eine besondere Art deutscher Kultur: eine jüdische Subkultur mit eigenen Werten und Weltanschauungen. Das Ideal war Bildung, die zwar eine äußere deutsche Form hatte, jedoch jüdischen Inhaltes, mit jüdischen Voraussetzungen.

Die integrations-, emanzipationsorientierten Juden, die aus dem Osten, meist aus Galizien, Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts nach Wien, nach Budapest, kamen, trugen oft bereits dieses »aufklärerische«, deutschliberale Bildungsideal in sich. Doch nun traf dies auf die althergebrachte Kultur des konservativen, katholischen, ja gegenreformatorischen Barocks der Haupt-und Residenzstadt, sowohl der am Hof, aber auch der Volkskultur. Wobei Budapest, ja Ungarn, der Residenzstadt kaum nachstand, nur verteilten sich die Einwanderer mehr über das ganze Land.

Der daraus resultierende ›culture-clash‹ im Wien des Fin de Siècle hatte schwere Konsequenzen: Die jüdischen Einwanderer erlangten mit ihrer Bildungsbetonung rasch eine leistungsstarke Präsenz in der Bildungswelt, in den Schulen, den Universitäten. Sie wurden ein gewichtiger Teil, ja der Kern des liberalen Bildungsbürgertum Wiens um 1900.

Der gleichzeitig sich einstellende wirtschaftliche, auch der kulturelle Erfolg musste ja zu einer Anheizung des besonders von christlich – sozialer Seite geschürten Antisemitismus führen.

Aus der komplizierten Dialektik der jüdischen Integration und ihrer Wechselwirkung auf das Wiener Umfeld ist ein fruchtbarer Beitrag zur modernen Weltkultur entstanden. Juden haben nicht nur viel zur Kultur der Moderne beigetragen, sondern die Identität Wiens und Österreichs mitgestaltet. Man darf nicht vergessen, viele nichtjüdischen Wiener und Österreicher liesen sich von ihren jüdischen Kollegen, Nachbarn, auch Rivalen inspirieren: Die Dialektik der jüdischen Emanzipation und Integration hatte eine starke Wirkung auf nichtjüdischen Mitbürger. Dies ging von der Hochkultur eines Gustav Mahler bis zur Populärkultur, der Welt der Unterhaltungskultur bis ins ›Showbusiness‹. Man braucht nur an Hermann Leopoldi denken.

Trotzdem haben nur einige wenige nichtjüdische Wiener, Österreicher, ihre jüdischen Mitbürger als ›echte‹ bodenständige Österreicher angesehen. Dies und der begleitende Antisemitismus hatte vielschichtige Gründe: Die Dynamik der ›negativen Integration‹ führte zur Identifikation derer, die nicht dazu gehören, das einfachst erreichbare Feindbild war, historisch gesehen, in der damaligen Zeit, der Jude. Weiters wurde die von prominenten Vertretern geäußerte Kritik an althergebrachten Gegebenheiten als Bedrohung angesehen, ihr Anderssein war schon eine Herausforderung an sich8.

 

In diesem kulturellen Umfeld bewegte sich Herr Guttmann. Er gehörte eindeutig dem jüdischen Bildungsbürgertum an. Und er wollte eine komplette Integration, eine Assimilation, ein Aufgehen im Bürgertum, erreichen. Wie viele der jüdischen Mitbürger glaubte er an Kaiser Franz Josef, war Monarchist, zumindest dem Kaisertum Österreich-Ungarn ergeben, wenn er auch auf Reformen im Staat hoffte, später, nach dem Weltkrieg, auch Legitimist, aber nie der Sozialdemokratie zugewandt. Er wollte, er musste sich abgrenzen von den aus dem Osten nachdrängenden, meist ärmlichen, oftmals ungebildeten und meist strenggläubigen Juden. So entstand eine ganz spezielle Spielart des Antisemitismus, der von assimilierten, schon ›bodenständigen‹ Juden gegen die in den letzten Jahren der k.k. Monarchie, in der Kriegszeit, und noch danach aus Galizien, aus Russland geflohenen, vertriebenen Glaubensbrüdern sich richtete. Ganz konnte diese Abgrenzung wohl nicht gelingen, wie schon erklärt versucht wurde, aber ein bedeutender Schritt war die Konvertierung zum christlichen Glauben. So wuchsen die beiden Kinder, Berta, geboren 1908, und Karl, geboren 1919, als evangelische Christen AB auf. Trotzdem blieben die Kinder ethnisch Juden. Die Seele lässt sich nicht umformen! Nicht so schnell.

 

Otto Guttmann war aber kein politisierender Mensch, sein Weltbild entsprach einem Liberalismus, aber, wie erwähnt, kaisertreu.

Er war nie mit der Arbeiterklasse vertraut geworden. In der sozialdemokratischen Bewegung, in der sich so prominente Jüdischstämmige bewegten, sah er für sich und seine Familie keine Zukunft. Er wird es damals sicher nicht gewusst haben, im privaten Briefverkehr von Karl Marx und Friedrich Engels hatte Ersterer den konkurrierenden Arbeiterführer Ferdinand Lassalle als »dieser jüdische Nigger« bezeichnet. Eine Äußerung, die in puncto Rassismus kaum mehr zu überbieten sein wird! Klassenkampf, nein das wollte er nicht, ein Anschluss an eine linke politische Gruppierung kam für ihn also nicht in Frage. Und das christlich- soziale Lager war extrem antisemitisch eingestellt. Er war ein Bürger Wiens und wollte in Frieden als solcher leben. Es ist schwierig, einen von Grund auf ehrlichen Menschen, der zwar Reformen im Staat als wichtig einschätzte, aber diese nicht negativ am eigenen Leibe spüren wollte, zu schubladisieren. Und Zionist war er schon gar nicht! National-jüdische Sentiments und den Traum vom Land der Väter fühlte er nicht in sich.

 

Ottos Eltern, Vater Leopold, Fabrikant, und die Mutter Anna, geborene Ehrenstein, hatten eine Großfamilie geschaffen, mosaisch, aber nicht streng gläubig. Leopold und Anna waren aus Ungarn in die Reichshauptstadt gezogen, er, Otto, war das zweitälteste von 6 Kindern, Ida war ihm nur ein Jahr voraus. Drei Schwestern (Grete, Elsa, Gisela) und dann Bruder Bruno folgten. Er, Otto, als erster Sohn wurde an die Universität geschickt, sollte studieren, wiederum dem Bildungsideal folgend.

Bruder Bruno, 6 Jahre jünger, war Beamter im Wiener Magistrat. Er und seine Frau Olga, eine Arzttochter, in der Porzellangasse im 9. Wiener Bezirk sesshaft, werden zu Opfern der Schoah und 1942 für ›ums Leben gekommen‹ erklärt. Ihre letzte Lebens- und Leidensstation war Izbica, Krasnystaw, Lublin,Polen.

In Izbica werden 1921 etwa 3.000 Einwohner gezählt, die bis zum Jahr 1939, dem Beginn der deutschen Besatzung auf 6.000 zunahmen. Mit einem Anteil von über 90 Prozent an der Gesamtbevölkerung waren die örtlichen Juden prägend für das ›Schtetl Izbica‹, das als Durchgangslager (›Ghetto Izbica‹) bei Judendeportationen von Łódź nach Bełżec, Sobibór und Treblinka diente. Auch etwa 8.000 deutsche Juden aus Franken, Aachen, Koblenz, Frankfurt am Main, Wiesbaden, Düsseldorf, Essen, Duisburg und dem Rheinland sowie aus Wien waren 1942 in dieses Ghetto deportiert worden. Hinzu kamen 2.600 tschechische Juden aus Theresienstadt und etwa 2.000 slowakische Juden.

Nur wenige dieser Deportierten konnten im Ghetto, das durch einen Holzzaun abgetrennt war, Werkstätten einrichten. Die meisten blieben ohne feste Arbeit. 400 junge Männer wurden im nahe gelegenen Arbeitslager Augustówka bei der Flussregulierung eingesetzt. Wer nicht durch Erwerbsarbeit, durch Tauschhandel von mitgebrachter Kleidung oder Lebensmittelpakete aus dem Reich – dies war bis zum 15. Mai 1942 erlaubt – selbst für seine Ernährung sorgen konnte, war auf die Suppe der Volksküche angewiesen.

Die Berichte der überlebenden polnischen und deutschen Ghettobewohner zeigen: Das gemeinsame Verfolgungsschicksal der polnischen und deutschen Juden trug nicht zu einer Solidarisierung bei, sondern verstärkte Vorurteile, Misstrauen und Neid untereinander.

Das Auftreten der deutschen Juden wurde oft als diskriminierend, arrogant und anmaßend empfunden. Die deutschsprachigen Juden im Judenrat und in der jüdischen Polizei wurden verdächtigt, vorrangig polnische Juden auf die Deportationslisten in die Vernichtungslager zu setzen. Die vergleichsweise wohlhabenden deutschen Juden trafen auf vielköpfige orthodoxe ostjüdische Familien, die in ärmlichen Verhältnissen ohne fließend Wasser, Elektrizität und Toiletten wohnten.

 

 

Einige der Familienmitglieder Guttmann waren k.k.Offiziere, die überwiegende Zahl außerhalb der Leopoldstadt heimisch, in traditionellen bürgerlichen Bezirken. Ein Schwager war konfessionslos, alle anderen blieben ihrem mosaischen Bekenntnis treu.9

 

In der Zeit der Monarchie war Otto als Ingenieur der ›Donau Regulierungs-Kommission, Baukanzlei II nächst der Stefaniebrücke‹ tätig. In dieser Funktion hatte 1906 Otto an einem Kongress in Mailand teilgenommen, der sich mit dem Betrieb und Ausbau der Inlandsgewässer beschäftigte.

Doch warum ist er gerade in Triest zum Christentum übergetreten? 5 Tage, nachdem er 1902 aus der Wiener Kultusgemeinde ausgetreten war? Hat dies mit dem Umstand zu tun, dass Otto den Bau der ›Parenzaner Bahn‹ als junger Ingenieur betreut hatte, die Schmalspurbahnlinie, die innerhalb nur zweier Jahre zwischen Triest und Porec erbaut worden war? 122 Kilometer lang musste sie durch das bergige Istrien beträchtliche Steigungen überwinden und über so manche Viadukte und durch Tunnels geführt werden. Ein Eldorado für einen strebsamen Ingenieur! Was war in Triest geschehen? Eine christliche Erleuchtung? Wohl kaum. Zu so einem gravierenden Schritt entschließt man sich nicht leichtfertig! War er von den Vorgesetzten bei den k. k. Staatsbahnen dazu gedrängt worden? Wie so viele Juden? Otto war groß, blond, hatte blaue Augen! Man würde ihn kaum als judenstämmig identifizieren! Im Tagebuch seines Sohnes Karl wird dies explizit geäußert! Oder war es doch eine Beziehung zu einer Frau, damals in Triest. Einer hübschen Christin? Aber eine bloße ›Zufälligkeit‹ der Zeit und des Ortes wäre doch mehr als verwunderlich. Innerhalb weniger Tage aus der einen, der jüdischen Glaubensgemeinschaft, der Kultusgemeinde, auszutreten und nach 5 Tagen sich taufen zu lassen, in Triest, gerade nach Fertigstellung der Bahnlinie? Erstaunlich! Karl, der Sohn, meinte, dass doch der Druck von ›oben‹ ausschlaggebend gewesen war. Ein Geheimnis, das nicht mehr gelöst werden kann.

 

 

Otto war eine prägende Persönlichkeit, er war der Typ Mensch, der zu Hause ein eignes Reich aufbaute und dieses sehr gut versorgen konnte. Für die Kinder wollte er die optimalsten Bedingungen für derer Leben erreichen. Auch wenn oft die Zeit für die Familie nicht reichte, er war für sie da. Nachdem der junge, hochintelligente Mann mit 24 Jahren das Technikstudium mit dem Doktortitel beenden konnte, außerdem promovierter Jurist geworden war, hatte er sich mit 29 mit der um 8 Jahre jüngeren Friederike Kraus verehelicht. Als die Tochter Berta im Oktober 1908 zur Welt kam, war sein größter Wunsch in Erfüllung gegangen. Und diese liebte er aus vollsten Herzen. Wenngleich, später, als sie an der Schwelle zur Frau stand, sich plötzlich dies änderte.

 

Friederike war aus bestem Hause, aus reichem Hause, Vater Josef Kraus war angesehener Kaufmann und Lederwarenfabrikant in Wien, zuständig nach Biala in Mähren, schon dessen Vater Salomon war gut situierter Fleischer gewesen. Nach 2 Jahren Ehe war er schon verwitwet. 1883 trat er neuerlich in den Ehestand ein, nun schon 32-jährig heiratete er Bertha, deren Vater, Markus Pereles, als vermögender Privatier, so wie man dies bezeichnet hatte, in Prag lebte.

 

Bertas Mutter brachte Vermögen mit, dieses Startkapital legte Otto gut an. Es gelang ihm rasch, in der Beamtenhierarchie Wiens aufzusteigen. Der Krieg ging nicht an ihm vorbei, an diese Zeit erinnert er sich nur mit Grauen. 1908 kam Berta, dann ein Jahr nach Kriegsende kam der Sohn Karl zur Welt. Die Familie Guttmann war nun komplett, alles, was sich das Ehepaar vom Leben erwünscht hatte, war in Erfüllung gegangen.

 

Sie, Berta, die Tochter, besuchte ein Realgymnasium für Mädchen. Als sie 16 geworden war, nahm ihr Vater sie aus dem Gymnasium. Und steckte sie zu einer Modistin in die Lehre! Was war in ihn gefahren? In Otto? Sohn Karl schildert dies in dem Tagebuch so: Als er, Karl, zur Welt kam, habe das Interesse des Vaters an Berta abrupt abgenommen! Es war ja nun der Stammhalter da! Und Mädchen, die waren in seinen Augen sowieso 2.-rangig! Die sollen heiraten. Aus. Punktum! War dies nicht doch der jüdischen Seele geschuldet?

In Berta ist eine Welt zusammengebrochen! Sie, die so an Kunst, an Kultur interessierte! Bei einer Modistin! Aber an Vaters Wille war nicht zu rütteln.10

 

Es waren Zeiten der politischen Unruhen, ein Ereignis war für sie einschneidend. Bertie war von Kunst fasziniert, besonders das Theater erfüllte sie mit Enthusiasmus. Ihre Neugier war gewachsen in den letzten Jahren, einen Weg, sich in diese Richtung zu entwickeln, sah sie für sich aber nicht. Sie war interessiert, ja begeistert, aber selbst kreativ zu werden? Das konnte sie nicht in sich erkennen, diesen Weg einzuschlagen schloss sie kategorisch aus. Ihr reger Verstand, ihre Fähigkeit, Zusammenhänge schnell und treffend zu begreifen, zu artikulieren, dies sogar in Verbindung zu Kunst, zu Kultur zu bringen, figurierte ein mögliches Ziel. War sie zu träge, aktiv, ja innovativ zu werden? Fehlte ihr der Drang, etwas selbst zu schaffen, aufzubauen? Muss man davon ausgehen, dass Bertie schwermütig war? Nein, dies sicher nicht! Aber, man wird es später explizit sehen, ihr Seelenleben war sehr differenziert. Oder war sie einfach noch zu jung mit ihren 17, 18 Jahren? Zu jung? Wofür?

 

Oder hat die so belastende Veränderung, ihren Vater betreffend, sie abgestumpft?

 

Das Volkstheater war damals unter dem Direktor Rudolf Beer ein Hort der modernen Theaterkunst. Beer brachte Stücke der zeitgenössischen Autoren, verstand sich als Gegenbild zum Burgtheater, das eher der Aufführung der Klassiker sich verpflichtet fühlte. Er konnte viele der besten Schauspieler verpflichten, Hans Holt, Erik Frey, Alexander Moissi, Luise Ullrich und Paula Wessely, um nur einige zu nennen. Berta liebte dieses Theater, mehr als das Burgtheater, das so traditionell, so versnobt, wie sie meinte, war. Mitte Juli 1927 ging sie morgens los, ein freier Tag, schon deshalb ein seltenes Ereignis. Ein Vorprogramm für die kommende Spielsaison zu besorgen. Berta hatte immer schon lange Spaziergänge durch die Stadt unternommen, wiederum war sie zu Fuß unterwegs. Sie marschierte hinauf zur Mariahilferstrasse, überlegte noch, ob sie bei den Großeltern vorbeischauen sollte, entschied aber, doch dies erst am späteren Tag zu tun. Omi wird ja doch nicht zuhause sein, Mame, ihre Mame meinte, Omi wollte in die Stadt. Und ›in die Stadt‹ hat immer die Innenstadt, der 1.Bezirk, bedeutet. Da, neben dem Sacher, gäbe es ein Stoffgeschäft, Omi wollte etwas besorgen. Weiter bis zur Burggasse, dann runter zum Volkstheater wanderte sie, als sie in einen Aufruhr geriet, der nach dem sogenannten ›Schattendorfer‹ Urteil die noch junge Republik aufrüttelte. In einem Geschworenenprozess waren drei Mitglieder der deutsch-österreichischen Frontkämpfervereinigung freigesprochen worden, die bei einem Zusammenstoß mit Sozialdemokraten im burgenländischen Schattendorf ein 8-jähriges Kind und einen 50 Jahre alten kroatischen Hilfsarbeiter erschossen hatten. Der Strom für die Wiener Straßenbahnen war abgeschaltet worden, ein sich entwickelnder Proteststreik wurde vom Universitätshauptgebäude Richtung Rathaus und dann weiter zum Justizpalast hin durch die Polizei abgedrängt. Als Berta beim in unmittelbarer Nähe liegenden Volkstheater eintraf, war der Justizpalast schon in Brand gesetzt. Dann fielen die ersten Schüsse, zunächst in die Luft, sodann in die Menge, welche gegen die Vorstädte zurückzuweichen begann. Der Tag endete nach Polizeiangaben mit dem Tod von 89 Demonstranten, vier Sicherheitswachbeamten und einem Kriminalbeamten. 120 Polizisten erlitten schwere, 480 leichte Verletzungen, während bei den Zivilisten 548 verwundet worden sind.11 Es war der 15. Juli 1927, den Abtransport von Hunderten, meist Schwerstverletzten mitzuerleben, war ein einschneidendes Erlebnis für die junge Frau.

 

 

Fritzi Bauer, ihre beste Freundin aus der Schule, ein todschickes Wiener Mädel aus besserem Haus tat nichts, gar nichts, hatte keine Berufspläne, sie ›lebte‹, was ihr vorerst genügte. Die beiden Mädchen, junge Frauen, besuchten, unter schützender Begleitung durch Fritzis älteren Bruders Rudolf, so manche für alleinstehende Mädels verschlossene obskure Lokale, Tanzlokale. Fritzi war sehr rasch bei der Männerwelt eine begehrte Tanzpartnerin. Das hübsche Gesicht von dem mittellangen, blondierten und reich gewellten Haar umspielt, die elegante schlanke Figur in teurer Garderobe verursachte in kurzer Zeit Furore in der Männerwelt.

 

Berta war mehr zurückhaltend. Mit Rudolf aber tanzte sie gerne! Fritzi machte schon komische Augen, in ihr keimte der Gedanke auf, die beiden zu einem Paar zu verkuppeln. Aber weder Rudolfs noch Berties Vorstellungen gingen in diese Richtung, Freunde, ja eigentlich nur Bekannte, aber nicht mehr. Zusammen diese verrückten, neuen Tänze aufs Parkett zu legen, das gefiel ihnen, Berta war eine zarte, leicht zu führende Tänzerin, die sich auf Rudolf so traumhaft einstimmen konnte. Aber nur auf dem Tanzparkett! Das Engagement bei einer politischen Gruppierung, deren Ziel in Richtung eines faschistischen, autoritären Staates ging, war ihr widerwärtig. Rudolf war Mitglied der christlich – sozialen Heimwehr, die wie die in Wien noch kaum eine Rolle spielende nationalsozialistische Partei, der sogenannten ›Hitlerpartei‹, den Antisemitismus auf ihre Fahnen geschrieben hatte.

 

 

 

Ich rief den Teufel, und er kam,

Und ich sah ihn mit Verwundrung an.

Er ist nicht häßlich und ist nicht lahm,

Er ist ein lieber, scharmanter Mann,

Ein Mann in seinen besten Jahren,

Verbindlich und höflich und welterfahren.

 

Er sagte, meine Freundschaft sei

Ihm nicht zu teuer, und nickte dabei,

Und frug: ob wir uns früher nicht

Schon einmal gesehn beim span’schen Gesandten?

Und als ich recht besah sein Gesicht,

Fand ich in ihm einen alten Bekannten.

Heinrich Heine. (Gekürzt)

 

 

 

 


 

 

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