Fabienne Säuberlich / Lebendig / Leseprobe

Exposé

 


Lebendig

Eine fiktive Fantasy Abenteuergeschichte über  das psychologische Thema der „Inneren
Persönlichkeiten“.

Vier Menschen, eine Aufgabe, die Rettung ihrer Welt


Inhalt:
Alexandra ist eine großherzige aber naive Träumerin, die am liebsten in ihrer eigenen Welt lebt.
Aufgrund ihrer umgänglichen und friedfertigen Art, sind ihr Konflikte zu wieder.

Lucian ist ein emotionaler Mensch, der sowohl über ein großes Herz als auch über eine rasende
Wut verfügt, die er nur selten unter Kontrolle hat. Schmerzvolle Erfahrungen und Misstrauen
prägen ihn ebenso, wie sein Mut und seine Fürsorglichkeit.

Damian ist ein arroganter und machtgieriger Schönling, der ausschließlich seine eigenen Ziele
verfolgt. Seine Intelligenz und seine Zielstrebigkeit haben ihn schon weit gebracht, auf Rücksicht
oder Mitleid setzt er jedoch nicht, um seine Ziele zu erreichen.

Es sind zwei Ereignisse, die das Leben dieser vier Personen grundlegend ändern. Zunächst
begegnen sie einem ihnen bisher fremden Kind und wenig später erhält jeder von ihnen den Brief
eines Unbekannten. Dieser Brief enthält sehr persönliche Informationen über jeden von ihnen und
prophezeit ihnen große Gefahr. Um zu erfahren wie sie diese Gefahr abwenden können, sollen sie
zu einem Treffen erscheinen.
Ein Treffen bei dem sich die Wege der vier Protagonisten kreuzen und welches ihr Leben und ihre
Sicht der Welt ein für allemal verändern wird.

Alle drei finden sich zu dem Treffen in der mysteriösen „Unsichtbaren Straße“ ein. Dort treffen sie
auch das Kind wieder, ein kleines Mädchen namens Belle.
Eine mysteriöse Stimme erzählt ihnen, dass ihre Welt ein Lebewesen mit einem eigenen
Bewusstsein, Wünschen, Zielen und einem eigenen Willen ist.  Ein Lebewesen, das nichts von
ihrer Existenz weiß und das in großer Gefahr schwebt. Nur wenn sie alle zusammenarbeiten,
können sie diese Gefahr abwenden und ihre Welt retten.

Zunächst einmal beschließen sie ihre Gegenspielerin Melanie ausfindig zu machen, deren
schlechter Einfluss auf die Welt, Ursache für die drohende Gefahr ist. Doch sie unterschätzen
Melanies Kräfte und ihre Entschlossenheit und begeben sich bei einem Treffen mit ihr in große
Gefahr. Durch eine überstürzte Flucht gelingt es ihnen Melanie zu entkommen.

Während Lucian, Belle und Alexandra weitere Informationen sammeln wollen, verfolgt Damian
seine eigenen Pläne. Er beauftragt einen Killer um Melanie aus dem Weg zu räumen. Diese Aktion
geht jedoch nach hinten los, denn Melanie überlebt und entwickelt nun ihrerseits Mordgelüste. In
der darauffolgenden Begegnung mit Melanie finden sich die vier Protagonisten zunächst in einer
lebensbedrohlichen und scheinbar aussichtslosen Lage wieder. Doch als Melanie versucht einen
von ihnen zu töten, schreitet die Welt ein und schützt die Protagonisten, womit sich für sie das
Blatt wendet und Melanie eine herbe Niederlage einstecken muss.
Ihnen wird klar, dass sie Melanie nicht im Kampf besiegen können, sondern deren Einfluss auf die
Welt am besten schwächen können, indem sie ihren eigenen stärken.  Nur indem sie mit der Welt
in Kontakt treten, können sie auf diese einwirken und Melanies Einfluss verringern. Daher treffen
sie sich ein letztes Mal um eine gemeinsame Botschaft an die Welt zurichten, die hoffentlich erhört
wird.

Da die Charaktere dieser Geschichte innere Persönlichkeiten sind, wie sie in ähnlicher Form in
jedem Menschen existieren, ist ihr Ziel die Welt über ihre Existenz in Kenntnis zu setzen, nichts
anderes als ein Appell an den Leser seine eigenen inneren Persönlichkeiten zur Kenntnis zu
nehmen, um so die Einflüsse aus denen sich seine Persönlichkeit und sein Willen
zusammensetzen besser verstehen und lenken zu können, damit negative Einflüsse nicht die
Oberhand gewinnen können.

Daher endet die Geschichte mit einer Botschaft der Protagonisten an den Leser, an dem es
letztendlich liegt, deren Ausgang zu bestimmen. Durch die vorhergehende Begegnung mit Melanie
und die dort eintretende Wendung zugunsten der Protagonisten, wird allerdings ein Happy End
angedeutet und damit dem an sich offenen Ende eine Richtung gegeben.

 

 

Leseprobe

 

 

Prolog


 

Liebes Tagebuch,

ab heute wird sich alles verändern. Denn heute habe ich etwas herausgefunden, ein Geheimnis, das ich nur dir verrate. Unsere Welt ist ganz anders, als alle denken. Sie ist viel mehr als eine Kugel mit Wasser, Erde und Gestein. Ich weiß es, denn ich kann sie verstehen und sie versteht mich.

Keiner außer mir weiß etwas davon und ich werde es auch keinem erzählen. Denn ich möchte nicht, dass jemand davon weiß. Ich bin die Einzige, die mit der Welt sprechen kann und der die Welt zuhört. Das eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten.

Und ich habe auch schon einen Plan, wie ich dieses Geschenk nutzen kann. Mein ganzes Leben lang war ich eigentlich schon tot. Niemand konnte mich sehen oder hören. Ich war immer wie ein Geist, unbemerkt und ungeliebt. Mich hat keiner gesehen, aber ich konnte sie sehen. Ich sehe den Schmerz, das Leid und die Gewalt, die diese Welt regieren. All die Menschen, die selbst mehr tot sind als lebendig, gefangen in einem Teufelskreis aus Leid, dass sie zufügen und zugefügt bekommen.

Also dachte ich, warum nicht wirklich tot sein? Das wäre doch viel besser. Denn der Tod ist ein Freund. Die Erlösung von allem Schmerz und allem Leid. Ewige Ruhe.

Bis vor kurzem wollte ich nur mich selbst erlösen, doch nun habe ich die Möglichkeit die ganze Welt zu erlösen! Ich werde die Welt retten, indem ich sie zerstöre. Alles was ich dazu brauche, ist ein bisschen Zeit.


 

Kapitel 1 Im Nebel

Nebel. Wie ein Schleier schiebt er sich zwischen dich und die Welt, eine Barriere die man weder wirklich sehen, noch fühlen kann. Du erkennst den Nebel nicht durch das was du siehst, sondern viel mehr an dem, was du nicht mehr siehst. Das nächste Dorf, das du von deinem Fenster aus sehen konntest, ist auf einmal nicht mehr zu sehen. Der Mann mit dem Aktenkoffer, der gerade noch ein paar Meter vor dir ging, ist nun nur noch ein undeutlicher Schemen. Der Nebel schränkt deine Sicht ein. Und auf einmal bist da nur noch du. Weil du die anderen um dich herum nicht mehr sehen kannst. Dann sind die einzigen Dinge die noch existieren, du und der Nebel. Hinter dieser verschleierten Wand aus Nebel, in einer anderen Wirklichkeit, existieren all die Dinge, die du nicht sehen und nicht wissen kannst.

Der Nebel ist dicht, so dicht, dass sie nur wenige Meter um sich herumblicken kann. Wie ein riesiger Wattebausch dämpft der Nebel alle Geräusche und verschluckt alles um sie herum, so als sei es nie da gewesen. Darum mag sie den Nebel.

Aber es ist nicht nur ein nebliger, sondern auch ein kalter Abend. Obwohl es angesicht der Jahreszeit gar nicht auffällig kalt ist. Zwei Grad im Dezember sind nun wirklich nicht ungewöhnlich und ganz sicher kein Kälterekord, aber auch Kälte kann unterschiedlich empfunden werden. Was für den einen warm ist, kann für den anderen siskalt sein. Ihr kommt es heute Abend sehr kalt vor. Sie kann ihren Atem sehen, der ihr auch wie eine Art von Nebel erscheint.

Sie hebt die Hand, wie um ihn zu berühren. Aber natürlich ist das unmöglich. Sie kann ihren Atem genauso wenig berühren, wie den Nebel um sich herum. Ihre Hand gleitet einfach hindurch, ohne etwas zu spüren.

Es ist still um sie herum. Keine anderen Menschen in Sicht und Hörweite, nur ihre eigenen Schritte auf dem Asphalt und leise im Hintergrund, die Geräusche der Hauptstraße. Als sie sich darauf konzentriert, klingen diese gedämpft und unwirklich. Wie Erinnerungen an eine Welt außerhalb des Nebels.

Sie hört das Gurren einer Taube. Das Geräusch kommt von rechts oben. Sie blickt hinauf und entdeckt schließlich die Taube auf der Regenrinne des gegenüberliegenden Hauses. Die Taube legt den Kopf schief und schaut zu ihr herüber. Dann breitet sie die Flügel aus und begibt sich in den Sinkflug. Instinktiv legt Alex ihre Hände schützend über den Kopf, doch die Taube ist schon längst über ihren Kopf hinweg geflogen und vom Nebel verschluckt worden. Alex streicht sich über die blonden Wellen, die glücklicherweise nicht mit einem kleinen Geschenk, seitens der Taube, beehrt worden sind.

Alexandra hatte schon immer leicht lockige Haare. Was als Kind oft noch für eine allgemeine Sturmfrisur sorgte, über die Ihre Eltern nur den Kopf schütteln konnten, war inzwischen eine ansehnliche Naturwelle geworden, die ihre Haare vom Scheitel bis zu den Spitzen durchzieht. Und das ganz ohne Friseur. Bei dem sie bisher sowieso nicht gerade ein Stammgast ist. Sie ist mit ihren Haaren, so wie sie sind, eigentlich sehr zufrieden und geht nur in absoluten Notfällen zum Friseur. Alexandra ist niemand der großen Wert auf Äußerlichkeiten legt. Ihr eigenes Äußeres hält sie stets gepflegt, aber auch natürlich. Friseure, Nagelstudios, Visagisten und andere, auf körperliche Schönheit spezialisierten Einrichtungen, wären wahrscheinlich schon längst ausgestorben, wenn alle Menschen denken würden wie Alexandra.

Auch am Rest ihres Körpers hatte Sie schon immer wenig auszusetzen. Obwohl Ihre Eltern immer der Meinung sind, sie müsse dringend zunehmen und würde viel zu wenig essen. Alex ist da anderer Meinung. Außerdem weiß ihr Magen ja wohl am besten, was gut für sie ist. Zumindest besser als ihre überfürsorglichen Eltern, die sie zwar sehr gerne hat, aber die ihr trotzdem ab und an auf die Nerven gehen. Wahrscheinlich ist das einfach natürlich bei Eltern, dass sie ihren Kindern ab und zu auf die Nerven gehen. Mit fünfundzwanzig Jahren ist man nun wirklich kein Kind mehr und sollte in der Lage sein selbst zu wissen, was gut für einen ist. Doch für seine Eltern wird man immer irgendwie ein Kind bleiben. Das Kind, das sie im Arm gehalten haben und das sich nachts zu Mami ins Bett verkroch, weil nicht nur eines, sondern sogar mehrere Monster in seinem Zimmer unterwegs waren. Die Monster, die aber leider immer gerade nicht anwesend waren, wenn Mama oder Papa im Raum nachsahen. Doch jedes Kind wird einmal erwachsen. Und mit dem Erwachsenwerden kommen neue Monster, mit denen man sich auseinandersetzen muss.

Etwas kühles und nasses landet auf ihrem Haar. Der nächste Tropfen erwischt sie auf der Stirn, als sie nach oben schaut, um die Quelle des Übels auszumachen. Vor lauter Nebel ist ihr die dunkle Wolkendecke gar nicht aufgefallen. Sie seufzt. Einen Regenschirm hat sie heute Morgen natürlich nicht eingesteckt. Am besten wäre es also, wenn sie beim Auto ankommt, bevor der Himmel vollends seine Schleusen öffnet. Sie beschleunigt ihre Schritte. Konzentriere dich auf den Weg, denkt sie, nicht wieder in Tragträumereien versinken. Du wirst noch jede Menge Zeit in deinem Leben haben, um dir über Kinder und Eltern Gedanken zu machen. Wobei es deutlich wichtigere Dinge gibt, über die ie sich Gedanken machen sollte. Zum Beispiel die Arbeit. Am Montag steht ein wichtiges Meeting mit ihrem Chef an und sie hat sich noch nicht wirklich darauf vorbereitet.

Aber eins nach dem anderen. Zunächst einmal gilt es nun dem Regen zu entkommen. Das Ende der Straße ist bereits in Sicht. Nur noch einmal um die Ecke, dann ist sie schon auf dem Parkplatz angekommen. Nun trennen sie nur noch wenige Schritte von ihrem Wagen. Sie kramt in ihrer Handtasche nach dem Autoschlüssel und entsperrt damit den Wagen.

Jetzt nur noch schnell die Tür auf und sich auf den Fahrersitz gleiten lassen. Geschafft! Gerade noch rechtzeitig bevor der Regen richtig angefangen hat. Also ab nach Hause.

Jetzt wird der Regen stärker. Sie beobachtet, wie die Regentropfen auf der Scheibe aufprallen und dann ihre Spuren hinterlassen, während sie sich an der Scheibe entlang nach unten vortasten. Sie mag das Geräusch von Regen. Das Prasseln der Tropfen, die auf Scheiben oder Dächer treffen. Es ist ein beruhigendes Geräusch. Oft liegt sie abends im Bett und lauscht dem Regen. Der Regen spricht mit ihr, ohne etwas zu sagen. Er durchbricht die Stille, aber nicht ihre Gedanken. Der Regen unterbricht sie nicht, wie Menschen das nur zu gerne tun. Um dann darüber zu scherzen, dass sie mal wieder vor sich hinträumt. Hin und wieder mag das auch stimmen. Aber ist es träumen, auf die Geräusche um sich herum zu lauschen? Ist es träumen, sich selbst zu lauschen? Nein. Ich selbst bin kein Traum. Aber andererseits, woher kann man das so genau wissen? Ein Traum ist sehr real, solange man sich im Traum befindet. Woher können wir also wissen, dass wir uns nicht in einem Traum befinden? Sind wir wirklich wach und die Welt in der wir leben ist wirklich real? Was bedeutet dieses Wort eigentlich, real? Was für den einen real ist, kann für einen anderen vielleicht gar nicht existieren. Ist das was unsere Sinne uns zeigen die Realität? Oder nur unsere Version davon?

Na toll. Wenn sie so weitermacht, wird es noch lange dauern bis sie zu Hause angekommen ist. Es ist Zeit loszufahren. Sie startet das Auto und verlässt den Parkplatz. Auf der Hauptstraße fädelt sie sich in den Verkehr Richtung Osten ein. Wenn es keinen Stau gibt, sollte sie in einer halben Stunde zu Hause sein.

Natürlich staut sich der Verkehr. Eine Stunde später stellt Alexandra das Auto in ihrer Einfahrt ab. Es regnet inzwischen in Strömen. Schnell hechtet sie aus dem Auto, die Treppen hinauf und unter das schützende Dach, während sie ihren Haustürschlüssel aus dem Seitenfach ihrer Handtasche holt. Alexandra wohnt in einer Zweizimmerwohnung eines dreigeschossigen Mietshauses. Ein unauffälliges Reihenhaus in einer ruhigen Straße im Osten der Stadt. Und sie wohnt gerne dort. Auch wenn sie noch lieber wäre auf dem Land wohnen würde. Ein eigenes Haus in einem kleinen Dorf, umgeben von Wäldern und Wiesen. Davon träumt sie manchmal.

Aber ihre Arbeit ist in der Stadt und für ein eigenes Haus reicht ihr das Geld noch lange nicht. Der Traum vom Eigenheim auf dem Land, muss also noch eine Weile warten.

Außerdem mag sie ihre Wohnung. Diese ist zwar klein, aber dafür gemütlich. In den Ecken und auf den Fensterbänken stehen Pflanzen. Die Möbel sind vor allem weich und bequem. Auf den Böden liegen Teppiche. An den Wänden hängen Fotos von Freunden und Familie, Mitbringsel von Reisen und etliche andere Dinge.

Alexandra hat nicht gerade viele Freunde, aber die wenigen, die sie hat, sind es schon seit langer Zeit. Ihre beste Freundin kennt sie noch aus Kindertagen. Die beiden sind auf die selbe Schule gegangen und haben als Kinder in derselben Straße gewohnt. Inzwischen wohnt ihre beste Freundin leider in einem anderen Bundesland und kommt nur noch selten zu Besuch. Mit ihren Kollegen auf der Arbeit versteht sich Alex gut, mehr aber auch nicht. Keinen ihrer Kollegen hat sie jemals außerhalb der Arbeit gesehen, und das ist in Ordnung. Mit allen muss sie nicht befreundet sein, und will es auch gar nicht.

Alexandra versteht sich mit den meisten Menschen gut, trotzdem ist sie nicht gerne unter Menschen. Vor allem unter Fremden. All die Feiern und Zusammenkünfte, auf denen viele Menschen reden, ohne etwas zu sagen. Der Lärm der vielen Stimmen, die wiederum versuchen, die viel zu laute Musik zu übertönen. Und natürlich der Alkohol, den viele Menschen brauchen, um sich amüsieren zu können. Das ist nichts für sie.

Alexandra arbeitet auch im Beruf lieber eigenständig als in Gruppen und sie verbringt ihre Zeit gerne alleine. Ihre Freunde sagen oft, sie würde sich öfter mit sich selbst unterhalten, als mit anderen. Und in gewisser Weise stimmt das auch. Obwohl sie Selbstgespräche nie laut, sondern nur in Gedanken führt, und auch das tut sie eher selten. Meistens hängt sie nur ihren Gedanken nach, oder nimmt die kleinen Dinge um sie herum wahr. Viele Menschen gehen durch das Leben, ohne Ihre Umwelt wirklich wahrzunehmen. Sie sind viel zu gefangen in ihrem Alltag, im Stress und den sozialen Kontakten, um die Schönheit eines Sonnenaufganges zu bemerken. Oder durch einen Wald zu gehen und all das Leben darin wahrzunehmen. Die Bäume zu bewundern, die so groß und stark sind. Ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten festzustellen, oder das Rascheln des Windes in Ihren Blättern zu hören.

Und dann sind da natürlich die Tiere. Die Großen, aber vor allem die Kleinen. Sie sind überall und ein jedes ist ganz anders als das nächste. Manche fressen einander, andere helfen sich untereinander. Jedes Tier hat seinen Platz und eine eigene Aufgabe.

Alex mag den Wald. Es ist so still dort und doch so voller Leben. Für Alex ist der Wald ein viel lebendigerer Ort, als eine Stadt es jemals sein könnte. Es ist eben eine andere Art von Leben. Sie mag es, wenn auch nur für einen kurzen Moment, Teil dieses Lebens zu sein. Und sie mag Tiere.

Als sie ihre Wohnungstüre öffnet flitzt ein kleines, sanftpfotiges Wesen herbei und begrüßt Sie mit einem klagendes „Miau“. Dieses beinhaltet wahrscheinlich die wortlosen Aussagen „Es wird aber auch Zeit, dass du nach Hause kommst“ und „Jetzt gib mir was zu Essen!“. „Ich habe dich auch vermisst!“, begrüßt ihn Alexandra. Ihr Kater Moon erwidert darauf nichts mehr. Katzen halten sich in der Regel nicht mit Freundlichkeiten auf. Alex nimmt Moon auf den Arm und drückt ihm einen Kuss auf das weiche Fell. Moon lässt diesen Liebesbeweis über sich ergehen. Dabei setzt er den berühmten Katzenblick auf, der alles von „Ich bin genervt“, „Oh Mann, ihr Menschen seid so blöd“, sowie „Du kannst mich mal am Arsch lecken“, beinhalten kann.

In diesem Fall erscheinen die Möglichkeiten eins und zwei wohl am realistischsten.

Nachdem Alex dem Wunsch Moons nach Futterbeschaffung nachgekommen ist, lässt sich dieser auf der Couch im Wohnzimmer nieder, um ein wohlverdientes Nickerchen zu halten. Derweil kümmert sich Alex um ihr eigenes Essen.

Eine Stunde später. Moon schläft friedlich auf der Couch und träumt von, nun ja wovon Kater eben so träumen. Vielleicht von Essen, oder einer hübschen Katze. Wer weiß das schon so genau. Alexandra ertränkt gerade eine Pfanne in Seifenlauge. Man könnte auch sagen, sie erledigt gerade den Abwasch. Draußen vor dem Fenster ist der Regen wieder in ein leichtes Tröpfeln übergegangen. Der Regen hat den Nebel etwas gelichtet, doch nicht gänzlich vertrieben.

Die Straßenbeleuchtung hat sich angeschaltet. Vor ihrem Haus kann Alexandra den Lichtkegel der Straßenlaterne durch das Fenster sehen. Und in diesem Lichtkegel ist noch etwas. Es ist ein kleines Mädchen.

Daraufhin lässt Alexandra die Pfanne ins Spülbecken sinken und tritt näher an das Fenster.

Zunächst erschien ihr das Mädchen nur als eine verschwommene Gestalt im Nebel, doch jetzt kann sie diese deutlich erkennen. Es ist noch ein Kind. Vielleicht fünf Jahre alt, aber genau kann sie es nicht sagen. Bei dieser Kälte trägt es nur ein weißes Nachthemd und Alex erkennt die glatten, blonden Haare des Mädchens. In den Armen hält es irgendetwas, eventuell eine Puppe, oder ein Stofftier. Das Mädchen schaut direkt zu ihr hoch, als würde es sie ansehen.

Ist es eines der Nachbarskinder? Nein, denn Alexandra ist sich sicher, das Mädchen noch nie gesehen zu haben. Aber wer ist sie dann? Auf der Straße sind keine anderen Menschen zu sehen. Sie kann auch keine parkenden Autos erkennen.

„Was machst du nur hier so ganz alleine? Wo sind deine Eltern?“, flüstert Alex vor sich hin. Natürlich kann die Kleine sie nicht hören und antwortet daher auch nicht. Das Mädchen wird sich noch eine Erkältung holen, wenn sie sich weiterhin so leicht bekleidet in der Kälte aufhält.

Kurzentschlossen wischt sich Alex die nassen Hände an der Hose ab und begibt sich zur Haustür. Schnell schlüpft sie in ihre Schuhe und angelt sich die Jacke vom Kleiderhaken. Wenige Sekunden später tritt sie vor die Tür. Auf der Treppe hält sie inne. Vor ihr auf dem Gehweg scheint das Licht der Laterne. Von dem Mädchen ist nichts zu sehen.

Alex tritt auf den Gehweg und blickt sich suchend um. Doch weit und breit kein Kind zu sehen. „Hallo ?“ ruft sie verunsichert. Doch nur die Stille antwortet ihr. Wohin kann das Mädchen nur gelaufen sein? Wahrscheinlich waren ihre Eltern doch mit einem Auto in der Nähe. Ganz bestimmt sogar. Warum sollte das Mädchen sonst – um diese Uhrzeit- und nur im Nachthemd bekleidet, vor Alexandras Haus stehen?

Trotzdem ruft sie erneut: „Hallo? Hab keine Angst Kleine, ich will dir doch nur helfen.“ Aber sie erhält keine Antwort. Wo auch immer das Mädchen hin ist, hier ist es offenbar nicht mehr.

 

 

Kapitel 2 Ein Menschenleben

Es gibt diesen Scherz über den Regen. Man sagt, wenn es regnet, dann kommt das daher, weil Gott pinkeln muss. Gott uriniert also auf uns, wenn es regnet, und wir sind nichts anderes für ihn als eine überdimensionale Toilette. Falls es ihn gibt, denkt er, dann kommt dieser Scherz dem, was wir in Gottes Augen sind, wahrscheinlich ziemlich nahe.

Lucian glaubt nicht an Gott. Den Glauben an einen lieben und gütigen Gott, der über uns Menschen wacht und uns beschützt, hat er zusammen mit dem Glauben an Gerechtigkeit in der Welt, in einer mentalen Mülltonne versenkt. Das war wohl ungefähr an jenem Tag, an dem er sein damaliges Lieblingsspielzeug, einen Supermann aus Plastik, in der Mülltonne hinter seinem Haus entsorgte. An diesen Tag erinnert er sich noch sehr gut.

Diese Figur war nicht nur sein damaliges Lieblingsspielzeug, sondern auch so ziemlich das einzige Spielzeug , das er jemals geschenkt bekam. Sein Vater schenkte es ihm damals zu seinem achten Geburtstag. Wenige Monate bevor er ging.

Sein Vater verließ das Haus an jenem Tag mit einen Koffer in der Hand. Als Lucian sah, wie sein Vater mit dem Gepäckstück in der Hand zur Haustür ging, fragte er ihn „Wo gehst du hin?“. Dieser antwortete nur, er sei bald wieder zurück. Dann verschwand Lucians Vater mit einem etwas gezwungenen Lächeln aus seinem Leben.

Wenn sich seine Mutter in den ersten Wochen über dieses blöde Arschloch, das sich feige aus dem Staub gemacht hat, beschwerte, sagte Lucian ihr stets, sie habe unrecht und sein Vater werde bestimmt bald wieder kommen. Schließlich hatte er das gesagt. Irgendwann glaubte Lucian dann selbst nicht mehr daran. Die Supermann-Figur behielt er. Sie war das einzige, was ihm von seinem Vater blieb.

Zwei Jahre später wurde seine Schwester geboren. In diesem Zeitraum waren viele fremde Männer im Haus ein- und ausgegangen. Seine Mutter hatte ihm die Meisten davon nicht einmal vorgestellt, und das war wahrscheinlich auch gut so. Die Männer blieben sowieso nie lange. Außerdem ging Lucian ihnen sowieso am liebsten aus dem Weg. Welcher dieser Männer seine Mutter schwängerte, konnte er anschließend nicht sagen. Und seine Mutter sagte es auch nicht. Falls sie es überhaupt wusste.

Kurz nachdem sein Vater weggegangen war, fing seine Mutter mit dem Trinken an. Zunächst fiel es nicht weiter auf. Eine Flasche Wein zum Abendessen. Ein Gläschen Schnaps zur Verdauung. Nichts das allzu auffällig erschien. Aber mit der Zeit wurde es mehr. Immer wieder fielen Lucian nun die im Haus verteilten, leeren Flaschen auf. Seine Mutter machte sich noch nicht einmal mehr die Mühe, diese Flaschen zu verstecken. Am Anfang trank sie heimlich alleine im Schlafzimmer. Im Zimmer schloss sie sich dann ein und reagierte nicht auf sein Klopfen. Irgendwann jedoch schien es ihr egal zu sein, ob er von ihrem gestiegenen Alkoholkonsum wusste oder nicht. Jedenfalls hörte sie damit auf, zum Trinken extra ins Schlafzimmer zu gehen und trank fortan einfach wann und wo Sie wollte. Und ließ die leeren Flaschen anschließend auch überall stehen.

Zwei Monate vor seinem neunten Geburtstag begriff Lucian, dass er das Kochen offenbar von nun an selbst übernehmen musste. Zumindest wenn er nicht jedes Mal hungrig warten wollte, bis seine Mutter wieder einmal zu Hause und nüchtern genug war, um sich dazu aufzuraffen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er natürlich nur wenig Ahnung vom Kochen gehabt. Doch er begann genauer zuzuschauen, wenn die Mütter anderer Freunde, oder ab und zu auch seine eigene Mutter, kochten. Und dabei lernte er. Erst das eine, dann alle anderen Dinge die er zukünftig selbst übernehmen musste: Einkaufen, waschen und putzen. So lange seine Mutter noch zur Arbeit ging und den Rest des Tages mit Trinken und Schlafen verbrachte, fehlte es ihm wenigstens nicht an Geld.

Als seine Schwester geboren wurde, war er also schon vorbereitet. Zumindest soweit man als Zehnjähriger darauf vorbereitet sein konnte, sich um ein Kleinkind zu kümmern. Aber immerhin wusste er über die Küche und den Ablauf des Haushaltes Bescheid. Sich um ein Kind zu kümmern, das musste er nun auch erst noch lernen.

Am Anfang gab sich seine Mutter wirklich Mühe. Das erste Jahr übernahm sie sogar wieder den Haushalt. Sie verkündete damals auch stolz, sie würde von nun an keinen Tropfen Alkohol mehr anrühren. Doch sie brach das Versprechen schon wenige Wochen später.

Vom ersten Moment an liebte Lucian seine Schwester, auch wenn ihm oft alles zu viel wurde. Manchmal lag er abends wach und fragte sich wie es wohl wäre einfach zu gehen. Genau wie sein Vater. Einfach einen Koffer zu packen, und zu verschwinden. Doch er schämte sich für diese Gedanken. Nein, er konnte und würde seine Schwester nicht im Stich lassen. Sie traf schließlich keine Schuld.

Am Tag als Supermann ihn verließ, war seine Schwester ein halbes Jahr alt. Es war das erste Mal seit langem, dass sich seine Mutter hemmungslos betrank. Sie trank so viel, dass sie am nächsten Tag vergaß zur Arbeit zu gehen. Wiederholt passierte es, dass sie wegen des Trinkens nicht zur Arbeit ging. Oft trank sie sich in den Schlaf und wachte dann erst spät am nächsten Mittag wieder auf. Sie aus diesem Schlaf zu wecken, gestaltete sich schwierig. Erst recht sie dazu zu bringen, sich anzuziehen und zur Arbeit zu gehen – quasi unmöglich. Das wusste Lucian schon damals aus Erfahrung. Aber sie überspannte den Bogen. Zumindest bei ihrer damaligen Stelle.

Ihr Chef rief an, um sie darüber zu informieren, dass er sie feuerte. Daraufhin hörte Lucian, wie seine Mutter ihren ehemaligen Chef anschrie bis er offenbar den Hörer auflegte. Genaugenommen brüllte sie noch eine Weile danach das Telefon an. Obwohl den Apparat nun wirklich keine Schuld traf.

In diesem Moment wurde Lucian einiges klar. Ihm wurde klar, dass er seinen Vater nie wieder sehen würde, und dass dieser ein feiges Arschloch war, genau wie seine Mutter es immer gesagt hatte. Außerdem wurde ihm klar, dass seine Mutter niemals wieder die Mutter sein würde, die sie früher gewesen war. Sie würde nicht aufhören zu trinken und nicht wieder anfangen sich um ihre Kinder und den Haushalt zu kümmern. Spielzeug würde er auch nicht mehr brauchen, weil er zukünftig keine Zeit mehr zum Spielen haben würde. Mit einem Schlag war seine Kindheit vorbei und er musste sich nun um seine Familie kümmern. Oder um das was davon übrig war. Vor allem um seine Schwester.

An diesem Tag verlor er den Glauben daran, dass alles wieder besser werden würde. Er glaubte nicht mehr an Supermann oder an Gott. Darum brachte er den Superhelden dahin wo er hingehörte. In die Mülltonne hinterm Haus. Und was Gott anging, der konnte ihn mal.

Inzwischen hatte sich diese Einstellung nur wenig verändert. Gott existiert nicht, davon ist er inzwischen überzeugt. Für ihn ist Gott nur eine Fantasie der Menschen. Der verständliche Wunsch danach, dass es mehr gibt, als nur dieses eine Leben. Dass es jemanden gibt, der alle Menschen liebt und beschützt. Dass alles einen Sinn hat und es einen Masterplan hinter jedem Leben, sowie hinter dieser Welt gibt. Aber eben nur ein Wunsch.

Denn wo ist dieser tolle Beschützer Gott, wenn man ihn braucht? Wenn die kleine Schwester weint vor Hunger, weil ihre Mutter wieder im tiefen, alkoholisierten Schlaf liegt, anstatt ihrer Tochter etwas zu Essen zu machen. Oder wenn kein Geld mehr zum Essen kaufen da ist, weil seine Mutter sich nunmal in keinen Job besonders lange halten kann? Wo ist Gott, wenn dieser möchtegern-coole Wichser Max Pollack und seine tollen Freunde mal wieder auf den sowieso schon unbeliebten Mitschülern herumhacken müssen?

Das nächste Mal kommt mir dieser Mistkerl nicht so einfach davon, denkt Lucian. Der verdient wesentlich mehr als nur eine blutige Nase.

Lucian betrachtet seine rechte Hand. Die Schnittwunde auf dem Handrücken hat wieder angefangen zu bluten. Hoffentlich wäscht der Regen das Blut weg.

Wie hätte er auch ahnen können, dass dieser Typ ein Taschenmesser in der Hosentasche mit sich herumträgt, um es dann auch noch gegen ihn einzusetzen. Das hätte wirklich übel enden können. Eigentlich sollte er froh sein, dass der Kampf frühzeitig unterbrochen wurde. Andererseits hat er sich dabei ein Gespräch beim Rektor eingehandelt. Wenn das jetzt nicht unangenehm wird. Komm schon, reiß dich zusammen, denkt er. Ich werde es jawohl schaffen, das letzte halbe Jahr ohne Schlägerei zu überstehen. Ich darf auf keinen Fall vor dem Abitur noch von der Schule fliegen. Sonst war die ganze Arbeit umsonst.

Es war gar nicht so einfach gewesen, nach dem Realschulabschluss einen Platz auf dem Gymnasium zu bekommen. Nicht wegen des Abschlusses, denn er bestand ihn mit einer glatten Eins. Nein es lag an seinem „Verhalten“. Dass er auch an der alten Schule häufig schwänzte und in Schlägereien geriet, verschaffte ihm natürlich keinen Vorteil. Aber die Schwänzerei hielt er für nötig, denn er arbeitet drei Tage die Woche als Aushilfe in einer Autowerkstatt. Mit Autos kannte er sich schon immer gut aus, außerdem braucht er das Geld. Oder besser gesagt, er und und seine Schwester benötigten es, wenn ihre Mutter wieder einmal ihren Job verlor. Was sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zog, da sie ihre Stellen bekanntlich nicht besonders lange behielt, genau wie ihre Männer. Obwohl die Männerbesuche inzwischen seltener wurden.

Und was die Schlägereien angeht, sie zu vermeiden ist einfacher gesagt als getan. Es ist nicht so, dass er sich gerne prügelt. Und er weiß selbst, dass er es lassen sollte. Aber manchmal sieht er einfach Rot. Menschen wie Max Pollack bringen ihn völlig zur Weißglut. Natürlich ist ihm bewusst, dass er sie einfach ignorieren sollte. Oder einen Lehrer darauf ansprechen. Aber die unternehmen doch nichts. Sie reden dann mit Typen wie Max, vorausgesetzt sie glauben Lucian überhaupt ein Wort, was nicht häufig der Fall ist. Diese Typen wiederum streiten alles ab oder mimen mit Unschuldsaugen die reuigen Sünder, nur um am nächsten Tag weiter zu machen wie zuvor. Natürlich finden sie in der Regel heraus, wer sie angeschwärzt hat. Schon ist er erneut in eine Schlägerei verwickelt und bekommt am Ende selbst den Ärger. Weil Typen wie er ja immer die Schuldigen sind. So ein vorbildlicher Schüler wie Max, so ein netter, beliebter Mensch, der würde doch niemals andere schlecht behandeln. Natürlich nicht.

Bei diesem Gedanken überkommt ihn schon wieder die Wut. Wie ein guter Freund und alter Vertrauter breitet sie sich in ihm aus. Wenn er nur nicht so leicht wütend zu machen wäre. Tja, daran muss er wohl noch arbeiten.

Vor seinem inneren Auge taucht das selbstgefällige Grinsen von Max Pollack auf. Der Spott in seinen Augen und manchmal auch die Freude daran, wenn sich andere vor ihm winden. Wie klein und verängstigt Max auf einmal wirkte, als Lucian sich vor ihm aufbaute. Und das Gefühl als seine Faust in Max Gesicht landete, war einfach verdammt gut gewesen.

Sein bester Freund Mike würde ihm dafür ordentlich die Leviten lesen. Soviel ist sicher. Der Tag kann ja nur noch besser werden.

Er steckt die Hände in die Hosentaschen. Inzwischen sind seine Kleider komplett durchnässt, und aus seinen Haaren tropft das Wasser. Es wird schon langsam dunkel und dazu kommt noch der Nebel, der alles noch ein bisschen undeutlicher macht. In zehn Minuten kommt sein Bus. Zeit einen Zahn zuzulegen. Der nächste kommt erst wieder in einer halben Stunde und bis dahin wird er sich wahrscheinlich in eine lebendige Pfütze verwandeln, wenn das hier so weiter schüttet. Ein Geräusch lässt ihn innehalten. Es ist eine Kinderstimme, auch wenn er nicht bestimmen kann, was sie sagt. Er dreht sich um. Ein paar Meter hinter ihm auf der Straße sieht er ein Mädchen. Jung sieht sie aus, vielleicht fünf Jahre alt und sie steht mitten auf der Fahrbahn. Glücklicherweise ist es keine vielbefahrene Straße, aber die Autos fahren hier oft ziemlich schnell und kommen wie aus dem Nichts herangerast. Nachdem er die erste Verblüffung überwunden hat, rennt er los. Die Kleine rührt sich nicht von der Stelle. Mitten im Regen, nur mit einem Nachthemd bekleidet, steht sie auf der Straße und hält ihr Stofftier in den Armen. Das Mädchen schaut ihn traurig an. Sie hat blaue Augen, ein helles Blau.

Nur am Rande registriert er die Scheinwerfer des herannahenden Autos, als er das Mädchen packt und sich über die Schulter wirft, um im nächsten Moment wieder auf den Gehweg zu hechten. Das Auto rast hupend an ihm vorbei, als er dort zum stehen kommt. Einen Augenblick ringt er noch nach Atem, dann setzt er das Mädchen ab, welches nach wie vor keinen Laut von sich gegeben hat, und ihr Stofftier, einen Plüschhasen, fest umklammert hält.

Geschockt und schon wieder, oder auch immernoch wütend, packt er das Mädchen am Arm und schreit es an: „Was zum Henker sollte das denn? Sag mal spinnst du?“

Erst danach wird ihm klar, dass er ein kleines Kind vor sich hat, das zweifellos verwirrt und verängstigt ist und vor allem ahnungslos war, in welcher Gefahr es sich bis vor wenigen Sekunden befand. Seine Wut verschwindet so schnell wie sie gekommen ist.

Das Mädchen beginnt zu schluchzen. Tränen rinnen aus ihren Augen und sie vermischen sich mit dem Regenwasser. Auch das Mädchen ist klitschnass.

Lucian seufzt und streicht dem Mädchen vorsichtig übers Haar. „Entschuldigung Kleine. Das war nicht so gemeint. Wo sind denn deine Eltern?“, fragt er sanft.

Doch sie antwortet nicht, richtet aber die Augen auf etwas hinter ihm. Daraufhin dreht sich Lucian um. Doch da ist nichts, nur der leere Gehweg. Als er sich wieder zu ihr umdreht, sieht er noch wie das Mädchen davonläuft. „Hey, warte“ ruft er, doch das Mädchen ist bereits nach links in eine Seitenstraße abgebogen. Jetzt ist er sich darüber unschlüssig, ob er ihr folgen soll.

Dann fällt ihm wieder der Bus ein. „Verdammt“ flucht er. Um Babysitter zu spielen, hat er nun wirklich keine Zeit. Jetzt muss er sich aber beeilen, wenn er den Bus noch bekommen möchte. Da ist wohl rennen angesagt.

Erst als er im Bus sitzt realisiert Lucian, was da gerade geschehen ist. Wenn er nicht da gewesen wäre… Das Mädchen hatte überhaupt keine Anstalten gemacht, von der Straße zu gehen. Wahrscheinlich stand sie unter Schock. Bei den Lichtverhältnissen und dem Nebel, hätte der Fahrer des Autos das Mädchen bestimmt nicht rechtzeitig gesehen. Oder vielleicht doch? Hätte das Auto noch rechtzeitig angehalten?

Ein kalter Schauer läuft ihm bei diesem Gedanken über den Rücken. Wie einfach es doch sein kann, einen Menschen zu verletzen. Aber auch wie schnell es beendet sein kann, ein Menschenleben.


 

Kapitel 3 Geld regiert die Welt

„Mein Sohn Kevin wurde letzten Monat zum Abteilungsleiter befördert und das schon im jungen Alter. Obwohl er erst seit zwei Jahren in der Firma ist. Wenn das kein Erfolg ist! Das ist aber natürlich keine Überraschung für uns. Ich und meine Frau wussten schon immer, dass er es weit bringen wird. Eben ganz wie sein Vater!“

Der dicke Mann mit der Nickelbrille und dem Rest dessen, was wohl einmal Haare gewesen sein sollten, hält diesen Monolog nun schon seit einer Weile. Dabei wird er nicht müde, die Erfolge seines Sohnes anzupreisen. Während des Redens räkelt er sich genüsslich im Sessel, der auf wundersame Weise bisher nicht unter dem enormen Gewicht des Mannes nachgegeben hat.

Noch ein Wort von dem und ich muss mich ganz sicher übergeben, denkt Damian und lächelt sein Gegenüber ungebrochen freundlich an. Ein intelligenter Mensch hätte den Spott hinter diesem Lächeln vermutlich erahnen können, doch momentan besteht in dieser Hinsicht keinerlei Gefahr. Außerdem ist der alte Mann viel zu vertieft in seinen Monolog, um wirklich auf Damian zu achten. Was dem nur recht ist. Alles was er tun muss, ist schweigen und lächeln. Und das kann er ausgezeichnet. Genau wie seine echte Meinung über sein Gegenüber hinter einer Fassade aus aufgesetzter Freundlichkeit zu verbergen. Manche Dinge bleiben besser im Verborgenen.

Wahrscheinlich hätte er den alten Mann seiner außerordentlichen Dummheit und der Illusionen wegen, dies dessen Selbstbild offensichtlich prägen, wegen bemitleidet. Wenn er Mitleid nicht für eine absolut überflüssige Emotion halten würde. Einmal abgesehen davon, dass der alte Mann sein Mitgefühl, Damians Meinung nach, gar nicht verdient. Seine Verachtung ist alles, was dieser selbstverliebte und abgrundtief hässliche Alte wirklich verdiente und darum bekommt er sie auch. Offensichtlich glaubt dieser allen Ernstes daran, er und vor allem sein Sohn seien großartig und erfolgreich. Nur von gelegentlichen Begegnungen kennt Damian Kevin, den Sohn seines Gegenübers. Aber diese reichen ihm auch völlig. Der Apfel fällt ja bekanntlich nicht weit vom Stamm. In Sachen Angeberei und Selbstbetrug macht Kevin seinem Vater alle Ehre. Wahrscheinlich weiß er noch nicht einmal, wie Intelligenz buchstabiert wird und trotzdem hält er sich, jedenfalls seinen Aussagen zufolge, für ein verkanntes Genie. Genau wie sein alter Herr. Beide sind scheinbar auch nicht in der Lage zu realisieren, dass ihre sogenannten „Freunde“ sowie ihre Partnerinnen nur das Geld attraktiv finden mit dem die beiden Männer bei jeder Gelegenheit um sich werfen.

Geld hat der alte Mann, das ist keine Frage. Die Beschreibung stinkreich trifft es dabei etwas besser. Aber Geld stinkt nicht. Es zieht die Menschen an wie Fliegen, selbst jene, die eigentlich genug davon besitzen. Das ist auch der Grund dafür, warum Damian nun hier sitzt und sich dieses törichte Gelaber anhören muss. Eine reine Zeitverschwendung.

„Aber Ihre Karriere ist natürlich auch nicht zu verachten.“, fährt der alte Mann fort. „Ihr Vater muss sehr stolz auf Sie sein.“ Hoppla. Da ist also jemand wieder zum Schleimen übergegangen. Soll mir recht sein. Pass nur auf, dass du nicht auf deiner eigenen Schleimspur ausrutschst und dir dabei das Genick brichst, denkt Damian. Währenddessen lächelt er weiterhin und bedankt sich steif, aber dennoch höflich, für das erhaltene „Kompliment“.

Seine Karriere ist tatsächlich nicht zu verachten. Ein sehr gutes Abitur, sowie ein, leider nur mit gut bewertetes, Staatsexamen in Jura. Vor einem halben Jahr hat er seine erste Stelle als Anwalt angenommen und bisher nur Lob für seine Arbeit erhalten. Falls sein Vater sich jedoch dafür interessiert, oder gar stolz auf Damians Erfolge ist, hat er es sich nie anmerken lassen. Wahrscheinlich würde sein Vater nicht einmal am Sterbebett ein Kompliment oder einen Ausdruck der Anerkennung für seinen Sohn über die Lippen bringen. Nicht, dass Damian so etwas brauchen würde. Er weiß selbst was er kann, das muss ihm keiner bestätigen. Schon gar nicht sein Vater.

Trotzdem ärgert es ihn immer wieder diesen Satz zu hören: „Dein Vater ist bestimmt stolz auf dich!“ Und er hat diesen Satz wirklich schon oft gehört. Von Lehrern oder Professoren, aber auch von Studienkollegen. Natürlich, warum sollte sein Vater auch nicht stolz auf ihn sein. Denn Damian ist intelligent, gutaussehend und beliebt. Sein Fleiß und seine Hartnäckigkeit brachten ihm schon viele Erfolge ein. Sei es beim Sport, bei den Noten oder irgendwelchen Wettbewerben. Schon immer war Damian ein Gewinnertyp. Manchmal mit Talent, oder eben durch Fleiß. Wenn er wirklich etwas wollte, dann schaffte er das in der Regel auch. Doch darin lag auch meistens das Problem, beim Wollen.

Früher gewann er jede Menge Pokale und Auszeichnungen.

Damals wollte er die Leute um sich herum noch beeindrucken und vor allem seine Eltern. Inzwischen ist er über diese Phase hinaus. Er hat die meisten seiner Aktivitäten aufgegeben und an Wettbewerben nimmt er schon lange nicht mehr teil. Das Interesse sich mit anderen zu messen zählt zur Vergangenheit. In den letzten Jahren verflüchtigte sich seine Motivation für die meisten Dinge, die ihm früher wichtig waren und wich einer allgemeinen Gleichgültigkeit. Nur wenige Dinge schaffen es noch, sein Interesse und sein Engagement zu wecken. So wie beispielsweise seine Karriere, die er nach wie vor sehr ernst nimmt.

Niemals will er zu den Leuten gehören, die faul zu Hause herumsitzen anstatt zu arbeiten. Auf gar keinen Fall will er vom Geld anderer abhängig sein, sei es der Staat, oder seine Eltern. Dummheit und Faulheit, sowie Unselbstständigkeit sind Eigenschaften, die Damian zutiefst verabscheut.

Aber an Geld wird es ihm nicht fehlen. Und wenn seine Eltern eines Tages sterben, wird er als einziger Sohn der Alleinerbe sein. Der Erbe eines stattlichen Vermögens und eines tadellosen Rufs. Beides Dinge, über die er auch jetzt schon verfügt. Trotzdem kann er es kaum erwarten, denn zu viel Geld kann er nicht besitzen. Geld regiert ja bekanntlich die Welt.

Der alte Mann wirft einen Blick auf seine goldene Armbanduhr. Zweifellos ist sie aus echtem Gold.

„Ach herrjeh, so spät schon wieder. Ich fürchte, ich muss los. Meine Frau macht sich sonst nur Sorgen und Sie wissen ja wie Frauen sein können“, teilt er Damian mit.

Ja das weiß er, auch wenn er nicht verheiratet ist. An diesem Zustand möchte er auch zukünftig nichts ändern. Hochzeiten sind eine einzige Geldverschwendung. Eine pompöse Show, bei der Unsummen für die Gestaltung eines einzigen Tages investiert werden.

Solche Beziehungen sind den Ärger nicht wert, den man sich mit ihnen einhandelt. Das ständige sich Rechtfertigenmüssen, die Eifersüchteleien und natürlich die ganze Zeit, die für eine Partnerin aufgebracht werden soll. Nein, darauf kann er unter allen Umständen und beim besten Willen verzichten.

„Dann will ich Sie natürlich nicht aufhalten“, erwidert Damian und erhebt sich um dem alten Mann seinen Mantel zu holen. Es wird auch Zeit, dass sich sein Gast verabschiedet. Genaugenommen ist es noch nicht einmal sein Gast, sondern der seines Vaters. Dieser hat aber leider Wichtigeres zu tun, weswegen Damian die Aufgabe zugekommen ist, sich um den bereits eingeladenen Gast zu kümmern. Sein Vater ist immer viel beschäftigt. Das war schon so seit sich Damian erinnern kann. Jedenfalls bekam er ihn nicht oft zu Gesicht. Auch für die Leute mit denen Damian zu tun hatte, blieb sein Vater immer ein Phantom. Der eindrucksvolle, bekannte und bewunderte Mann, der aus einfachen Verhältnissen kam und nun ein Vermögen verdient. Ein Mann von Stil und Klasse, dessen Erfolgsgeschichte so ziemlich jeder kennt, aber den kaum jemand jemals zu Gesicht bekommt. Auch bei seiner Familie machte er da keine Ausnahme. Wenn Damian als Kind seine Mutter nach dem Aufenthaltsort seines Vater fragte, antwortete sie: „Dein Vater ist ein viel beschäftigter Mann. Er hat wichtige Dinge zu tun, also stör´ ihn nicht.“

Genau das waren Kinder für Damians Vater: Eine Störung. Auch sein einziger Sohn bildete da keine Ausnahme. Die Mutter von Damian vertrat da eine ähnliche Ansicht. Nur die Art wie seine Eltern damit umgingen, war ein wenig unterschiedlich. Während sein Vater es vorzog seinem Sohn aus dem Weg zu gehen, fand seine Mutter eine Lösung für das Problem. Ein Kindermädchen. Genaugenommen mehrere im Laufe der Zeit. Gelegentlich verbrachte sie auch selbst Zeit mit ihrem Sohn, allerdings schaffte sie es, Damian selbst zu diesen Zeiten das Gefühl zu geben, eine Störung zu sein.

Heute ist Damians Vater also auch beschäftigt. Daher kann er seinen Gast nicht persönlich empfangen. Aber in diesem Fall könnte es sich auch um eine Ausrede handeln. Denn dass sein Vater den alten Mann genauso wenig leiden kann, wie er selbst, da ist sich Damian sicher. Aber lukrative Verbindungen müssen gepflegt werden. Da sein Vater in geschäftlichen Angelegenheiten mit ihm zu tun hat und ihn dabei regelmäßig um ansehnliche Summen erleichtert, ist ein wenig geheuchelte Gastfreundschaft wohl angemessen.

„Ach und richte deinem Vater meine Grüße aus. Er ist so ein großherziger Mann, nicht wahr? Und ein wahrer Freund. Jaja, das ist er.“ versichert der Alte.

Damians Wissen nach hat sein Vater keine Freunde. Falls er welche haben würde, dann garantiert nicht solche. Sein Vater hat viele Eigenschaften, unter anderem ist er klug, durchsetzungsfähig und ein überzeugender Schauspieler wenn es erforderlich ist. Aber Großherzigkeit zählt sicherlich nicht dazu. Sein Vater ist ein Meister darin Leute zu täuschen und manche machen es ihm einfacher als andere. Dieser Alte ist für Damians Vater doch nichts anderes als ein Goldesel, der fast schon darum bettelt, ausgenommen zu werden. Dafür bedankt er sich dann auch noch. Wenn Dummheit tödlich wäre, dann könnte der Welt wirklich geholfen werden, denkt Damian. Dann müsste er seine Zeit nicht mit solchen Individuen verschwenden. Was hat sich die gute alte Evolution bloß dabei gedacht? Sollte Dummheit nicht aussterben? Manchmal erscheint es Damian jedoch so, als würde sie sich stattdessen auch noch wie ein Virus ausbreiten.

Als die Tür endlich ins Schloss fällt, fühlt sich Damian schon viel entspannter. Er richtet seinen Hemdkragen und wirft selbst einen Blick auf die Uhr, es ist kurz nach Fünf. Bis zum Abendessen bleibt noch genügend Zeit. Eigentlich ist es unnötig das Abendessen auf einen bestimmten Zeitpunkt festzulegen, da er es in der Regel sowieso alleine einnimmt. Seine Eltern sind meistens unterwegs.

Bei den wenigen gemeinsamen Mahlzeiten herrscht in der Regel ein eisiges Schweigen und jeder versucht die Anwesenheit der Anderen zu ignorieren. Daher legt Damian keinen Wert auf diese Familienessen. Vermutlich wäre er schon längst ausgezogen, wenn seine Eltern sich tatsächlich öfter als einmal die Woche blicken lassen würden. Außerdem will er nicht auf den Luxus dieses Anwesens verzichten.

Das Haus seiner Eltern ist eigentlich eher eine Villa. Das Gebäude steht bis heute unter Denkmalschutz und war wohl vor langer Zeit die Residenz einer Grafenfamilie. Seine Familie hat das Gebäude restauriert und dabei so wenig Änderungen wie möglich vorgenommen. Das im Jugendstil errichtete Anwesen besteht aus drei Stockwerken und über dreißig Räumen, in denen sich zahlreiche, wertvolle Kunstwerke aus unterschiedlichen Epochen befinden. Sein Vater ist ein großer Kunstliebhaber und erweitert seine umfangreiche Sammlung ständig.

Und eines Tages würde all das ihm, Damian, gehören. Bis dahin wird er warten.

Da er im Grunde sowieso schon die meiste Zeit alleine im Haus wohnt, sollte das kein Problem sein. Eigentlich wohnt er auch nicht völlig alleine. Der Chefkoch und sein Team wohnen zwar nicht hier, dafür aber die momentane Haushälterin. Die Angestellte kommt aus dem Ausland und hat keine Verwandten in Deutschland. Da sie nur wenige Worte deutsch kann, spricht sie nur das absolut Notwendigste mit Damian und seiner Familie. Außerdem verfügt sie über einen eigenen Wohnbereich und ihre Anwesenheit fällt daher kaum auf.

Das Anwesen seiner Familie gefällt Damian und in seinen Augen gehört es bereits ihm. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Ein dumpfer Schlag gegen eine Scheibe lässt ihn herumfahren. Wahrscheinlich war es ein Vogel, der gegen ein Fenster geflogen ist. Das passiert ab und zu. Ein Gedanke geht durch seinen Kopf. Das Tier ist bestimmt verletzt. Wahrscheinlich sogar schwer, nach der Lautstärke des Geräusches zu schließen.

Daraufhin beschließt Damian nachzusehen. Dabei läuft er einen Umweg über die Küche und zieht eines der scharfen Schneidemesser aus dem Messerblock. Dann tritt er vor die Tür und schaut sich um. Vom Alten ist nichts mehr zu sehen. Sehr gut.

Zunächst geht Damian durch den Garten zu der Stelle, wo der Vogel vermutlich abgestürzt sein müsste. Bingo. Da liegt er. Es ist eine Taube. Diese Viecher gibt es in der Stadt überall. Allerdings verirren sie sich nur selten in dieses Gebiet.

Diese Vögel sind bekanntlich nicht besonders intelligent und die Schönsten ebenfalls nicht. Keine Tiere, die man als Haustier halten, oder sonst irgendwie um sich haben will.

Im Allgemeinen mag Damian Tiere nicht unbedingt. Trotzdem können sie geradezu faszinierend sein. Vor allem wenn sie leiden.

Die Taube ist noch am Leben, doch fliegen kann sie offensichtlich nicht mehr. Der eine Flügel steht in einem unnatürlichen Winkel vom Körper ab und aus einer Wunde am Kopf fliest Blut. Eigentlich hätte die Taube sofort bewusstlos oder tot sein müssen, aber zu ihrem Pech ist sie noch bei Bewusstsein. Ihre Augen zucken verwirrt und gequält umher.

Schließlich geht Damian auf die Knie und beugt sich zu ihr hinunter bis seine Haare das Tier fast berühren. Dabei sieht er ihr in die Augen, und versucht keinen Moment von ihrem Todeskampf zu verpassen. Ja, Tiere können schon atemberaubend sein. Wie lange wird es noch dauern bis sie den Kampf verliert? Sekunden, Minuten oder Stunden? Manchmal kann so etwas sehr lange dauern.

„Was geht in dir vor? Wie ist das, wenn man seinen eigenen Tod direkt vor Augen hat?“ flüstert Damian. Wobei sie vielleicht auch zu dumm ist, um zu erkennen, dass ihr Tod bevorsteht. Wahrscheinlich sogar.

Eine Blutlache dringt aus ihrem Bauch heraus, und benetzt Damians Hand, die immer noch fest um den Messergriff liegt. Von dem Messer aus der Küche, das jetzt aus ihrem Körper ragt.

Ihre Augen hören auf sich zu bewegen und weichen einem leeren Ausdruck. So wie die Augen einer Puppe. Die Taube ist tot.

 

 

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