James Cook / Die Reise des Träumers / Leseprobe

DIE REISE DES TRÄUMERS

 

1

 

Ich bin ein Gott. Ich weiß, dass Gott es nicht nötig hat zu reisen. Doch ich habe es getan. Ich habe es nicht einmal gewollt, also nicht wirklich. Es war die Liebe.

Wissen Sie, ich liebe nicht so oft. Das werden Sie nicht glauben, aber es ist so.

Vielleicht wollen Sie jetzt auch noch meinen Vornamen wissen. Den habe ich mir nicht selber auswählen können- noch weniger als Gott und überhaupt alles. Ich heiße: George (was obendrein alle auch noch englisch auszusprechen glauben müssen) – George Gott. Und das ist nicht komisch, nicht für mich! Ich erwarte also, dass Sie darüber nicht lachen! Dafür werde ich ´Gott´, als meinen Familiennamen, soweit es mir möglich ist, nicht mehr erwähnen. Auch werde ich meine Eltern diesbezüglich nicht erwähnen, weil ich sehr ernsthaft bin.

Ich sitze auf einem Stuhl (damit Sie wissen, wo ich bin.), vor einem Tisch. Auf dem Tisch, neben Muscheln, die ich heute gefunden und mit ins Haus gebracht habe, dahinter eine halb leere Flasche spanischen Landweines, liegt ein in hellblau gekleideter Brief Julias, schon seit drei Monaten geöffnet, doch bis vor einer Stunde ungelesen (ich bin nicht nur sehr ernsthaft, sondern auch ängstlich und vieles mehr), daneben das Couvert, ebenso hellblau mit roter Briefmarke, darauf der Abdruck eines isländischen Poststempels. Über dem Tisch das große Fenster, in dem die Sonne allmählich zum Meer hinab fällt- es ist kein Ozean.

Sie schreibt, sie sei nun fest entschlossen Geologin zu werden und habe daher eine Stelle bei einem geothermischen Energieerzeuger in Reykjavik angenommen, für den sie, in einem Team, Geysire nach deren Ergiebigkeit hin untersuchen müsse- darüber freue sie sich sehr. Sie schreibt, dass, wenn sie mit dem Auto von Quelle zu Quelle fahre, ohne auch nur ein Haus zu sehen, sie mich in meinem Entschluss, Leipzig zu verlassen, verstehen könne, wenngleich sie immer noch sehr traurig wäre, so zurückgelassen worden zu sein. Sie bedankt sich für die Karte, die ich ihr zu ihrem Geburtstag geschickt hatte. Und sie schreibt, es müsse mir doch prächtig gehen, da wo ich jetzt wohne, was sie so auf der Karte sehen könne. Sie wünscht mir alles Gute und freut sich darauf von mir zu hören.

Ich weiß nun nicht mehr, warum ich solange gebraucht habe, ihn endlich zu lesen. Ein Glas des Weines werde ich noch trinken, auch wenn es wirklich noch lange nicht Abend ist, und Ihnen dann von Julia erzählen, von Paul und Regine, mir und der Reise und allem und warum ich jetzt hier bin.

 

2

 

Es begann ganz gewöhnlich, unspektakulär, eigentlich langweilig. Wissen Sie, ich war arbeitslos – damals schon. Aber nicht untätig. So ging ich beispielsweise oft stundenlang spazieren – durch die Stadt. Der Herbst hatte begonnen. Und der war 1997 sehr schön, doch morgens noch recht kühl. Darum war ich froh über die ganzen neuen Einkaufspassagen in der Stadt. Die waren beheizt und darum spazierte ich zunächst dort.

Ich weiß nicht, ob Sie jemals stundenlang durch solche Passagen spaziert sind. Darum sage ich Ihnen, dass es unglaublich ist, wie vielen Menschen man dort begegnet. Das ist wirklich so. Viele reden sogar mit einem, nur merken sie es nicht, da sie ja nicht deswegen gekommen sind- oder sie vergessen es sofort. Ich jedenfalls habe dort schon die interessantesten Menschen kennengelernt, die mich allerdings wahrscheinlich sofort wieder vergessen haben. Eigentlich ist das auch gar nicht so schlecht, kann man so doch auch mit Menschen reden, mit denen man sonst aus Angst, ich bin nun mal ängstlich, nicht reden würde.

So redete ich, an diesem einen gewöhnlichen Morgen, in einer dieser Einkaufspassagen, mit einem wirklich unglaublich schönen Mädchen.

Sicher wissen Sie schon, Sie sind ja sehr aufmerksam, dass dieses Mädchen Julia hieß.

Es gibt da diese Bänke, und auf diese setze ich mich niemals. Ich glaube, die sind nur was für alte Leute. Und ich bin nicht alt. Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt und war es damals noch nicht ganz. Also hatte ich nicht den geringsten Grund, mich auf eine dieser Bänke zu setzen. Doch sehe ich diese Bänke, sah diese eine und das unglaublich schöne Mädchen darauf sitzen. Gott sei Dank, ich meine nicht mich, sah ich nicht sofort, wie unglaublich schön sie war. Ich sah nur ein Mädchen, das sogar noch jünger war als ich, auf dieser Bank sitzen, auf der doch nur Alte sitzen sollten, und fragte sie, gewissermaßen im Rennen an der Bank vorbei, warum sie denn dort sitze.

„He.“ Rief sie mir nach, und wollte noch wissen, wie ich heiße.

Daraufhin blieb ich stehen. Sie wissen ja, dass das mit meinem Namen für mich etwas schwierig ist. Ich ging sogar die paar Meter zurück zu der Bank. Ich hatte mir überlegt, dass mein Vorname, wenn man ihn deutsch ausspricht, eigentlich ein sehr schöner ist und mich entschieden, wenn sie auch nicht noch einmal fragen sollte, ihr den zu sagen.

Sie war aufgestanden, noch ehe ich ganz an der Bank angekommen war. Ich sah ihre grünen Augen, noch etwas müde, und ihr braunes Haar, halblang, das von der Sonne des Sommers an einigen Stellen, und nur dort, deutlich aufgehellt worden war. Wissen Sie, ich weiß nicht wirklich, ob das normal ist, aber ich schaue den Mädchen nicht zuerst auf die Brüste. Sie musste es an diesem Morgen recht eilig gehabt haben, wenn sie nun auch Zeit genug gehabt hatte, sich auf eine dieser Bänke zu setzen, ihr Haar war nur flüchtig mit einer einfachen, silbernen Spange an ihrer Stirn vorbeigesteckt. So sah ich sie. Und, auch wenn ich rein gar nichts davon spürte, genau in diesem Moment muss ich begonnen haben sie zu lieben. Natürlich hätte ich noch wegrennen können, doch wusste ich ja nichts.

„Julia.“ Sagte sie dann, noch ehe ich von mir aus hätte meinen Namen sagen können, was ich doch wirklich wollte. „Ich heiße Julia und du?“

Ich sagte ihr meinen Namen und versuchte so zu tun, als sei sie eine der vielen schnell vergessenden Bekanntschaften eines solchen Supermarktes. Und ich tat das, weil ich wusste, dass es nicht so war. Natürlich wusste ich da noch nicht, dass ich es wusste.

Was soll ich Ihnen sagen, ihr gefiel mein Name. George. Und sie versuchte nicht einmal, den englisch auszusprechen- das kam ihr nicht in den Sinn. Und ich verriet ihr nicht nur das, ich erzählte ihr alles, was ich über mich wusste – in nur fünf Minuten.

Wissen Sie, wenn ich heute darüber nachdenke, waren fünf Minuten schon weit mehr als ich wirklich für mich brauchte, mit Ausnahme meines Namens und meiner Eltern, doch gehörte doch beides nicht wirklich zu mir. Ich glaube, ich brauchte sogar die Hälfte dieser Zeit, ihr auch noch zu beschreiben, wo genau ich wohnte. Und genau das tat ich, was dazu führte, dass ich genau dort nicht mehr wohne und alles andere auch nicht mehr. Das alles ist keineswegs spektakulär. Es ist normal, wenn ich es besehe. So normal, wie ich nach den fünf Minuten mich von ihr verabschiedete und weiter spazieren ging. So normal, dass ich nur diesen und den nächsten Tag noch an sie dachte. So normal, wie sie mich nach einer Woche besuchen kam. Sie wollte mich einfach nur sehen.

Da hatte ich ihr tatsächlich Neues über mich und meine Welt zu erzählen. Ich war doch in dieser Woche, nachdem ich Julia in dieser Passage getroffen hatte, hatte ich mich doch sehr verändert, in einer Kneipe gewesen, wirklich spät, und hatte dort Menschen kennengelernt. Das passiert mir nie – Kneipen sind mir zu intim.

Und, was soll ich Ihnen sagen, genau die kannte sie auch noch. Damals fand ich das nur lustig. Aber wissen Sie, heute denke ich über Schicksal nach.

Diese Leute waren nicht irgendwer, nicht für sie, und auch für mich nicht, das sagte ich ja schon, es waren ihre Schwester, genau gesagt ihre Halbschwester, für alle, denen das wichtig ist, und deren Mann, also Julias Schwager. Das klingt, als wären sie sehr alt. Das waren sie aber nicht. Sie waren in Wirklichkeit kaum älter als ich, nur waren und sind sie eben verheiratet. Das hört sich immer alt an, finde ich.

Vielleicht wollen Sie ja jetzt etwas über die Kneipe erfahren, in der ich sie kennenlernte. Es war eine laute Kneipe. Und ich wollte auch gar nicht dahin. Normalerweise gehe ich lieber in Cafés, in ruhige, übersichtliche Cafés, in denen ich mir die Leute einfach so beschauen kann. Doch irgendwie war mir an diesem Abend nicht danach. Mir war nach Lärm, nach Aufregung. Ich ging also in diese Kneipe, die in Leipzig berühmt war, legendär – das Chopper. Und ich war selber schon so aufgeregt, und das lag, ich weiß es jetzt, an der Begegnung mit Julia, wenn ich auch an diesem Abend schon lange nicht mehr daran dachte. Sie hätten nur die Tür von dieser Kneipe sehen sollen; gusseisern ist, glaube ich, nicht übertrieben. Und die ging auf. Zwei Kerle in Lederklamotten stürzten heraus und dicker Zigarettenqualm quoll mir entgegen. So kam ich in diese Kneipe. Drinnen war es dunkel und, wie ich schon sagte, wahnsinnig laut. Das war Hardrockmusik und Stimmen, nein, Stimmen, unzählige, die lauter sein wollten und schneller als Hardrockmusik. Für mich war das schockierend. Aber es gab auch Mädchen dort. Die trugen auch Leder. Natürlich habe ich die nicht angesprochen, ich hätte sie nirgends angesprochen, besonders aber nicht in dieser Kneipe. Es gab auch einen Tresen, an dem ich mir ein Bier kaufte, und am Ende des Raumes hing von der Decke eine rote Ampel. Und die blinkte. Weiss der Teufel, was das sollte. Aber unter dieser Ampel stand ein Tisch und dahinter ein Sofa. Auf dem Tisch stand eine dicke Kerze, die brannte. Da ging ich hin und setzte mich. Ich liebe es, in Sofas zu sitzen. Das liegt sicher daran, dass ich mir nie eines in meine Wohnung stellen würde. Und es saßen drei Menschen an diesem Tisch, außer mir, zwei Männer und eine Frau. Und sie trugen ganz normale Kleidung. Mit denen redete ich über zwei Stunden lang. Das tat ich sicher nur, weil ich mich so unwohl fühlte. Dennoch schien es wohl das zu sein, was ich an diesem Abend wollte. Der zweite Mann, der etwas kleinere aber bestimmende, war Paul, mein damaliger beinahe, ich weiß nicht, Schwippschwager. Die Frau, sie fuchtelte ununterbrochen mit ihren Armen, um nur ja immer wahrgenommen zu werden, ich fand das faszinierend, war Regine, die Schwester von Julia, an die ich nicht mehr dachte. Das war die Kneipe.

Zwei Tage später kam eben Julia zu mir, um mich zu besuchen.

Wissen Sie, sie ging nicht mehr. Sie hatte schon auch eine eigene Wohnung, dahin nahm sie mich auch mit, blieb dort aber nicht, wenn ich wieder ging. Das fand ich durchaus seltsam, aber dennoch schön. Wir sahen uns an, hielten uns an den Händen, küssten und redeten auch. Sie redete mit mir auch über ihre Schwester. Irgendwann redete sie sogar mit ihrer Schwester, mit der sie lange nicht geredet hatte, obwohl sie an ein und derselben Straße wohnten. Und dann sagte diese Schwester, Regine, sie würden uns zu einem Urlaub einladen, sie könnten dann noch viel mehr reden und das müssten sie auch.

Uns beide einzuladen fiel ihr sehr leicht, da Paul, ihr Ehemann, seine Werbeagentur an eine noch viel größere verkauft und sie daher Zeit und jede Menge Geld hatten. Auch schien sie mich wirklich nett zu finden. Julia fand das großartig, und ich entschied mich für Portugal – ich wollte den unendlichen Ozean sehen. Eigentlich schlug ich es nur vor. Doch niemand hatte etwas dagegen oder fand es gar abwegig. Nur Paul musste noch, anders als ich war er immer woanders, davon überzeugt werden, was für Regine nicht das geringste Problem schien.

Wissen Sie, wie oft ich schon zu einer Reise eingeladen wurde? Noch nie. Was allerdings nicht heißt, dass ich noch nie gereist wäre. Waren Sie schon einmal in Weißrussland? Ich war es beinahe. Und ich wäre noch viel weiter gefahren. Doch hatte ich weder genug Bargeld, noch Schecks. Nur darum hat man mich gezwungen umzukehren, kaum dass ich in Weißrussland war. Was ich aber davon sehen konnte, war unglaublich. Wissen Sie, es klingt nicht so, aber das ist ein riesiges Land, das sieht man schon an der Grenze.

Am Abend vor der Abreise, also der Abreise nach Portugal, da gab es noch einige Schwierigkeiten mit dem Ford Granada Pauls, mit dem wir fahren sollten, trafen sich alle bei mir in meiner Wohnung. Das hatte ich nicht entschieden. Aber immerhin fühlten sie sich wie zuhause, sie kochten in meiner Küche. Was mich dazu brachte, in einer Spielhölle um die Ecke, sie wissen schon diese Automatendinger, Zigaretten holen zu gehen. Das war das allererste Mal, dass ich von Julia getrennt war.

Bevor ich Julia geliebt hatte, war ich fast jeden Abend dorthin gegangen. Allerdings spiele ich nicht. Ich ging nur dorthin, um mit Jörg zu reden, einem Schulfreund von mir, der einzige den ich noch traf und der einzige von denen mit dem ich überhaupt reden wollte. Und natürlich war er auch an diesem Abend da. Er ist ein Spieler. Wissen Sie, er hat Sommersprossen und so ein Jungengesicht, als sei er gerade fünfzehn. Man sieht ihm nicht an, dass er ständig rechnet. Alles was ihm begegnet übersetzt er in Wahrscheinlichkeiten. Und das kann er richtig gut. Ich glaube, nein ich bin mir sicher, er ist genau der, der überhaupt am wenigsten an diesen Automaten verliert. Und er weiß, dass er verliert. Doch weil er weiß, dass er so unwahrscheinlich wenig verliert, ist er so unglaublich glücklich beim Verlieren. Der lacht einen wirklich immer an. Und er schlägt die Automaten nicht. Alle schlagen immer gegen die Automaten, ob sie gewinnen oder verlieren- er nicht. Ihm erzählte ich, was mir passiert war und dass ich verreisen würde, und er wettete Geld, mich hier nicht wieder zu sehen. Das machte mich traurig und ich ging. Ich weiß heute, dass ich nicht eigentlich darum traurig war. Wissen Sie, die Menschen sagen manchmal Dinge so leicht, die sie wissen, und das können sie nur, weil sie die nicht richtig wissen. Auch ich weiß, und das weiß ich, nie etwas richtig.

 

3

 

An den Weg nach Hause, wie ich ihn gegangen war, kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich konnte mich schon damals nicht erinnern, als ich vor meiner eigenen Wohnungstür stand und auf den Spion schaute, der schon blind war, als ich hier eingezogen war. Mir fehlte dieser Jörg schon, obwohl es nur ein paar Minuten her war, dass ich gesehen hatte.

Ich ging hinein. Die Luft roch gut, sie roch nach gebratenen Hühnchen, nur mir war schlecht. Mir war nicht schlecht in meinem Bauch, ich hatte sogar Appetit, es drehte sich etwas in meinem Kopf. Niemand war mehr in der Küche, alle saßen sie in dem größten meiner Zimmer, zwischen meinem Schlaf- und meinem Arbeitszimmer. Sicher, ich hatte gar keine Arbeit, aber ich hatte in dieser Wohnung jede Menge Zimmer und fand es unglaublich toll, dass eines davon mein Arbeitszimmer war. Sie saßen also dort und schauten mich an. Aus meinem Tisch hatten sie eine richtige Tafel gemacht, wahrscheinlich hatte das Julia getan, auf der eine Unmenge Essen stand und das Licht dreier Kerzen flackerte. Sonst war es dunkel. Ich ging hinein, nahm mir eine der Hühnchen-keulen, ging hindurch zu meinem Bett und sagte ihnen, dass ich mich nur kurz etwas hinlegen müsse.

„Ist dir etwas zugestoßen?“ Fragte Julia leise und besorgt, kam mir aber nicht nach.

„Das kommt doch gar nicht infrage“, sagte Regine lauter, „sich hier ständig zu verdrücken.“

Paul schwieg.

„Nur ein paar Minuten.“ Sagte ich.

In dem Schlafzimmer war es dunkel. Nur die Kerzen von nebenan und die Straßenlaterne vor dem Haus warfen schwache Lichtflächen an die Decke. Ich lag auf dem Bett und biss in die Keule. Für eine Weile war das schmatzende Geräusch, das ich erzeugte, alles was ich hörte. Ich spürte Kraft in mich zurückkehren. Dann, langsam und zunächst sehr leise, hörte ich die Stimmen von nebenan.

Paul klagte. „Hätte ich gewusst, dass das mit dem Auto passiert, dann hätte ich auch heute in die Agentur gehen können.“

„Hätte, hätte, hätte.“ Gab Regine etwas harsch zurück. „Du hasst es nicht gewusst. Und nun nimm dir endlich, wir sind im Urlaub!“

Tatsächlich waren sie schon im Urlaub, seit sie meine Wohnung an diesem Abend betreten hatten. Ich war es noch nicht.

„Lass ihn doch.“ Hörte ich Julia, die immer noch von allen am leisesten sprach. „Er ist doch nur sauer, weil er meint, ihm wäre das nicht passiert.“

Nun muss ich ihnen sagen, dass ich mir tatsächlich sicher bin, dass ihm das so auf keinen Fall passiert wäre. Der Granada war nämlich nicht wirklich kaputt. Vielmehr hatte sich nur der Benzinschlauch vom Vergaser gelöst, währenddem Regine alles Mögliche für die Reise zusammen mit Julia gekauft hatte, und das Auto solange alleine auf einem riesigen Parkplatz stand. Ich weiß nicht, wie und warum es passiert ist. Alles was ich weiß, ist, dass Regine, nachdem sie das Auto vollgeladen hatten, sicher zehn Minuten vergeblich versuchte, es zu starten, was den Motor vollends mit Benzin überflutet hatte. Und eben das wäre Paul ganz sicher nicht passiert. Sicher kann man sagen, dass der Schlauch sich dennoch hätte lösen müssen. Doch hätte Paul den Wagen sicher nicht mehr als zwei- oder dreimal zu starten versucht.

„Wäre es auch nicht.“ Sagte er gerade.

Darum waren sie an diesem Abend alle bei mir, wir mussten einfach warten, bis das Benzin verflogen war.

„Ach, was hätte den bei dir anders sein sollen?“ Erwiderte ihm Regine.

Und offensichtlich wollte er mit ihr jetzt nicht streiten.

„George.“ Rief er mich, er hatte sich etwas gesucht, das ablenkte. „George kannst du mir da mal helfen! Ich komme mit diesem Ding nicht klar.“

Ich war sehr froh, dass Julia mich von Anfang an George genannt hatte, so wie es auch geschrieben wird, daher nannten Paul und Regine mich ebenso, die ganze Zeit.

Paul hatte Schwierigkeiten mit meinem Korkenzieher. Er wollte, um jeder Diskussion aus dem Weg zu gehen, eine Flasche Wein öffnen und stellte sich wahrscheinlich absichtlich dumm dabei an. Das alles schien mir sehr klar, von meinem Bett aus. Allerdings konnte man sich auch leicht dumm anstellen mit diesem Korkenzieher. Der hieß auch nicht Korkenzieher, sondern, ganz verwirrend, Kellnerbesteck.

Nun bin ich wirklich kein Kellner, kenne mich aber trotzdem ganz gut mit diesen Dingern aus. Was daran liegt, dass, obwohl ich keine Arbeit hatte, ich hin und wieder arbeiten musste, einfach um ein bisschen Geld zu verdienen, das ich doch zum Leben unbedingt brauchte. Das tat ich nicht oft. Aber dabei lernte ich Kellnerbestecks kennen, und eines davon nahm ich mit.

So stand ich also endlich auf, ging hinüber zu der Tafel, hielt eine vortreffliche Rede über Sinn, Funktion und Vorteile eines solchen Kellnerbestecks und öffnete, ganz nebenbei, die Flasche.

Julia klatschte. Und ich war hellwach.

 

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