Peter Beeler / Die Weiber, die wahren Antreiber / Leseprobe

Exposé

 

Sie kennen den Spruch, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau lauert. Da aber selbst die ambitionierteste Antreiberin aus einem Ackergaul kein Rennpferd machen kann, kommt es immer wieder vor, dass Muttis Lieblinge am Hebel der Macht versagen.

Dafür möchte ich der Krönung der Schöpfung, unseren lieben Frauen, natürlich nicht die alleinige Schuld in die Schuhe schieben. Es geht hier auch nicht um Schuldige oder Unschuldige, sondern darum, das ganze Lebenstheater mit ein wenig Abstand und einem breiten Lächeln auf den Lippen zu betrachten.

Ich möchte Sie aber warnen. Lesen Sie dieses Buch nur, wenn Sie über eine gehörige Portion Humor verfügen! Und noch eins. Es ist keine Streitschrift für den unterdrückten Mann, sondern eine Liebeserklärung an unsere Antreiberinnen, das sogenannt schwache Geschlecht.

 

 

 

Leseprobe

 


Von Ebers Kinder sind längst ausgeflogen. Joseph, 45, ist der ältere und besitzt
ein eigenes Anwaltsbüro. Er war einst als Nachfolger vorgesehen. Ganze zwei
Jahre lang hat er es bei seinem Vater im Betrieb ausgehalten. Ihre Vorstellung,
wie ein Detailhandelsunternehmen in die Zukunft zu führen sei, lief jedoch
diametral auseinander. Hier der erzkonservative Patron, der nichts aus seinen
Händen geben wollte, selbstherrlich alle wichtigen Entscheide alleine traf und
unbedingten Gehorsam verlangte. Dort ein intelligenter, selbstsicherer junger
Mann, teamfähig, mit eigenen Ideen, die er auch gegen den Widerstand seines
Vaters umsetzen wollte. Beide haben einen sturen Kopf und sind selten zu
Kompromissen bereit. Das musste Schiffbruch erleiden.   
Der Jüngere der beiden, Georg, 39, freischaffender Künstler, ist ein sensibles
Bürschchen. Er stellt sich schon gar nicht dem ungleichen Kampf. Die Welt des
Patrons bricht zusammen, als sich sein Sohn eine bildhübsche Mulattin zur Frau
nimmt. Eine Schwarze als Schwiegertochter passt nicht in das Weltbild des
Patriarchen. Selbst die Drohung, Georg im Falle einer Heirat zu enterben, nützt
nichts. Die Liebe ist stärker. Von nun gilt Georg gegenüber dem Patron als
„Persona non grata“, dem Härte und Disziplin für einen Führungsjob total
abgeht.      
Es ist von Ebers deftigste Niederlage, dass keiner der Söhne in seine Spuren
treten will. Deshalb hält er solange auf der Kommandobrücke aus, bis es nicht
mehr geht. Erst ein Herzinfarkt zwingt ihn, seine Nachfolge zu regeln. Weil er
die Fäden nicht aus seinen Händen geben will, wählt er eine schwache Nummer
zu seinem Nachfolger aus. Die hält es beim selbstherrlichen Regenten gerade
fünf Monate aus. Dem zweiten Kandidaten ergeht es nicht besser. Immerhin
hält der zwei Monate länger durch. Als Anne dem verzweifelten Ehemann
empfiehlt, es einmal mit einer Frau zu versuchen, gibt er trotz grossen
Bedenken nach. Frauen sind zu emotionell für Aufgaben im Topmanagement,
ist er überzeugt. Trotzdem sagt er zähneknirschend zu. Im Falle einer erneuten
Fehlbesetzung kann er seiner Frau die Schuld in die Schuhe schieben.  
Die Auserwählte hat die anspruchsvolle Aufgabe, den in die Jahre gekommenen
Betrieb in eine konkurrenzfähige Detailhandelskette umzukrempeln. Das
braucht Zeit. Immerhin hält sich der Patron vermehrt im Hintergrund, was
einige Gesellen, die auf den Kopf ihrer neuen Chefin eine Wette abschlossen
haben, zusehends verunsichert.  
Die Geschäftsleitung spürt den zunehmenden Druck. Ab jetzt müssen sie
liefern. Damit sind sie masslos überfordert und versuchen verzweifelt nach
Lösungen. Dass sie sich mit eigenen Ideen und Vorschlägen in die längst fällige
Reorganisation einbringen müssen, erachten sie nicht etwa als
Vertrauensbeweis, sondern als hinterlistigen Schachzug ihrer Chefin, Frau Dr.
Madeleine Hösli.  
Rosskopf, der total überforderte Verkaufsleiter, rapportiert zuhause wie jeden
Abend die geschäftlichen Vorfälle. Isolde steht daneben und schreibt ihre
Notizen in ihr blaues Büchlein. Nicht entgeht ihr. Sie notiert ihr Aufträge,
datiert diese, und lässt ihrem Manne keine Ruhe, bis sie zu ihrer vollkommenen
Zufriedenheit erledigt sind. Als sie heute wie gewohnt zu ihrem
Lieblingstraktandum „Fehler und Schwächen der Rivalen“ kommt, sprudelt es
förmlich aus Rosskopf heraus:
„Das Weib ist für nichts zu gebrauchen. Jetzt soll ich ihr auch noch den Laden
reorganisieren!“
 „Was musst du?“ geifert seine Alte. „Ihren Laden reorganisieren? Dies wird
bald unsere Aufgabe sein. Die soll selber schauen, wie sie über die Runde
kommt. Du darfst ihr auf jeden Fall keine guten Vorschläge erteilen. Sie
hausiert damit nachher nur zum Patron und verkauft sie als die eigenen.“
Er habe keine andere Wahl, als ihr einen brillanten Vorschlag zu unterbreiten,
obwohl er wisse, dass er sich damit selber schade, wimmert Rosskopf. Selbst  
von Eber habe ihn böse angeschaut, als er sich beschwert habe.   
Isolde faucht. Sie hätte die lästigen Sandkasten Spiele satt. Es müssten endlich
Taten folgen. Er solle den Finger rausnehmen und eine Revolution anzetteln.
Sie hätte ganz im Vertrauen bereits mit zwei Filialleiterinnen über einen
eventuellen Generalstreik gesprochen. Die beiden  würden auf jeden Fall
mitmachen. Die Leute würden nach einer starken Führung förmlich lechzen.   
Dann beruhigt sie sich wieder und schwafelt etwas von einem neuen
Management Bestseller, den  sie gelesen hätte. „Management by“. Der Rest sei
Englisch, aber das spiele ja keine Rolle. Auf jeden Fall töne der Titel des Buches
verdammt gut. Auch wenn sie nicht alles verstanden habe, eines wisse sie jetzt.
Ein guter Manager müsse komplexe Aufgaben mit einem Projekt Team lösen.
Gute Projektleiter würden mit interessanten Aufgaben überhäuft. So könne er
sich gegen oben hervorragend profilieren.  
„Projektteam, Projektleiter?“ stammelt Rosskopf. „Noch nie gehört“.
Er würde gescheiter einschlägige Managementliteratur lesen als stundenlang
vor dem Fernsehen hocken, schimpft Isolde. Welches Thema, neben der
katastrophalen Führung, ihm denn am meisten unter den Nägeln brenne, will
sie wissen.
„Die Logistik“, stöhnt Rosskopf nach kurzem Überlegen. Die sei ein
hoffnungsloser Fall.  
Nichts sei hoffnungslos, schimpft Isolde. Wenn es in einer Firma keine
Probleme gäbe, könnten sich die Fähigen auch nicht hervortun. Er könne an
dieser anspruchsvollen Aufgabe wachsen und zeigen, welches Potential in ihm
stecke. Und dann spricht sie einen Satz, der der Gebeutelte nicht so schnell
vergessen wird: „Ich ernenne dich hiermit zum Projektleiter Logistik“.   
Rosskopf steht das Herz still. Er will etwas sagen doch er bringt kein Wort über
die Lippen. Isolde benutzt die Gelegenheit und fährt im Befehlston fort:
„Du musst die Probleme mit dem Warenfluss nicht alleine lösen. Du kannst dir
ein paar Leute herausfiltern, zu denen du Vertrauen hast. Die müssen die
nötige Fachkompetenz mitbringen. Genau so steht es nämlich im Buch
geschrieben. Besonders gefallen hat mir die Idee von einem „Brennschtorming“
(Brainstorming). Auch wenn der Ausdruck fremdländisch tönt, scheint mir die
Methode sehr einfach. Man muss seine Untergebenen nur brennen lassen.
Irgendwann kotzen sie dann ihre Ideen. Dann kann man sie aufschreiben und
der lieben Obrigkeit als die eigenen verkaufen.  
Ich weiss wirklich nicht, warum ihr Manager wegen jedem Problem einen
solchen Auflauf macht. Nichts ist unlösbar. Verzichte heute auf deinen
Waldlauf und das Nachtessen. Stattdessen liest du die ersten hundert Seiten in
diesem Buch. Wenn du den Rhythmus beibehältst, sind die restlichen
fünfhundert Seiten ein Pappenstiel. Die werden Augen machen wenn du denen
ein paar gescheite Sätze zitierst.“
„Wenn du meinst“, sind die letzten Worte, bevor sich Rosskopf mit leerem
Magen und einem dicken Buch unter dem Arm frustriert ins Bett legt.
Anfänglich gibt er sich Mühe, sich in die komplexe Materie einzuarbeiten. Doch
selbst die Anfeuerungsrufe seiner Isolde, die seine vermeintlichen Fortschritte
überwacht, nützen nichts. Nach einigen Stunden fällt Rosskopf die ganze
ungeliebte Literatur zum x-ten Male auf den Kopf. Nach einer unruhigen Nacht
wacht er erst wieder auf, als sein Herzblatt zur Tagwache bläst.   
Die ganze Übung war umsonst. Rosskopf verdammt das Buch. Er hat kaum
einen Satz, und schon gar nicht die verwirrenden Formeln, verstanden. Aber
dies zu zugeben, hätte man ihm als Schwäche ausgelegt. Und eines weiss er.
Ein Manager kennt keine Schwäche! Mit einem seltsamen Gefühl in der
Magengegend macht er sich an die Arbeit. Es gilt jetzt, sich die richtigen Leute
ins Boot holen. Leute, die von der Materie mehr verstehen als er. Viel mehr!   
Kegel kommt ihm als Erster in den Sinn. Es handelt sich bei ihm um einen
erfahrenen, aufmüpfigen Chauffeur. Der sollte wissen, wie man einen
Tourenplan für die Läden optimiert. Dann wählt er Kunze. Der ist  Vorarbeiter
im Logistikcenter. Kunze ist ein unmöglicher Typ, kennt sich jedoch mit den
Problemen im Lagerhaus bestens aus.  
Im Buch steht, dass man für diese komplexe Aufgabe unbedingt einen Logistik
Spezialisten beiziehen soll. Rosskopf verwirft die Idee bald wieder. Er will sich
die Sache nicht noch schwerer machen und mit bohrenden Fragen eines
Technokraten auseinandersetzen. Außerdem müsste er für einen Berater einen
Zusatzkredit anfordern, was bei der prekären wirtschaftlichen Lage nur zu
weiteren Reibereien führen würde.  
Der Projektleiter lädt sein Team zur ersten Sitzung ein. Wie immer, wenn ein
Meeting weder Struktur, noch Ziel noch Führung hat, geht alles in die Hosen.
Kegel freut sich ausgelassen über „den freien Tag“. Statt Logistikprobleme zu
lösen erzählt der allseits bekannte Weiberheld lustvoll von seinen neusten
Abenteuern. Man sei doch hoffentlich nicht so blöde, und würde die Lieferkette
optimieren, ist sein nicht ganz ernst gemeinter Beitrag. Er brauche die „tote
Zeit“ für seine Schäferstündchen.  
Lagerchef Kunze hingegen nimmt die Sache ernst. Er meldet mit lauter Stimme,
dass seine Leute keine Schuld an den hohen Kosten und den vielen
Lieferengpässen träfe. Es seien die Langschläfer auf den Büros, die ihren Job
zuerst erledigen müssten. Erst dann sei er bereit, auch in seinem Stall
aufzuräumen.  
So geht es weiter, Sitzung um Sitzung. Rosskopf, total überfordert, fleht seine
beiden „Spezialisten“ an, sich doch endlich der Logistik zu widmen. Doch wie
sollten sie auch? Keiner weiss, um was es eigentlich geht – am wenigsten der
Projektleiter selber.  
Kein Wunder, dass dabei nichts, aber auch gar nichts Zählbares raus kommt.
Rosskopfs Nerven liegen blank. Selbst Isolde kann ihm nicht weiter helfen. In
ihrer Verzweiflung rät sie ihm, die Chefin höchstpersönlich mit ins Boot zu
holen. Damit mache man sie mitverantwortlich für das schwierigste Projekt,
das die Firma je durchgezogen habe. Schliesslich habe er sie vor einiger Zeit
auch mit seinem Vorschlag begeistern können, freiwillig dieses schwierige
Projekt zu übernehmen. Jetzt gerät der arme Teufel aber erst recht zwischen
die Fronten.   
„Haben sie überhaupt eine Projektorganisation gemacht?“ schreit Dr. Hösli  
Rosskopf an, nachdem ihr nach vielen vergeblichen Sitzungen der
Geduldsfaden gerissen ist.   
„Was meinen sie damit?“ stottert der Projektleiter.
„Eine Projektorganisation!“ schreit die Chefin und schlägt mit der Faust auf den
Tisch. „Sie müssen doch wissen, was sie mit dem Projekt erreichen wollen!“
Rosskopf, völlig verzweifelt:
„Wir haben uns bemüht, den Grund für die verspäteten Warenlieferungen
herauszufinden. Aber niemand will schuldig sein. Kunze meint, er könnte zwar
einige Lagermitarbeiter mehr brauchen und man müsse die halt auch besser
bezahlen. Aber er sei völlig unschuldig am Debakel. Wir sollten zuerst in der
Zentrale aufräumen als immer auf den Kleinen herum zu trampeln.  
Kegel argumentiert in die gleiche Richtung. Wenn es nicht klappe mit der
Warenlieferung seien immer die Chauffeure Schuld, meint er. Wenn er einen
neuen Lastwagen kriege, könne er auch schneller fahren und bequemer
abladen. Mehr ist aus ihm nicht rauszuholen. Ich kann auch nichts dafür, dass
diese Leute von Logistik nichts verstehen.“
„Und sie, was tun sie eigentlich bei diesen Sitzungen?“ Höslis Ton wird immer
schriller.
„Manchmal schreibe ich das Protokoll.“
„Protokoll!“ Hösli droht ein Nervenzusammenbruch. „Bis jetzt habe ich nicht
ein einziges Stück Papier gesehen. Stattdessen haben sie mich immer
vertröstet.“
Man solle gescheiter weniger schreiben, sondern handeln, versucht Rosskopf
sich  zu verteidigen. Aber wenn sie wolle, könne er nach jeder Sitzung ein
Protokoll schreiben.  
Er solle sie nicht noch mit Papier belästigen, flucht die Chefin. Dann doziert sie
zum x-Mal, was sie unter dem Projekt „Logistik“ verstehe und welche Probleme
angepackt werden müssten. Rosskopfs Augensäcke fallen immer tiefer. Ab und
zu nickt er beistimmend und tut, als habe er von der  komplexen Materie
wenigstens ein klein Bisschen verstanden. Als er sich wiederholt zur Bemerkung
hinreissen lässt, „ja, so könne man es auch sehen“, ist es um Hösli  geschehen.
Das Projekt sei beendet, keucht sie. Er müsse ihr nie mehr
Reorganisationsvorschläge unterbreiten. Nie mehr! Dann steht sie wütend auf
und hämmert die Sitzungstüre zu.     
Rosskopf ist erleichtert. Endlich hat er das verfluchte Projekt vom Hals. Ein
Mann wie er ist nicht dafür geschaffen, komplexe Probleme zu wälzen. Ein
Mann mit Unternehmerpotential wie er ist für Höheres bestimmt. Echte
Unternehmer packen an, bevor Probleme entstehen. Er spürt tief innen, dass er
zu dieser auserwählten Kaste erkoren ist.  
Trotz Ärger und Verdruss naht der nächste Seminartag mit dem emotionellen
Thema „Reorganisation“. Zuerst wird Finanzchef Ochsenbein ausgequetscht.
Das Controlling habe in diesem Betrieb einen viel zu kleinen Stellenwert,
referiert er. Wenn man ihm mehr Leute zur Verfügung stellen würde, könnte er
mehr Druck auf die ausufernden Kosten ausüben. Er schwärmt von
amerikanischen Firmen, deren Manager wöchentlich zum Kadi zitieren und zum
Teufel schicken, wenn die Resultate nicht mit den Zielen übereinstimmen.   
Was er denn mit der Informatik zu machen gedenke, hackt die Chefin  nach.
„Informatik“, höhnt Ochsenbein. „Informatik!“
Wenn Ochsenbein das Unwort nur schon hört, ist er auf zweihundert.  Auch
hier hat man den Anschluss längst verpasst. Der ganze Papierkrams wird immer
noch händisch bearbeitet. Alle Vorschläge, in die Informatik zu investieren,
wurden vom Alten abgeschmettert. Das sei teures Teufelszeug, argumentierte
er jeweils. Dafür sei er nicht gewillt, sein sauer verdientes Geld zu investieren.
Solle sich mit der Informatik befassen wer wolle. Er würde dafür jedenfalls
keinen Finger mehr rühren. Dann entfährt ihm noch eine Bemerkung, die er
gescheiter für sich behalten hätte. Er habe es endgültig satt, mit Morgenstern
und Hellebarde gegen aufgerüstete Gegner zu kämpfen, lästert er. Dann
schweigt er trotzig.  
 „Ein Rivale wäre mundtot gemacht“, geht es Hühnerwadel durch den Kopf. Die
Zeit ist reif, aufzutrumpfen:
„Ich glaube, dass die meisten immer noch nicht verstanden haben, dass der
Einkauf das wichtigste Departement in einem Detailhandelsunternehmen ist.
Dank einem klugen Patron, der mich immer unterstützt hat, und meinen
täglichen Kämpfen um jeden Rappen gibt es unsere Firma noch. Eine
Organisation wie die unsrige sollte deshalb alles der Beschaffung unterordnen.
Das heisst im Klartext, dass zukünftig auch der Verkauf unter meiner Leitung zu
stehen hat. Einkauf, Marketing und Verkauf würden somit aus einem Guss den
Markt bearbeiten, statt sich intern zu bekriegen. Mit der Unterstützung des
Finanz- und Personalwesens als Stabstellen kann ich den Umbruch schaffen
und die Firma wieder auf Erfolgskurs trimmen“.  
Mit dieser Aussage hat Hühnerwadel wieder einmal gehörig ins Wespennest
gestochen. Ob er eigentlich verrückt geworden sei, faucht ihn Ochsenbein an.
Nie und nimmer würde er unter ihm arbeiten und ein gewöhnlicher Stäbler sei
er schon gar nicht. Dafür sei seine Abteilung viel zu wichtig.
Rosskopf gibt sich moderater. Auf seine eigenen Ambitionen bezogen macht er
den Vorschlag, man könne ja den Einkaufschef dem CEO unterstellen. Dann
verplappert sich der Tölpel. Dann müsse er sich nur noch mit Hühnerwadel
rumschlagen!?
„Schön, dass ihr meinen Job bereits wegrationalisiert habt“, bedankt sich von
Hösli mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Und zu Ziege gewandt:  
„Und was haben sie für kreative Vorschläge?“
„Ich bin froh, wenn es weiter läuft wie bisher“, antwortet der Angesprochene
in leisem Ton. Und dann rezitiert er unter lautem Gelächter seiner Kollegen
wiederum einen Bibelspruch, der Hösli zur Weissglut treibt:
„Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des
Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer
Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist.“
„Ziege, noch einmal ein solcher Bibelspruch, und ich werde ihnen eigenhändig
die Gurgel durchschneiden“, entfährt es der sonst beherrschten Chefin. „Wir
sind hier an einem Seminar, verstehen sie, an einem Seminar! Im Übrigen
entdecke ich in diesem Raum weder Herrlichkeit noch Unternehmergeist. Bis
jetzt habe ich noch keinen einzigen brauchbaren Vorschlag gehört, wie wir
unsere Organisation erneuern können. Will noch jemand einen Beitrag leisten,
sonst hören wir jetzt auf und gehen an die Arbeit? Meine Geduld ist zu Ende.“
„Ja, ich“, meldet sich Mary leise. „Wenn ihr noch Zeit und Lust habt. Auch eine
Direktionsassistentin macht sich ab und zu Gedanken über die Organisation, in
der sie täglich arbeitet.“
Hösli bittet Mary freundlich nach vorne.
„Sehr geehrter Herr von Eber, liebe Kollegin und Kollegen. Es ist das Privileg der
Jugend, bestehende Grenzen zu sprengen und neue Ansätze für eine bessere
Zukunft zu entwickeln. Erlauben sie mir deshalb zuerst eine Bemerkung aus
meiner Froschperspektive. Bitte nehmen sie diese nicht persönlich. Sie betrifft
nicht nur unser Unternehmen, sondern ist Allgemeingut. Wenn die Energie, die
für interne und externe Machtkämpfe positiv eingesetzt würde, gäbe es viel
mehr erfolgreiche Unternehmen und vor allem gesündere, glücklichere
Menschen. In den gängigen Organisationsstrukturen ist dies jedoch nur schwer
möglich. Solange wir uns in den Häuschen von Organigrammen festbeissen und
krampfhaft versuchen, darin nach oben zu klettern, verlieren wir das
Wesentliche, nämlich das Wohl unserer Firma, unserer Kunden und Mitarbeiter
und nicht zuletzt auch unser eigenes Wohlbefinden aus den Augen. Solange wir
glauben, wir könnten durch Handbücher und Weisungen die Komplexität eines
Betriebes managen, sind wir auf dem Holzweg“.  
„Aufhören!“ schreit Hühnerwadel. „Tun sie weiter ihre Pflicht und schreiben sie
Protokolle, Mary. Aber von Unternehmensführung verstehen sie wirklich
nichts. Sie sind hier mit Leuten aus dem obersten Kader zusammen und nicht
auf einer Veranstaltung des faulen Sozialistenpacks.“
Hühnerwadel hätte weiter losgewettert, wenn sich nicht der alte Patron über
die Äusserungen dieses Frechlings tödlich aufgeregt hätte. Jetzt donnert er in
seiner bekannten Art los:
„Hühnerwadel, noch so eine dumme Bemerkung und sie fliegen raus! Ich habe
von unserer Direktionsassistentin in den Seminaren gescheitere Dinge gehört
als von einigen Herren, die dahocken und sich wahnsinnig wichtig vorkommen.
Bitte, Mary, fahren sie fort:
„Danke, Herr Präsident“, antwortet Mary mit zittriger Stimme, und kommt zu
ihrer Kernaussage, dass man Hierarchien eigentlich abschaffen solle.
Jedermann müsse dann einen Teil der Verantwortung fürs Ganze übernehmen.
Ihr Ansatz sei, zu verbinden, zu vereinen, statt wie es heute üblich sei, alles in
noch kleinere, letztendlich unkontrollierbare Einheiten aufzulösen. Eine solche
Organisation würde sich selber managen und müsste nicht mehr von
machthungrigen Menschen regiert werden.  
Damit ist das Thema für weitere Diskussionen gefunden. Mary erkennt die
Komplexität ihres Vorschlages, beharrt jedoch auf ihren Grundsätzen, während
sich einige Exponenten fragen, wie man überhaupt auf solche Ideen kommen
könne.  
Hühnerwadels feiern am selben Abend ihre bereits sechs Monate dauernde
Partnerschaft. Die beiden amüsieren sich in einem heissen Etablissement. Auf
dem runden Tischchen vor ihnen thront ein Champagner Kübel. Genussvoll
schnuppern sie am vollen Glas und geniessen den ersten Schluck.  
„Schmeckt wie Holundersirup“, witzelt Hühnerwadel. Dann geht der schwere,
dunkelrote Vorhang auf. Hunderte farbige Lichter blinken. Joe Cocker dröhnt
aus den riesigen Boxen. Auf der Bühne tanzen ein  Duzend Drag Queens. Es
dauert nicht lange, dann klatschen die Zuschauer im Rhythmus der heissen
Musik mit. Die Stimmung steigt von Minute zu Minute. Alle stehen auf und
wippen hin und her.  
„Ihr solltet in euren furztrockenen Filialen diese Burschen einstellen“, ruft
Ludmilla ihrem Partner zu. „Dann geht auch bei euch die Post ab!“
Hühnerwadel erwidert lachend, er würde seiner stinklangweiligen Chefin den
Vorschlag machen. Aber die sei nicht interessiert an guten Ideen. Sie kopiere
lieber die Konkurrenz und verschenke die Ware zu Sonderpreisen. Das koste
Marge und gehe letztendlich am Gewinn ab. Auf ihn höre ja niemand. Man
jammere lieber über ungenügende Ergebnisse und stemple ihn zum
Sündenbock.  
Das werde sich schnell ändern, wenn er der Boss sei, beschwichtigt Ludmilla.
Aber jetzt wolle man fröhlich sein und nicht übers Geschäft reden.  
Madeleine Hösli nimmt noch am gleichen Abend den Telefonhörer zur Hand
und gratuliert Mary zu ihrer mutigen Präsentation. Es sei in dieser schwierigen
Phase wichtig, dass sie sich auf Menschen wie sie verlassen könne. Es gäbe in
nächster Zeit noch einige Veränderungen. Sie solle tapfer weitermachen. Die
Assistentin, erfreut über den unerwarteten Anruf, bedankt sich für den
erneuten Motivationsschub.  
Ziege bestätigt seiner Frau freudenstrahlend, dass er auch zukünftig keine
Verantwortung übernehmen müsse. Sie flüstert ihm liebevoll ins Ohr, dass sie
daran ebenfalls ihren Anteil hätte. Sie hätte für ihn nicht weniger als sieben
Rosenkränze gebetet. Sie hoffe, dass das Thema des nächsten Seminars
weniger anspruchsvoll sein werde. Sieben Rosenkränze an einem Band seien
selbst für eine Frau wie sie eine echte Herausforderung.           
Am Verrücktesten geht es einmal mehr bei Rosskopfs zu und her. Als Isolde
erfährt, dass ihr Herr Gemahl trotz diversen anstrengenden Literaturabenden
keinen einzigen Vorschlag zur Neuorganisation vorbringen durfte, verfällt sie in
einen Weinkrampf, verdammt ihn als Schlappschwanz und Schlimmeres. Dann
brüllt sie, sie würde erst wieder mit ihm schlafen, wenn er den Vertrag für den
CEO Posten im Sack habe.  
Das ist selbst für einen Masochisten wie Rosskopf zu viel. Er kann nicht mehr
und  dreht durch. Mit einem Besenstil drischt er wild auf seine Tyrannin ein und
weicht geschmeidig ihren mächtigen Tatzen aus. Als er sie mit einem präzisen
Schlag am Hinterkopf erwischt und sie benommen zu Boden geht, würgt er sie
solange, bis ihre Augen hervor treten. Glücklicherweise kommt er wieder zu
sich und lässt von seinem Opfer.
Isolde schnappt gierig nach Luft. Dann gurgelt sie  einen Satz, den Rosskopf nie
vergessen wird:  
„Fast hättest du mich umgebracht, du Scheusal. Aber du hast gehandelt wie ein
Mann, ein richtiger Mann. Komm, Schatzi, nimm mich!“


 
 

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