Rudolf Schandalik / Das Kind, die Bank und der Tod / Leseprobe

Exposè

 

 

Nach den in den ersten drei Kapitel des ersten Teiles (siehe „Textbeispiel“), in denen schon ansatzweise mit den Charakteren der wichtigsten Personen (Kommissar Schilling, Staatsanwalt Preinfalk und die Journalistin Sue Palmer auf der einen Seite, der Anwalt K.H.Karrer und der erst später eingreifende Graf Poloypü auf der anderen Seite) vertraut gemacht wird, führt der Handlungsstrang weiter.

Der Hergang des für das Kind tödlich ausgehenden Unfalles an der Höhenstrasse, werden von der vorerst vermeintlichen Mutter, einer Frau Jäger, dargestellt. Die, wie es sich herausstellen wird, richtige Mutter des toten Kindes, die Gattin des fast zur selben Zeit nach einem Schlaganfall verstorbenen Franz Minich, die Michaela Minich, wird in einem Jagdhaus am Rande Wiens nach schweren Kampf umgebracht.

Auf die Vorgeschichte, die zu ihrem Tode führt, wird ansatzmäßig jetzt schon, aber ausführlicher dann im zweiten Tein des Textes eingegangen. Hier betritt Graf Poloypü die Bühne, der, mit Hilfe seines Anwaltes Karrer, Frau Minich sowohl einen großen Teil des Erbes, als auch ihr Kind abluchsen will. Er will, sollte Frau Minich vorzeitig sterben, der Vormund des Kindes werden. Um an das große Geld zu kommen!

Posthume Zweifel an der Ehrlichkeit des Herrn Minichs kommen auf, er war Immobilienmakler gewesen, der durch Fleiß groß geworden ist und mannigfaltige Kontakte auch in die Politik aufbauen konnte. Durch die Diagnose einer schweren, irreparablen Herzkrankheit geschockt, zieht er sich aus allen Geschäften zurück und will seine letzten Jahre im einfachen, ja ärmlichen Landleben Zuflucht finden. Nach Stabilisierung seines Krankheitsbildes will er noch eine Phase des Glücks erleben, reist, als reicher Mann, nach München, lernt dort seine Frau Michaela kennen, die er, nach neuerlichem gesundheitlichem Rückschlag, wieder verlässt. Er wird nie von der Existenz seines Kindes Kenntnis bekommen.

Der Kampf ums Erbe beginnt.

Nachdem der Anwalt K.H.Karrer ins Zwielicht kommt, ihm schwerste Vergehen, inklusive dem Mord, beziehungsweise der Anstiftung zu diesem, bewiesen werden, bricht dieser zusammen und packt über den Ursprung des immensen Reichtums Minichs aus. Über, schon früher nur angedeutete Kontakte zur Politikszene eines Bundeslandes, kann er ein Immobiliengeschäft abwickeln, das ihm diesen Reichtum einbringt. Die Bank dieses Bundeslandes scheint zuviel Geld zu haben, das sie ausgeben will, ja muss. Minich konstruiert ein Projekt in Kroatien, das durch Mithilfe der Politik dieses Landes alle Gremien der Bank durchlaufen konnte. Eine immens hohe Summe wird kreditiert, die dann aber über mannigfache Umwege letztlich bei einer Minich zuzuschreibenden Ermessungsstiftung in Liechtenstein gelandet ist. Dies wird dann später auch zum Gegenstand parlamentarischer Untersuchungen werden. Und das Immobilienprojekt wurde nie realisiert.

Der Kampf um diese zig-Millionen entbrennt, besonders der als Lobbyist bekannte Graf Poloypü und auch sein Anwalt Karl-Heinz Karrer sind involviert. Doch sie haben nicht mit der Hartnäckigkeit und investigatorischer Schlauheit des Kommissar Schilling, des Staatsanwaltes Preinfalk und der medial recherchierende Journalistin Sue Palmer gerechnet.

Das Kind der Frau Minich ist bei dem absichtlich ausgelösten Unfall auf der Höhenstrasse gestorben, Frau Minich selbst ist ermordet worden, was aufgedeckt werden konnte, aber auch die dubiosen Deals Minichs bleiben nicht ungesühnt.

Nur einer ‚überlebt’, bildlich gesprochen, alle Anfechtungen, auch wenn die Frequenz seiner Gerichtsauftritte zugenommen haben. Der Beweis einer Mitschuld kann ihm nicht nachgewiesen werden: Graf Poloypü.

Eine Ähnlichkeit realer Vorgänge um die Bank eines südlichen Bundeslandes und deren Politiker soll gar nicht geleugnet werden. Nur schon medienbekannte Vorgänge und Recherchen des Untersuchungsausschusses wurden verwendet.

 

Zusammenfassung:

Der als zentrales Ereignis dargestellte Betrug in der Finanzwelt wird zum Ausgangspunkt für den Tod eines 4-Monate alten Babys und dem Mord an dessen Mutter.

 

S. 260

 

 

Leseprobe

 

 

 

Fall zwei für

›Schilling, Doktor, Kommissar‹

Der Wien-Psycho-Thriller

 

 

TEIL EINS

 

Schilling steht am Fenster in seinem Büro in der Polizeidirektion und schaut auf die menschenleere Straße. Es ist Juli, und dieser Tag hält es für seine Pflicht, der heißeste des Monats zu werden. Eine schwüle Hitze hängt über Wien. Wie ein Leichentuch.

Der erlösende Regen ist längst überfällig, im Fernsehen zeigen sie die versengten Felder, ausgedörrte Mais- und Sonnenblumenfelder, von tiefen Rissen durchzogen, ausgebrannt im gleißenden Licht. Wien, das Land sehnt den Regen herbei. Vom blauen, wolkenlosen Himmel strahlt die Sonne und saugt die letzten Tropfen Feuchtigkeit aus der Erde. Vor ihm, unten, im kleinen Grünstreifen entlang der Fahrbahn, ist das Gras braun, die paar erst vor Kurzem gepflanzten Bäume lassen die schon frühzeitig verwelkten, vertrockneten Blätter zu Boden segeln. Kein Lüftchen rührt sich. Wer jetzt noch in dieser Stadt ist, ist selbst schuld. Die Aggressionen der Menschen steigen an, jede Kleinigkeit kann zur Explosion führen. Oder zur Abreise.

Ohne anzuklopfen stösst Dr. Preinfalk die halboffenstehende Türe zum Allerheiligsten der Wiener Mordkommission ganz auf. Der großgewachsene Hühne aus dem Ybbstaler Alpenvorland kann die bäuerliche Abstammung nicht verbergen. Alles ist groß an ihm, Hände, Füße und der nur mehr spärlich behaarte Kopf. Die lächelnden Augen, das freundliche Gesicht, die ungelenke Gestik nehmen jeden für ihn ein. Max ist ein zu groß gewordenes Kind geblieben. Alle mögen ihn. Ein Staatsanwalt, der sich Anerkennung verschafft hatte und doch ein Staatsanwalt zum Anfassen geblieben ist.

 

»Hallo, Schilling, hältst du nach etwas Konkretem Ausschau da unten?«

»Nein, Max, ich beobachte nur die Straße und denke über die Menschen hier nach, wie sehr der Aggressionspegel an so einem heißen Tag ansteigt.«

»Wie gehts Fritzi? Hab schon Wochen nichts mehr von ihr gehört!«

»Meine Fritzi sitzt über den letzten Kapiteln ihrer Diplomarbeit, kannst dir doch vorstellen, wie angespannt sie ist! Weißt, sie hat sich im Waldviertel für zwei Wochen einquartiert, um in Ruhe schreiben und arbeiten zu können.«

»Ja, das versteh ich. Damals, in den letzten Zügen meines Studiums hat meine Maria es auch nicht einfach gehabt mit mir. Später sagte sie mir, ich glich zu jener Zeit mehr einem brummelnden Braunbären aus den Voralpen als einem menschlichen Wesen!« Dabei verziehen sich seine Gesichtszüge in ein aufgekratztes Lächeln.

 

Dr. Preinfalk stellt sich neben Dr. Schilling ans Fenster. Er nimmt seine allgegenwärtige Pfeife aus der Hosentasche und nuckelt an dieser.

»Verdammt heiß heute«, sagt der Staatsanwalt in einem Tonfall, der kaum eine gesteigerte Arbeitslust auszudrücken vorgibt.

Schilling nickt, »Die trockene Hitze treibt den Schweiß aus allen Poren.»

 

»Was gibts Neues? Du sagtest was von steigenden Aggressionen?«, fragt Max. »Habt ihr was davon bemerkt?«

»Der Wagen wurde gefunden, du weißt, der an der Fahrerfluchtgeschichte beteiligt war.«

»Was war da genau?«

»Der Wagen hat das Auto einer Frau Jäger gerammt!«

Max erinnert sich, »Wobei das Baby getötet worden war? Da werden wir streng sein müssen, ein Baby wurde getötet! Ein Baby! Und die Mutter, war sie die Lenkerin? Auch verletzt?«

»Nicht der Rede wert, nichts Wesentliches. Fürchte, dass mit der Strenge wird nicht so einfach werden!«

»Warum?«

»Die Besitzer des Wagens behaupten steif und fest, sie wären nicht gefahren! Das Auto wäre ihnen gestohlen worden und ich muss ihnen glauben!«

»Wer sind diese Leute?«

»Franz und Eva Graf aus Waidhofen. Sie wohnen derzeit in einer Garçonnière in der Gersthoferstraße, die haben diese für eine Woche oder so gemietet.«

Max geht dies mit dem Baby nicht aus dem Sinn, »Wo wurde das Auto gestohlen?«

»Praktisch direkt vorm Haus. Da ist kein Parkverbot in Währing draußen.«

»Noch nicht! Wird auch noch kommen, wenn der Bezirk einmal ›grün‹ wird, wirst es schon noch sehen! Aber, der Unfall ereignete sich am frühen Nachmittag, stimmt das?«

»Gestern um 14 Uhr 35. Oben auf der Höhenstraße, Richtung Tulln hinunter. Frau Jäger hat ausgesagt, sie wollte einem in überhöhten Tempo fahrenden Wagen ausweichen, in der 50-km-Begrenzung! Und ist über den Straßenrand hinausgedrückt worden! Schrecklich! Die Mutter, die Frau Jäger, hat nur ein paar Kratzer.«

»Und wie seid ihr auf den Fahrerfluchtwagen gekommen?«

»Sie hat nur ein ›WY‹ am Nummernschild erkennen können. Genaueres, die Ziffern konnte sie nicht sagen. Einer Streifenpolizistin ist aber der am linken Kotflügel beschädigte Wagen mit dem seltenen ›WY‹ aufgefallen, das linke Vorderlicht war demoliert, an der Karosserie mehrere Kratzer. Man hatte das Auto heute nur einige Gassen von der Gersthofer-straße Richtung Herbeckstraße abgestellt gefunden, fast nebenan, wo es gestohlen worden war.«

»Wie war es den gestartet worden«, fragt Max betroffen.

»Ach, ist so ein älteres Auto. Da hat jemand die Zündung kurzgeschlossen!«

»War der Wagen nicht versperrt?«

»Nein, sagen die Grafs«, meint der Kommissar.

»Eigenartig! Welcher Idiot lässt sein Auto unversperrt?«

»Es handelt sich um ein Uralt-Auto. Ein Cabrio, das seinen besten Zeiten schon lange nachtrauert. Sie behaupten, das eine Fenster klemme und war halb offen geblieben. Schau, das Foto, irgendwie erinnert es mich an was.«

»Sam Schilling! Schaust du nicht fern? Das kann ich dir schon sagen: Sieht aus wie dieses Peugeot-Cabrio vom Columbo. Glaub nicht, dass dieses versperrbar war. Das Stoffdach war auch hin.«

»Von welchem Auto?«

»Ich meinte das vom Columbo. Und die Grafs, können die beweisen, dass sie nicht selbst gefahren sind?«

»Ja, Max, sie waren in der Albertina. Die Eintrittskarten hatten sie noch, sie waren mit der Straßenbahn in die Stadt gefahren. Sogar die Fahrscheine hatten sie noch! Entwertet mit Datum und Uhrzeit!«

»Also ein komplettes Alibi!«

»Ja, und nach dem Besuch der Albertina wollten sie noch ins Maria-Theresien-Schlössel, dem neurologischen Krankenhaus im Neunzehnten. Den Professor dort kenne ich gut, ich hab Hans, Professor Bandon, schon angerufen. Er bestätigte, dass der Bruder von Frau Graf einen Schlaganfall erlitten hatte und seit zwei Wochen dort betreut wird. Dem Herrn Minich ginge es gar nicht gut, sagte er. Vorgestern abends habe er einen neuerlichen Schlaganfall gehabt.«

»Schlimm. Und wer ist der Minich?«

»Ach, der hat ein kleines Häuschen im Marchfeld. Eigentlich wollte ich jetzt ins Spital fahren, Hans sagte am Telefon, er versuche ständig was zu sagen, so wie ›Schlüssel‹. Und wie ›Polizei‹. Und ›Schilling‹.«

»Was?«

»Nichts Eindeutiges, aber Hans meinte, es klang so, wie wenn die Polizei, wie wenn ich zu seinem Haus gehen sollte. Irgendwas will er von mir.«

 

Max kommt wieder auf den Unfall auf der Höhenstraße zurück, das mit dem Baby lässt ihn nicht los! »Warum sollte jemand einen Wagen in der Gersthoferstraße stehlen, dann einen Unfall bauen und den Wagen fast an die gleiche Stelle wieder zurückbringen, an der er ihn gestohlen hatte?«

Schilling schüttelt den Kopf, »Wenn ich das nur wüßte!«

»Und keine Fingerabdrücke? Im Auto?«

»Nichts, Max, die Kollegen von der Spurensicherung haben nichts gefunden, weder auf dem Lenkrad, noch sonst wo, alles fein säuberlich abgewischt. Auch das spricht dafür, dass die Grafs die Wahrheit sagen. Die hätten das sicherlich nicht getan! Wer wischt schon das Lenkrad und den Schaltknüppel ab, wenn er gerade gefahren ist?«

Max nickt zweifelnd. »Was sind das für Leute? Kenn ich ja gar nicht, du darfst nicht vergessen…«, da wird er schon von Schilling unterbrochen, »…dass du auch aus Waidhofen bist! Ich weiß, ich weiß, eine schöne Gegend, und die Stadt klein, aber fein! Er hat eine Graphikwerkstatt, ein Einmannbetrieb dort bei Waidhofen, der Ort soll Böhlerwerk heißen. Ist etwa so um die fünfundvierzig, eher schon fünfzig, ein Zwergerl gegen Dich!«, lächelt Schilling. »und sie etwa gleichalt, vielleicht etwas älter, hat aber in der Familie die Hosen an! Und fast deine Statur. Die sagt, was sie meint! Und meint auch, was sie sagt! Das Gespräch mit denen war sehr eindeutig!«

 

Schillings Telefon läutet, der Staatsanwalt, schon im Begriff zu gehen, wartet noch, bis Schilling den Anruf entgegen nimmt.

»Mordkommission Schilling!«

 

Eine Frauenstimme, er stellt das Telefon sofort auf laut, fängt in rasendem Tempo zu reden an. »Ich bin Michaela Minich, ich war am Westbahnhof mit meinem kleinen Mädchen und wartete dort auf Bekannte, die mich abholen sollten. Da traten Leute auf mich zu und fragten mich, ob ich Michaela Minich sei. Als ich bejahte, sagten sie, draußen wäre die Polizei, die mich sprechen müsse. Ich ging mit ihnen durch die Tür zu einem Auto, in das sie mich zerrten. Es ging alles so schnell! Und fuhren mit mir weg. Mein Baby ist am Bahnhof auf einer Bank liegen geblieben, auch mein Gepäck. Ich hab so eine Angst gehabt, dass ich nichts vom Baby sagte. Ich hab befürchtet, sie könnten ihr was antun.«

Schilling unterbricht sie, »Wo sind Sie denn momentan?«

Die Frau geht nicht darauf ein, »Bitte beschützen Sie mein Baby, es ist allein am Bahnhof, und in großer Gefahr! Auf der Bank, neben dem Zeitungsgeschäft. Bitte können Sie–«, da bricht die Stimme ab, zuerst noch ein gellender Schrei und dann eine keuchende Männerstimme, »Weg mit dem Telefon…« lautes Poltern. Aus.

 

»Die hat aber schnell gesprochen! Wie ein Maschinengewehr! Hat doch irgendwie ehrlich geklungen«, sagte der Staatsanwalt Preinfalk. »Aber es kommen doch immer so verrückte Anrufe!«

»Weiß schon, aber diese Männerstimme und das Gepoltere, wie wenn jemand umgestoßen wird! Wie ein Niederstürzen! Oder vielleicht, wenn jemand aufs Handy draufsteigt? An die Wand wirft?«

»Sie sagte auch, sie heiße Minich!«

»Kann auch sein, dass es nur so ähnlich war! Wir müssen aber zum Bahnhof!«

»Fahrst du mit mir mit?«

»Natürlich!«

 

Gut acht bis zehn Minuten später sind sie mit dem Einsatzwagen am Bahnhof. Alles ist so, wie es immer ist, viele Menschen, gehend, laufend, herumstehend, angelehnt an das Geländer. Ein dreijähriges Kind weint, einige alte Männer sitzen auf einer Bank, still vor sich hin starrend. ›Wollen nur nicht zu Hause allein sein‹, denkt Max.

 

Neben dem Zeitungsladen, auf einer langen Bank für die Wartenden, war ein Mann in ein Taschenbuch vertieft, tiefroter Umschlag, wie oft bei Krimis. Dicht bei ihm auf dem Fußboden ein Aktenköfferchen. Der Mann ist gut gekleidet, trotz der bleiern in der Luft hängenden Hitze.

»Die Luft ist zum Schneiden«, sagt Schilling, und dann sieht er es, auf dem Sitz knapp daneben, ein typisches Baby-Trage-Liegegestell und ein Trolley, so nahe, wie wenn dies alles zu dem Mann gehörte.

Schilling stürzt sogleich hin: Das Baby schläft ruhig und selig. Die nackten Füßchen strampeln ein wenig im Schlaf.

Max Preinfalk ist fassungslos, »I werd´ narrisch!«, prustet er halblaut, wie zur Salzsäule erstarrt das Kind anglotzend.

 

Schilling läuft zum Zeitungsgeschäft, die Verkäuferin dort hat nichts gesehen, hatte zu viel zu tun, als dass sie auf anderes achten konnte. Max Preinfalk fragt den danebensitzenden Mann, dieser, der grad aufstehen wollte, sagt auf die direkte Frage, »Lag das Baby schon dort, als Sie sich hingesetzt haben?« »Nein, ich glaube, es war nur eine Frau da…Halt…ja, so war es. Das Baby und die Frau waren da, das Kleine in der Trageliege oder wie man das nennt. Habe nur kurz hingeschaut und dann in meinem Buch weitergelesen, der Krimi war gerade so spannend.«

»Wissen Sie, wann die Frau weggegangen ist?«

»Nein, da hab´ ich wirklich nicht aufgepasst!«

 

Preinfalk, durch seine Statur schon machtvoll wirkend, ruft laut, »Einen Augenblick, meine Herrschaften, bitte horcht einmal her!«

Einige der Menschen wenden sich zu dem beeindruckenden Mann, »Dies ist Kommissar Doktor Schilling, er hat ein paar Fragen an Euch!«

Schilling ruft laut, um sich im Trubel bemerkbar zu machen, »Wir müssen die Mutter dieses Baby finden! Weiß jemand, wo sie ist? Hat sie jemand gesehen?«

Still wurde es, die Menschen schauen sich an, fangen miteinander, nicht mit dem Polizisten, leise zu flüstern an.

Eine um die Hüften sehr starke Frau, die in Begleitung zweier anderer ist, hebt ihre Stimme an, den kleinen Pappkarton mit den Würstchen noch in der Hand haltend, »Ich hab sie gesehen!«, sagt sie ganz ruhig und langsam, und steckt das letzte Wurstende in den Mund.

Schilling dreht sich zu ihr, »Wie lange ist dies her?«

»Vielleicht zehn, fünfzehn Minuten?«

Sie geht ein paar Schritte zum Abfallkübel hin, entsorgt sorgfältig den verschmierten, noch einen Rest Senf aufweisenden Pappteller. Dann wendet sie sich wieder Schilling zu.

»Können Sie die Frau beschreiben?«

»Na, sie war so um die Fünfundzwanzig«, sich den Mund mit einem Taschentuch langsam, übersorgfältig abwischend, »sicher keine dreißig! Berta, du hast sie doch auch gesehen?«

Die neben ihr stehende deutlich zartere Frau schüttelte nur den Kopf, die dritte Dame, etwas seitlich, groß und hager, blickt auffallend missbilligend drein, wie wenn sie nicht verstehen könne, dass sich ihre Freundin überhaupt gemeldet hat. Und Würstchen hatten diese auch keine verzehrt.

»Sie trug eine hellbraune Jacke, ja etwas dunkler als flachsfarbiges Leinen, den passenden Rock, eine hellrosa Bluse. Eine hübsche Frau! Auf die gelblichen Handschuhe erinnere ich mich besonders! Eher so ganz hell gelblich waren die.«

»War sie blond, braunhaarig, schwarzhaarig?«

»Blond, da bin ich mir ganz sicher!«

»Wie heißen Sie?«, fragte Dr.Preinfalk.

»Eva Huber.«

»Wie lange sind Sie schon hier?«

»Na, vielleicht eine halbe Stunde, nicht viel mehr.«

 

Schilling versucht noch, die anderen Leute auszufragen, aber niemand habe etwas gesehen. Frau Eva Huber bleibt die Einzige, sie gibt noch Schilling ihre Adresse und die Handynummer. Dann wandte sich das ungleiche Damentrio Richtung Bahnsteig.

 

Max, mit einem Lächeln auf den Lippen, sagte zu Schilling, »Ja, mein Freund, es sieht so aus, als ob wir das Baby nun hätten!«

Schilling kontert, »Und einen Fall von Kindesweglegung und wahrscheinlichem Menschenraub!« Er ruft nun die Einsatzzentrale an, sollen sich doch die Kollegen weiter befassen.

Zu den noch herumgaffenden Menschen sagt er mit ruhiger Stimme, »Wenn ihr die Frau nicht gesehen habt, könnt ihr uns auch nicht weiterhelfen!«

Das Baby schläft ruhig und friedlich in seiner Liege. Eine freche Fliege hat sich auf das kleine dicke Däumchen gesetzt, und Preinfalk, der sich etwas am falschen Platz vorkommende Riese, beschäftigt sich intensiv damit, dies unnütze Flugungetier vom kleinen Babydaumen zu verscheuchen.

 

Inspektor Stahl, der Erste, der eintrifft, ein übermäßig stark beleibter Mann, ist begleitet von einer zarten Polizistin, neben ihm keinesfalls zur Geltung kommend, sie verhält sich so, als wollte sie sich hinter ihm, der den starken Mann markiert, verstecken. Die Zwei wirkten wie Stan Laurel und Oliver Hardy, denkt sich Schilling. Stahl schwitzt übers ganze Gesicht, der Schweiß fließt in Strömen. Es ist, wie wenn er schmelze. Schilling informiert sie rasch und sagt nun zu Max Preinfalk, »Wir haben ein Baby bekommen!«

»Wir?«

Dann mutmaßt er, »Max, glaubst du nicht, deine Frau würde sich freuen, das Kindchen vorübergehend aufzunehmen?«

Max Preinfalk, der Staatsanwalt, wurde plötzlich weich. »Ja, ich frag sie, wie ich sie kenne, nimmt sie mit Freuden das Kleine!«

 

Er informiert die eingetroffenen Kollegen, »Ich nehme das Kind zu uns. Da ist es doch sicher besser aufgehoben als bei der Fürsorge!«

»Gehen wir, Schilling, ich ruf daheim an.«

 

 

2

 

Preinfalks Haus ist ein Zufluchtsort an den Abhängen in Neuwaldegg, schon ganz am Rande der Stadt, in den Wienerwald hinein. Das alte Haus strahlt Ruhe, Zufriedenheit aus, und ein ehemaliges Landhaus aus der Monarchiezeit muss über eine mit Weinranken bewachsene Holzveranda verfügen, die einen kühlen Ruheplatz nach der Hitze der Stadt verspricht. Das geht doch gar nicht anders. Aus den wild wuchernden Ranken und von umgebenden, Schatten spendenden hohen Bäumen strömt eine kühle Feuchtigkeit.

Die Hausfrau, Maria, ihrem Mann in Größe und Freundlichkeit kaum nachstehend, hat gelernt, das Leben von der philosophischen Seite zu nehmen und nur die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu beachten. Eine Welle von Ruhe und Tüchtigkeit geht von dieser Frau aus.

 

Wie sie ankommen, wacht das Kind auf. Und wird sofort von der Mütterlichkeit der Frau in Beschlag genommen. Sie nimmt die Kleine mit der Trage und verschwindet im Haus.

»Soll ich dir helfen«, ruft ihr Mann.

»Nein, nein, ich komme schon zurecht. Sie ist nur hungrig, die Kleine!«

»Ja ja, du schaffst es schon!«

Er grinst etwas hilflos, entspannt. Er weiss, was es für seine Frau bedeutet, ein Kindchen zu versorgen, zu umhätscheln! Wie viele Jahre hatte er, hatten sie beide auf so einen Augenblick der Freude gewartet, des Glücks, ein Kind hier bei sich zu haben. Er weiß, wie es seiner Frau jetzt zumute ist, was sie fühlt.

 

Schilling zieht seine Jacke aus, wie auch dies der Staatsanwalt macht. Schon Jahre sind sie befreundet, er, der schon etliches über die Fünfundfünfzig hinausgehende Staatsanwalt, mit dem gut zwanzig Jahre Jüngeren. Und seit zu dieser Freundschaft noch Fritzi, Schillings ›Verlobte‹, wie er sagt, dazu gestoßen ist, sind sie noch enger verbunden. Preinfalk, fast noch mehr seine Frau, sind ein wenig zu Ersatzeltern geworden.

 

Schilling hat sich, seit seiner Beziehung zu Fritzi, völlig gewandelt. Die junge Polizistin, nebenbei Studentin an der BWL, hat den schon etwas eigentümlich zu werden drohenden Kommissar umgemodelt. Zum Glück, das er mit ihr gefunden hat, kam die Entspannung. Die Ruhe, die Schilling nun ausströmt, ist in Fritzi, seiner Fritzi, begründet.

 

Beide, der Ältere und der Jüngere, sitzen nun auf der Veranda dieses heimeligen Hauses, Max hat Sam eine leichte Zigarre angeboten, beide rauchen wortlos. Nach einer Weile stößt Maria zu ihnen, ihre mütterlich glücklichen Augen strahlen die Männer an. Maria Preinfalk ist keine Frau, die mit allen Tricks ihr Alter verbergen will. Keinen Beautysalon hatte sie je von innen gesehen, trotzdem ist sie, oder gerade deswegen, schön. Eine große, kräftige Frau, die Freundlichkeit, die Liebe ausstrahlt. Sie freut sich ihres Lebens, das sie an der Seite ihres Mannes verbringt. Das Schicksal hat sie sehr hart auf die Probe gestellt, das ersehnte Kind war ihnen versagt geblieben. Sie haben auch dies überwunden. Überwinden müssen!

Schilling, und nun auch Fritzi, fühlen sich immer sehr wohl, wenn sie bei Preinfalks zu Gast sind. Sie wacht über ihn, nun auch über Fritzi, mit einer mütterlichen Besorgtheit. Jedoch mit genügend Takt, um ihre Nase nicht in deren Angelegenheiten zu stecken.

 

Max, wie sie auf die Veranda herauskam und sich, wie selbstverständlich, auf die Armlehne seines breit ausladenden Sessel setzt, fragt sie, »Maria, konntest Du etwas herausfinden?«

»Die Mutter des Kindes muss sehr gewissenhaft sein, in der Tasche unter der Kinderliege war eine Broschüre über Kinderernährung und Pflege, ein Päckchen mit Kindermilch, ein Fläschchen, passende Nahrung, ein kleiner Löffel, ja sogar der Mutter-Kind-Pass war dabei.«

»Das klingt ja, wie wenn alles vorbereitet worden wäre!«

»Und in dem Trolley, den wir dir gegeben haben?«

»Da habe ich nicht hineingesehen. Ich dachte, es würde besser sein, wenn Sam dabei wäre. Du, mein Herr und Gebieter, kannst ja sitzen bleiben und weiter dem Laster des Rauchens frönen«, vermeldete sie mit einem Lachen auf ihrem Gesicht.

»Sam, da siehst du wiedereinmal, wie ich unterdrückt und geknebelt werde. Madame will mich nicht dabei haben, wenn es ums Eingemachte geht«, grinst Max maliziös.

 

Sam Schilling steht auf, folgt, vermeintlich gehorsam, der älteren Freundin. Jetzt wäre es gut, Fritzi hier zu haben, geht ihm durch den Kopf. Der Polizeipräsident hatte Fritzi bis zum Uni-Abschluss freigestellt, und die paar Wochen noch, wird er schon aushalten ohne sie. Auch wenn es sehr schwerfällt.

 

Keine fünfzehn Minuten später, Schilling kommt zurück auf die Veranda, sich mit einigen Papieren Luft zufächelnd, und fragt den Max Preinfalk: »Kannst du eine Überraschung vertragen, Max?«

»Was ist den los?«

»Die Mutter ist wirklich Minichs Frau! Und das Kind ist seine über vier Monate alte Tochter Ruth!«

»Also doch Franz Minichs Frau«, ruft Max erstaunt aus.

»Jawohl, ich hab es am Telefon richtig verstanden, Minichs Frau Michaela!«

»Aber-, aber ich stellte sie mir als eine junge, hübsche Frau vor!«

»Das ist sie auch! Im Trolley fand sich ein Hochzeitsfoto. Auch die Hochzeitsurkunde!«

»Wann haben sie denn geheiratet? Und wo?«

»Die Urkunde ist in München ausgestellt. Auch das Foto zeigt das bekannte Rathaus im Hintergrund. Und die Hochzeit war vor sechzehn Monaten! Schau es dir an!«

»Wow, ein schönes Paar! Der Minich kann aber sein Alter nicht verbergen, würde ihn so um die fünfzig, sechzig schätzen. Und hat schon einen Schlaganfall erlitten! Schrecklich! Als frischgebackener Vater!«

»War aber kein professioneller Fotograf, der dies geschossen hat«, gibt Schilling abfällig kund, »schau doch, nicht einmal richtig scharf ist es!«

 

 

Der Portier im Maria Theresien-Schlössel im 19. Bezirk verweist die zwei Ankömmlinge hinauf auf die Bettenstation. Schilling bittet ihn noch, den Professor zu verständigen.

Als sie im zweiten Stock ankommen, in Anbetracht der Hitze sind sie mit dem Lift gefahren, treffen sie schon auf Prof. Hans Bandon. Wie wenn er sie erwartet hätte!

»Kommissar! Wie nennts du dich? Schilling, Doktor, Kommissar? Hab dich schon lange nicht mehr gesehen!«

»Grüß dich, ist ja schon fast ein Jahr her, als wir uns zum letzten Mal getroffen haben! War das nicht in einem Konzert?«

»Ich glaub, im Musikverein. Oder doch im Konzerthaus? Nun aber zu dem Herrn Minich. Ich muss dir leider mitteilen, er ist vor einer guten Stunde verstorben! Der zweite Anfall war letztlich zu viel für ihn. Und,« zu Preinfalk blickend, »darf ich überhaupt dies vor Ihnen sagen?«

»Ich habe mich nicht vorgestellt: Staatsanwalt Dr. Preinfalk.«

»Gut, grüß Gott. Der erste Anfall vor gut einer Woche war schon sehr schlimm gewesen, er ist viel zu spät zu uns gebracht worden. Die ersten Stunden sind ausschlaggebend! Nach vier, fünf Stunden sind irreparable Schäden zu erwarten. Außerdem war er schwer herzleidend, die Herzkranzgefäße waren massiv verkalkt.«

»Hat er noch etwas sagen können, bevor er verstarb?«

»Klang so, wie die Schwester berichtete, als müsse er die Polizei sprechen. ›Polizei – Schilling’ hat er gemurmelt.«

»Und dann?«

»Schwester Barbara meint, auch noch ›Schlüssel‹ verstanden zu haben. Dann ist er eingeschlafen, für immer.«

»Herr Professor«, sagt Staatsanwalt Preinfalk, »wir brauchen noch alle Daten von ihm. Wo er wohnte, wo er gefunden worden war, nächste Verwandte und so!«

»Schwester«, Professor Bandon sich zur Stationsschwester umdrehend, »gibt es Schlüssel, Papiere oder andere Wertsachen?«

Schwester Barbara holt diese, die in einem Fach im abgeschlossenen Stationskasten verwahrt worden waren.

»Können wir einen Blick auf den Verstorbenen machen?«, drängt Schilling.

 

 

Die den Vorfall am Bahnhof untersuchenden Polizeibeamten, Inspektor Stahl und seine Kollegin, hatten gemeldet, ja, dass sie eigentlich nichts zu melden hätten! Auch vor dem Bahnhof konnte niemand etwas Ungewöhnliches bemerken, alle Taxler wurden befragt. Nichts, absolut nichts.

 

 

Es hat noch kaum abgekühlt, als Schilling und Preinfalk beim Haus des Verstorbenen ankommen, ein einfaches Haus, das typische kleine, unansehliche Einfamilienhaus in einer unbedeutenden, noch unansehlicheren, weitgestreuten Siedlung im Marchfeld, noch innerhalb der Stadtgrenze. »Etwas heruntergekommen ist es schon«, meinte Schilling.

»Ja, sag´s ruhig, was du dir denkst: eine Bruchbude!«

»Und der hat eine junge Frau geheiratet?«

»Denk doch an das Hochzeitsfoto! In einem dunklen Anzug, mit passender Krawatte, da sieht er doch recht gut aus! Ob er da als Schwarm für hübsche, knusprige Frauen durchgehen mag, wollen wir mal dahingestellt lassen!« Schilling schmunzelt.

 

Die Haustüre ist mit einer Kette und einem Vorhängeschloß behelfsmäßig gesichert. Würde sich auch kein Dieb anlocken lassen, hier einzubrechen, die Kette hielte keinen Einbrecher ab. Als Schilling und Preinfalk durch den verwilderten, verdorrten Garten gehen, kommt der unmittelbare Nachbar auf sie zu. Der redselige ältere Herr schaut, neugierig, aber doch etwas zweifelnd über den Gartenzaun. Nachdem Schilling sich ausgewiesen hatte, kennt seine Geschwätzigkeit aber keine Grenzen mehr.

 

»Der Minich ist schon eine, eher sogar zwei Wochen nicht mehr hier gewesen«, berichtet er, »wie ich das letzte Mal ihn gesehen habe, bat er mich, ein wenig auf sein Haus ein Aug zu haben. Vorige Woche hab ich dann bemerkt, dass die Türe nicht abgesperrt ist. Hineingehen wollte ich aber doch nicht. Hab nur geöffnet, der Blick hinein hat mir schon genügt!«

»Warum«, meint Preinfalk?

»Naja, schauen Sie selbst nach. Die Tür war nicht versperrt gewesen, ich habe ein Schloß angebracht, warten Sie bitte, ich hole gleich den Schlüssel! Bevor ich es vergesse, gestern abends war seine Schwester da und hat sich von mir öffnen lassen. Sie haben dann noch etwas auf ihn gewartet, wie sie sagte.«

»Seine Schwester? War da wer mit ihr?«

»Ja, ihr Mann, wie er sagte. Ich nehme es zumindest an. Sie ist aber eine unangenehme Person!«

 

 

Schilling stößt die Türe auf. Ein kurzer, düsterer Gang mit offenstehender Klosettüre, der gegenüber sind ein paar Kleiderhaken direkt an die nackte Mauer montiert. Zwei abgetragene Jacken, voll Staub, hängen hier. Preinfalk findet den Lichtschalter. Eine von der niederen Decke herunterhängende einfache, stark verschmutzte Lampe flammt auf, trübes Licht verbreitend. Zwei Türen und ein sehr schmaler Stiegenaufgang, in Waidhofen würden sie es als ›Hendlsteigen‹ klassifizieren, meint Max, führen weiter. Durch die verglaste Tür geradeaus kommen sie in eine Art Wohnküche, die auch als Bad fungierte. Ein Tisch, drei Sessel, seitlich ein Herd, elektrisch, aber kaum mehr vertrauenerweckend.

»Was meinst, Max, was geschieht, wenn ich den einschalte. Dann ist ganz Wien Stunden ohne Strom! So ein durchgerostetes Ding habe ich schon lang nicht mehr gesehen!«

»Sichtlich hat dies auch der Herr Minich gewußt, da steht daneben noch so eine Gasflamme.«

 

Max versucht dem redseligen, sonst aber freundlichen, hilfsbereiten Nachbarn höflich klarzumachen, dass dies eine polizeiliche Untersuchung sei und er daher draußen bleiben müsse. Vor sich hinbrummelnd verlässt er das Haus, »War ja immer offen gewesen, wenn es mich interessierte, hätt´ ich schon hundertmal dahinein gehen können!«

 

In dem einzigen, halb offen stehenden Schrank im Zimmer findet Schilling Reste von Lebensmittel, ein steinhartes Brot, das auch den hartnäckigsten Insekten Paroli geboten hat, »und Termiten gibt es bei uns nicht«, sagt Max, »sogar der Schimmel hat das Brot verweigert«! Ein Marmeladeglas, dessen Deckel nicht ganz geschlossen ist, wie auch das Gefäß mit Zucker. Und ebenso eine Dose Kondensmilch, deren verkrustete Löcher auf der Oberseite wie auch beim Zucker und der Marmelade die Endpunkte einer rege beanspruchten Ameisenstraße darstellen. Ein paar Töpfe noch im Schrank und einige angeschlagene Teller, eine verschmutzte Pfanne, deren letzter Inhalt kaum mehr eruierbar sein wird, auch ein gewiegter Forensiker würde da auf Granit beißen, steht neben der Gasflamme. Viel mehr ist hier nicht. Ja, noch der Kühlschrank, innen deutlich bräuner als außen, mit verschimmelten Obst und einem Salatkopf, der vor Wochen schon seine besten Zeiten erlebt hatte. Der Ausguss muss noch erwähnt werden: Waschplatz für den Bewohner und Ablage für das schmutzige Geschirr in einem.

 

Max öffnet die zweite Tür, ein kleines Kammerl. Ein angerostetes, eisernes Rohrbettgestell, das einstmals weiß gewesen sein dürfte, bedeckt von einer undefinierbaren Matratze, einem Leintuch, das irgendwie an das Turiner Grabtuch gemahnt, angestaubten Decken, die halb am Boden liegen und einem verschmierten Polster, steht an die Wand gerückt. Unter dem Bett, nur wenig hervorreichend, ein elend schmutziger Teppichläufer. Gegenüber ein offenes Regal mit einigen Hemden, Pullovers, Unterwäsche.

Ein altmodischer Koffer liegt in einer Ecke des kleinen Raumes, weiters noch eine große Packkiste, durch Anbringen von Scharnieren zur Truhe umgewandelt. Dann noch einer der früher so allgegenwärtigen mannshohen Überseekoffer und ein billiger Reisekoffer aus Pappe mit Imitationslederecken. Alles knapp nebeneinander aufgereiht. Ja, noch zwei kleine Fenster, die jeweils nur trübes Licht einzulassen vermögen. Ob diese jemals einer Reinigung unterzogen worden waren, wird allzeit ein unlösbares Geheimnis darstellen. Außer der übermäßigen Hitze, die in der stickigen Luft steht, ist hier sonst nichts mehr. Und die Hitze ist bestialisch. Wie in einem Backofen! Schilling versucht die zwei Fenster zu öffnen, was ihm nur unter Einsatz beträchtlicher Kräfte gelingt. Nun aber, verliert die Sonne den Kampf gegen die dichten Webgeflechte, die außen und auch innen fleißige Spinnen in mühseliger Arbeit aufgebaut hatten und nun durch das Öffnen der Fensterflügel einen Teil ihrer Pracht einbüßen mussten.

Aber, wenn man die ›normale‹ Unordnung einberechnet: Nichts war durchwühlt, auch die Koffer sind nicht bewegt worden. Der allgegenwärtige Staub beweist dies.

 

Die Stufen hinauf führen in einen einzigen Raum, den Herr Minich wohl als Abstellkammer benützte.

 

Max, ganz Staatsanwalt, »Sam, wir müssen aufhören, hier herumzustöbern! Herr Minich ist eines natürlichen Todes an einer Krankheit gestorben. Es liegt kein Verbrechen vor! Das ist Sache der Erben, nicht unsere!«

»Aber seine Frau ist verschwunden, ja ich könnte davon ausgehen, dass sie entführt worden ist! Denk an den Anruf bei mir, denk an das Kindchen, das deine Frau unter ihre Fittiche genommen hat!«

»Hast schon recht! Das Kind muss doch zur Mutter zurück!« Irgendwie sind die Gesichtszüge des großen Staatsanwaltes verklärt. Mit voller Wucht hat ihn der Gedanke getroffen: Was wäre, wenn die Mutter nicht mehr auftauchte? Wenn sie das Kindchen behalten könnten! Für immer?

»Die Kindsmutter ist doch die Erbin. Den Heiratsschein haben wir ja gesehen. Und ist nun verschwunden. Ob ein Verbrechen vorliegt, ist noch nicht geklärt. Aber doch anzunehmen! Wir müssen die Sachen des Ehemannes durchsuchen. Vielleicht ergibt sich daraus ein Anhaltspunkt, wo die Frau und Kindesmutter ist?«

 

Max wissend, »Ich kann es dir ja ansehen, wie sehr es dich juckt, hier in den Sachen zu wühlen! Ich ordne es als von Rechts wegen an! O.K.?«

Was für Schillings Ohren wie ein Startschuss klingt! Der im Spital ihm von der Stationsschwester ausgehändigte Schlüsselbund hat hier ein passendes Gegenstück, das Schloß des großen Koffers lässt sich anstandslos öffnen.

»Mein Gott, da sind der Hochzeitsanzug, ein weiterer Anzug, Hosen und Sakkos, sauber zusammengelegte Hemden, makellose Unterwäsche! Und Sockenfetischist muss er auch gewesen sein.«

Nach dem, was sie bisher im Haus sahen, ist die Überraschung groß! Schilling kommt aus dem Staunen nicht heraus: Unter den Kleidungsstücken waren offene Konservenbüchsen versteckt.

»Max, Max, das musst du dir anschauen! Konservenbüchsen voll Geld! Lauter Scheine! Lauter Hunderter und Zweihunderter! Eine Büchse vollgestopft mit Fünfhunderter. Ein Vermögen liegt hier!«

 

»Jetzt müssen wir doch die Kollegen von der Spurensicherung herbitten! Das riecht hier direkt nach einer Missetat!« Schilling hat das Telefon schon am Ohr und gibt an die Kollegen in der Polizeidirektion alles durch.

»Das schlägt dem Faß den Boden aus! Das Haus eine wahre Bruchbude, und dann Bargeld wie Heu! Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen! Da ist etwas faul an der Geschichte!«

»Das wird einen netten Streit um die Erbschaft geben«, lässt Schilling verlauten, »seine Schwester ist doch in diese Fahrerfluchtgeschichte verwickelt! Die Frau Graf aus Waidhofen, deren Auto gestohlen worden ist. Max, du bist doch Jurist: Es ist doch der Fahrer und nicht der Fahrzeughalter verantwortlich? Oder kann da auch eine Mitschuld des Fahrzeugbesitzers konstruiert werden?«

»Wenn sie beweisen können, dass das Auto gestohlen worden war, sind sie sicher aus dem Schneider!«

 

 

»Die weißen Overalls sehen«, sagt Max mit einem maliziösen Lächler auf den Lippen, als die Leute von der Spurensicherung eingetroffen waren, »wenn man es ehrlich betrachtet, zu putzig aus! Warum sind die nicht schwarz, oder gestreift, so rot-weiß-rot! Wäre doch zu überlegen«, lachte Max nun laut, »die integrierten Kapuzen sind ›Tres chic‹! Unsere Innenministerin sollte doch mal mit Karl Lagerfeld reden, sie selbst ist ja auch immer so elegant gewandet.«

Fachgerecht, trotz der lästernden Worte des Staatsanwaltes, nehmen sie das Haus unter die Lupe. »Kollegen, wenn ihr sichtbare Fingerabdrücke im Staub findet, dann sind die von uns«, ruft Schilling laut durchs Haus.

Um die hundertfünfzigtausend Euro finden sich in diesem vergammelten Haus!

 

Etwas müde steigen sie die steile, enge Treppe wieder hinunter, als eine helle Frauenstimme erklingt. Im Gefolge der eingetroffenen Beamten kam, Schilling hatte es schon fast erwartet, Susi Palmer. Sue, wie sie alle nennen, ist ein ungemein fröhlicher Typ, trotz, oder gar wegen ihrer Profession: Starreporterin beim Tagblatt! Sue hatte schon des Öftern mit Schilling zusammengearbeitet. Und immer zur Freude beider.

»Hallo! Den zwei Doktoren Gott zum Gruß! Vor euch steht ein Mädchen auf der Suche nach Liebe«, zu Schilling blickend, »naja, korrigiere mich, mehr doch nach Neuigkeiten!« Ja ja, Sue hat den Film ›Notting Hill‹ verinnerlicht. Mehrmals! Vor Jahren einmal sogar mit Schilling. Und eine Ähnlichkeit mit Julia Roberts ist ihr ganz gewiss nicht abzusprechen! Zumindest kann sie ebenso einladend lachen!

Schilling und Preinfalk begrüßen sie herzlich. Beiden ist die agile, nicht mehr so ganz blutjunge Reporterin sympathisch. Und wenn sie ihre Freude gar nicht mehr zähmen kann, streckt sie sich in die Höhe, balanziert fast auf den Zehenspitzen, bis sie den beiden ein Begrüßungsküsschen auf die Wangen zaubern kann.

»Hätte dich gerade anrufen wollen! Du musst für uns was kundtun!«

»Vor den anderen Zeitungen? Immer sehr gerne!«

»Wer hat dir den Tip gegeben, hierherzukommen?«

»Ach, es zwitschert so heftig im Netz, wenn Preinfalk und Schilling gemeinsam auf Mörderjagd sind! Was geht hier ab? Und das Baby am Bahnhof? Ganz Wien spricht schon davon! Schilling, mein lieber Doktor Schilling, du bist mir noch einen verwertbaren Hinweis schuldig! Du weißt doch das!«

»Jaja, ich hätt dich ja sowieso wieder einspannen wollen. Du bist aber auch immer früher als die restliche Medienmeute da!«

»Ja, du stehst vor der Fix-Starterin für den Egon-Erwin-Kisch-Blitznachrichten-Award!« Sue Palmer zeigt ihr bekannt bezauberndes Lächeln. A la Julia Roberts.

 

Ihr mit seinen freundlichen Augen zuzwinkernd, ein Gefühl des gegenseitigen gefühlten Spaßes überkommt ihn, »Nimm dein Diktafon und zwitschere hinein: Am Westbahnhof wurde heute ein vier Monate altes Baby von den zwei größten Spürhunden Wiens aufgefunden, diese zwei Helden werden den Fall sicher innerhalb kürzester Zeit souverän lösen! Die Mutter des Kindes ist verschwunden, wobei, und das ist nur für dich, ein Verbrechen nicht auszuschließen ist. Die Mutter war mit einem reichen Mann verheiratet, der, völlig zufällig, zur selben Zeit verstorben ist. Und hier, in dieser Bude, gelebt hat«

»Wenn das keine gute Story ist! Das mit den ›zwei Helden‹ werde ich aber noch ausschmücken müssen!«

»Tu es, wie du es immer machst! Aber die Suche nach der Mutter ist sehr wichtig!«

»Und was ist hier los?«

»Der Kindesvater hat hier gelebt, der, der heute verstorben ist! Und jetzt halt dich an: Wir haben Unmengen von Bargeld hier gefunden, in Konservendosen!«

Da ruft einer der weißen Overall-Männer von oben herunter, »Auch einige Sparbücher mit hohen Einlagen! Zusammen fast eine halbe Million, grob gerechnet. Aber kein Testament, keine schriftlichen Verfügungen oder Erklärungen für das Geld!«

 

»Oh«, flüstert Sue Palmer dem Schilling ins Ohr, »wird das eine tolle Story! Mein Weg zur legendärsten Reporterin Wiens ist damit geebnet!«

»Wie auch immer, mach eine Superstory daraus, schmück uns mit Girlanden, also, mach es in deiner bewährten Weise. Denke an unsere noch immer ausstehenden Beförderungen!«

»Willst du, oh mein Kommissar, Ober-Kommissar werden? Und du, oh mein Staatsanwalt, Oberstaatsanwalt?«

Es ist eine Freude, mit Sue zusammenzuarbeiten. Beidseitiges Vertrauen ist vorausgesetzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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