Silke Kugler / Stella hinter dem Regenbogen / Leseprobe

Exposé

 

Genre: Fantastische Erzählung für Kinder ab 6 Jahren mit Bezug zu realistischen Alltagsproblemen

Umfang: 40 Seiten

 

Das Kinderbuch zum Vorlesen, das in schillernden Farben illustriert werden soll, ist in sechs Kapitel unterteilt entsprechend den sechs Regenbogenfarben (Grün, Blau, Orange, Rot, Gelb und Lila). Jedes Kapitel beinhaltet eine eigene in sich abgeschlossene Geschichte.

Bei der Protagonistin Stella handelt es sich um ein kleines Mädchen mit langen glitzernden Haaren. Sie trägt Kleider aus zusammengenähten Sternen in unterschiedlichen Farben gemäß ihres Einsatzes auf der Erde. Wenn sie sich nicht gerade dort befindet, lebt sie in ihrem Sternenhäuschen am Ende des Regenbogens, das man über eine Regenbogenrutsche erreichen kann.

Die sechs Farben des Regenbogens spiegeln sich in den sechs Sternenzacken wider. Im Zentrum des Hauses steht Stellas Federbett und innerhalb der Sternenspitzen befinden sich unzählbare Beutel, die aus Federn zusammengesetzt sind. Die wesentliche Bedeutung hat jedoch Stellas Sternenstaub. Dieses feine Pulver in allen Farbnuancen des Regenbogens besitzt eine Zauberkraft, denn wenn Stella es durch die Luft rieseln lässt, löst es einen Nebelwirbel aus und bringt durch sein Kitzelgefühl alle Lebewesen zum Lachen.

Wenn Tränen auf der Erde vergossen werden – meistens von Kindern – fängt Stellas Helfer Tom diese in einem Federbeutel ein und bringt sie zu Stella. Daraufhin reist sie mit ihrem Federrucksack voll Sternenstaub auf ihrer Regenbogenrutsche auf unsere Seite des Regenbogens. Dort trifft sie auf Menschen mit den unterschiedlichsten Ängsten und Sorgen. Allen gemeinsam sind jedoch die vergossenen Tränen. Anfangs erfolgt ein Dialog zwischen Stella und der großen oder kleinen Person, in dem sie auf die Traurigkeit eingeht und ihre Regenbogenwelt beschreibt. Im Anschluss setzt Stella ihren Sternenstaub in der entsprechenden Farbe ein. In diesem Glitzerwirbel taucht Stellas zweite Helferin Nina auf. Genauso wie bei Tom handelt es sich bei ihr um ein Kind im Alter von etwa sieben Jahren. Auch Nina fängt das Lachen in ihrem Federbeutel ein.

Nun liegen beide Elemente zur Entstehung eines Regenbogens vor, der es ermöglicht, die Menschen in Stellas Regenbogenwelt mitzunehmen: Tränen vergleichbar mit Regentropfen und Lachen vergleichbar mit Sonnenstrahlen. Die Reise auf der Regenbogenrutsche führt durch eine Fantasiewelt in schillernden Farben, in der alle Sinne angesprochen werden. So können zum Beispiel auf dem orangefarbenen Regenbogenstrahl nicht nur vorbeifliegende Orangen gegessen sondern auch deren Duft eingeatmet werden. Negative Gefühle, die die Tränen auslösten, kommen hier zur Sprache. Lösungsstrategien werden entwickelt, damit das Leben nach der Reise in Stellas Regenbogenwelt bunter und fröhlicher verlaufen kann. Denn Stella möchte nur eines: Traurigkeit aus der Welt nehmen und das Leben bunter gestalten. Doch sie vermittelt kein unerreichbares imaginäres Ziel, sondern möchte zeigen, dass Tränen zum Leben dazugehören, weil sonst kein Regenbogen entstehen könnte.

Lachen und Tränen werden gemeinsam zur Bildung eines Regenbogens benötigt.

Als kleine Alltagshilfe erhalten die Menschen von Stella einen Federbeutel, der Sternenstaub in ihrer Lieblingsfarbe beinhaltet. Auch meine fertig gedruckten Exemplare sollen einen kleinen Beutel mit farbigem Pulver und eine weiße Feder enthalten.

Am Ende der sechs Geschichten bringt Stella die großen und kleinen Menschen wieder zurück auf deren Seite des Regenbogens.

 

Kapitel 1: Lauras ungewöhnliche Begegnung (Grüner Sternenstaub)

Im Mittelpunkt steht die zutiefst verletzte Laura, deren Mama gestorben ist. Es handelt sich um ein hochsensibles Mädchen, das sich bereits vor dem Tod gemeinsam mit ihrer Mutter auf die Suche nach dem Ende und des Anfangs eines Regenbogens machte.

Das Zusammentreffen mit Stella und ihrer Regenbogenwelt ist nur eine Bestätigung dessen, was beide schon immer ahnten. Stella kann Laura zwar nicht den Schmerz über den Verlust ihrer geliebten Mama nehmen, ihr aber das Gefühl geben, dass ihre Mama sie auf eine andere Art und Weise begleiten und hinter dem Regenbogen auf sie warten wird.

 

Kapitel 2: Emmas großer Wunsch (Blauer Sternenstaub)

In diesem Kapitel geht es um die Beziehung zwischen Emma und ihrer alleinerziehenden Mama, die aufgrund ihres stressigen Büroalltags kaum Zeit für Emma hat. Die beiden finden gemeinsam mit Stellas Hilfe eine Lösung, wie sie ihr Leben glücklicher und erfüllter gestalten können.

 

Kapitel 3: Mikes mutiger Sprung (Orangefarbener Sternenstaub)

Hier wird das Thema Angst in den Vordergrund gestellt. Stella bekommt die Tränen von Mike, der immer wieder mit diesem Gefühl konfrontiert wird. Es ist dermaßen präsent, dass es ihn sogar personifiziert begleitet. Nicht nur Stellas Mutpulver trägt dazu bei, dass Mike die Angst auf der Regenbogenrutsche zurücklassen kann. Auch die bewusste Gegenüberstellung mit ihr hilft, dass Mike am Ende über sich hinauswächst.

 

Kapitel 4: Paul und Paula (Roter Sternenstaub)

Die Hauptrollen in diesem Kapitel spielen Paul und seine Katze Paula. Stellas Regenbogenwelt vermischt sich hierbei mit Pauls Piratenwelt und zeigt einen konträren Charakterzug zu Kapitel 3 auf. Doch auch mutige Kinder vergießen Tränen, wenn es um den Verlust des eigenen Tieres geht.

 

Kapitel 5: Freundschaft (Gelber Sternenstaub)

Jenny und Anja stehen im Mittelpunkt dieser Märchengeschichte. Sie stoßen durch ihren kleinen „Schönheitsfehler“ in ihrer Altersgruppe auf verletzende Ablehnung. In der Regenbogenwelt können sie Freundschaft und wichtige Werte im Leben erfahren.

 

Kapitel 6: Udos Suche nach dem Regenbogen (Lilafarbener Sternenstaub)

Im letzten Kapitel kommt Stella bei einem großen Menschen zum Einsatz. Als Rahmenhandlung zu Kapitel 1 habe ich hier die Auseinandersetzung von Lauras Papa mit dem Verlust seiner Frau erzählt.

 

 

 

 

Leseprobe

 

 

 

Lauras ungewöhnliche Begegnung (Grüner Sternenstaub)

 

Eine einsame Träne löst sich aus Lauras Auge. Sie fällt auf ihre rote Kordjacke und hinterlässt dort einen winzigen Fleck. Kaum sichtbar. Unbemerkt von den anderen Kindern, die ausgelassen auf dem Pausenhof der Schule spielen. Lachend wirft Mia die bunten Herbstblätter in die Luft und fängt sie wieder auf.

Laura wischt sich über ihre Augen. Sie wollte doch nicht weinen. Sie hatte doch gegen dieses Gefühl angekämpft und es auch lange geschafft. Aber jetzt ist es einfach stärker als sie. Lauras lange blonde Haare fallen um ihr Gesicht. Niemand soll sehen, wie traurig sie ist. Niemand. Auch Mia nicht. Sie wird sie sowieso nicht verstehen. Niemand kann Laura verstehen. Nicht einmal Papa.

Doch, liebe Laura. Es gibt da jemanden.

Jemanden, dem es nicht egal ist, wenn Kinder traurig sind und weinen.

Jemanden, der alle Tränen auffängt, um sie in Freude umzuwandeln.

Jemanden, der es schafft, einen Regenbogen daraus zu zaubern.

Jemanden, der dafür Tränen und strahlende leuchtende Kinderaugen benötigt.

Auch wenn du dich gerade alleine gelassen und nicht verstanden fühlst, wirst du bald eine wundervolle Bekanntschaft machen. Sie wird im Bauch kribbeln, als ob ein Schmetterling in dir gelandet wäre und dich durch seine Flügelschläge kitzeln möchte.

 

Es gibt einen Ort auf dieser Welt, den nur wenig Menschen kennen. Einen Ort, zu dem vor allem kleine Menschen Zutritt haben. Manchmal verirrt sich auch ein großer Mensch dorthin. Meistens sind die Erwachsenen sehr erstaunt, wenn sie feststellen, wo sie gelandet sind. Doch auch sie werden sofort von dem Zauber eingefangen, der von diesem Ort ausgeht. Sie erinnern sich dann wieder, wie es sich anfühlt, ein kleiner Mensch zu sein. Mit all seinen Ängsten und Sorgen, die in der Erwachsenenwelt keinen Platz haben.

Du bist bestimmt neugierig geworden, wo sich dieser Ort befindet und wie du zu ihm gelangen kannst.

Komm! Gib mir deine Hand und folge mir. Du brauchst nichts mitzunehmen als dich selbst. Lass dich ein auf eine Reise, die du nie mehr vergessen wirst. Zu einem Fleckchen auf der Welt, zu dem du jederzeit reisen darfst. Immer. Egal, ob die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. Oder ob die Sterne am Nachthimmel funkeln. Den auch Laura bald kennenlernen wird. Er ist für kleine und große Menschen, die sich auf diese Reise einlassen.

Auf die Reise auf dem Regenbogen.

Rutscht du gerne und genießt dabei das Gefühl des Fliegens? Dann bist du hier genau richtig. Aber auch, wenn du dich nicht so recht traust, werde ich dich an die Hand nehmen. Habe keine Angst. Denn es wäre schade, wenn du diesen Ort nie betreten würdest.

Die Fahrt führt über eine Regenbogenrutsche in allen Regenbogenfarben auf ein winziges Häuschen zu. Du kannst dir aussuchen, ob du lieber auf Grün, Blau, Rot, Gelb, Lila oder Orange rutschen möchtest. Auf jeder Farbe rutscht es sich etwas anders. Auf Grün zum Beispiel geht die Reise ziemlich rasant voran. Auf Blau dagegen kann man die Reise länger genießen. Finde selbst heraus, welche Farbe für dich geeignet ist.

Wenn du dort gelandet bist, wirst du feststellen, dass es sich um kein gewöhnliches Haus handelt. Es sieht nicht so aus wie die Häuser in deiner Straße, die alle dicht nebeneinander stehen und in denen viele Menschen wohnen. Nein, dieser kleine Wohnort hat eine andere Form und es lebt auch nur ein einziger Mensch darin.

Da es so zauberhaft leuchtet, sollten wir ein paar Schritte drum herum laufen. Merkst du, wie sich deine Füße auf dem Boden vorwärts bewegen? Mit jedem Schritt scheinst du nach oben zu federn, als ob du Flügel hättest.

Jetzt hast du bestimmt festgestellt, dass das Häuschen wie ein Stern aussieht. Ein Stern mit sechs Sternenspitzen, die jeder in einer anderen Regenbogenfarbe funkeln.

Grün, Gelb, Blau, Rot, Lila und Orange.Vielleicht ist auch deine Lieblingsfarbe dabei. Oh, schau einmal. Da wird gerade das Fenster der grünen Sternenspitze geöffnet und ein kleiner Kopf schiebt sich heraus.

 

 

1

„Hallo. Wollt ihr zu mir?“ Eine Handvoll grüner Glitzerstaub rieselt aus dem Fenster und landet vor deinen Füßen. Wahrscheinlich hast du noch nie so ein Mädchen gesehen. Aber du bist gar nicht so sehr verwundert darüber, da du schon immer geahnt hast, dass es so ein Wesen geben muss.

Es ist kleiner als du. Die langen grünen Haare umgeben ein strahlendes Gesicht mit himmelblauen Augen, in denen kleine Sterne funkeln. „Heute ist mein grüner Tag,“ erklärt uns das Mädchen. Jetzt erkennen wir auch, dass sie ein grünes Kleid trägt, das aus vielen grünen Glitzersternen zusammengesetzt ist. Auf ihrem Rücken trägt sie einen Rucksack aus weißen Federn.

„Wollt ihr noch einmal die Regenbogenrutsche hinunterrutschen? Ihr könnt euch ja dieses Mal eine andere Farbe aussuchen.“ Schon ist das Mädchen aus dem Sternenfenster geklettert und hat mit ihrer winzigen Hand deine ergriffen. Du kannst gar nicht so schnell schauen, da saust ihr bereits den grünen Regenbogenstrahl hinunter. Ihr landet direkt in dem Sternenhaus. „Hui, das rutscht heute aber besonders schnell“, sagt das Mädchen überrascht. „Übrigens……Ich bin Stella. Stella hinter dem Regenbogen.“ Die Sterne in ihren himmelblauen Augen funkeln. Sie sind so himmelblau wie ein Sommerhimmel, an dem man ja eigentlich keine Sterne sieht. Aber zu Stellas Augen passt es gut. Sehr gut sogar. „Schön, dass du mich besuchen kommst. Schaue dich ruhig um in meinem Stern.“

Wenn du deinen Blick wandern lässt, kannst du sehen, dass jede einzelne Sternenspitze auch von innen in der gleichen Farbe leuchtet wie außen. Die Zacken sind mit unendlich vielen weißen Federn angefüllt. Man würde am liebsten sofort in diese Federhaufen springen und sich darin bis zum Kopf versinken lassen. So himmlisch weich sehen sie aus. In der Mitte des Sterns steht Stellas Regenbogenfederbett. Die Tür des Kleiderschranks steht einen Spalt weit offen. Deshalb kannst du erkennen, dass Stella Kleider in allen Regenbogenfarben besitzt. Gestern war bestimmt ihr roter Tag, da ein rotes Sternenkleid über einem Stuhl hängt. Alles hat eine Sternenform. Selbst die Griffe am Kleiderschrank und der Bettvorleger sind sternenförmig. Als du nach oben blickst, rieseln grüne Lichtpunkte durch die Luft.

„Was ist das?“, rufst du aufgeregt, während du erwartungsvoll deine Hände ausstreckst. Stella lacht. „Das ist Sternenstaub.“ Als die ersten Glitzerfunken auf deiner Haut landen, kitzelt es und du musst lachen. „Wenn wir jetzt noch eine Träne von einem Kind hätten, könnte ich dir zeigen, wie ich einen Regenbogen zaubern kann. Aber es ist schön, dass du fröhlich bist. Auf eurer Erde gibt es so viele traurige Menschen, die jeden Tag Tränen vergießen.“ Stella seufzt. „Dabei ist die Welt doch wunderschön. Schau sie dir an. Sie glitzert und strahlt in allen Regenbogenfarben.“ Sie greift eine Handvoll Federn aus ihrem Bett und wirft sie in die Luft.

„Die Welt ist so weich“, sagt Stella verträumt. „Deine Regenbogenwelt schon“, erwiderst du. „Unsere Welt auf der anderen Regenbogenseite ist oft nicht so schön. Manchmal fehlen die Farben und alles erscheint grau und trostlos. Schau dir zum Beispiel unsere Häuser an. Die meisten sind grau oder weiß gestrichen. Warum malen die Menschen ihre Häuser nicht bunt an? Das wäre viel fröhlicher und würde die Menschen glücklich machen. Ein bunt gestrichenes Haus so wie deines……. In so einem würde ich gerne wohnen.“ Du lässt einen Seufzer los, da du dir schon oft gewünscht hast, euer Haus bunt anzumalen. Eine Sonnenblumenwiese neben der Haustüre mit einer strahlend gelben Sonne neben dem Küchenfenster. Eine kleine Wolke schwebt über den Himmel. Bunte Schmetterlinge in allen Farben landen auf den Blumen.

„Dann nimm doch Pinsel und Farben und fange an. Male eure Hauswand an, als ob du ein Blatt Papier vor dir hättest.“ Stella wird ganz aufgeregt bei dieser Idee und wirbelt durch ihr Haus. Du lässt traurig deinen Blick sinken. „Weißt du, Stella, in unserer Welt ist alles nicht so einfach. Die Erwachsenen haben so viele Regeln, was man tun darf und was nicht. Hauswände Bemalen ist auf jeden Fall verboten.“ Stella beendet ihren Federtanz.

„Du hast recht. Das vergesse ich immer wieder. Obwohl ich oft auf die Erde komme und schon viele Menschen auf eurer Seite des Regenbogens kennengelernt habe.“ Erstaunt blickst du Stella an. „Warum kommst du denn in unsere Welt, wo es in deiner so wunderschön ist?“ Du spürst immer noch den grünen Sternenstaub auf deiner Haut. „Weißt du, wenn auf der Erde…..“ Kaum hat Stella zu einer Erklärung angesetzt, da klopft es an der Sternentür und ein blonder Kopf schiebt sich durch die Türöffnung. „Ah, ich sehe, du hast gerade Besuch, Stella“, sagt ein etwa siebenjähriger Junge. „Macht nichts, Tom. Komm ruhig herein. Dann kann ich dich gleich vorstellen.“ Er hat genauso himmelblaue Augen wie Stella und wenn man ganz genau hinschaut, kann man auch in seinen winzige Sterne erkennen. In der Hand hält er einen Beutel aus Federn. „Stella…. Es ist wieder soweit…..“ Tom öffnet behutsam seinen Beutel. Neugierig trittst du einen Schritt auf ihn zu, um den Inhalt zu erkennen. Er scheint leer zu sein. Allerdings stellst du fest, dass sich in Stellas Sternenhäuschen etwas verändert hat. Die Federn sehen nicht mehr so weich aus. Der Sternenstaub leuchtet nicht mehr so hell. Ein Funken Traurigkeit hat sich über die Regenbogenwelt gelegt. Du kennst diese Traurigkeit aus deiner Welt.

Tom reicht Stella den tränenförmigen Beutel. „Wie heißt der Mensch?“, möchte Stella wissen, während sie den Beutel wieder verschließt und die traurige Stimmung sich aus der Luft zurückzieht. „Laura“, antwortet er.

„Danke, Tom. Ich bin froh, dass ich dich habe. Du findest jede Träne.“

 

 

 

2

Als Stella dein fragendes Gesicht sieht, sagt sie: „Bald kann ich dir zeigen, wie ich einen Regenbogen entstehen lassen kann, denn Tom hat mir Tränen gebracht. Er ist auf eurer Erde auf der anderen Seite des Regenbogens unterwegs, um nach Tränen von Lebewesen, meistens von Kindern, zu suchen. Jeden Tag bringt er mir viele Federbeutel mit Tränen. Manche enthalten nur eine einzelne Träne. Manche sind bis oben hin angefüllt. Wenn ich einen Beutel von Tom bekomme, beginne ich meine Reise. So wie du heute auf meine Seite des Regenbogens gerutscht bist, werde ich nun zusammen mit dir auf deine Seite rutschen, um Laura zu helfen.“ Du bist nicht begeistert von dieser Idee, weil du gerne in der Regenbogenwelt bleiben würdest. Sehnsüchtig blickst du auf das Federbett, die weißen Federn und den Glitzerstaub.

„Du kannst jederzeit wiederkommen“, bietet dir Stella an. „Muss ich dann weinen?“, fragst du. Stella lächelt. „Nein. Es gibt auch noch eine andere Möglichkeit. Die werde ich dir später zeigen. Jetzt braucht Laura uns.“

Sie umschließt mit ihrer winzigen Hand deine. „Kommt Tom auch mit?“, möchtest du wissen. Du hast noch so viele Fragen an ihn und würdest ihn gerne näher kennenlernen. „Nein, wir reisen alleine…..“, antwortet Stella. „Da fällt mir ein, dass ich noch etwas vergessen habe.“ Sie klettert in die grüne Sternenspitze und öffnet dort eine Tür. Dahinter siehst du es in allen erdenklichen grünen Farbtönen glitzern und funkeln.

Apfelgrün. Grasgrün. Kiwigrün.. Pistaziengrün. Moosgrün. Ampelgrün. Polizeigrün. Du hast gar nicht gewusst, dass es so viele Grüntöne auf dieser Welt gibt. Stella nimmt zwei Handvoll und befüllt damit ihren Rucksack. „Bist du bereit?“ Du nickst erwartungsvoll mit dem Kopf. „Am besten schließt du deine Augen“, empfiehlt sie dir. Du stellst dich auf den sternenförmigen Bettvorleger und bemerkst einen sanften Windhauch an deinen Wangen. Er streicht wie ein warmer Herbstwind an dir entlang. Du blinzelst und merkst, wie du in eine Wolke aus grünem Sternenstaub gehüllt wirst. Die feinen Staubkörner kitzeln auf deiner Haut und du musst laut lachen. Obwohl du in deinem Leben noch nie in einen Sternenstaubnebel gehüllt warst, fühlst du dich getragen. Es fühlt sich irgendwie vertraut an. Wie ein Baby geborgen in den Armen seiner Mama. Du spürst Stellas warme Hand, die dich festhält, damit du in dem Sternenstaubwirbel nicht davonfliegst. Er löst so ein wunderschön leichtes und fröhliches Gefühl aus. Wie ein Regen aus duftenden Sommerblumen, während du gleichzeitig den Geschmack deiner Lieblingseissorte auf der Zunge hast.

„Sternenstaub, Sternenstaub, führ mich zu dem Kind, dessen Tränen ich in diesem Federbeutel find“, dringen Stellas Worte zu dir durch. Du beginnst dich zu drehen. Immer schneller, bis du jedes Gefühl für oben und unten verloren hast. Du genießt dieses himmlische Gefühl des sich Treiben Lassens. In deinem Leben hast du noch nie so gelacht. Selbst an deinem letzten Kindergeburtstag hattest du nicht so ein kribbelndes Schmetterlingsgefühl in deinem Bauch.

Du steigst zusammen mit Stella auf ihre Regenbogenrutsche. Ihr legt euch quer darüber und beginnt eure Reise auf einen Ort zu, an dem jemand traurig ist. In der ein Mädchen auf Stellas Hilfe wartet, obwohl sie Stella noch gar nicht kennt. Am Ende der Rutsche fliegt ihr durch die Luft und landet sanft auf der Erde. Du merkst, wie der Wind, die Farben und das Glitzern um dich herum verblassen. Du bist zwar immer noch fröhlich, aber du musst nicht mehr die ganze Zeit lachen. Es kitzelt nur noch leicht in deinem Bauch.

 

 

Die Pause ist längst vorbei und alle Schüler befinden sich wieder auf ihren Stühlen im Klassenzimmer.

Alle? Fast alle. Auf den Holzbrettern unter dem Kastanienbaum sitzt ein Mädchen. Sie hat den Kopf in ihren Händen verborgen, sodass man ihre traurigen und feuchten Augen nicht erkennen kann.

Ein gelbrot verfärbtes Kastanienblatt löst sich von seinem Ast und segelt im Wind auf die Erde. Vor Laura liegen mehrere Blätterhaufen, die Mia vorhin durch die Luft gewirbelt hat. In einem davon endet die Regenbogenrutsche. Deshalb hat Stella nun einen bunten Blätterhut auf. Sie entfernt ein rotes Blatt von ihrem grünen Sternenkleid. Weil sie kleiner als die Kinder auf der Erde ist, wirkt sie winzig und verloren in dem Blätterhaufen. Wenn sie nicht so grün funkeln würde, könnte man sie glatt übersehen und für ein grünes Kastanienblatt halten.

„Hallo, Laura“, flüstert sie. Laura nimmt langsam die Hände von ihren Augen. War da nicht eine Stimme? Laura schaut sich suchend um. Aber nein, wer sollte denn nach ihr suchen? Ihr leerer Stuhl im Klassenzimmer würde höchstens ihrer Lehrerin auffallen. Laura fühlt sich einsam und verlassen. Als ob sie alleine auf der Welt wäre. Genau wie dieses gelbrote Blatt neben ihr, das nicht im Blätterhaufen gelandet ist. Dabei würde es doch so gerne mit den anderen Blättern zusammen durch die Luft wirbeln. Es würde so gerne fröhlich tänzeln, aber es kann nicht. Die Welt hat sich zu drehen aufgehört. Sie ist trostlos und traurig geworden. Grau und ohne Farben. Als ob jemand alle weggewischt hätte. Zurück bleibt ein trüber Novembertag, an dem die Sonne sich hinter dem Nebel versteckt.

Laura seufzt. Wenn Mama nur da wäre….. Wenn Laura Mamas Hand nehmen und mit ihr zusammen den bunten Drachen auf der Wiese hinter dem Haus steigen lassen könnte. So wie letzten Herbst. Als Laura und Mama um die Wette über die Wiese rannten, um dem Regenbogendrachen die nötige Höhe zu verschaffen.

 

 

 

3

Am Ende warfen sie sich lachend auf das Gras und aßen einen Apfel von dem Apfelbaum. Sie bewarfen sich gegenseitig mit Blättern. Sie vergaßen die Zeit und bemerkten gar nicht, wie die Sonne am Horizont bereits ein herrliches Abendrot gezaubert hatte. Erst dann machten sie sich Hand in Hand auf den Heimweg. Jeder mit einer Kastanie in der Hosentasche.

Es gab nur sie beide. Mama und Laura. Dicht an dicht. Hand in Hand. Herz an Herz.

Wie sehr Laura Mama vermisst. Es fühlt wie ein Loch im Herz an. Als ob jemand ein Stück herausgeschnitten hätte, obwohl Laura das gar nicht wollte. So wie Laura an den roten Papierherzen nun immer kleine Teile entfernt. Stücke, auf denen „Mama“ steht. Die Laurateile bleiben alleine zurück. Jeden Abend, wenn Papa sie schon ins Bett gebracht hat, steht Laura wieder auf und nimmt ihre Schere in die Hand, mit der sie aus den aufgemalten Herzen kleine Stücke wegschneidet. Manchmal nur ein winziges Stück. Manchmal ein größeres Mamateil. Aber die Lücke im Herz fühlt sich jedes Mal gleich an. Sie wird nicht kleiner, obwohl Laura das jeden Morgen beim Aufwachen hofft. Jeden Tag schaut sie unter ihr Kopfkissen, ob der liebe Gott das fehlende Mamateil auf dem roten Papierherz wieder eingefügt hat. Aber das Loch bleibt immer.

Als Papa gestern Abend das zerschnittene Herz auf ihrem Schreibtisch entdeckt hat, hat er Laura fest in seine Arme geschlossen. Papas Arme fühlen sich anders an als Mamas. Irgendwie stärker und fester. Es war trotzdem ein schönes Gefühl, festgehalten zu werden. Aber Laura wäre es lieber gewesen, wenn sie in Mamas weichen Armen gelegen hätte. Wenn sie Mamas vertrauten Geruch in ihrer Nase gespürt hätte. Papas Augen wurden feucht und eine Träne tropfte auf Lauras Nachthemd. Das machte Laura Angst. Sie wollte nicht, dass Papa weinte. Er musste doch stark sein. Ihr starker Papa. Papas dürfen nicht weinen.

Laura holt die Kastanie vom letzten Herbst aus ihrer Hosentasche. Ihre Mamakastanie, die sie immer bei sich trägt. Sie vergräbt erneut ihren Kopf in den Händen. Die wispernde Stimme ist vergessen.

„Laura, schau doch einmal zu dem Blätterhaufen vor deinen Füßen“, startet Stella einen neuen Versuch. Laura schaut sich suchend um. „Mama? Mama, bist du das?“ Vor Aufregung springt sie auf. „Nein, leider nicht……“ Jetzt kann Laura in dem bunten Blätterhaufen etwas Glitzerndes erkennen. Erstaunt beugt sie sich hinunter und schaut das grüne Mädchen an, das bis zum Kopf versunken zwischen den Herbstblättern steht und zu ihr aufschaut. Träumt sie? Laura kneift sich in den Arm, bis es schmerzt und sie sicher ist, dass sie sich nicht in einem Traum befindet. „Wer bist du denn?“ Neugierig streckt Laura ihre Hand nach dem winzigen Mädchen aus und entfernt vorsichtig das Kastanienblatt auf ihrem Kopf. Darunter erscheinen grüne lange Glitzerhaare.

Lauras Klassenzimmer mit ihrer Lehrerin und ihren Klassenkameraden ist in weite Ferne gerückt. „Hat dich meine Mama zu mir geschickt?“ Laura kommt das Mädchen so vertraut vor. Die Mamakastanie hält sie fest umschlossen. „So könnte man es sagen“, antwortet Stella und versucht, aus dem Blätterhaufen zu steigen. „Komm, ich helfe dir.“ Laura streckt Stella ihre Hand entgegen. Sie erscheint riesig im Vergleich zu Stellas winziger Hand. Es ist ungefähr so, wie wenn Papa ihre Hand in seiner hält. Mit Lauras Hilfe schafft Stella es, sich aus den Blättern zu befreien.

Sie setzt sich zwischen Laura und das gelbrote Blatt. Beide schauen auf die grünen Glitzerfunken, die Stella in dem Blätterhaufen hinterlassen hat.

„Ich bin Stella. Stella hinter dem Regenbogen.“ Stella und Laura schauen sich an. „Wohnst du hinter dem Regenbogen?“, möchte Laura wissen. Sie ist wenig erstaunt über die ungewöhnliche Bekanntschaft mit Stella. Sie hat fast das Gefühl, dass sie darauf gewartet hat. Laura muss lächeln, als sie sieht, dass Stella einen weißen Federrucksack dabei hat. Genau so eine weiße Feder hat sie heute Morgen unter ihrem Kopfkissen gefunden. Sie lag direkt auf dem fehlenden Mamateil des roten Papierherzens. Mama sagte immer, dass ein Engel da war, wenn Laura eine weiße Feder fand.

Grüße von deinem Schutzengel, der dich behütet.

Seit Mama nicht mehr da war, fand Laura keine weiße Federn mehr. Sie glaubte schon, dass ihr Schutzengel sie verlassen hatte. Genauso wie Mama, die nicht mehr da war. Ihre liebe Mama, die sie so sehr vermisste.

Laura steckte die weiße Feder neben die Kastanie in ihrer Hosentasche. Obwohl sie nun doch Grüße von ihrem Schutzengel erhielt, fühlt sich das Loch in ihrem Herz heute besonders groß an. Oder vielleicht gerade deshalb. Vielleicht suchte Laura sich aus diesem Grund nach der Pause die Holzbretter aus und folgte ihren Mitschülern nicht in ihr Klassenzimmer.

„Ich habe ein Sternenhaus hinter dem Regenbogen“, antwortet Stella. „Doch manchmal verlasse ich mein Zuhause und komme auf die andere Seite des Regenbogens. Also auf deine Seite. Dann werde ich hier gebraucht.“

„Woher weißt du, dass deine Hilfe benötigt wird?“, fragt Laura. Die Kastanie und die Feder in ihrer Hand sind schon ganz feucht, weil Laura so aufgeregt ist. Sie fühlt ein kribbelndes Gefühl in ihrem Bauch. Mindestens vier Schmetterlinge sind dort gelandet und bewegen ihre zarten fast durchsichtigen Flügel. Laura weiß, dass bald etwas passieren wird. Sie weiß noch nicht was, aber sie spürt, dass es mit der Kastanie und der Feder zusammenhängt. Sie weiß, dass es einen Grund hat, dass sie genau heute diese weiße Feder unter ihrem Kopfkissen gefunden hat.

 

 

4

Stella schüttelt ihren Kopf, um die restlichen Blätter zu entfernen. „Ich komme, wenn Menschen weinen, meistens Kinder. Selten verirrt sich eine Träne von einem erwachsenen Menschen zu mir. Eigentlich schade.“ Stella spricht traurig weiter. „ Aber die meisten Erwachsenen haben ihr Herz verschlossen. Sie leben in ihrer hektischen lauten Welt und schauen nur nach vorne. Sie werfen keinen Blick zur Seite, um die Welt um sie herum zu entdecken. Sie haben auf ihrem Weg die Regenbogenfarben verloren. Manchmal würde es ihnen so gut tun zu weinen. Aber sie tun es nicht. Sie sind anders als ihr Kinder. Jedenfalls die meisten Erwachsenen. Ein paar Ausnahmen gibt es, aber wenige.“ „Doch“, unterbricht Laura Stellas Erklärung. „Meine Mama ist anders.“ Lauras Augen beginnen zu strahlen. Doch genauso schnell wie dieses Leuchten gekommen ist, verschwindet es wieder. Lauras Augen werden glasig und Tränen laufen ihre Wangen hinab. Tränen, die auch jeden Tag die roten Papierherzen aufweichen und unansehnliche Flecken hinterlassen. Tränen, wie sie Laura erst zu weinen begonnen hat, seit Mama nicht mehr da ist.

Meine Mama war anders……“ Laura vergräbt schluchzend ihren Kopf in den Händen. Stella legt ihren Arm um sie. „Möchtest du mir von deiner Mama erzählen, Laura? Es tut gut, über Dinge zu reden, die uns traurig machen. Und noch etwas…..“ Stella öffnet ihren Federrucksack und reicht ihn Laura. „Lass deine Tränen dort hineinlaufen. Dort sind sie gut aufgehoben.“ Laura blickt Stella fragend an, aber sie spürt, dass die Schmetterlinge in ihrem Bauch immer noch ihre Flügel bewegen. Das ist gut so. Genauso wie der Federrucksack. Der ist auch gut. Deshalb holt Laura ihre weiße Feder aus der Hosentasche und legt sie hinein. Warum, weiß sie gar nicht. Einfach nur so. Weil es passt. Auch Stella passt. Das spürt sie und das weiß sie.

Laura beginnt zu erzählen. Es ist das erste Mal, dass sie über Mama spricht. Das erste Mal, seit Mama fort ist und nie mehr wiederkommen wird. Das hat Papa ihr so erklärt. Dabei hat er versucht, nicht zu weinen. Aber Laura hat das Zittern in seiner Stimme bemerkt. „Mama ist heute Nacht gestorben. Sie wird nicht mehr wiederkommen.“ Er wollte Laura in die Arme nehmen, um sie und sich selbst zu trösten. Aber Laura saß nur wie versteinert da und ließ seine Worte an ihr abprallen. Gestorben? Was hieß das? Mias Hund war neulich gestorben und Mia war sehr traurig gewesen. Sie hatte eine Woche lang nur geweint, bis sie einen neuen Hund bekommen hatte. Mit dem lief sie nun lachend über die Felder. Wo war ihr alter Hund geblieben? Laura hatte sich nicht getraut, Mia danach zu fragen. Würde Laura auch eine neue Mama bekommen? Falls Papa das vorhaben sollte, würde sie sich dagegen wehren. Sie wollte keine andere Mama. Sie wollte genau dieselbe Mama wieder haben. Ihre Mama, mit der sie zusammen lachen konnte.

Ihre Mama, die sie am höchsten auf der Schaukel anschucken konnte. Bis in den Himmel zu den Wolken hinauf. Manchmal saß Mama auf der Schaukel neben ihr und sie versuchten, im gleichen Rhythmus zu schaukeln. Gemeinsam Wolkenfetzen zu erreichen.

Ihre Mama, die ihr Kränze aus Frühlingsblumen flocht und sie Laura auf ihre blonden Haare setzte.

Ihre Mama, mit der sie abends am Fenster stand und den hellsten Stern am Himmel suchte.

Ihre Mama, mit der sie im Wald kleine Zwergenwohnungen baute.

Noch am gleichen Abend, an dem Papa Laura von Mamas Tod erzählt hatte, begann sie mit dem Zerschneiden der roten Papierherzen. Seitdem füllte sie schon zwei ganze Schubladen damit. Besonders viele entstanden an dem Tag, als Papa sie das erste Mal mit auf den Friedhof genommen hatte. Es war ein windiger kühler Tag mit vielen schnell vorbeiziehenden Wolken, obwohl der Kalender Sommer anzeigte. Laura legte eine rote Mohnblume vor das braune Holzkreuz. Dort stand seltsamerweise Mamas Name. Wer hatte ihn da eingraviert? Er gehörte doch gar nicht da hin. Er gehörte zu Lauras und Papas Name.

Und warum stand sie überhaupt hier zusammen mit Papa, während der Wind ihr die Haare um die Ohren wehte? Als Papa ihr sagte, dass Mama unter der Erde liege, rannte Laura los. Sie lief hinter den Wolken her, um sie zu fangen. Genauso wie sie es immer mit Mama machte. Doch heute musste sie es alleine versuchen. Sie musste es alleine schaffen. Sie musste all ihre Kraft zusammennehmen. Dann würde sie eine Wolke erreichen. Dann würde alles gut werden. Dann wäre Mama wieder da und würde sie in ihre Arme schließen. Sie würde ihr die Tränen aus dem Gesicht wischen und ihr einen Kuss geben. Sie würden sich auf die duftende summende Sommerwiese legen. Mitten hinein. Sie würden Wolkengeschichten erfinden und lachen, wenn sich ein Schmetterling auf ihren Fuß setzen würde. Sie würden Sonnenstrahlen einfangen und mit nach Hause nehmen, um sie an trüben Tagen hervorzuholen. Doch Laura streckte vergeblich ihre Hände nach den Wolken aus. Sie blieben unerreichbar.

Laura ließ sich völlig erschöpft unter der alten Linde nieder und machte sich ganz klein. So klein es ging. Ein winziges Paket, das zu den Wolken geschickt werden wollte. Das Flügel bekommen wollte um abzuheben. Damit es wie ein Vogel fliegen konnte. Doch statt der Flügel kam Papa. Er setzte sich neben Laura unter den alten Baum. Ganz dicht. Fast so dicht wie sie immer mit Mama saß. Sie saßen schweigend da und ließen den Wind um sich wehen. Erst als die Sonne den Tag in tausend Farben verabschiedete, gingen sie Hand in Hand nach Hause. Zu Lauras Zuhause, in dem ein Platz für immer leer bleiben würde. Ein Teil würde immer fehlen. Genau wie bei Lauras Märchenpuzzle, dessen verlorengegangenes Teil sie mit Mama vergeblich gesucht hatte.

 

 

 

5

Zuhause holte Laura ihr rotes Tonpapier aus der Schublade und zeichnete Herzen in sämtlichen Größen auf. Sie schrieb „Mama“ und „Laura“ auf die Herzen und entfernte die Mamateile mit ihrer Schere. Die Mamateile landeten nicht in ihrem Papierkorb, sondern in ihrer Schatzkiste. Täglich kamen viele Mamaschätze dazu, die sich mit Steinen, Federn und anderen Schätzen aus der Natur den Platz teilten. Manchmal nahm sie auch ein Mamateil mit zum Friedhof und vergrub es in der Erde. Sie machte es immer heimlich, wenn Papa eine Gießkanne voll Wasser holte. Laura wollte nicht, dass Papa die Mamaherzen sah und noch trauriger wurde.

Laura hält kurz inne und atmet tief durch. Stella hat immer noch den Arm um sie gelegt. Fast fühlt es sich an wie bei Mama. Eine Träne fällt in den Federrucksack. Laura stellt fest, dass sich das Loch in ihrem Herz etwas weniger groß anfühlt. Nur ein winziges bisschen. Ob das mit dem Federbeutel zusammenhängt? Oder mit Stella? Mit Stella, die so plötzlich in ihrem Leben aufgetaucht. Mitten auf dem Pausenhof. Genauso plötzlich, wie Mama aus ihrem Leben verschwand. Dabei spürte Laura schon seit langem, dass es Mama nicht gut ging. Sie las es zuerst in Mamas grünen Augen, die nicht mehr so fröhlich aussahen. Da hatte ihre Familie noch gar nicht gewusst, dass Mama krank war. Nur die Augen waren schon krank. Dann musste Mama von einem Tag auf den anderen ins Krankenhaus. Mamas Schwester Annette kümmerte sich um sie. Obwohl sich Mama und Tante Annette sehr ähnlich sahen, waren sie sehr unterschiedlich. Mit Tante Annette konnte man keine Wolkengeschichten erfinden oder Zwergenwohnungen bauen. Ihr war es wichtiger, dass Laura ihre Hausaufgaben ordentlich erledigte und ihre Hände immer sauber waren. Als Mama aus dem Krankenhaus entlassen wurde, kam Tante Annette trotzdem immer wieder, da Mama viel im Bett lag und sich nicht um Laura kümmern konnte. Laura saß oft an Mamas Bett, so wie Mama immer an ihrem saß, wenn Laura krank war. Dann schauten sich Laura und Mama einfach nur an. Hielten ihre Hände fest. Auch an dem Abend, bevor Mama gestorben war, war Laura lange bei Mama gewesen. Mama hatte die Augen geschlossen, aber Laura wusste, dass Mama spürte, dass sie ihre Hand hielt. Mama sagte an diesem Abend nur einen Satz: „Ich warte hinter dem Regenbogen auf dich…..“ Das waren ihre letzten Worte gewesen. Dann schlief Mama ein.

Laura liebt Regenbogen. Sie sind so herrlich bunt und voller Leben. Jedes Mal landet eine ganze Schmetterlingsfamilie in ihrem Bauch, wenn sie einen Regenbogen sieht. Wie oft war sie mit Mama losgelaufen, um das Ende eines Regenbogens zu suchen. Hinter dem kleinen Wäldchen musste es doch sein. Mama und Laura waren sich ganz sicher gewesen. Doch leider waren sie nicht fündig geworden, obwohl sie so lange liefen, bis sie völlig außer Atem waren. Sie setzten sich auf einen Baumstamm und versuchten stattdessen, die schillernden Farben in ihren Herzen einzufangen.

Die Liebe zu den Farben übernahm Laura von Mama. Ihrer Mama, die sich immer fröhlich bunt kleidete und die in ihrem Haus viele bunte Farbtupfer verteilte. Eine buntkarierte Tischdecke auf dem Tisch. Regenbogenkissen auf dem Sofa. Blaue Stühle um den orangefarbenen Küchentisch. Gelbgepunktete Teller.

Leinwände voller lebensfroher Farben an den Wänden. Von Mama und von Laura gemalt Mit dicken und mit dünnen Pinseln.

Himmelblau ist Lauras Lieblingsfarbe. Deshalb gibt es auch kein Bild, auf dem nicht wenigstens ein kleiner Farbspritzer Himmelblau auftaucht. Auch wenn man Lauras Kinderzimmer betritt, taucht man ein in eine himmelblaue Welt mit Schäfchenwolken an der Zimmerdecke. Wenn Laura auf ihrem Bett liegt und an die Himmelsdecke schaut, fühlt es sich fast wie in der Welt draußen an. Mit dem einzigen Unterschied, dass die Wolken nicht vorüberziehen.

An dem Tag, als Laura mit Papa unter der Linde saß, verspürte sie abends den großen Drang, ihre Zimmerdecke zu verändern. Sie hatte schon den Pinsel in der Hand und wollte ihn in das tiefschwarze Dunkelblau tauchen, als sie draußen einen einzelnen leuchtenden Stern am Nachthimmel erkennen konnte. Verlassen aber doch nicht alleine funkelte er in die Welt hinaus. Laura ließ den Pinsel aus der Hand fallen. Sie griff zu einem anderen und tauchte ihn in Goldgelb. Sie stieg auf ihren Schreibtisch und malte einen sechszackigen Stern zwischen die Schäfchenwolken. Unter ihr Kopfkissen legte sie in dieser Nacht kein zerschnittenes Herz sondern einen goldgelben Stern.

Einen Stellastern?

 

„Bist du meiner Mama hinter dem Regenbogen begegnet?“ Mit diesen Worten kehrt Laura in die Gegenwart zurück.. „Sie wollte doch dort auf mich warten……“ Laura verschließt den Federrucksack. Für heute hat sie genügend Tränen vergossen. Sie fühlt sich wie eine vertrocknete Blume, die zu wenig Wasser bekommen hat. Aber das Loch in ihrem Herz ist noch ein bisschen kleiner geworden.

„Liebe Laura……“ Stella ist aufgestanden. „Möchtest du dich zusammen mit mir auf eine Reise begeben? Sie wird deine Frage beantworten.“ Die Schmetterlinge in Lauras Bauch bewegen sanft ihre Flügel. „Au ja, sehr gerne.“ Laura springt auf. Sie wirft eine Handvoll Blätter in die Luft und beobachtet, wie sie wieder auf dem Boden landen.

 

 

6

 

„Am besten schließt du deine Augen“, fordert Stella sie auf. „Stella?“ „Ja, Laura?“ „Hältst du bitte meine Hand fest?“ Stella nimmt Lauras kalte Hand und öffnet ihren Federrucksack. „Habe keine Angst, Laura. Alles wird gut. Nicht mehr so wie früher. Aber anders gut. Habe Vertrauen.“ Stella greift großzügig in den Federrucksack. Heute wird sie nicht sparsam mit dem grünen Sternenstaub umgehen. Für Laura wird sie besonders viel durch die Luft wirbeln lassen, da schon so viele Tränen geweint wurden. Augenblicklich merkt Laura, wie sie in einen grünen Glitzerstaubwirbel gerät und die Welt um sie herum sich zu drehen beginnt. Es ist das erste Mal, dass die Welt sich wieder dreht, seit Mama fortgegangen ist. Zu diesem Zeitpunkt hörte die Welt auf sich zu drehen. Nun lässt Laura sich in den funkelnden Strudel ziehen. Stellas Hand gibt ihr Sicherheit. Herabrieselnder Sternenstaub kitzelt sie auf der Nase. Er dringt durch ihre Jacke und legt sich auf ihre Haut. Laura muss lachen. Lachen, das mit dem Wirbel fortgetragen wird. Es kitzelt so sehr. Als ob Mama sie an den Füßen kitzeln würde. Laura lacht und lacht. So laut und intensiv, wie schon lange nicht mehr. Bunte fröhliche Farben ziehen an ihr vorbei. Tanzen um sie herum. Tausend Schmetterlinge in ihrem Bauch, die einen ganzen Farbkasten füllen würden, streicheln sie sanft mit ihren Flügeln. Verteilen den Sternenstaub immer weiter auf ihrer Haut.

Plötzlich erscheint in dem Wirbel ein blondes Mädchen vor ihr. Es hält einen runden Federbeutel in der Hand, von dem einzelne Zacken ausgehen. Eine Sonne aus Federn, denkt Laura. Das Mädchen öffnet den Federbeutel und tritt ganz nahe an Laura heran. Auch sie kommt Laura so vertraut vor. Als ob sie sich schon sehr lange kennen würden. Es führt eine bogenförmige Bewegung mit ihrer Hand aus und verschließt den Federbeutel wieder. Laura würde gerne zusammen mit dem Mädchen durch den farbigen Sternenstaubnebel tanzen und die Schmetterlinge und Glitzerfunken auffangen. Aber das Mädchen verschwindet wieder. Doch Laura fühlt sich nicht alleine. Sie spürt Stellas Hand. Und sie spürt noch etwas anderes. Etwas ganz Warmes, Weiches, Nahes. Eine vertraute Hand, die ihr die Reste der Tränen von den Wangen wischt. Ein warmer Mantel, der sich um sie legt. Laura kann sich nicht vorstellen, dass sie jemals wieder frieren wird. Das Loch in ihrem Herz wird jede Sekunde kleiner. Durch weiße Federn, die die Lücke ausfüllen. Ja, und dann löst sich der Sternenstaubnebel auf. Lauras Blick wird klarer. Sie kann Stella wieder deutlicher erkennen. Direkt vor ihr erscheint ein Regenbogen. Die Regenbogenwelt, nach der sie mit Mama zusammen gesucht hat. Der sie schon so nahe waren. In die sie schon vorsichtig einen Fuß setzten. Jetzt ist Mama nicht mehr da, um zusammen mit Laura auf den Regenbogen zuzugehen.

Wird Mama hinter dem Regenbogen auf Laura warten? Hat sie bereits ihre Arme weit geöffnet, um Laura in Empfang zu nehmen?

Laura tanzt lachend auf den Regenbogen zu. Sie hat keine Angst. Sie fühlt keine Traurigkeit. Egal, was hinter dem Regenbogen auf sie warten wird. Dafür ist das Loch in ihrem Herz zu dicht mit weißen Federn angefüllt. Dafür muss sie zu sehr lachen. Dafür bildet ihr Mund zu sehr einen umgedrehten Regenbogen.

Laura und Stella klettern die Leiter zu dem Regenbogen hinauf und beginnen ihre Reise auf der Regenbogenrutsche. Sie rutschen auf Grün. Sie rutschen auf Rot. Sie rutschen auf Gelb. Sie probieren jede Farbe aus. Sie drehen sich im Kreis.Sie fliegen. Sie verlieren den Bodenkontakt. Sie wissen nicht mehr, wo oben und unten ist. Aber das ist egal, denn das Leben fühlt sich weich, warm, bunt und fröhlich an. Das ist das Wichtigste. Laura fängt auf der Reise alle Regenbogenfarben ein. Mit ihren Händen. Mit ihrem Herz.

Obwohl der Platz hinter dem Regenbogen leer ist, spürt Laura, dass Mama da ist. Sie kann sie nicht sehen. Aber sie kann sie spüren. Sie fühlt ihre Nähe. Sie spürt die Fröhlichkeit, die von Mama ausgeht. Sie spürt die Farben, die die Welt lustig und bunt machen.

Alles ist gut, liebe Laura. Mir geht es gut hinter dem Regenbogen. Dir soll es auch gut gehen. Du sollst fröhlich sein. Du darfst aber auch einmal weinen, weil es dein Herz befreit. Vergieße nicht zu viele Tränen. Dafür ist das Leben zu bunt und lustig. Schaue wieder genau hin, dann wirst du es selbst entdecken.

Schließlich landen sie in Stellas Sternenhäuschen. „Suche dir eine Farbe heraus, Laura.“ Stella deutet auf die verschiedenen Sternenspitzen in ihrem Haus. Laura fällt die Wahl nicht schwer. „Ich nehme Blau. Himmelblau. Mamas und meine Lieblingsfarbe.“ Laura klettert zusammen mit Stella in die blaue Sternenspitze, wo Stella eine kleine Tür öffnet. Sie holt einen Federbeutel hervor und füllt ihn mit himmelblauem Sternenstaub. „Für dich, Laura.“ Laura streicht behutsam darüber. Sie weiß, dass sie einen großen Schatz in der Hand hält, auf den sie gut aufpassen muss. Genauso wie sie auf die Mamakastanie gut acht gibt.

Als Laura nach unten schaut, kann sie einen Jungen und das Mädchen aus dem Sternenstaubnebel erkennen.

In der Hand des Jungen befindet sich ein Federbeutel, der wie eine Träne aussieht. Das blonde Mädchen hält den Sonnenfederbeutel in der Hand. „Hallo, ihr beiden.“ Stella winkt ihnen zu. Sie nimmt Lauras Hand und sie springen zusammen auf Lauras Federbett. „Das habt ihr wieder einmal prima gemacht. Ihr müsst euch nur das Leuchten in Lauras Augen anschauen…….“ Stella blickt die beiden Kinder liebevoll an. „Das sind Tom und Nina, meine Helfer“, stellt sie sie Laura vor. „Tom ist für das Einsammeln der Tränen und Nina für das strahlende Lachen zuständig.“ Laura blickt auf die beiden Federbeutel mit den unterschiedlichen Formen.

 

 

7

 

 

„Jetzt wird mir einiges klar. Durch meine Tränen in Toms Beutel und mein Lachen in Ninas Beutel ist ein Regenbogen entstanden. So wie in der wirklichen Welt, wo sich durch Regen und gleichzeitigen Sonnenschein ein Regenbogen bildet. Kann man so in deine Welt gelangen, Stella?“ Aufgeregt hüpft Laura auf dem Federbett auf und ab. Stella nickt. „Ja, jetzt kennst du mein Geheimnis. Ich war mir sicher, dass du es selbst herausfinden würdest. Schon viele Menschen, die Tränen vergossen haben, fanden den Weg zu mir. Ich bin froh, dass ich Tom und Nina habe.“ Stella umarmt Tom und Nina. „Nina, wie schaffst du es, die Kinder zum Lachen zu bringen? Das stelle ich mir ziemlich schwierig vor. Wenn sie so richtig traurig sind……..“ Laura seufzt und das Strahlen verschwindet aus ihren Augen. Sie denkt an ihre Mama. Doch plötzlich leuchtet es wieder auf und sie beantwortet selbst ihre Frage. „Ja klar. Der Sternenstaub. Der kitzelt so arg. Der ist so fröhlich und bunt, dass man tanzen und lachen muss. Ob man will oder nicht.“ Laura blickt auf den Federbeutel in ihrer Hand. Den Schatz, den sie von Stella bekommen hat. „Danke, Stella…..“ Eine kleine Träne tropft aus Lauras Auge. „Heißt das, dass ich mit dem Sternenstaub jederzeit in deine Regenbogenwelt reisen kann? Dass ich selbst einen Regenbogen entstehen lassen kann, wenn ich weine und durch den Sternenstaub gleichzeitig lachen muss?“ Stella nickt so heftig mit ihrem Kopf, dass ihre grünen Haare Glitzerfunken durch die Luft werfen. „Können es auch Freudentränen sein?“, möchte Laura wissen. „Ja klar. Es müssen nicht immer traurige Tränen sein. Es gibt so viele verschiedene Arten von Tränen. Wuttränen. Angsttränen. Glückstränen. Herzenstränen. Lachtränen. Schmerztränen. Alle können einen Regenbogen erzeugen.“ Sie lächelt Laura zu. Laura lächelt zurück. Sie öffnet den Federbeutel und legt die Mamakastanie hinein. Sie soll in dem Federbeutel ihren Platz haben. In ihrem Schatzbeutel, den sie ab heute immer bei sich tragen wird. Ganz dicht. Sowohl in lustigen als auch in traurigen Tagen.

„Stella? Kann ich nicht einfach bei dir bleiben?…. In deiner Regenbogenwelt?“ Laura blickt sich seufzend in Stellas Sternenhaus um. Hier haben nur fröhliche Tränen Platz. Wenn sie dagegen an ihre trübe graue Welt Zuhause denkt. „Es wird mich sowieso niemand vermissen“, fügt sie traurig hinzu. „Bist du dir sicher, Laura? Denke doch mal an deinen Papa. Er wäre bestimmt sehr traurig, wenn du hier bleiben würdest.“ Laura fühlt einen Stich in ihrem Herz, wenn sie an Papa denkt. Ihren lieben Papa, der jetzt nur noch Laura hat. Ob er sich auch so einsam fühlt wie Laura? So leer und ausgetrocknet? Dabei sehnen sich die Schmetterlinge in Lauras Bauch doch nach einer Wasserquelle, an der sie ihren Durst stillen können. Ich werde Papa fragen, denkt Laura. Vielleicht kann er mir Wasser geben und ich ihm. „Das ist eine gute Idee, Laura“, bekräftigt Stella sie. Laura stutzt. Sie hat doch gar nicht laut gesprochen. Oder doch? Aber wahrscheinlich kann Stella Gedanken lesen. Das würde Laura nicht wundern.

„Müssen wir jetzt zurück, Stella?“ Laura würde die Rückreise gerne hinauszögern. „Ja, es ist Zeit. Aber die Rückreise wird bestimmt lustig werden“, entgegnet Stella. Zusammen mit Tom und Nina klettern sie auf die Regenbogenrutsche und setzen sich auf den orangefarbenen Regenbogenstrahl. „Au ja!“, ruft Laura begeistert. „Orange habe ich noch nicht ausprobiert.“ „Dann nichts wie los. Orange macht besonders glücklich.“

Wie auf Wellen gleiten sie hinab, während gleichzeitig Orangenscheiben an ihnen vorbeifliegen.

„Hmm, Orange schmeckt gut. Das könnte meine neue Lieblingsfarbe werden“, ruft Laura entzückt. „Alle Farben haben einen Geschmack“, sagt Stella mit vollem Orangenmund. „Gelb schmeckt zitronig. Rot mit Weiß nach warmen Himbeeren mit Vanilleeis. Probiere es aus, Laura. Schmecke die Farben in deiner Welt.“ „Aber es ist so grau und düster auf der anderen Regenbogenseite. Die Menschen verwenden so wenig Farben in ihrem Leben“, entgegnet Laura betrübt. „Dann musst du es ihnen zeigen, Laura. Habe Mut. Hole deinen Farbkasten hervor und male die Welt in allen Regenbogenfarben an.“ Laura nickt zaghaft mit dem Kopf. „Ja, du hast recht, Stella. Vielleicht sollte ich es versuchen. Gleich heute noch werde ich damit beginnen.“ Sie hat den Federbeutel fest an sich gedrückt. „Wir werden nun bald auf deiner Seite des Regenbogens ankommen. Tom und Nina sind schon in mein Sternenhaus zurückgekehrt. Ich werde eine Abzweigung an der Regenbogenrutsche nehmen, da Tom mir bereits einen neuen Tränenbeutel gebracht hat.“ Erst jetzt bemerkt Laura, dass Stella einen tränenförmigen Federbeutel in der Hand hält.

„Sternenstaub, Sternenstaub, führ mich zu dem Kind, dessen Träne ich in diesem Federbeutel find.“

Blauer Glitzernebel zieht auf. Laura stellt fest, dass Stellas Kleid eine andere Farbe als vorher hat. Unbemerkt gewechselt mit zahlreichen Glitzersternen in allen Blautönen der Welt. „Warum hast du für dieses Kind Blau ausgewählt?“, möchte Laura wissen. Stella schmunzelt. „Weißt du, Laura, es gibt so viele verschiedene Kinder auf der Welt. Es gibt ängstliche Kinder. Mutige Kinder. Entdeckerkinder. Kinder, die gerne viele andere Kinder um sich haben. Kinder, die gerne alleine sind. Anhand der Träne kann ich erkennen, um was für ein Kind es sich handelt. Oft hat die Träne schon etwas Farbe angenommen, wenn Tom sie zu mir bringt. Dann fällt mir die Farbauswahl leichter. Bei dir wusste ich sofort, dass ich mein grünes Sternenkleid anziehen werde.“ „Was sind das für Kinder, bei denen du grünen Sternenstaub benutzt, Stella?“, fragt Laura. „ Kinder, die mit offenem Herz durch die Welt laufen. Denen es nicht egal ist, wenn sie einen toten Käfer auf dem Weg entdecken. Für Kinder, die Regenwürmer einen sicheren Platz in der Erde geben, damit sie nicht zertreten werden.“

 

 

 

8

Laura fällt ein, dass sie erst gestern zehn Regenwürmer auf dem Weg zur Schule vom Gehweg aufhob und in die Erde setzte. „Iiihhh!“, sagte Mia. „Lass doch diese glitschigen Dinger!“ Sie wandt sich angeekelt ab, als Laura einen besonders großen Regenwurm in der Hand hielt. Mia lief voraus. Laura kam fast zu spät in die Schule, da es so lange dauerte, bis sie alle Regenwürmer gerettet hatte.

Stella und Laura lächeln sich an und halten sich an den Händen. Das Loch in Lauras Herz ist nur noch stecknadelkopfgroß. Kaum mehr sichtbar durch die vielen Federn. Dieses Stecknadelkopfloch wird immer bleiben. In Lauras ganzem Leben. Dafür vermisst sie Mama zu sehr. Aber sie wird immer wieder Sternenstaub hindurchrieseln lassen, damit sie ein Kitzeln im Bauch verspürt und die Schmetterlinge ihre Flügel bewegen können.

Laura und Stella gleiten durch den blauen Sternenstaubwirbel. Sie tauchen ein in ein Farbenfeuerwerk und sehen bunte Blumenwiesen an sich vorbeiziehen. Dann kommt die Welt auf der anderen Regenbogenseite plötzlich immer näher. Der Schulhof ist zum Greifen nahe.

 

Laura schüttelt ihre blonden Haare, um die Kastanienblätter von ihrem Kopf zu entfernen. Als sie ein gelbes Blatt von ihrem Jackenärmel klopft, verteilt sie kleine grüne Glitzerfunken auf den Holzbrettern.

Sie hat also doch nicht geträumt. Sie ist Stella wirklich begegnet. Es gibt Stella genauso wie es die Regenbogenwelt gibt. Hinter dem Regenbogen geht es weiter. Laura wusste es zusammen mit Mama schon immer.

Sie tastet in ihrer Hosentasche nach dem Federbeutel. Als sie etwas Weiches spürt, seufzt Laura erleichtert. Ihr Schatz ist noch da. Sie hat ihn auf der turbulenten Reise auf der Regenbogenrutsche nicht verloren.

Laura legt sich mit ausgestreckten Armen in den Herbstwind und lässt ihn durch ihre Haare wehen. Eine weiße Feder kommt neben dem einzelnen vertrockneten Blatt auf den Holzbrettern zum Liegen. Laura fühlt sich durch den Wind getragen. Als ob eine unsichtbare Hand sie von hinten stützen und ihr Halt geben würde.

Mama ist nicht weg. Das weiß Laura nun. Sie wird zwar niemals mehr mit Laura über eine Wiese laufen, um das Ende des Regenbogens zu suchen. Aber das ist auch gar nicht nötig. Mama und Laura haben das Ende des Regenbogens gefunden. Mama wird Laura immer tragen und halten genauso wie der Wind.

Laura muss nur Vertrauen haben. Auch wenn sie Mama nicht sehen kann, weiß Laura nun, dass sie jederzeit mithilfe des Sternenstaubs auf der Regenbogenrutsche hinabsausen kann, damit Mama sie auf der anderen Seite auffängt.

Laura fühlt sich stark und freut sich auf ihr Leben. Ihr Leben auf ihrer Seite des Regenbogens.

Sie möchte die Welt mit Regenbogenfarben füllen und die Menschen darauf aufmerksam machen, wie bunt und lustig die Welt sein kann. Wenn die Menschen es zulassen. Wenn sie nach den Farben suchen und nicht nur stur einem grauen trüben Ziel hinterherjagen. Und Laura hat noch eine Idee. Bei dem Gedanken daran, muss sie Blätter durch die Luft wirbeln lassen. Laura wird Papa fragen, ob sie die Garagenwand vor ihrem Haus bunt anmalen darf. Ja, genau das wird sie tun. Sie ist sich sicher, dass Papa ja sagen wird. Und wenn nicht, wird sie einfach heimlich in ihren Federbeutel greifen und ein bisschen Sternenstaub über Papa rieseln lassen. Dann werden auch in seinem Bauch Schmetterlinge landen und er wird zusammen mit Laura die Garage mit farbigen Pinselstrichen versehen. Einen Regenbogen wird Laura auf jeden Fall malen. Ebenso eine Sonne und die nötigen Wassertropfen, damit ein Regenbogen entstehen kann. Ob die Wassertropfen Tränen oder Regentropfen sind, weiß Laura noch nicht. Es soll auf jeden Fall eine lustige Garagenwand werden. Sie soll so farbenfroh werden, dass die vorbeilaufenden Menschen stehenbleiben werden, um die Wand genauer zu betrachten.

Sie sollen das zitronige Gelb des Schmetterlings in ihrem Mund schmecken.

Sie sollen beim Betrachten der rotweißen Sommerblumen das Gefühl haben, Vanilleeis mit heißen Himbeeren zu löffeln.

Sie sollen das saftige Grün der Wiese unter ihren Füßen spüren.

Sie sollen einen Sonnenstrahl mitnehmen, wenn sie auf dem Gehweg weitergehen werden. Einen Sonnenstrahl, der ein Lächeln wenn nicht sogar ein Lachen auf ihr Gesicht zeichnen wird. Einen Sonnenstrahl, den sie an die entgegenkommende Mutter mit ihrem Baby weitergeben werden, damit auch diese beiden erfahren, wie strahlend die Welt sein kann. Wenn sie es zulassen. Das ist die einzige Bedingung.

Und Laura wird in die Schulverschönerungsgruppe eintreten. Jetzt sofort wird sie es tun, bevor sie der Mut verlassen sollte. Sie wird der Leiterin vorschlagen, die Außen- und Innenwände des Schulgebäudes bunt zu bemalen. Mit vielen Regenbogen, die versteckt oder vielleicht auch offen ersichtlich an den Schulwänden auftauchen werden.

Laura sprudelt über vor Ideen. Sie hat so viele Gedanken im Kopf, die wie ein summendes Bienennest sind.

 

 

 

 

9

 

 

Bienen im Kopf. Schmetterlinge im Bauch. Farben im Herz und im Mund. Einen Federbeutel mit Mamakastanie für den Notfall in der Hosentasche. Wunderschöne Erinnerungen an Mama in einem kleinen Regenbogenkästchen ganz hinten in Lauras Herz. So soll Lauras Leben aussehen.

Sie freut sich schon darauf.

 

An diesem Abend schneidet Laura keine Papierherzen aus dem roten Tonpapier aus. Die Zeit der roten Papierherzen ist vorbei. Nein, Laura holt einen weißen Bogen hervor und malt einen Regenbogen auf. Auf der einen Seite, auf der der Regenbogen die Erde berührt, schreibt sie „Laura“. Auf der anderen Seite „Mama“. Sie legt den Regenbogen zusammen mit dem Federbeutel unter ihr Kopfkissen und schläft mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein.

 

 

 

Emmas großer Wunsch (Blauer Sternenstaub)

 

Stella rutscht und rutscht und rutscht. Die Regenbogenrutsche scheint ins Unendliche zu führen. So lange hat Stellas Reise noch nie gedauert. Ihr blaues Sternenkleid funkelt im Sternenstaubwirbel und hinterlässt Glitzerfunken in der Dämmerung, die hinaus in die Welt geschickt werden und dort verpuffen.

Ob die Menschen sie am Abendhimmel als kleine Lichtpunkte wahrnehmen werden? Oder ob sie dahinter eine Ansammlung von Sternschnuppen vermuten werden?

Laura entgehen sie jedenfalls nicht. Als sie an ihrem Schreibtisch sitzt und gerade „Mama“ auf die eine Seite des Regenbogens schreibt, fällt ihr Blick an den Himmel, an dem sich die rote Sonne hinter dem Horizont verabschiedet. Blaue Lichtfunken lösen sich aus dem Himmel und gleiten sternschnuppenartig auf die Erde.

„Hallo, Stella.“ Laura springt auf und winkt aus dem Fenster. „Schade, dass ich dich nicht begleiten kann……“ Sehnsüchtig schaut sie in die Abenddämmerung hinaus. Aber sie weiß, dass sie hier gebraucht wird.

Hier ist ihr Platz. In dem Haus neben der Garage, die bald in bunten Farben bemalt werden wird.

Papa braucht sie. Das weiß Laura jetzt. Genauso wie Laura Papa braucht. Bevor Laura heute Abend in ihr Zimmer ging, holte sie bereits zusammen mit Papa die Farben aus dem Keller. Gleich morgen Nachmittag wird sie mit Papa die Garagenmalaktion starten. Papa war sofort begeistert von ihrem Vorschlag und Laura musste gar nicht mit Sternenstaub nachhelfen. Papa möchte unbedingt eine große Linde mit einem Vogelnest an die Garage malen.

Laura winkt noch einmal aus dem Fenster und wendet sich dann wieder ihrem Regenbogen zu.

 

Durch den blauen Glitzerwirbel winkt Stella zurück. Sie freut sich, dass sie zusammen mit Tom und Nina Laura helfen konnte. Dass sie etwas Traurigkeit aus einem Kinderherz nehmen konnte. Aber Stella weiß auch, dass Tränen notwendig sind, um einen Regenbogen entstehen zu lassen. Manchmal tut Weinen einfach gut.

Tränen der Traurigkeit sind Stella aus ihrem eigenen Leben bekannt, bevor sie in das Sternenhäuschen hinter dem Regenbogen zog. Aber das ist eine andere Geschichte, die an dieser Stelle nicht erzählt werden soll. Vielleicht später, wenn Stella alle sechs Farben des Regenbogens in Form von Sternenstaub auf der Erde verteilt haben wird. Vielleicht ist dann ein guter Zeitpunkt, um zu erfahren, wie Stella eigentlich in ihr Sternenhäuschen gekommen ist. Jetzt wollen wir zuerst einmal wissen, wo Stellas Rutsche dieses Mal enden wird.

Rums! Diese Landung war nicht so sanft. Stella reibt sich ihren Po, auf dem sie polternd gelandet ist. Dunkelheit umgibt sie. Sie kann kaum die Hand vor ihren Augen erkennen. Glücklicherweise schaffen die Leuchtpunkte auf ihren Haaren und auf ihrem Kleid etwas Helligkeit. Stella kann schemenhafte Umrisse erkennen. Steht dort nicht ein Koffer? Und rechts neben ihr türmen sich mehrere Kisten aufeinander. Stella selbst ist auch in einer gelandet.

Huch! Wer blickt ihr direkt ins Gesicht? Stella, die selten Angst verspürt, kann ein Gesicht mit einem langen weißen Bart und einen roten Mantel erkennen. „Hallo“, flüstert Stella zaghaft. „Wer bist du?“ Sie erhält keine Antwort. Entweder hört dieser Mensch schlecht oder Stella hat zu leise gesprochen. „Hallo“, probiert sie es etwas lauter. Aber wieder bleibt ihre Frage unbeantwortet. Stella berührt vorsichtig den roten Mantel. Immer noch keine Reaktion. Sie tritt dichter heran, um sich selbst zu leuchten. Sie muss herzlich lachen, als sie erkennt, um wen es sich handelt Stellas Reise hat direkt neben dem Weihnachtsmann geendet. Aber nicht vor dem echten, der sich im Herbst bestimmt gerade auf seine zahlreichen Aufgaben während der Weihnachtszeit vorbereitet. Nein, Stella sitzt in einer Kiste, in der sich ein Plastikweihnachtsmann befindet. So einer, der bald an einer Hauswand emporklettern wird. Diese Art von Weihnachtsmännern kennst du bestimmt.

 

 

10

 

So einer, der Verwirrung unter den Kindern schafft. Wie kann sich der Weihnachtsmann gleichzeitig an mehreren Mauern aufhalten?

Neben Stella befinden sich Christbaumkugeln und eine aufgewickelte Lichterkette aus Sternen. Stella ist eindeutig in einem Karton gelandet, in der sich die Weihnachtsdekoration einer Familie befindet. Sie steht mit großer Sicherheit auf der Bühne eines Hauses, da Stella eine Dachschräge erkennen kann.

Plötzlich hört sie ein Rascheln. Vielleicht eine Maus? Stella steigt heraus und versucht sich einen Weg zum Dachfenster hin zu bahnen. Da heute Vollmond ist, ist die Nacht nicht ganz so rabenschwarz. Vielleicht gibt der silberne Mondschein einen Hinweis darauf, warum Stella gerade auf dem Dachboden eines Hauses gelandet ist. Autsch! Stella ist gegen die Kufen eines Schlittens gestoßen. In diesem Moment kann sie neben sich ein Wimmern hören. So leise, dass sie es fast überhört hätte. Es kommt aus der Richtung des Koffers. Stella setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um nicht noch einmal über ein Hindernis zu stolpern. „Hallo? Ist da jemand?“, wispert Stella durch die Dunkelheit. Das Weinen hört abrupt auf. Stella nimmt ein Poltern wahr. Dann ist es wieder still. Undeutlich kann sie einen Kopf erkennen, der hinter dem Koffer hervorschaut. „Hallo. Habe keine Angst“, fügt Stella hinzu. „Ich bin Stella. Stella hinter dem Regenbogen. Ich bin gekommen, um dir zu helfen.“ Der Kopf schiebt sich ein Stückchen weiter vor. Kinderhände tasten sich langsam zwischen den Gegenständen hindurch vorwärts. Vor dem Schlitten beenden Stella und das Mädchen ihre tastende Suche durch die Dunkelheit. Stella kann erkennen, dass das Mädchen dunkle Locken hat. Da sie nur mit einem dünnen Nachthemd bekleidet und barfuß ist, fröstelt sie. „Woher weißt du, dass ich Hilfe brauche?“ Das Mädchen schaut Stella fragend an. Bevor Stella auf die Frage antwortet, entfernt sie den roten Mantel vom Körper des Weihnachtsmanns. „Ich hoffe, du bist mir nicht böse, lieber Weihnachtsmann. Aber dein Mantel wird benötigt.“ Stella legt ihn um die Schultern des zitternden Mädchens. „Komm, wir setzen uns auf den Schlitten.“

Der Mond lächelt, als er durch das Dachfenster sieht, wie die funkelnde Stella neben dem Weihnachtsmannmädchen sitzt. Stella ist schon außergewöhnlich. Der Mond entdeckt sie immer wieder an den abgelegensten Orten mit den unterschiedlichsten Kindern. Er ist sich sicher, dass Stella die Menschen auch finden würde, wenn sie sich in einer tiefen Höhle in einem Berg verstecken würden.

„Danke“, sagt das Mädchen. Das Zittern lässt etwas nach. „Warum versteckst du dich denn mitten in der Nacht auf dem Dachboden? Da ist es doch in deinem warmen Bett viel gemütlicher.“ Das Mädchen wirft einen unsicheren Blick auf Stella. Aber sie spürt, dass sie diesem winzigen Mädchen vertrauen kann.

„Mama soll sich ruhig Sorgen um mich machen und sich wundern, warum ihre Emma nicht im Bett liegt“, fängt sie an zu erzählen, obwohl Stella ihre Frage noch gar nicht beantwortet hat. „Bestimmt sitzt Mama jetzt sowieso vor dem Fernseher, um sich von ihrem stressigen Tag im Büro zu erholen. Meistens schläft sie auf dem Sofa vor lauter Müdigkeit ein. Wenn sie dann wieder aufwacht, wird sie noch einen Blick in mein Zimmer werfen. Mein Bett wird leer sein. Ich habe mit Absicht meine Bettdecke zur Seite gelegt, damit sie auf jeden Fall sehen wird, dass ich nicht mehr da bin.“ Emma kickt trotzig gegen den Karton mit dem Weihnachtsschmuck, dass die Christbaumkugeln klirren.

Stella spürt die Wut, die von Emma ausgeht und sich in der Luft ausbreitet. „Mama wird vergeblich nach den Atemzügen ihrer lieben Emma lauschen…. .Sie soll ruhig Angst um mich haben. Vielleicht geht sie dann morgen einmal nicht in ihr Büro. Vielleicht hat sie dann einmal keine dringenden Telefonate mit irgendwelchen wichtigen Menschen. “ Emma stellt sich vor, wie Mama ihren Chef anruft und ihm mitteilt, dass sie heute im Büro ohne sie auskommen müssen, da ihre Tochter Emma verschwunden ist. Ihr Chef wird bestimmt verärgert sein. Oder wird sie trotzdem ins Büro gehen? So ganz sicher ist sich Emma da nicht.

„Du hast aber eine große Wut auf deine Mama.“ Stella ist schon vielen Kindern begegnet, von denen Tom Wuttränen eingesammelt hat. Aber bei Emma ist dieses Gefühl besonders ausgeprägt.

Emma tritt noch einmal gegen den Karton, sodass er umkippt und einzelne Weihnachtskugeln herausrollen.

Eine rote zerbricht in Scherben. „Nie hat Mama Zeit für mich. Immer ist alles wichtiger als ich. Büro hier, Büro da. Ich muss noch kurz meinen Chef anrufen. Ich muss noch kurz ein wichtiges Telefonat führen. Ich komme gleich. Beschäftige dich doch in deinem Zimmer“, äfft Emma ihre Mama nach. „Sie vergisst immer, dass es mich gibt. Dabei muss ich schon fast den ganzen Tag in der Schule und in der Schulkindbetreuung verbringen. Ich werde immer als letzte abgeholt, da Mama so lange im Büro bleiben muss.“ Emma hat wieder zu zittern begonnen. Aber dieses Mal nicht vor Kälte sondern vor Wut. „Um ihre fehlende Zeit gutzumachen, stopft sie mich und sich mit Schokolade voll. Mama denkt, dass sie mir eine Freude macht, wenn sie mir beim Abholen von der Schule gleich einen Schokoriegel in die Hand drückt. Dabei möchte ich das gar nicht. Mittlerweile hasse ich Schokolade!“ „Musste sie denn schon immer so viel arbeiten?“, möchte Stella wissen. „Nein, erst seit Papa nicht mehr bei uns wohnt. Er ist vor zwei Jahren ausgezogen, weil er sich nur noch mit Mama gestritten hat…..“

Stella merkt, wie Emmas Wut weniger geworden ist. Wie sie sich an den Christbaumkugeln entladen hat.

 

 

11

 

 

Darunter kommt eine zutiefst verletzte Emma zum Vorschein, die eigentlich nichts anderes möchte als mit ihrer Mama zusammen Zeit zu verbringen.

„Von da an ging sie jeden Tag früher in ihr Büro und kam viel später nach Hause. Sie meldete mich bei der Schulkindbetreuung an, damit ich den Tag über versorgt bin.“ Emma hebt eine rote Scherbe vom Boden auf und wirft sie gegen die Wand. Vorsichtig greift Stella in ihren Federrucksack und holt unbemerkt eine winzige Prise blauen Sternenstaub hervor, die sie in einer kurzen bogenförmigen Handbewegung in Emmas Richtung wirft.

Hier ist rasche Hilfe nötig. Emmas Wut ist so groß, dass Stella nicht warten kann, bis sie Emma den Grund für ihr Kommen erklärt hat. Stella merkt, wie sich das zornige Gefühl sofort aus dem Raum zurückzieht und sich ein unsicheres Lächeln auf Emmas Gesicht ausbreitet. „Manchmal überlegt sich Mama aber auch schöne Dinge. Letztes Wochenende zum Beispiel waren wir zusammen im Zoo. Wir haben fast den ganzen Tag im Schmetterlingshaus verbracht und einem Pfauenauge beim Schlüpfen aus seinem Kokon zugeschaut. Das war richtig schön…….“ Im Mondschein kann Stella Emmas glückliches Gesicht erkennen. Stella ist erleichtert, dass der Sternenstaub so schnell seine Wirkung zeigt und nicht nur im Raum verpufft ist. „Besuchst du auch manchmal deinen Papa?“, möchte sie wissen. „Ja, er holt mich an manchen Wochenenden ab und unternimmt etwas mit mir. Aber unter der Woche hat er auch keine Zeit.“ Emma runzelt die Stirn. „Warum sind die Erwachsenen eigentlich immer so beschäftigt? Sie rennen den ganzen Tag hin und her und nehmen sich gar keine Zeit für schöne Dinge. Ich würde so gerne mit Mama einfach nur auf dem Sofa liegen. Aber Mama schläft immer gleich ein, weil ihr Büro sie so müde macht.“

Stella schaut durch das Dachfenster zum Mond hinauf. „Liebe Emma“, beginnt sie. „Ich möchte dir gerne helfen. Vielleicht schaffen wir es gemeinsam, dass sich das Leben deiner Mama nicht nur um ihr Büro und ihren Chef dreht. Du musst mir aber dabei unterstützen.“ Emma springt vom Schlitten auf. „Natürlich!“ Der Weihnachtsmannmantel gleitet von ihren Schultern. „Ich werde dir und deiner Mama meine Regenbogenwelt zeigen. Meistens nehme ich nur Kinder mit dorthin. Aber in manchen Fällen ist es notwendig, dass auch die Erwachsenen auf einer Regenbogenrutsche sitzen, damit sie wieder einmal das Kribbeln im Bauch spüren. Ein Gefühl aus Kindheitstagen, das aber im Erwachsenenalter leider verlorengeht“, erklärt Stella. „Wie kommen wir in deine Regenbogenwelt?“, fragt Emma aufgeregt von einem nackten Fuß auf den anderen springend. Sie fühlt eine Vorfreude wie an Weihnachten, wenn sie hinter der geschlossenen Wohnzimmertür darauf wartet, dass das Glöckchen klingelt „Ich rutsche für mein Leben gerne. Auf einer Regenbogenrutsche bin ich allerdings noch nie gerutscht“, ruft Emma. „Psst. Leise, Emma. Deine Mama soll uns nicht hören. Ich hoffe, dass sie schläft. Dann können wir im Schlaf etwas Sternenstaub über sie rieseln lassen. Wenn ihr dann von eurer Reise zurückkehren werdet, wird sie sich an nichts mehr erinnern können.“ Stella greift nach ihrem Federrucksack. „Das ist besser so. Die Erwachsenen werden durch die Regenbogenwelt oft völlig verwirrt, da viele Kindheitserinnerungen in ihnen hochsteigen. Meine bunte Welt passt nicht in ihr Leben. Aber ihr Kinder dürft die großen Menschen immer wieder wachrütteln und ihnen Teile aus der Regenbogenwelt zeigen. Denn es gibt sie auch ein kleines bisschen auf eurer Seite des Regenbogens.“ Emma lauscht gebannt. Das hört sich alles so spannend an. Sie kann es kaum erwarten, das Abenteuer zu beginnen.

Stella ergreift Emmas Hand. Sie bewegen sich auf leisen Sohlen um die Hindernisse herum bis zur Tür. Emma drückt vorsichtig die Türklinke herunter. Die Tür öffnet sich knarrend. „Mist“, flucht Emma. „Hoffentlich hat Mama das nicht gehört. Aber bestimmt schläft sie tief und fest auf dem Sofa.“ Sie schleichen die Treppe hinunter. Emma barfuß. Stella in ihren glitzernden Sternenschuhen. Die Treppenstufen geben nur ab und zu ein leises knackendes Geräusch von sich. Vor der geschlossenen Wohnzimmertür halten sie an. Sie können Stimmengemurmel vom eingeschalteten Fernseher hören. „Ich spickel mal durch das Schlüsselloch“, flüstert Stella und linst mit einem Auge durch die Öffnung. „Sie schläft“, wispert sie. „Bist du bereit für die Reise auf dem Regenbogen, Emma?“ Emma nickt. Stella holt aus ihrem Federrucksack eine Handvoll Sternenstaub und wirft ihn auf Emma zu. Sie greift ein zweites Mal hinein und lässt ihn durch das Schlüsselloch fliegen.

Die Wirkung tritt sofort ein. „Huch, wie das kitzelt“, lacht Emma und versucht die blauen Glitzerfunken aufzufangen. Sie verteilen sich in der Luft und zaubern einen farbigen Nebel in allen Blautönen. Von Glockenblumenblau über Himmelblau bis zu Fliederblau. Der Nebel ruft einen sanften Wind hervor, der die Sternenstaubteilchen auf Emma verteilt. Emmas Lachen wird immer lauter und sie beginnt, sich im Kreis zu drehen. Jetzt ist ihr lautes Lachen erlaubt, da Mama an der Tür erscheint und ebenfalls sofort in den Strudel des Farbenfeuerwerks gerät. Ihr Kichern ist fast noch lauter als Emmas. Sie ist wenig verwundet über die ungewöhnliche blaue Glitzerstimmung in ihrem Haus. Sie erwähnt auch mit keinem Wort, dass Emma um diese Uhrzeit eigentlich im Bett liegen müsste und nicht barfuß im Nachthemd unterwegs sein sollte.

Emma muss bei Mamas Anblick grinsen. „Komm, lass uns tanzen.“ Mama ergreift Emmas Hände und wirbelt mit ihr von Nachtblau bis Lavendelblau. Emma fällt ein, dass Papa immer erzählt, was für eine tolle Tänzerin Mama sei. In ihrer Kindheit hatte sie den großen Traum, einmal Balletttänzerin zu werden.

 

 

12

 

Mama geht in dem Farbenstrudel so sehr auf, dass Emma fast nicht mitkommt. Von Müdigkeit keine Spur.

Ist das wirklich ihre Mama, die sie sonst schlapp und gestresst von der Schule abholt und ihr einen Schokoriegel in die Hand drückt?

Mama lacht. Emma lacht. Beide lachen zusammen. Nicht jede für sich alleine. Trotz des dichten Nebels kann Emma plötzlich erkennen, wie aus dem Nichts heraus ein blondes Mädchen mit einem runden Federbeutel auftaucht. Sie kommt ganz dicht an Emma heran und führt eine bogenförmige Bewegung aus. Als ob sie etwas aus der Luft herausholen wolle. Doch so schnell, wie sie erschienen ist, verschwindet sie wieder im blauen Nebel.

„Stella? Bist du noch da?“ Emmas Worte werden vom Wind davongetragen. Sie erhält keine Antwort, aber sie merkt, wie sich der Nebel um sie herum langsam aufzulösen beginnt. Umrisse werden deutlicher erkennbar. Mama und Emma gehen Hand in Hand ein paar Schritte vorwärts. Sie blicken sich staunend an, als ein riesengroßer Regenbogen vor ihnen auftaucht. Eine angelehnte Leiter führt nach oben. Flink klettern Mama und Emma hinauf. Von hier aus haben sie eine wundervolle Aussicht auf die Regenbogenwelt, in der alle Farben der Welt gesammelt werden. „Komm, Mama, lass uns rutschen.“

Emma und Mama sausen im Wellenflug über die Rutsche. Noch nie in ihrem Leben haben Emma und Mama so etwas Kribbelndes, Lustiges und Wunderschönes zusammen erlebt. „Es soll niemals aufhören“, denkt Emma.

Als sie den feuerroten Regenbogenstrahl hinabgleiten, wirft Stella ihnen blauen Sternenstaub hinterher.

„Mama, ich möchte keine Schokoriegel mehr haben. Ich hasse Schokolade“, ruft Emma durch den Fahrtwind hindurch. Mama schaut sie entsetzt an. „Ich dachte immer, dass ich dir damit eine Freude mache?“ „Nein. Viel lieber wäre mir, wenn du mehr Zeit für mich hättest“, antwortet Emma. Ihre braunen Locken und ihr Nachthemd fliegen im Wind. Das Aussprechen ihres großen Herzenswunsches tut gut. Hier in der Regenbogenwelt ist er sicher aufgehoben. Hier kann Mama ihn aufnehmen und nicht mit der Ausrede kommen, dass sie ein wichtiges Telefonat führen muss. Hier gibt es kein Büro und keinen lästigen Chef, die Mama in Beschlag nehmen.

Hier gibt es nur Mama und sie. So wie Emma es sich wünscht. Und so, wie es normal sein sollte.

Eine Mama, die zusammen mit ihrer Tochter Zeit verbringt, weil sie sich lieb haben.

Mama und Emma sausen immer weiter. Der feuerrote Strahl geht in Himbeerrot über. Emma spürt, das dieser rote Strahl sehr wichtig für Mama und sie ist. Sie weiß, dass am Ende etwas anders sein wird.

Ein himbeerroter Emma-Mama-Strahl, der nur für sie beide gemacht ist. Herzrot, das sie beide verbindet.

„Emma, ich weiß, dass es so nicht weitergehen kann. Ich denke schon seit längerem darüber nach, wie ich meine Arbeit im Büro reduzieren kann. Aber es ist nicht so einfach.“ Mama seufzt. Emma möchte nicht, dass sich die traurige Stimmung auf sie beide ausbreitet und die Schönheit der Regenbogenwelt überlagert.

Doch glücklicherweise landet genau in diesem Moment der von Stella geschickte Sternenstaub auf ihnen.

Mama und Emma lächeln, da er auf der Haut kitzelt. Emma und Mama lachen, bis ihnen der Bauch wehtut.

„Doch, Mama, es ist einfach. Probiere es bitte aus. Es ist wichtig“, ruft Emma. „Ja, du hast ja recht, Emma. Ich werde es tun. Gleich morgen werde ich zu meinem Chef gehen und ihm sagen, dass ich einen Nachmittag in der Woche frei haben möchte. Und jeden Tag werde ich eine Stunde weniger arbeiten. Dann kann ich dich früher von der Schule abholen“, schlägt Mama vor.

Emma und Mama sausen an Kirschrot und Rosenrot vorbei. Ein wundervoller Rosengeruch steigt ihnen in die Nase, während sie gleichzeitig nach den vorbeifliegenden Kirschen greifen. „Ist das dann unser Mama-Emma-Nachmittag, der nur uns beiden gehört?“, möchte Emma wissen, während sie einen Kirschkern in die Regenbogenwelt spuckt. „Ja, Emma. Diese Zeit wird nur uns beiden gehören. Was hältst du von der Idee, zusammen tanzen zu gehen? Ich habe neulich gelesen, dass unser Sportverein eine Mutter-Kind-Tanzgruppe anbietet?“ Mamas ausgespuckter Kirschkern landet direkt auf Stellas Sternenhausdach, das plötzlich vor ihnen auftaucht. „Au ja“, ruft Emma begeistert. Sie ist zwar keine so leidenschaftliche Tänzerin wie Mama. Aber darum geht es nicht. Es geht um die gemeinsame Zeit mit Mama. Darum, dass sie zusammen mit Mama Spaß hat.

Nur Mama und Emma. Kein blödes Büro. Kein blöder Chef. Keine müde Mama.

Emma und Mama landen sanft in Stellas Sternenhaus, wo Stella die beiden schon erwartet. „Hallo, ihr zwei“, begrüßt sie sie. Für Mama scheint es völlig normal zu sein, einem blau glitzerndem Mädchen im Sternenkleid gegenüberzustehen. „Das ist Stella, Mama“, stellt Emma Stella vor. „Hallo, Stella“. Mama schüttelt Stellas winzige Hand. „Ich bin mir sicher, dass wir uns schon einmal begegnet sind“, überlegt Mama. Stella lächelt. Bei den meisten Erwachsenen steigen Erinnerungen an ein fröhliches Leben als Kind auf, wenn sie Stella erblicken. Aus Zeiten, in denen die Regenbogenfarben noch da waren.

Stella muss an Laura denken, die Farben so liebt. Bestimmt malt sie gerade mit ihrem Papa zusammen die Garagenwand an. Weil Stella ein Kribbeln im Bauch verspürt, weiß sie, dass Laura gerade ihren Pinsel in die grüne Farbe taucht, um den grünen Regenbogenstrahl zu malen. Stella bleibt immer mit den Kindern, die einen Federbeutel von ihr bekommen haben, in Verbindung. Sie kann fühlen, wie es den Kindern gerade geht.

 

 

13

 

 

„Ich habe noch nie so etwas Schönes erlebt, Stella.“ Emmas Augen strahlen bei diesen Worten. „Können Mama und ich nicht in dein Sternenhäuschen einziehen? Wir können dir auch bei deinen Einsätzen in unserer Welt helfen.“ Mama nickt begeistert mit dem Kopf. So weit entfernt wie hier waren ihr Büro und ihr Chef noch nie. Stella schaut die beiden an. Der Sternenstaub war wieder einmal erfolgreich, wie sie in den Augen der beiden lesen kann. Nun müssen Emma und Mama es nur noch schaffen, ihr Strahlen in die Welt auf ihrer Seite des Regenbogens zu übertragen. Als kleine Hilfe hält Stella einen Federbeutel in der Hand, den Emma gleich mit Sternenstaub auffüllen darf.

„Das geht leider nicht“, antwortet sie. „Obwohl jedes Lebewesen, das die Regenbogenwelt betritt, den großen Wunsch verspürt, für immer hier zu bleiben. Aber dann würde eure Seite ja immer leerer und trostloser werden. Bald würde es überhaupt keine Farben mehr geben. Deshalb ist es wichtig, dass die Menschen, die die Regenbogenwelt kennengelernt haben, die Regenbogenfarben mitnehmen, um eure Welt bunter und fröhlicher zu machen.“ Ein Rauschen ertönt am lilafarbenen Regenbogenstrahl und zwei Kinder landen auf Stellas Federbett. Weiße Federn fliegen durch die Luft. „Hallo, Nina. Hallo, Tom“, begrüßt Stella die beiden. „Tom und Nina haben euch durch Emmas Tränen und euer herzliches Lachen in meine Regenbogenwelt geführt. Beides ist nötig, um einen Regenbogen entstehen zu lassen“, erklärt Stella. „Deshalb dürft ihr auch Tränen vergießen, wenn ihr traurig seid. Sie gehören zum Leben dazu. Genauso wie Freudentränen. Viele Menschen, vor allem die Erwachsenen, möchten stark sein. Sie vergießen keine Tränen mehr und können somit auch nie in die Regenbogenwelt gelangen. Deshalb ziehen sich die Farben immer mehr aus ihrem Leben zurück.“ Stella seufzt.

„Dich habe ich doch im Farbennebel gesehen“, geht Emma ein Licht auf. „Danke für eure Hilfe, Tom und Nina. Und natürlich auch dir danke, Stella.“ Emma wird etwas wehmütig. Sie spürt die Aufbruchstimmung, die in der Luft liegt. Sie spürt aber auch Mamas Nähe. So nahe waren sich Emma und Mama schon lange nicht mehr. Zuletzt als Emma als Baby in Mamas Armen lag.

„Ich freue mich schon auf unsere Emma-Mama-Nachmittage.“ Emma nimmt Mamas Hand. Ein Lächeln zieht über Mamas Gesicht. „Ich auch, Emma…. Sehr sogar. Ich bin schon gespannt auf das Gesicht von meinem Chef, wenn ich ihn wegen meinem freien Nachmittag ansprechen werde. Hoffentlich sagt er nicht nein.“

Mamas Händedruck wird schwächer und mutloser. Doch Stella naht mit Hilfe.

„Deshalb darf Emma jetzt diesen Federbeutel hier mit Sternenstaub in ihrer Lieblingsfarbe füllen. Er ist eine kleine Hilfe, wenn es auf eurer Seite des Regenbogens einmal nicht so funktionieren sollte, wie ihr es euch vorstellt.“ Emmas Augen werden riesengroß. Sie stürzt auf Stella zu und umarmt sie so heftig, dass sie auf Stellas Federbett fallen. „Vielen vielen Dank, Stella.. Jetzt weiß ich, dass alles gut werden wird.“

Stella befreit sich lachend von den Federn.

„Aber was mache ich, wenn der Sternenstaub aufgebraucht ist?“, fällt Emma plötzlich ein. „Dann werde ich deinen Beutel wieder auffüllen. Entweder komme ich selbst vorbei oder du kommst zu mir“, beruhigt Stella sie. „Ich werde bald ein großes Fest hinter dem Regenbogen abhalten. Für alle Menschen, die einen Federbeutel mit Sternenstaub besitzen. Da wird es Sternenstaub zu Genüge geben.“ Die Sterne in Stellas Augen funkeln. „Ich freue mich schon so sehr darauf. Es wird das erste Mal sein, dass ich ein Fest in meiner Regenbogenwelt feiern werde. Tom, Nina und ich sind schon fleißig mit den Vorbereitungen beschäftigt.“ Nina wird sofort von Stellas Freude angesteckt. „Ja, weißt du, Emma, da wird es Bonbons in allen Regenbogenfarben geben und auch….“. Stella hält Nina den Mund zu. „Psst, Nina. Nichts verraten. Das soll doch unser Geheimnis bleiben. Du weißt doch, Vorfreude ist am schönsten.“ „Regenbogenlutscher“, flüstert Nina Emma hinterher, als Stella sich mit ihr in die Spitzen des Sterns aufmacht.

„Was ist deine Lieblingsfarbe, Emma?“, möchte Stella wissen. Emma schaut sich suchend um, während ihr bei dem Gedanken an Regenbogenlutscher das Wasser im Munde zusammenläuft. „Lila.“ Emma zeigt auf die lilafarbene Sternenspitze rechts über ihr. „Gut, dann komm mal mit.“ Stella schließt eine kleine Tür auf.

Emma reißt vor Staunen ihre Augen auf, als sie die Fülle an lilafarbenen Farbtönen dahinter sieht „Gibt es so viele Farben auf der Welt?“ Emma kann es kaum glauben. „Ja. Wunderschön, gell? Hier in meinem Haus habe ich alle gesammelt. Die Menschen auf eurer Seite des Regenbogens haben leider viele davon vergessen. Aber es gibt sie. Und auch durch dich kann die Welt wieder bunter werden.“

„Ich nehme die hier.“ Emma zeigt auf veilchenblauen Sternenstaub, den Stella daraufhin großzügig in den Federbeutel füllt. „Prima, Emma. Dann bist du gut vorbereitet für eure Rückreise. Ich werde euch begleiten.“ Etwas betrübt verabschieden sich Emma und Mama von Tom und Nina. „Wir sehen uns beim Regenbogenfest wieder“, sagt Nina, als sie Emma umarmt „Regenbogeneis wird es auch geben“, flüstert sie Emma ins Ohr.

So leise, dass Stella es bestimmt nicht hört. Stella schmunzelt. Ihre liebe Nina. Stella könnte sich niemand Geeigneteren vorstellen, um das Strahlen der Kinder einzufangen. Nina, die selbst eine strahlende Sonne ist.

Emma und Mama winken noch, als das Sternenhäuschen bereits aus ihrem Blickfeld verschwunden ist.

 

 

14

 

 

Die Reise geht rasant über alle Regenbogenstrahlen. Emma klammert sich an Mamas Arm fest, um sie nicht in den Farben zu verlieren. Als sie auf Apfelgrün rutschen, fliegen leckere saftige Äpfel an ihnen vorbei. Wenn Emma die Augen schließt, hat sie das Gefühl, über eine Apfelbaumwiese zu laufen, auf der unzählige vollbehängte Apfelbäume stehen. Emma und Mama schnappen sich im Regenbogenflug zwei Äpfel.

„Ich möchte lieber Äpfel haben anstelle von Schokoriegeln“, ruft Emma Mama zu. „Geht in Ordnung, Emma“, ruft Mama zurück.

Als sie auf Sommerorange rutschen, verlangsamt sich ihre Rutschgeschwindigkeit plötzlich. Emma blickt sich nach Stella um, die hinter ihnen gleitet. „Sind wir schon Zuhause?“, fragt sie enttäuscht. Sie hat gehofft, noch den vanillefarbenen Strahl zu erreichen, der am Horizont aufgetaucht ist. Vanille ist Emmas Lieblingseissorte und sie spürt schon den Geschmack von Vanilleeis auf der Zunge. Wobei Sommerorange auch nicht schlecht ist. Fruchtig frisch wie der Sommer. „Nein, noch nicht ganz“, antwortet Stella. „Aber Tom ist uns gefolgt. Ich denke, dass er mir etwas geben möchte.“

In diesem Moment taucht Toms Blondschopf auf. „Wartet auf mich“, kann Emma seine Stimme durch den Fahrtwind hindurch hören. Schon hat er die drei erreicht und übergibt Stella einen Tränenfederbeutel.

„Danke, Tom. Dann kann ich gleich weiterrutschen, wenn ich Emma und ihre Mama wohlbehalten auf ihre Seite des Regenbogens gebracht habe.“ Stella öffnet den Beutel. Augenblicklich geht die Farbe ihres Sternenkleids von Blau in Orange über. „Oh, orangefarbenen Sternenstaub habe ich schon lange nicht mehr benutzt“, sagt Stella überrascht „Wie du siehst, sind es dieses Mal besonders viele Tränen. Sie stammen von einem Jungen namens Mike“, erklärt Tom. „Warum bist du eigentlich so nass?“ Stella blickt Tom verwundert an. Er schaut an seiner durchnässten Kleidung hinunter und schüttelt seine nassen Haare. Die Wassertropfen perlen am Regenbogen ab und verstärken durch ihre Nässe die Regenbogenfarben. „An dem Ort, an dem du Mike finden wirst, gibt es ziemlich viel Wasser, das nicht nur von seinen Tränen stammt“, erläutert Tom. „Na, da bin ich ja mal gespannt“, sagt Stella. Nach Blätterhaufen und staubigen Kisten auf Dachböden freut sie sich auf Wasser und geschwommen ist sie schon lange nicht mehr. „Dann rutschen wir jetzt schnell weiter, um keine Zeit zu verlieren. Tschüss, Tom.“ Stella fasst Emma und Mama an den Händen. Schnell geht die Fahrt weiter. „Trotzdem machen wir noch einen kleinen Umweg über Vanille.“ Stella blinzelt Emma zu. „Ich weiß doch, wie gerne du Vanilleeis isst.“ Emma streckt jubelnd die Arme in die Höhe. „So viel ich will, Stella?“ „Ja, so viel du möchtest.“

Schon nach kurzer Zeit fliegen mehrere Hundert Vanilleeiskugeln an ihnen vorbei. „Hmmm, schmeckt das lecker. Besser als das Eis in meiner Lieblingseisdiele“, schwärmt Emma. Auch Mama öffnet ihren Mund und lässt die Eiskugeln hineinfliegen. Emma könnte sich keinen besseren Abschluss für ihre Reise hinter den Regenbogen vorstellen.

Sie schluckt gerade die letzten Reste des Vanilleeises hinunter, als sie in ihrem Bett landet. Emma spürt noch den Geschmack von Vanilleeis auf ihrer Zunge. In ihrem Spiegel an der Wand kann sie ihren verschmierten Mund erkennen. Der Federbeutel mit veilchenblauem Sternenstaub liegt auf ihrem Kopfkissen. „Jetzt ist mir schlecht“, stöhnt Emma und hält sich ihren Bauch. „Das waren eindeutig zu viele Eiskugeln.“ Sie hörte irgendwann mit Zählen auf. „Und dann noch die Äpfel davor. Ob ich heute überhaupt schlafen kann?“

Doch keine fünf Minuten später kann Mama die Atemzüge einer erschöpften aber glücklichen Emma hören.

Den Federbeutel hat Emma ihrem Teddy um den Hals gehängt.

Leise schließt Mama wieder die Tür. Beim Anblick der friedlich schlafenden Emma hat sie einen Entschluss gefasst. Eine Entscheidung, die mit dem wunderschönen Traum zusammenhängt, den Mama gerade hatte.

Sie schüttelt verwirrt den Kopf. Sie ist doch tatsächlich mit Emma auf einer nicht enden wollenden Rutsche in allen Regenbogenfarben hinabgesaust. Die Reise war so traumhaft schön, dass sie plötzlich wusste, dass sie etwas in ihrem Leben ändern muss. Gleich morgen wird sie zu ihrem Chef gehen und nicht mehr so viel arbeiten.

Mama möchte mehr Zeit mit Emma verbringen. Mit ihrer Emma, die das Wichtigste in ihrem Leben ist.

Viel wichtiger als irgendwelche Kunden oder Telefonate. Die können ruhig einmal warten. Gleich morgen wird sie Emma überraschen und mittags von der Schule abholen. Mama freut sich schon auf Emmas erstauntes Gesicht, wenn sie an der Kletterwand auf sie warten wird.

Sie geht die quietschenden Treppenstufen hinunter und packt zwei Äpfel in ihre Bürotasche. Seltsam, irgendwie hat Mama gar kein Verlangen mehr nach Schokoriegeln. Stattdessen hat sie einen Apfelgeschmack im Mund, als ob sie gerade einen besonders saftigen Apfel gegessen hätte. Erschöpft schläft auch Mama bald ein. Die winzigen Vanilleeisspuren an ihrem Mund bleiben unentdeckt.

 

„Sternenstaub, Sternenstaub, bring mich zu dem Kind, dessen Tränen ich in diesem Federbeutel find“, klingen Stellas Worte über den Himmel. Kleine orangefarbene Glitzerfunken fallen zusammen mit weißen Federn auf die Erde. Manche Kinder werden sie entdecken. Manchen werden sie verborgen bleiben. Aber ich bin mir sicher, dass mindestens ein Glitzerfunke auf Lauras Garagenregenbogen landen wird.

 

 

 

15

Stellas Reise geht weiter auf ein unbekanntes Ziel zu. Sie genießt die Zeit auf der Regenbogenrutsche immer sehr und freut sich, wenn sie all die Kinder, die schon einmal in ihrer Regenbogenwelt waren, vom Regenbogen aus beobachten kann. Immer wieder greift Stella dann in ihren Federbeutel, um Sternenstaub in allen Regenbogenfarben auf die Welt rieseln zu lassen. Kleine Farbpunkte, die das Leben und die Menschen bunter und fröhlicher machen soll.

Seit Stella hinter dem Regenbogen lebt, waren schon viele Besucher bei ihr. Und es werden noch viele kommen. Stella freut sich auf die Menschen. Jeder ist anders. Aber in jedem kann man die Freude für die Regenbogenfarben wecken. Stella liebt ihr Leben hinter dem Regenbogen. Sie möchte niemals mehr in ihr altes Leben zurückkehren. Tom und Nina sind jetzt ihre Familie.

Jetzt möchtest du aber bestimmt noch erfahren, ob Emmas Mama ihren Chef überzeugen kann, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Am besten stellen wir uns vor Emmas Schule unweit der Kletterwand und warten ab, bis die Klingel das Schulende verkündet.

Dingdong. Es ist zwölf Uhr und die ersten Schüler stürmen aus dem Schulgebäude. Emma verlässt erst mit den letzten trödelnden Schülern die Schule. Sie lässt sich immer viel Zeit, um in die Schulkindbetreuung zu gehen, da sie dort noch den ganzen Nachmittag verbringen muss. Doch als sie heute Mama an der Kletterwand stehen sieht, greift sie in ihre Jackentasche nach dem Federbeutel. Emma jubelt und rennt los in Mamas Arme. Es hat funktioniert. Heute Morgen vor der Schule hat sie noch schnell etwas Sternenstaub in Mamas Tasche gefüllt Direkt auf Mamas Wasserflasche. Emma war überzeugt, dass sich der Sternenstaub in Mamas Büro verteilen würde, wenn Mama die Flasche hervorholt. Bestimmt würde er auch Mamas Chef erreichen und ihn in den Zauber des Sternenstaubs geraten lassen.

Emma und Mama umarmen sich. „Hallo, Emma. Ich habe dir etwas mitgebracht“ Mama hält Emma einen Apfel hin. Genau so einen apfelgrünen wie Emma und Mama auf der Regenbogenrutsche verspeist haben.

„Ich habe mir überlegt, dass wir ab heute keine Schokoriegel mehr essen werden“, erklärt Mama, als sie Emmas erstauntes Gesicht sieht. „Ich kann die Dinger nicht mehr sehen“, fügt sie hinzu.

Hand in Hand verlassen Emma und Mama den Schulhof. In der anderen Hand halten sie die Äpfel, die Emma das Gefühl geben, über die Apfelbaumwiese auf ihrer Regenbogenreise zu laufen.

Du weißt bestimmt schon, wohin Emmas und Mamas Weg führt. Genau. Nachdem sie ein Herbstpicknick auf einer Wiese gemacht haben, gehen sie in die Turnhalle, um zu tanzen. Nicht ganz so wild wie im Sternenstaubnebel, aber doch so ausgelassen, dass sie abends beide erschöpft auf das Sofa fallen und sich gemeinsam unter einer Decke verkriechen. Müde schlafen sie dort ein, aber Mama dieses Mal nicht vor Erschöpfung wegen einem stressigen Bürotag, sondern weil Glücklichsein auch anstrengend sein kann.

Morgens findet Emma eine weiße Feder vor ihrem Bett.

Ob Stella sie in der Nacht besucht hat?

 

 

 

Mikes mutiger Sprung (Orangener Sternenstaub)

 

Dieses Mal landet Stella nicht so unsanft wie beim letzten Mal auf dem Dachboden. Allerdings muss sie erst einmal die Wasseroberfläche suchen und nach Luft schnappen. Die Regenbogenrutsche ist am Ende in eine Wasserrutsche übergegangen. Obwohl sie wusste, dass sie bei ihrem nächsten Einsatz mit Wasser in Berührung kommen wird, ist sie erstaunt, dass sie direkt in einem kleinen Schwimmbecken gelandet ist.

Stella schwimmt an den Beckenrand und schüttelt ihre langen orangefarbenen Haare. Sie sieht wie eine Wassernixe aus. Die Wasserrutsche ist gerade nicht in Betrieb, aber aus dem angrenzenden Gebäude, das durch einen kleinen Durchgang mit der Wasserrutsche verbunden ist, kann sie laute Kinderstimmen hören.

Stella klettert aus dem Becken und schaut sich suchend um. Sie lächelt, als sie bemerkt, dass die röhrenförmige Rutsche orange ist. Das passt ja prima. Die Wandbemalung sieht aus wie eine Unterwasserlandschaft. Bunte Fische in schillernden Farben schwimmen durch das tiefblaue Meer. Seepferdchen, Meerjungfrauen, Muscheln und Wasserpflanzen finden ebenso ihren Platz wie ein Taucher mit einer kompletten Taucherausrüstung. Stella kann sogar mehrere Regenbogenfische mit Glitzerschuppen erkennen.

An einem so passenden Ort ist sie noch nie gelandet. Hier waren Menschen am Werk, die Farben genauso lieben wie Stella.

Wo Mike wohl steckt? Stella lauscht, aber sie kann nur die fröhlichen Kinderstimmen aus dem anderen Gebäude hören. Ob sie einmal die Treppe zur Wasserrutsche hinaufklettern soll? Das ist allerdings gar nicht so einfach mit einem nassen Sternenkleid, das am Körper klebt. Hätte Stella bloß ihren orangefarbenen Glitzerbikini angezogen.

 

16

 

 

Doch nach einiger Anstrengung erreicht Stella die letzte Treppenstufe. Am dunklen Eingang der Rutsche sitzt ein braunhaariger Junge in einer – eigentlich logisch – orangefarbenen Badehose. Mike hat Stella noch nicht bemerkt. Er blickt gedankenversunken in die Dunkelheit der Rutsche, die nur durch goldene Sterne etwas erhellt wird.

Stella räuspert sich, aber Mike blickt stur geradeaus und dreht sich nicht um. „Hallo, Mike“, startet Stella einen neuen Versuch. „Lasst mich in Ruhe. Ich möchte euch alle nicht sehen“, antwortet Mike, ohne seinen Blick nach hinten zu wenden. Seine Hände halten sich krampfhaft an der Rutsche fest. Stella sieht, dass sein gesamter Körper angespannt ist. Vor Wut? Sie tritt ein paar Schritte näher und legt Mike ihre winzige nasse Hand auf die Schulter. Mike dreht erschrocken den Kopf zur Seite. Als er Stella erblickt, bleibt ihm vor Staunen der Mund offen stehen. „Hallo Mike“, begrüßt Stella ihn noch einmal. „Bi…..Bi… Bist du eine Meerjungfrau?“, stottert Mike. „U….u….Und warum kennst du meinen Namen?“ Auf seinem Gesicht zeichnen sich Wasserspuren ab. Stella überlegt, ob es sich um Wasser aus dem Schwimmbecken oder um Tränen handelt. Einsame traurige Tränen oder Wuttränen? „Nein, ich bin keine Meerjungfrau. Obwohl ich mich gerade so fühle.“ Stella betrachtet die Wassernixe an der gegenüberliegenden Wand. Sie spielt mit den Regenbogenfischen Verstecken und steuert gerade auf eine braunweiß gestreifte Muschel zu. „Ich bin Stella. Stella hinter dem Regenbogen. Habe keine Angst. Ich bin gekommen, um dir zu helfen.“ Sie lässt ihren Federrucksack von ihren Schultern gleiten.

Er gibt einen jämmerlichen nassen Anblick ab. Mike schließt seinen Mund, aber er mustert Stella sehr skeptisch. Er scheint immer noch zu überlegen, ob dieses orangefarbene Mädchen nicht doch aus den Meeresbildern an der Wand entstiegen ist. „Ich brauche keine Hilfe“, erwidert Mike trotzig und wendet seinen Blick wieder in das dunkle Rutscheninnere. Es kommt oft vor, dass die Menschen, denen Stella helfen möchte, zuerst einmal mit Ablehnung auf sie reagieren. Deshalb greift sie unbemerkt in ihren Federrucksack und wirft eine kaum sichtbare Menge an Sternenstaub auf Mike. Sofort löst sich die Spannung aus seinem Körper und eine einzelne Träne läuft über seine Wange, wo sie sich mit den anderen Wassertropfen vermischt.

„Ich kann da nicht runterspringen“, beginnt er leise zu erzählen. „Alle aus meiner Klasse trauen sich, nur ich nicht. Dabei möchte ich kein Angsthase sein. Sogar Finn, der einen Kopf kleiner ist als ich, ist gesprungen.“

Jetzt ist der Tränenstrom aus Mikes Augen richtig in Gang gekommen. „Weine ruhig, das befreit“, versucht Stella ihm Trost zu spenden. Die orangefarbenen Sternenstaubpartikel auf Mikes Haut haben sich mit dem Wasser vermischt. „Aber am schlimmsten ist, dass alle gelacht haben…. Alle aus meiner Klasse haben mich ausgelacht, als ich auf dem Sprungbrett umgedreht und die Stufen wieder hinabgeklettert bin“, schluchzt Mike. Unaufhörlich fließen Tränen nach. „Wirklich alle?“, möchte Stella wissen. „Alle bis auf Laura. Ja, Laura hat nicht gelacht, sondern versucht, mich aufzuhalten, als ich aus dem Raum gerannt bin. Aber stell dir mal vor, sogar mein Lehrer Herr Winter hat den Kopf geschüttelt und irgendwas gemurmelt. Es hat sich wie ´so ein Feigling` angehört.“ Stellas Herz machte einen kleinen Freudenhüpfer, als sie hörte, dass Laura in Mikes Klasse ist. Doch das Verhalten von Herrn Winter löst Wut in ihr aus. Ein Gefühl, das sich selten in ihr ausbreitet. „Den werde ich mir nachher vorknöpfen“, murmelt sie zornig vor sich hin. „Was meinst du, Stella?“ Mike schaut sie fragend an. „Nichts… Ich habe nur etwas überlegt“, sagt Stella ausweichend.

Plötzlich hören Stella und Mike schnelle Schritte, die sich der Wasserrutsche nähern. „Die sollen mich alle in Ruhe lassen“, sagt Mike zu Stella. Er blickt sich suchend nach einem Versteck um. Aber die einzige Möglichkeit besteht in dem dunklen Rutscheneingang. Und auch hier ist Mike nicht mutig genug. Er würde so gerne seine Hände von der Rutsche nehmen und sich mit geschlossenen Augen in das Innere abstoßen. Aber er kann es einfach nicht. Die Angst vor dem Unbekanntem hält ihn so fest umklammert, dass er sein Herz laut bis zum Hals schlagen hören kann. Diese blöde Angst. Immer wieder stellt sie sich ihm in den Weg. Erst gestern Abend kämpfte er wieder gegen sie an, als Mama ihn bat, eine Wasserflasche aus dem Keller zu holen. Er hatte bereits seinen Fuß auf die erste Treppenstufe gesetzt, als er wieder kehrt machte. Die Angst war ihm sofort gegenübergetreten und hatte ihn hämisch grinsend angeblickt. „Du traust dich nicht! Du traust dich nicht!“, rief sie immer wieder. Mike konnte die ihn auslachende Stimme im Wohnzimmer immer noch hören, obwohl er bereits die Kellertür geschlossen hatte. Die Wasserflasche holte dann seine drei Jahre jüngere Schwester Anna aus dem Keller Wie peinlich! Lange konnte Mike gestern Abend nicht einschlafen. Er wünschte sich so sehr, mutig zu sein.

„Schenke mir mehr Mut, lieber Gott“, betete er. Doch sein Gebet wurde nicht erhört. Im Gegenteil. Heute sahen alle seine Mitschüler, was für ein Angsthase er ist. Mit schlotternden Knien stand er auf dem Ein-Meter-Brett und schaute in die Tiefe. Fast pinkelte er vor Angst in die Hose. Obwohl er wusste, dass der Abstand zwischen dem Brett und dem Wasser nicht groß war, fühlte Mike sich, als ob er von einem Hochhaus in die Tiefe springen müsste. Auf der Wasseroberfläche spiegelte sich die schadenfrohe Angst. „Du traust dich nicht!“, schallte es in seinen Ohren. Das war zu viel für Mike. Von allen Seiten wurde er ausgelacht. Schnell kletterte er die Treppe hinunter und rannte davon. Nur fort von hier.

Er schob Laura unsanft zur Seite, als sie sich ihm in den Weg stellte. „Lass ihn, Laura. Der beruhigt sich schon wieder“, hörte er Herrn Winters Worte.

 

 

17

 

Mike wollte jetzt alleine sein. Fern von seinen lachenden Mitschülern und der grinsenden Angst. Doch wenn er in das Rutscheninnere schaut, kann er erkennen, dass die Angst ihm bereits gefolgt ist.

Er kann ihr nicht entkommen. Die Angst findet ihn überall in vielen Situationen. Auch in der Nacht überfällt sie ihn regelmäßig, indem sie furchteinflößende Schatten an die Wand wirft, die ihn am Schlafen hindern.

Fast jede Nacht kriecht er zu seinen Eltern ins Bett, um vor der Angst in seinem Zimmer zu fliehen. Ständig ist er auf der Flucht vor ihr.

Sein Papa hat wenig Verständnis für seinen ängstlichen Sohn. Ein Junge hat mutig zu sein und muss auch einmal Dinge wagen. Er stellt Mike immer Anna gegenüber. Was sie sich mit ihren vier Jahren alles traut. Sogar zum Bäcker gegenüber geht sie schon alleine, um die Sonntagsbrötchen zu kaufen. Mike hingegen fängt jedes Mal zu stottern an, wenn die Verkäuferin ihn nach seinem Wunsch fragt.

Doch Mike möchte auch mutig sein! Nicht nur, weil er ein Junge ist und Jungen mutiger sein sollten als Mädchen. Nein, auch weil er nicht immer von der Angst verfolgt werden möchte. Immer hat er das Gefühl, dass jemand hinter ihm ist, der plötzlich nach vorne springt und sich ihm in den Weg stellt. Schon im Kindergarten war Mike ein ängstlicher Junge, der sich immer in der Nähe der Erzieherinnen aufhielt, um sich vor den wilden raufenden Jungen zu schützen. Lieber spielte er in der Puppenecke zusammen mit den Mädchen.

Manchmal überfällt Mike so eine große Wut auf sich selbst und die ihn verfolgende Angst, dass er sich in seinem Zimmer verkriecht und auf ein Kissen einschlägt.

Sein Verhalten heute auf dem Ein-Meter-Brett war jedoch mit Abstand das Peinlichste in seinem Leben.

Mike mag gar nicht an die Blicke seiner Mitschüler denken, wenn er dann noch vor Angst in seine Badehose gepinkelt hätte. Mikes Hände halten sich bei diesem Gedanken krampfhaft an der Rutsche fest.

Ja, und dann tauchte plötzlich Stella auf. Wie eine wunderschöne Meerjungfrau. Sie schien geahnt zu haben, dass Mike sie heute dringend benötigt. So dringend wie noch nie in seinem Leben. Sollte sich heute etwas Entscheidendes verändern? Mike hofft es so sehr. Seit Stella neben ihm ist, hat er ein seltsames Gefühl im Bauch. Es fühlt sich unbekannt an. Kribbelnd, aber anders kribbelnd als das Angstgefühl.

Die Schritte werden immer lauter und Stella und Mike hören, wie jemand die Treppenstufen emporklettert. „Hoffentlich nicht Herr Winter“, flüstert Mike Stella zu. Doch Stella weiß, dass sofort ein blonder Mädchenkopf auf der letzten Stufe erscheinen wird. Und tatsächlich steht keine Sekunde später Laura vor ihnen. Stella und Laura fallen sich in die Arme. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich so schnell wiedersehen werde, Stella.“ Eine Freudenträne läuft Lauras Wange hinab. „Ihr kennt euch?“, fragt Mike erstaunt, als er ihre Vertrautheit bemerkt. „Ja, ich habe Stella kennengelernt, als ich sehr traurig war“, erklärt Laura Mike. „Stella weiß immer ganz genau, wann die Menschen ihre Hilfe brauchen.“ Mike schaut Laura und Stella verständnislos an. „Weißt du, Mike. Ich denke, dass es das beste sein wird, wenn du einfach mal die Augen schließt und uns vertraust. Habe keine Angst. Alles wird gut werden.“ Stella lächelt Mike ermutigend an und Laura nickt bestätigend mit dem Kopf. „Du wirst bald die tollste Reise deines Lebens machen. Ich denke jeden Tag an meine Reise in Stellas Regenbogenwelt zurück.“ Langsam schließt Mike schließt seine Augen. Er kann in seinen Händen zwei andere spüren. Eine winzig kleine und eine etwas größere. Zuvor hat Stella aus ihrem Federrucksack eine Handvoll orangefarbenen Sternenstaub über Mike rieseln lassen. Mike merkt, wie sich eine angenehme Wärme in ihm ausbreitet. „Ich habe noch etwas Mutpulver beigefügt“, flüstert Stella Laura ins Ohr. „Das sind die silbernen Körnchen.“

Tatsächlich tauchen die drei in einen silberorangefarbenen Sternenstaubwirbel ein. Jetzt kann Mike seine Augen nicht mehr geschlossen halten. Sie weiten sich vor Staunen, als er merkt, in was für ein Farbenfeuerwerk er geraten ist. Laura und Stella wirbeln ihn im Kreis herum. „Stopp, nicht so schnell“, lacht Mike. „Mir ist schon schwindelig.“ „Das ist erst der Anfang“, lacht Laura zurück. „Es wird noch viel besser.“ Der Sternenstaubwind pustet die drei in das Rutscheninnere und sie sausen im silberorangefarbenen Nebel eingehüllt die Wasserrutsche hinab. Mike lacht und lacht. So laut wie noch nie in seinem Leben. Und, was das Wichtigste ist, dieses Mal lacht er die Angst aus, die er oben auf der Rutsche zurückgelassen hat. „Ätsch, ich habe mich doch getraut.“ Er streckt der Angst die Zunge heraus. „Habt ihr gesehen, wie blöd die Angst geschaut hat? Diesen mutigen Schritt hätte sie mir nie zugetraut“, ruft Mike Stella und Laura durch den Nebel zu. „Und ich mir auch nicht“, fügt er in Gedanken hinzu. Aber alles scheint plötzlich so einfach und leicht zu sein. Wie eine luftige Wolke, auf der man sich einfach treiben lassen kann. „Noch einmal“, ruft Mike begeistert, als sie unten im Schwimmbecken angekommen und prustend wieder aufgetaucht sind. Der Sternenstaubnebel wirbelt die drei die Treppenstufen hoch, wo immer noch die Angst steht und staunend in den Rutscheneingang schaut. „Na, traust du dich nicht?“, fordert Mike die Angst heraus. „Soll ich dir einmal zeigen, wie man es macht?“ Mike nimmt Anlauf und stürzt sich auf dem Bauch in die Rutsche, dass das Wasser über die Angst schwappt. Mike lacht.

In diesem Moment bemerkt er ein fremdes Mädchen neben sich, das irgendetwas in der Hand hält. Sie führt eine Bewegung mit ihrem Arm aus. Aber bevor Mike sie fragen kann, wo sie denn so plötzlich aufgetaucht ist, ist sie schon wieder im silberorangefarbenen Nebel verschwunden.

 

 

18

 

Die Rutsche scheint bei diesem zweiten Durchgang ins Unendliche zu führen. Mike bemerkt, dass der Nebel sich langsam aufzulösen beginnt. Jetzt müsste er aber endlich unten angekommen sein. Doch plötzlich kann er in der Ferne erkennen, wie sich die röhrenförmige Abdeckung der Rutsche auflöst und ein Himmel mit vielen Schäfchenwolken sichtbar wird. Auch die Farbe der Rutsche hat sich verändert. Mike stellt erstaunt fest, dass sie in sämtlichen Farbtönen schillert. Neben ihm sausen Stella und Laura. Sie liegen beide auch auf dem Bauch.

Die Wasserrutsche ist direkt in die Regenbogenrutsche übergegangen.

Orangen und Aprikosen fliegen an ihnen vorbei und hinterlassen einen fruchtigen Geruch in der Luft.

„Weißt du jetzt, was ich gemeint habe, Mike?“, schmatzt Laura eine Aprikose kauend. „Ja, Laura“, lacht Mike zurück und greift nach einer Orange. In diesem Moment schiebt sich eine dunkle Wolke vor die strahlende Sonne und die Regenbogenrutsche verliert etwas an ihrer Farbkraft. Auf dem lilafarbenen Regenbogenstrahl erscheint die Angst. Die Angst, die Mike sein Leben so schwer macht und die ihn so schadenfroh von der Wasseroberfläche angegrinste. Sie versucht, Mike am Weiterrutschen zu hindern. Schnell wirft Stella eine kleine Portion silbernen Mutstaub in Mikes Richtung. „Na, hast du dich doch getraut?“, ruft Mike der Angst zu. Ihr Grinsen ist nicht ganz so hämisch wie sonst. Wahrscheinlich musste sie ihren ganzen Mut zusammennehmen, um Mike zu verfolgen. Mike weiß, dass jetzt sein Moment gekommen ist. Der Augenblick der direkten Gegenüberstellung zwischen der Angst und ihm. Er atmet tief durch und spürt, wie sich eine riesige Mutwelle in ihm ausbreitet. Weil er sich in diesem Moment so stark fühlt, muss er die Angst nur mit seinem kleinen Finger antippen. Sie kippt nach hinten und fällt über den Rand der Regenbogenrutsche. Fast empfindet Mike Mitleid mit der Angst, als er ihre erstaunten angsterfüllten Augen sieht, als sie von der Rutsche fällt. Aber nur fast. Denn Mike weiß, dass ab jetzt sein Leben leichter sein wird und sie ihn nicht mehr wie ein dunkler Schatten verfolgen wird.

Mike, Stella und Laura blicken über den Rand in die Tiefe und sehen, wie die Angst immer kleiner wird. Schon bald ist sie nur noch als winziger Punkt erkennbar. Sie hören einen Wasseraufprall. Dann nur noch den Fahrtwind. Die Angst ist in einem riesigen dunklen See verschwunden, aus dem sie nicht mehr auftauchen wird. Mike spürt, wie eine riesige Last von seinen Schultern fällt. Die schweren Steine, die die Angst ihm immer auf den Rücken legte, sind ebenfalls im Wasser versunken.

Mike strahlt über das ganze Gesicht. Genauso wie die Sonne, die ihre Strahlen wieder voll entfalten kann, weil die dunkle Wolke verschwunden ist. Er kann erkennen, wie sie sich schnell einem sternenförmigen Haus nähern. Die Rutsche führt direkt durch ein Fenster in der orangefarbenen Sternenspitze. Die drei landen in einem riesigen weichen Federhaufen. Viel weicher als Mikes Bettdecke Zuhause. Laut lachend machen sie eine Federschlacht, bis ihnen vom Lachen der Bauch wehtut. Erst jetzt bemerkt Mike, dass sie von zwei Kindern beobachtet werden.

Ah, das fremde Mädchen aus der Rutsche.

„Na, Stella, weißt du jetzt, warum ich so nass war, als ich dir den Federbeutel mit den Tränen gebracht habe?“, wendet sich Tom an Stella, die einen riesigen Federhaufen auf ihren silberorangefarbenen Haaren hat.

„Ja, jetzt ist mir alles klar, Tom. Aber weißt du was? Ich hatte ganz vergessen, wie sehr ich Wasser liebe. Ich bin schon lange nicht mehr geschwommen. Allerdings muss ich beim nächsten Mal passende Kleidung anziehen.“ Stella schaut an ihrem nassen Kleid hinab, das ihr an der Haut klebt. Aus dem Augenwinkel kann Stella erkennen, dass sich Mike und Laura immer noch wild mit Federn bewerfen. Es ist gut, dass beide in die gleiche Klasse gehen. Dann können sie sich gegenseitig mit Sternenstaub aushelfen.

„Bei deinem nächsten Einsatz wirst du keinen Badeanzug benötigen“, schmunzelt Tom, während er einen Tränenfederbeutel in der Hand schwenkt. „Das geht ja zur Zeit wie am laufenden Band. Hast du schon wieder Tränen eingesammelt? Ich komme kaum dazu, mich einen Moment auszuruhen“, stöhnt Stella. Aber sie ist froh, dass sie den Menschen auf der anderen Seite des Regenbogens helfen kann. Und Kraft sammeln kann sie auch, während sie den Regenbogen entlangrutscht.

„Ja, zur Zeit werden viele Tränen vergossen“, bestätigt Tom. „Aber um noch einmal auf deine Kleidung zu sprechen zu kommen. Ich an deiner Stelle würde die Sternenschuhe gegen Gummistiefel eintauschen. Es könnte eine ziemlich matschige Angelegenheit werden. Mehr verrate ich aber nicht“, grinst Tom verschmitzt. Es macht ihm immer große Freude, Stella neugierig zu machen, aber letztendlich den Einsatzort geheim zu halten. Im Gegensatz zu Nina kann er Geheimnisse gut für sich bewahren.

„Gummistiefel und Glitzerkleid?“ Stella schaut Tom fragend an. „Wie soll das zusammenpassen?“

Tom lacht. „Vielleicht findest du ganz hinten in deinem Schrank eine rote Glitzerhose. Es muss doch nicht immer ein Kleid sein.“ Stella blickt ihn skeptisch an, doch sie öffnet die Tür ihres Regenbogenschrankes und kriecht hinein. „Irgendwo müsste ich noch eine haben“, hört man Stellas dumpfe Stimme durch den Kleiderberg hindurch. „Ahh, da ist sie ja.“ Stella taucht wieder auf. Sie schwenkt eine rote Sternenhose in der Luft.

„Und hier sind deine Gummistiefel.“ Nina hält ihr ein erdbeerfarbenes Paar hin. „Die habe ich extra für dich in der Sternenfabrik besorgt, damit du für deinen nächsten Einsatz gut ausgerüstet bist.“ „Was ist denn eine Sternenfabrik?“, schaltet sich Laura sofort ein. Auch Mike kommt neugierig näher.

 

 

19

 

„In der Sternenfabrik wird nicht nur Stellas Glitzerkleidung hergestellt, sondern auch der Sternenstaub“, liefert Nina sofort eine Erklärung. „Psst, Nina.“ Tom hält ihr den Mund zu. „Verrate doch nicht immer gleich alles.“ Tom blickt Stella an, die beschwichtigend mit dem Kopf nickt. „Ist schon in Ordnung, Tom. Wir kennen doch unsere Nina. Und außerdem werde ich den Menschen an unserem Regenbogenfest unser Geheimnis verraten und sie durch unsere Regenbogenwelt führen. Da werden wir auch einen Blick in die Sternenfabrik werfen.“ Laura fängt aufgeregt an, von einem Bein auf das andere zu hüpfen. „Wann ist denn nun endlich dein Regenbogenfest, Stella? Ich kann es kaum erwarten“, sagt Laura wie ein Kind, das wissen möchte, wie oft es noch bis zu seinem Geburtstag schlafen muss. „Das weiß ich auch nicht so genau“, antwortet Stella. „Jetzt müssen wir zuerst einmal Mike wieder zurückbringen. Wenn ich dann noch meinen roten Einsatz auf eurer Seite des Regenbogens gehabt habe, fehlen mir noch gelbe und lilafarbene Tränen. Dann kann das Fest beginnen.“ „Ich freue mich so darauf!“ Nina ergreift Lauras Hände und beginnt, um Stellas Bett herumzutanzen. „Regenbogenfest! Regenbogenfest!“, rufen beide immer wieder. Mike beobachtet sie schmunzelnd. „Was ist deine Lieblingsfarbe, Mike?“, wendet sich Stella an ihn. Sie hat bereits unbemerkt ihr orangefarbenes Sternenkleid gegen die rote Glitzerhose, ein rotes T-Shirt und die Gummistiefel ausgetauscht. „Taxigelb“, antwortet Mike, ohne lange zu überlegen. Stella schaut ihn erstaunt an. „Ungewöhnlich“, meint sie. „Ich muss erst mal nachschauen, ob ich diese Farbe vorrätig habe.“ Sie klettert in die gelbe Sternenspitze und öffnet die Sternentür. Man kann ein Poltern und Rumpeln hören. Doch schließlich erscheint Stella mit einem Federbeutel in der Hand. „Schau mal hinein, Mike. Das ist eine interessante Mischung.“ Sie öffnet den Beutel und Mike kann taxigelbes Pulver mit silbernen Sprenkeln erkennen.

„Bewahre diesen Beutel gut auf“, weist Stella Mike auf die Kostbarkeit des Inhalts hin. „Wenn die Angst doch einmal auftauchen sollte, wird dir der Sternenstaub helfen. Ich habe extra viel Mutpulver beigefügt.“

Mike spürt eine wohlige Wärme aus dem Beutel aufsteigen, die sich wie ein schützender Mantel um ihn legt

„Ich glaube nicht, dass die Angst es schaffen wird, aus dem tiefen See herauszuklettern“, sagt Mike mit fester Stimme. „So wie sie aussieht, kann sie doch gar nicht schwimmen“, fügt er lachend hinzu. „So gefällst du mir, Mike.“ Stella ist glücklich, dass sie wieder einmal ein Stück Traurigkeit aus der Welt nehmen konnte.

„Seid ihr bereit, Laura und Mike?“ Jetzt kann Stella es kaum erwarten, ihren neuen Einsatzort kennenzulernen. Auf was für einen Menschen wird sie wohl dieses Mal treffen?

Laura und Mike verabschieden sich herzlich von Tom und Nina. Kaum hörbar flüstert Nina Laura beim Umarmen etwas ins Ohr: „Die Sternenfabrik befindet sich an einer kleinen Abzweigung an dem grasgrünen Regenbogenstrahl.“ Nina blickt zu Stella hinüber, aber sie scheint nichts bemerkt zu haben. „An dieser Stelle schließt Stella immer kurz die Augen und dreht sich im Kreis“, fügt sie noch hinzu.

Dann klettern Laura, Mike und Stella die Leiter zur Regenbogenrutsche hinauf. „Werden wir eigentlich im Hallenbad landen?“, möchte Mike wissen, da er nicht so gerne mit seiner orangefarbenen Badehose im Pausenhof stehen würde. „Ja klar“, beruhigt Stella ihn. „Wahrscheinlich wird die Regenbogenrutsche wieder in die Wasserrutsche übergehen. Ich werde euch irgendwann verlassen und eine Abzweigung nehmen. Aber du hast ja Laura an deiner Seite.“ Stella legt Laura die Hand auf die Schulter.

„Stella, das habe ich dir noch gar nicht erzählt“, fällt Laura in diesem Moment ein. „Unsere Garage sieht wunderschön aus. Wie in einer Märchenlandschaft. Immer wieder bleiben Menschen davor stehen. Und was das Beste ist: neulich kam sogar ein Fotograf von unserer Stadt und lichtete sie von allen Seiten ab. Einen Tag später konnte man das Foto in unserer Tageszeitung sehen. Papa legte sie mir morgens stolz auf den Frühstückstisch und klopfte sich und mir anerkennend auf die Schulter. Wir haben daraufhin schon zwei Anfragen von Nachbarn erhalten, ob wir ihre Garage auch so kunterbunt bemalen können.“

Obwohl Laura, Mike und Stella pfeilschnell über die Rutsche dahingleiten, kann Laura aus dem Augenwinkel erkennen, dass Tränen aus Stellas Augen fallen. Laura ist entsetzt, da sie Stella noch nie weinen gesehen hat. „Alles in Ordnung, Stella?“, ruft sie ihr besorgt zu. Stella streckt ihren Daumen nach oben. „Ja, keine Sorge, Laura. Das sind nur Freudentränen….. Ich bin so stolz auf dich.“ Bei diesen Worten bewegen Lauras Schmetterlinge ihre Flügel in ihrem Bauch. „Und deine Mama auch…..“, fügt Stella hinzu, während sie über den grasgrünen Regenbogenstrahl rutschen und Stella kurz die Augen schließt.

Sie saugen den Duft von frischem nassen Gras ein, der nach einem kurzen Abschnitt in einen Duft von Heu übergeht. „So hat es bei unserem Urlaub auf dem Bauernhof immer gerochen“, erzählt Mike. „Leider habe ich mich nicht getraut, vom Heuboden aus in das Heu zu hüpfen. Immer wieder bin ich hochgeklettert und habe Anna dabei zugeschaut, wie sie riesigen Spaß im Heu hatte“, sagt er traurig.

Fest umklammert Mike seinen Federbeutel. Doch plötzlich fangen seine Augen an zu strahlen. „Aber ab heute wird alles anders“, ruft er laut in den Wind hinaus. „Laura, ich habe eine tolle Idee. Weißt du, was ich nachher machen werde?“ Mike ist ganz aufgeregt. „Ich werde vom Drei-Meter-Brett springen!“ Laura schaut Mike verblüfft an. „Da werden die anderen aber schauen“, bestärkt sie ihn in seinem Vorhaben.

 

 

20

 

 

Sie überlegt kurz, dann sagt sie:„Ich werde dich begleiten, Mike. Ich bin zwar noch nie vom Drei-Meter-Brett gesprungen, aber ich kann ja vorher noch kurz in deinen Federbeutel greifen.“

In freudiger Erwartung geht die Reise immer weiter. Mike und Laura sind so nervös, dass sie gar nicht bemerken, wie Stella an dem himbeerroten Strahl einen anderen Weg als sie einschlägt. Als sie Azurblau und Mauritiusblau erreichen, fangen sie an, sich im Kreis zu drehen. Mike blickt nach unten zu dem See, in dem die Angst verschwunden ist. Ob sie ihn wohl wieder hämisch von unten angrinsen wird? Doch er kann nur eine tiefschwarze ruhige Wasseroberfläche erkennen. Von der Angst keine Spur. Mike merkt, wie seine Badehose nass wird. Jemand bewässert diesen Strahl mit einem Wasserschlauch, denn plötzlich sind sie von frischem klaren Wasser umgeben. „Brrrr. Ist das kalt!“ Laura fängt an zu zittern genauso wie die Schmetterlinge in ihrem Bauch. „Wir haben die Wasserrutsche gleich erreicht. Ich kann sie schon erkennen!“, ruft Mike ihr zu. Er hat kaum zu Ende gesprochen, da tauchen sie schon in die röhrenförmige Rutsche ein. Mit einem lauten Platscher landen sie in dem kleinen warmen Wasserbecken. Aus dem angrenzenden Gebäude können sie Kindergeschrei hören. „Bist du bereit, Laura?“ Mike blickt sie fragend an. Er kann es kaum erwarten, die Treppenstufen zum Drei-Meter-Brett hinaufzusteigen. „Können wir vorher noch kurz deinen Federbeutel öffnen?“ Laura würde gerne die wild flatternden Schmetterlinge in ihrem Bauch beruhigen. Sternenstaub hilft da bestimmt. „Du musst nicht mitkommen, wenn du nicht möchtest.“ Mike entgeht Lauras Zögern nicht. Erstaunlich. Jetzt ist er mutiger als Laura, die vorhin vom Ein-Meter-Brett gesprungen ist. Er kann den aufsteigenden Mut förmlich spüren. Er drängt nach außen. Der Mut fühlt sich an wie eine Frühlingsblume, die kraftvoll durch die Erde bricht und ihre Blüte öffnen möchte. Er ist so ganz anders als die Angst Er fühlt sich wie ein Freund an. Ein Freund, den er schon lange kennt und der ihn durch Dick und Dünn begleiten wird. Mike ist sich sicher, dass der Mut sein bester Freund werden wird. Selbst wenn die Angst einmal wieder hinter ihm auftauchen sollte, wird er sich mit dem Mut zusammen ihr gegenüberstellen. Dann wird er die Angst angrinsen und ihr die Zunge herausstrecken. „Mach, dass du fortkommst“, wird er in ihr dämliches Gesicht schreien. Mike muss bei dieser Vorstellung laut lachen. Schnell greift er in seinen nassen Federbeutel und lässt etwas silbernes Pulver über Lauras Schultern rieseln. Augenblicklich merkt er, wie Laura ruhiger wird. Sie nickt ihm zu. Gemeinsam gehen sie durch den Durchgang in die große Schwimmhalle. Ihre Mitschüler sind gerade dabei, farbige Ringe vom Beckengrund zu holen. Laura und Mike gehen wortlos an Herrn Winter vorbei, der ihnen erstaunt nachblickt. Sie hören nicht, wie er ihnen „Wo kommt ihr denn her?“ hinterherruft. Ohne seine Frage zu beantworten, steigen sie zügig die Treppe zum Drei-Meter-Brett hinauf. Laura und Mike zögern keinen Moment, als sie Anlauf nehmen und das Brett federn lassen. Es ist mucksmäuschenstill in der Schwimmhalle und man kann hören, wie Laura und Mike durch die Luft fliegen. Sie genießen das Gefühl des Fliegens, während zwanzig Köpfe mit offenen ungläubigen Mündern wie gebannt nach oben auf sie schauen. Sanft gleiten Mike und Laura in das Wasser hinein. Auf dem Beckengrund strecken beide ihren Daumen nach oben. Beim Auftauchen an der Wasseroberfläche erwartet sie tosender Beifall. „Tolle Leistung, Mike!“ Lukas, der Stärkste und Größte aus der Klasse, klopft Mike anerkennend auf die Schulter. Er blickt nach oben zum Drei-Meter-Brett. „Ich weiß nicht, ob ich das machen würde.“ Mikes Herz macht einen kleinen Hüpfer vor Freude. Vergessen ist sein peinlicher Auftritt auf dem Ein-Meter-Brett. Auch Herr Winter nickt Mike und Laura bewundernd zu. „Vom Drei-Meter-Brett wollte ich euch eigentlich erst am Ende des Schuljahrs springen lassen.“ Er klatscht in die Hände. „Jetzt aber Ruhe. In den letzten fünf Minuten sollt ihr noch einmal die Ringe aus dem Wasser holen“, versucht er die aufgeregte Meute zu beruhigen. Mike taucht sofort unter, ohne sich die Nase zuzuhalten, wie er es sonst immer tut. Er weiß, dass sich die Blüte während seines Sprungs in der Luft geöffnet hat. Die Mutblume in ihm, die er nun täglich gießen wird, damit sie nicht vertrocknet. Mutblumen fühlen sich ganz schön toll an. Viel besser als die Angst.

An diesem Abend holt Mike freiwillig eine Wasserflasche aus dem Keller, weil er die Mutblume ganz deutlich in sich spürt. Genauso wie Laura immer ihre Schmetterlinge in ihrem Bauch wahrnimmt. Seine Eltern blicken ihm erstaunt hinterher, als er sofort aufspringt bei der Bitte seiner Mama an Anna, eine Flasche heraufzuholen. „Ich mache das.“ Schon ist er hinter der Kellertür verschwunden. „Was ist denn mit dem los?“, fragt sein Papa verblüfft. „Keine Ahnung. Aber Mike kam heute schon sehr vergnügt aus der Schule.“ Seine Mama zuckt mit ihren Schultern. Mike steigert die Verblüffung seiner Eltern noch, als er sie bittet, seine Zimmertür vor dem Einschlafen zu schließen. Bevor er die Mutblume in sich hatte, konnte er abends nie einschlafen, ohne dass ein Lichtstreifen in sein Zimmer fiel und er das Stimmengemurmel aus dem Fernseher hören konnte. Doch heute Abend hält er den Federbeutel fest umschlossen in seinen Händen. Deshalb muss Mike keine Angst haben, dass die Mutblume ihre Blüte wieder schließen wird. „So gefällt mir Mike viel besser“, kann er seinen Papa hören. „Ja, mir auch“, stimmt seine Mama ihm zu.

Wenn Mike wüsste, was sich zur gleichen Zeit in der Schwimmhalle ereignet, wäre er mit einem lauten Lachen eingeschlafen.

 

 

 

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