Ulrike Parthen / Liebeskomödie Titel offen / Leseprobe

Exposé

 

Das Genre:
Autobiografischer Roman / Liebeskomödie

Zielgruppe – Besonderheit – Kernidee:

Eine köstliche, witzige, urkomische Liebeskomödie nach wahren Begebenheiten. Sie erzählt die eigene Geschichte der Autorin, wie sie ihren Traummann Rüdi kennen- und lieben lernt. Szenen dieses durchgeknallten Pärchens wie etwa der erste romantische Treffpunkt an einem Ortsschild, die verhängnisvolle schwache Blase von Uli oder die legendären Foto-Sessions sind aufs Komischste beschrieben. Der Leser findet sich in manch überspitzt dargestellten Situation wieder – die typischen Stereotypen über Männer sind herzerfrischend in die Story eingeflochten.

Ein Roman für Frauen und Männer, für Singles, Frischverliebte, Verheiratete, für jung und alt.

Kapitel:

9 Kapitel

Inhaltsangabe:

Das erste Rendezvous mit einem Mann ist immer spannend. Man weiß ja nie, wie der Abend enden wird: herzklopfend bezaubernd oder unfassbar ernüchternd. Besonders aufregend wird dieses Unterfangen aber erst dann, wenn es an einem ungewöhnlichen Ort stattfindet. Beispielsweise an einem Ortseingangsschild, so wie bei mir. Nicht gerade idyllisch, aber verdammt praktisch. Das Ding steht schließlich mehrfach in jedem Ort herum. Wenn es einem also an Dating-Ideen mangelt, wäre so ein Ortsschild durchaus denkbar – kommt allerdings nur dann in Frage, wenn das männliche Gegenüber ein bisschen verrückt ist. Ein vorheriges Telefonat ist daher unbedingt ratsam. Irgendwie muss man als Frau ja zunächst die Lage checken in punkto 'Ist der Kerl erstens sympathisch und zweitens verrückt genug?'

 

Wow, wie aufregend! Diese Stimme am anderen Ende der Leitung ist total entzückend. Wie man unschwer erkennen kann, mache ich gerade den wichtigen Telefon-Check. Der fällt ziemlich gut aus, der nächste Schritt in Form eines Treffens kann meinerseits also gerne folgen. Er fragt mich, wo wir uns treffen sollen. Das überfordert mich kurzzeitig und ich stammele Undefinierbares ins Telefon, um Zeit zu schinden. Ich bin etwas aus der Übung. Das letzte Date liegt Lichtjahre zurück. Jede andere Frau hätte bei dieser Frage die einfachsten aller Antworten parat: beim Italiener, im Café oder Ähnliches. Ich komme leider nicht auf solche einfachen Lösungen, mir fällt spontan nur das Ortsschild ein. Wie gut, dass Rüdi genauso verrückt ist wie ich. So wird der Ortsschild-Treffpunkt irgendwie total normal. Unser Telefonat an diesem schönen Donnerstag Abend endet also mit dem Vorhaben: Treffpunkt morgen 19 Uhr – Ortsschild am Hallenbad. Warum es gerade dieses am Hallenbad sein muss, erklärt sich später. Rüdi, die entzückende Stimme, legt dafür übrigens sagenhafte 120 Kilometer einfache Wegstrecke zurück. Alles nur wegen so einem Ortsschild. Vielleicht aber auch wegen mir.


Es geht los: Ich fahre aufgeregt Rüdi entgegen. Klappt ganz prima trotz dieser zittrigen Einschränkung. Aber was jucken mich schon ein paar zitternde Finger oder Hände, wo ich jetzt gleich dem süßen Rüdi gegenüberstehen werde. Hoffentlich sieht der in real genauso süß aus wie auf den Bildern, denke ich mir insgeheim. Aber man weiß ja nie. Schon gar nicht bei einem Fotografen, dessen liebstes Spielzeug bekanntlich Photoshop ist. Kurz vor Abbiegen in Richtung Hallenbad, fällt mir plötzlich wieder ein, dass ich immer noch keine Taktik zurechtgelegt habe. Dabei wird es wohl auch bleiben, denn meine Ampel schaltet in dieser Sekunde auf Grün. Ich biege rechts ab und sehe nach 100 Metern ein verdächtiges Auto mit Crailsheimer Kennzeichen am Parkplatz lauern. Und dann trifft mich der Blitz. Ach was, ein ganzes Blitzgewitter prasselt in 0,4 Sekunden auf mich ein. Locker und cool lehnt er da am Auto und ich schwöre: Er ist in Natura sogar hundertmal süßer als auf den Fotos. Ich vergesse vor lauter Aufregung, meine zitternden Hände in die Manteltasche zu stecken. Ich vergesse, dass es affenkalt ist und ich vergesse, dass ich so ganz ohne Taktik demnächst ein großes Problem haben werde: dann nämlich, wenn mir diese Tatsache nach vorübergezogenem Blitzgewitter wieder einfällt. Hallo Amor, grüß dich. Schön, dass du auch wieder da bist. Amor lächelt und packt gleich noch ein paar Pfeile aus, um sie in Richtung meines Herzens zu richten. Warum zum Henker, ist der Rüdi denn nur so verdammt ruhig? Ich Amor-geplagt dagegen kriege weder ein vernünftiges Wort über meine Lippen noch eine gelassene Geste zustande! Ach so, der tut nur so. In ihm drin sieht es ähnlich aus wie bei mir, doch vier Liter Kaffee tun eben ihr Werk. Bei ihm tun sie das in der Form, dass er nach außen tiefste Ruhe ausstrahlt, während innerlich mindestens schon genauso viele Pfeile in seinem Herzchen stecken und den Rüdi ganz konfus machen. Leider merke ich von der Aufregung dank Kaffee-Orgie nichts, was ihm eindeutige Vorteile beschert: sich beispielsweise köstlich über meine nicht versteckbare Aufregung zu amüsieren.

Zwei Stunden später sitzen wir lachend auf meinem Sofa und checken via Laptop unsere Sternzeichen. Ich gebe zu, ich habe diesen Schwachsinn nur angezettelt, um von dieser schrecklichen Aufregung abzulenken. Als ich dann aber laut vorlese, was die Sterne über Steinbock und Stier sagen, werde ich zunehmend leiser. Das glucksende Lachen zu Anfang vergeht mir innerhalb weniger Sekunden. Die Sterne jedenfalls finden uns total super zusammenpassend. „Was auch sonst!“, ruft es aus dem Himmel mit vehementer Stimme. Bestimmt sind der liebe Gott und die Sterne irgendwie miteinander verwandt, mutmaße ich in diesem Moment. Ich gebe dennoch nicht auf, das Ganze hier als lockeren Spaß zu sehen. Meine Frage an Rüdi lautet daher übermütig, ob ihn auch das Thema Sexualität im Horoskop interessiert. Ja, fein! Ich traue mich nicht, mit Rüdi in eine Kneipe zu sitzen. Hege allerdings keinerlei Scheu, ihm das Sexualhoroskop vorzutragen. Muss ich erneut erwähnen, dass in meinem Oberstübchen auf verrückte Art doch ein paar Schräubchen locker sind? Sicher nicht. Rüdi scheint genau das an mir zu mögen, er amüsiert sich nämlich weiter köstlich. Auf meinem Sofa wohl gemerkt. Obwohl er ja eine Frau für sein Sofa sucht. Aber das Problem sollte auch bald erledigt sein. Sofern wir die sexuellen Auskünfte des Horoskops hier verkraften, die beim Stier-Mann folgendermaßen aussehen: „Er wird nicht mehr zu bremsen sein. Vorspiel, Liebkosen, Streicheln, Massieren – die reinste Wonne! Er weiß genau, wie es geht. Schenken Sie einem Stier-Mann Ihre ausschließliche Aufmerksamkeit und seien Sie zärtlich und geduldig. Dann werden Sie mit einem Vielfachen dessen belohnt, was Sie ihm gegeben haben. Wenn er Ihnen erst mal verfallen ist, ist er ein gefühlvoller Lover, der Ihnen immer das Gefühl geben wird, dass er nie genug von Ihnen bekommen kann.“ Die weiteren Details unterschlage ich besser, sonst werden die lesenden Frauen völlig wild auf den Rüdi. Was blöd wäre, da ich ja schon ganz wild auf ihn bin. Danke, liebes Horoskop, jetzt weiß ich Bescheid. Rüdi lacht inzwischen mit dem lieben Gott um die Wette. Ich werde puterrot. Mein Herz klopft wie wild. Würde deines auch, wenn ein süßer Rüdi neben dir auf dem heimischen Sofa sitzt, dich zauberhaft anlächelt und du dann ein solches Horoskop zu lesen kriegst. Insgeheim schaue ich ihn verstohlen von der Seite an und frage mich fortwährend, ob dieses Horoskop wohl wahr ist.

 

Ich gehöre zu den ganz wenigen Menschen, die mit Mitte 40 noch keine Rauscherfahrung gesammelt haben. Ab sofort kann ich endlich mitreden: Ich bin im Rüdi-Liebesrausch. Was sich an diversen Symptomen äußert: Zum einen vergesse ich total, dass ich Angst habe. Und das grenzt an ein Wunder. Denn dieses Gefühl verfolgt mich eigentlich immer, seit ziemlich langer Zeit. Sehr langer Zeit sogar. Ich glaube, als das anfing, war ich noch grün hinter den Ohren. Verdammt jung also. Oft läuft dieses seltsame Programm nur dezent im Hintergrund, egal, was ich tue. Aber eben penetrant andauernd. Wie leise Hintergrundmusik, deren Ausschaltknopf nicht mehr zu finden ist. Sie spielt und spielt immer dieselbe Leier und hört einfach nicht mehr auf. Bis gerade eben. Musik aus. Rausch an. Sensationell! Der Rüdi muss ein Zauberer sein. Ich muss wohl verliebt sein. Er übrigens auch, was sich jedoch an anderen Symptomen zeigt.

 

Am darauf folgenden Wochenende bekundet Rüdi, dass 120 Kilometer zwischen uns doch arg viel sind für sein bebendes Herz. Ich zudem in meiner jetzigen Behausung doch sowieso in einer Notbehausung sitze, die dringenden Änderungsbedarf in sich birgt. Warum also nicht schleunigst meine Sachen packen und zu ihm kommen? Er sagt das mit einer Selbstverständlichkeit, als wären wir fünf Jahre zusammen, dabei haben wir gerade erst mal eine Woche als frisch verliebtes Paar hinter uns gebracht. Ich wehre mich mit Händen und Füßen. Zumindest mein Kopf. Der macht ständig einen auf vernünftig. Der Kopf antwortet Rüdi daher: „Nein, so was macht man doch nicht nach einer Woche. EINE WOCHE, Rüdi!!!!“. Mein Herz wiederum fängt schon an, die ersten Sachen in den Koffer zu schmeißen. Also kommt Amor noch mal kurz um die Ecke, um mir unmissverständlich eines klar zu machen: Bei der wahren Liebe des Lebens gibt es keine Vernunft. Wenn sie einen befällt, dann von der ersten Sekunde an. Zwei Tage später sitze ich nach einem ereignisreichen Tag voller Packen auf einem Riesen-Berg an Zeugs. Mir wird Angst und Bange inklusive folgender Gedanken: „Rüdi trifft der Schlag vor Schreck.“ „Rüdi kriegt nicht alles ins Auto.“ „Rüdi kriegt nicht alles in die Wohnung.“ „Ich krieg gleich einen Anfall!“ Doch Rüdi ist ein Mann der Taten. Freut sich wie Bolle, dass ich so viel mitbringen will. Ja, wer weiß, wie lange mein „Urlaub“ bei ihm andauert? Nicht auszudenken, mir fehlen wichtige Utensilien, also lieber gleich mal den halben Hausstand mitschleppen. Das Herz lacht sich indes schlapp über diese Argumentation. „Urlaub!!!!“, kringelt es sich vor Lachen. Uli, das wird kein Urlaub, sondern dein neues Zuhause. Du wirst es auch bald einsehen. Also verabschiede ich mich von Freunden, Verwandten mit den Worten, dass ich bei Rüdi ein bisschen Urlaub mache. 2-3 Wochen vielleicht. Höchstens …

 

Zunächst die gute Nachricht: Es passt alles ins Auto. Und irgendwie passt auch alles in Rüdis Wohnung. Diese verabschiedet sich mit meinem Ankommen innerhalb weniger Sekunden vom bisherigen Männer-Single-Haushalt-Dasein. Das lässt sich an folgenden Begebenheiten erkennen: Ein Duschvorhang ziert das Bad. Frauenkram liegt massenhaft überall verstreut herum. Mein BH hängt innen an der Badezimmertür. Besonders die letzte Tatsache findet Rüdi einfach nur beglückend. Was ein bloßer BH doch alles bewirken kann. Eventuell liegt es aber auch daran, dass sich zwischen seinen Unmengen an Sofakissen nun eine Frau kuschelt. Größtenteils an ihn.

 

„Bist du sicher, dass das ein Mann ist?“, fragt mich eine Bekannte ungläubig? Sie meint damit meinen Rüdi, der selbstverständlich ein Mann ist – männlicher geht gar nicht: beschützt seine Liebste in allen Belangen oder Lebenslagen und hat außerdem alle die Haare, die ihm am Kopf fehlen, herrlich männlich dicht auf Brust und Wangen verteilt. Seinen durchtrainierten Körper muss ich kaum extra erwähnen, der sticht Frau sowieso sofort ins Auge. Die Frage, ob es sich hier um ein männliches Wesen handelt, ist ergo relativ lächerlich. Wobei ich ihr schon ein bisschen Recht geben muss. Innen drin ist der Rüdi verdammt wenig Mann. Wir Frauen kennen das üblicherweise aus langjähriger Erfahrung: Männer – die unbekannten Wesen, was deren Emotionalität und Gesprächsbereitschaft über derlei Dinge angeht. Man könnte Männer daher auch super mit Fischen vergleichen: Hat man nämlich ein Aquarium, fragt man sich ständig: Wie es ihnen wohl geht, diesen Fischen? Gut oder schlecht? Leben sie noch? Man hört so selten ein Laut von ihnen hinsichtlich ihres Befindens, was sie fühlen oder denken. Hat man einen Mann zu Hause, ist es kaum anders: Lebt er noch? Ah ja, Gott sei Dank, er atmet. Nur daran lässt sich erahnen, dass der Mann an deiner Seite Leben in sich trägt. Du wirst es aber selten hören. Daher auch der bekannte Rat an alle Frauen, niemals zu fragen, was er gerade denkt oder fühlt. Männer denken und fühlen halt nicht. Außer, wenn die Sportschau losgeht. Gefühle und Männer – das ist so kompatibel wie ein Rostbraten mit veganer Ernährung. Wir Frauen sind da ganz anders: Wir fühlen und fühlen und fühlen immer so entsetzlich viel. Und müssen sämtliche dieser wunderbaren und vielzähligen unterschiedlichen Gefühle natürlich in Worte fassen. Am liebsten unserem Liebsten ins Ohr hauchen. Mangels Interesse an diesen Themen verläuft eine solche Flüsterei meist einseitig. Womit ich schon zu meiner Bekannten zurückkomme, die also gar nicht so Unrecht hat: Rüdi ist nur außen ein Mann. Innen drin ist er definitiv eine Frau. Er fühlt verdammt viel und hat die größte Freude daran, mir all das mitzuteilen oder meinen vielen Worten in dieser Richtung zu lauschen. Ach, was sag ich da. Er lauscht nicht nur, er saugt sie geradezu in sich auf, als wäre mein Gesagtes der letzte Sauerstoff zum Atmen auf dieser Welt. Und schon wieder kommt in mir große Sorge auf, ob ich für meinen Rüdi nun Personenschutz anheuern muss. Ein Mann wie für uns Frauen geschaffen und in vielen sehnsüchtigen Momenten unseres Lebens erträumt. Ich mutmaße, dass demzufolge großes Interesse besteht seitens der weiblichen Leserschaft, diesen Rüdi für sich zu ergattern. Denn diese Sorte ist eine glatte Rarität und zumindest auf der Erde bereits ausgestorben. Vielleicht findet sich in einem anderen Sonnensystem noch etwas Ähnliches wie Rüdi – hier auf unserem blauen Planeten jedenfalls nicht. Wie gut, dass das allerletzte Erden-Exemplar den Weg zu mir ans Ortsschild gefunden hat. Und ich damit den auf sein Crailsheimer Sofa …

 

 

 

 

Leseprobe

 

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Das erste Rendezvous mit einem Mann ist immer spannend. Man weiß ja nie, wie der Abend enden wird: herzklopfend bezaubernd oder unfassbar ernüchternd. Besonders aufregend wird dieses Unterfangen aber erst dann, wenn es an einem ungewöhnlichen Ort stattfindet. Beispielsweise an einem Ortseingangsschild, so wie bei mir. Nicht gerade idyllisch, aber verdammt praktisch. Das Ding steht schließlich mehrfach in jedem Ort herum. Wenn es einem also an Dating-Ideen mangelt, wäre so ein Ortsschild durchaus denkbar – kommt allerdings nur dann in Frage, wenn das männliche Gegenüber ein bisschen verrückt ist. Ein vorheriges Telefonat ist daher unbedingt ratsam. Irgendwie muss man als Frau ja zunächst die Lage checken in punkto 'Ist der Kerl erstens sympathisch und zweitens verrückt genug?'

 

Wow, wie aufregend! Diese Stimme am anderen Ende der Leitung ist total entzückend. Wie man unschwer erkennen kann, mache ich gerade den wichtigen Telefon-Check. Der fällt ziemlich gut aus, der nächste Schritt in Form eines Treffens kann meinerseits also gerne folgen. Er fragt mich, wo wir uns treffen sollen. Das überfordert mich kurzzeitig und ich stammele Undefinierbares ins Telefon, um Zeit zu schinden. Ich bin etwas aus der Übung. Das letzte Date liegt Lichtjahre zurück. Jede andere Frau hätte bei dieser Frage die einfachsten aller Antworten parat: beim Italiener, im Café oder Ähnliches. Ich komme leider nicht auf solche einfachen Lösungen, mir fällt spontan nur das Ortsschild ein. Wie gut, dass Rüdi genauso verrückt ist wie ich. So wird der Ortsschild-Treffpunkt irgendwie total normal. Unser Telefonat an diesem schönen Donnerstag Abend endet also mit dem Vorhaben: Treffpunkt morgen 19 Uhr – Ortsschild am Hallenbad. Warum es gerade dieses am Hallenbad sein muss, erklärt sich später. Rüdi, die entzückende Stimme, legt dafür übrigens sagenhafte 120 Kilometer einfache Wegstrecke zurück. Alles nur wegen so einem Ortsschild. Vielleicht aber auch wegen mir.

 

Dass unser erstes Treffen von einem Hauch Verrücktheit gekennzeichnet sein würde, hätte mir eigentlich schon gestern klar sein müssen. Da sind wir uns zum ersten Mal schriftlich über die Füße gestolpert. Und zwar dort, wo sich Menschen im 21. Jahrhundert grundsätzlich kennen lernen: im Internet. In so einem Single-Portal. Üblicherweise laufen die Kontaktversuche dort sehr vorausschauend ab. Wenn du eine Frau bist, passiert Folgendes: Männer fallen in ihr bereits seit Jahrtausenden vorherrschendes Eroberungsmuster und wollen dich entsprechend erobern. Was sich in Nachrichten äußert, in denen sie dir Komplimente machen à la Rosamunde Pilcher-Schnulze: „Du hast die schönsten Augen der Welt“ – „Du, und nur du bist meine Traumfrau“ und ähnlich. Als Frau ist man es also gewohnt, von diesen Männern hier mit enorm viel „Schleim“ im Schlepptau umgarnt zu werden. So ist das eben zwischen Mann und Frau, an diesen Genen können wir einfach nichts ändern – was eventuell auch Vorteile mit sich bringt, schließlich soll die Menschheit ja nicht aussterben. Als Frau sollte man diese Eroberungs-Komplimente deswegen bloß nicht ernst nehmen. Alles geschwindelt. Frauen werden mich sehr gut verstehen. Männer wohl eher erbost protestieren. Der ganze Protest nützt jedoch wenig, wenn sich das männliche Geschlecht ein paar Nachrichten später eigenhändig entlarvt – als Wesen, denen man um Himmels willen nicht alles glauben sollte, was sie uns an Komplimenten ins Postfach jagen. Die Enttarnung geht folgendermaßen vonstatten: Es trudelt ein Rosamunde Pilcher-Kompliment ein, das ich nach dem hohen Grad des Kompliments mindestens als Heiratsantrag auffassen muss. Ich antworte etwas salopp und haue dem Testosteron-Inhaber eine Antwort um die Ohren, die ihn völlig irritiert. Und das geht bei einem „Zuviel“ dieses Hormons im Blut recht schnell. Eigentlich ganz harmlos, mein Kommentar, doch komischerweise tut das dem Heiratswillen bereits einen argen Abbruch. Er macht ihn sogar in drei Sekunden zunichte, denn der Herr sieht sofort von jeglichen weiteren Kontaktabsichten ab. Ich bin echt enttäuscht, dass man als Traumfrau so schnell wieder an Traumqualitäten verliert.

 

Bis Rüdi kam. Bei Rüdi ticken die Uhren grundsätzlich anders, obwohl er auch ein Mann ist. Der sagte nämlich erst mal kein Wort und hatte eine andere Taktik in petto: Abwarten. Völlig Mann-untypisch also in Lauerhaltung und erwartete tatsächlich, dass ICH ihn als Erste anschrieb. Meine Güte, musste ich nun wirklich selbst die Initiative ergreifen? Das sehen die Gene aber anders vor. Dass Rüdis „abwartendes“ Verhalten nicht ganz auf Freiwilligkeit beruhte, erfuhr ich erst später: Der Rüdi konnte gar nicht schreiben – also schreiben schon, aber eben dort in diesem Portal nicht „schreiben“! O.k., da er einen so tollen Sonnenuntergang in seiner Bildergalerie eingestellt hatte, tat ich es halt. Wobei ich mir das trotz aller Sonnenuntergangs-Romantik dennoch lange zehn Minuten überlegen musste, da mich Rüdi auf seinem Profilbild mit astreiner Glatze anguckte.

 

Himmelherrgott: eine Glatze! Eigentlich völliges Ausschlusskriterium meinerseits für jegliche Kontaktaufnahmen – tja, auch wir Frauen haben eben so unsere Gene, meine sagen zu Glatze normalerweise laut nein. Ich betone: Hier ging es schließlich darum, einen neuen Mann kennen zu lernen. Einen neuen! Wenn der alte (also bisherige) im Lauf des Zusammenlebens langsam zum Glatzkopf wird, dann ist das halt so und auch für mich total in Ordnung. Aber ich befand mich hier doch im Katalog der Bildchen. War ich denn völlig übergeschnappt und wählte dann freiwillig eine Glatze? Von vornherein eine Glatze? Ja, ich war übergeschnappt! Und schrieb: „Hallo du, gibt’s solche Sonnenuntergänge in Auhof?“ Ich hielt kurz inne und merkte, dass irgendwas nicht ganz stimmig war an meinem Geschreibsel. Nach zwei Minuten fällt der Groschen. Oh Uli, das kommt davon, wenn man Männer mit Glatze anschreibt, anstatt zu warten, dass Männer ohne Glatze ihre Rosamunde-Pilcher-Nachricht an mich verfassen.

Das Sonnenuntergangsbild zeigte im Vordergrund ziemlich viel Wasser. Sah aus wie am Meeresstrand. Auf Rüdis Profil stand als Ortsangabe jedoch „Auhof in Baden-Württemberg“. Mir schwante, dass es geografisch nahezu ausgeschlossen ist, dass sich in Baden-Württemberg plötzlich der Ozean öffnet. Ich wollte diese peinliche Zeile schon wieder löschen, als ich mir kurzerhand sagte: „Ach was, jetzt schreib das genau so zu Ende, ist doch eh ganz harmlos (wegen der Glatze!)!“ Eine gute Entscheidung, wie sich später herausstellte, denn genau das erwog Rüdi überhaupt, mir zu antworten! Ich bin verdammt beleidigt, dass ausschließlich mein wirrer Text Rüdi zum Antworten bewog. Ein anderer Text als dieser ozeanige und ich hätte vergeblich auf eine Antwort gewartet. Der Rüdi ist halt schon sehr speziell – trotz Testosteron. Oder eben gerade deswegen? Ein Rundum-Angriff samt Kompliment in seine Richtung bewirkt da rein gar nichts. Da muss Frau schon Ozeane quer durch Europa verschieben!

 

Meine Nachricht lautete im Ganzen also wie folgt: „Hallo du, gibt’s solche Sonnenuntergänge in Auhof? Blöde Frage, gell? Denn wo auch immer Auhof liegt, ein Meer findet man da sicher nicht…“ Ich klicke auf Senden und weg ist das Ding. Einen großen Kopf machte ich mir da noch nicht über Begebenheiten wie „Könnte dieser Rüdi die große Liebe meines Lebens sein?“ oder ähnlich. Irgendwelche Regungen in mir von Träumen, Hoffen, Warten, Bangen fanden sich in diesen Minuten also recht wenig in meinem Herzchen, schließlich hatte „der da“ auf dem Bild eine Glatze. Ich entschloss mich, mein Aktivwerden durch Verfassen der irren Sonnenuntergangs-Meldung so zu erklären, dass Rüdi ja ganz sympathisch aussieht und ganz bestimmt kreativ ist. Kreativität erkannte ich jedenfalls auf den ersten Blick und im Profil las ich zudem das Wort „Fotograf“. Na, wenn das als Kreative, die ich eine bin, kein Grund zum Schreiben und Verlegen der Ozeane nach Auhof war, weiß ich auch nicht. Außerdem langweilte ich mich gerade schrecklich. Ein äußerst triftiger Grund, die Gene zu vertauschen und als Erste eine Nachricht zu senden. Ein bisschen Unterhaltung verschönte meinen langweiligen Mittwochabend allemal. Dass ich dafür glatzköpfige Männer missbrauchte, fand ich weniger schlimm. Total harmlos. Total! So harmlos, dass ich bereits zehn Tage später mit Sack und Pack bei Rüdi in dessen heimischem Revier aufschlage und auf seinem Sofa sitze … am Ozean in Auhof, das es so als Stadt gar nicht gibt, sondern Crailsheim heißt, deren Wetterstation sich wiederum lediglich Auhof nennt. Das Single-Portal aber wollte den Wohnort „Crailsheim“ bei Eingabe partout nicht annehmen. Es zauberte bei jedem Versuch aus Crailsheim einfach diesen Auhof. Rüdi hatte also gar keine Chance, als sich Wohnort-mäßig in Richtung Wetterstation zu bewegen – sonst wär das glatt schief gegangen mit dem Single-Portal, dem Ortsschild und der Uli. Doch das bisschen Auhof-Problematik war für Rüdi sicher ein mehr als seichtes Witzchen, das er mit unerschütterlicher Gelassenheit zur Kenntnis nahm. Man bedenke die anderen Katastrophen, mit denen er zuvor zu kämpfen hatte. Und die sahen so aus: Der Rüdi war frisch getrennt, saß als frisch gebackener Single-Mann friedlich in seiner neu bezogenen Wohnung und beschloss „Juhu, jetzt erst mal 3 – 4 Jahre das vogelfreie Single-Leben genießen.“ Diese Einstellung samt dahinter liegendem Vorhaben widerlegte er nach exakt sechs Wochen! Ich kann mir als Frau an der Stelle leider nicht verkneifen, dass Männer zuweilen doch arg unentschlossen durchs Leben gehen. Füge diese Anmerkung aber allenfalls leise flüstern hinzu, denn ohne diese Unentschlossenheit hätte ich im weiteren Verlauf wohl kaum Glatze neben mir auf dem Sofa sitzen gehabt. Er kam sich in seiner Junggesellen-Bude nach sechs Wochen plötzlich arg einsam vor. Eine Frau zwischen all den Kissen würde dieses Problem schnell lösen. Also nichts wie los und ein solches Exemplar suchen. Nur, wo? Rüdi machte sich also auf und meldete sich in einem Single-Portal an. Seine eklatant mangelnden praktischen Kenntnisse hinsichtlich dieser Portale bescherten ihm eine erste interessante Erfahrung: Die nämlich, dass die Singles in dem von ihm spontan auserwählten Portal weniger an der großen Liebe, sondern eher am Austausch von Körperflüssigkeiten interessiert sind. Erste Panik stellte sich ein, die sich in hektischem Suchen nach dem Abmeldebutton äußerte, um hier im Eiltempo zu verduften. Und dann kam ich ins Spiel bzw. der liebe Gott mit seiner schützenden Hand. Er schickte beim Abmeldeversuch aus besagtem Portal zunächst ein Popup-Fenster auf Rüdis Laptop, auf dem normalerweise alle Popups sicher blockiert werden. Himmlische Kräfte aber sind, wie wir alle wissen, stark und umgingen diese Hürde mit Leichtigkeit. Eine Erscheinung allein reichte hier allerdings noch lange nicht aus. Es musste ebenso dafür gesorgt werden, dass diese Erscheinung felsenfest in Erscheinung blieb, also nicht mehr geschlossen werden konnte. Was bei Popups normalerweise höchst simpel geht: Man klicke rechts oben auf das Kreuz und weg ist das Ding. Rüdi allerdings kämpfte lange zehn Minuten erfolglos damit, diese Erscheinung, die bei ihm aus technischen Gründen schon gar nicht hätte erscheinen dürfen, verschwinden zu lassen. Also tat er das einzig Richtige: sich der himmlischen Fügung hinzugeben und der Werbung in diesem Popup zu folgen: einem anderen Single-Portal, in dem zufällig wer sein Unwesen trieb? Eine schwer vom Schicksal gebeutelte, einsame Uli. Der liebe Gott war zu dem Zeitpunkt bereits wesentlich schlauer als wir, was allein seiner Weitsicht zu verdanken ist, die er von da oben im Himmel inne hat. Die brauchte er auch dringend, schließlich saßen seine beiden Schäfchen weite 120 Kilometer entfernt auf jeweils deren Sofa anstatt zusammen auf dem von Rüdi. Und so beschloss er, ein wenig nachzuhelfen. Damit sich diese zwei in der großen Welt richtungslos umherirrenden Menschen auch ganz sicher finden. Warum? Na, weil die vom Schicksal gebeutelte Uli diesen Mann mit Glatze unbedingt brauchte, um ein paar astreine Wunder zu erleben.

 

Ich fasse zusammen: Der liebe Gott lieferte also im richtigen Moment dieses Popup-Fenster und ließ dies zudem wie zähen Kaugummi an Rüdis Laptop kleben. Doch damit konnte Gottes Hand immer noch nicht ruhen. Wo es allerdings um so viele Wunder für die Uli und einen einsamen Mann in Auhof, ähm Crailsheim, geht, hilft der Himmel gerne mehrmals. Wenn es nötig ist, auch bis zum Happyend. Die grobe Richtung in punkto Zusammenfügung stimmte ergo schon mal. Rüdi registrierte sich brav in diesem anderen Portal, was hätte er auch sonst tun sollen bei dieser Penetranz. Nur übersah er, dass er als kostenlos registriertes Mitglied hier wenig bewirken und schon gar nicht die Uli auf sein einsames Sofa zaubern konnte. Kostenlosen Mitgliedern wird interessanterweise nämlich lediglich der Mund verdammt wässrig gemacht. Er konnte sich alle Profile – also auch meines – ausführlich anschauen. Danach saß Rüdi vor einem sprichwörtlich leeren Teller. Er konnte weder selbst mit einem anderen Mitglied Kontakt aufnehmen noch Kontaktaufnahmen, Nachrichten oder Ähnliches von Mitgliedern lesen. Man stelle sich das mal vor: Da lief Rüdis Traumfrau per Bild an ihm vorbei (also ich) und er war nicht in der Lage, irgendetwas zu tun. Da er aber ja nicht warten konnte, bis er alt und grau ist, schickte die Fügung nun ein paar Kräfte in meine Richtung. Die bewirkten, dass ich wie ferngesteuert erwähnte Sonnenuntergangs-Nachricht an einen glatzköpfigen Mann aus Auhof schrieb, das eigentlich Crailsheim ist.

 

„Sie haben eine Nachricht von Sahnehäubchen erhalten“, meldet Rüdis Mailprogramm ca. 30 Minuten nach seiner kostenlosen Popup-Zwangsregistrierung. Obwohl Rüdi sonst in allen Lebenslagen die Ruhe in Person ist, bricht nun sogar bei ihm mittelschwere Panik aus. SAHNEHÄUBCHEN! „Sahnehäubchen hat MIR geschrieben … MIRRRRR????“, dachte er sich und konnte vor lauter Aufregung kaum mehr die Tastatur an seinem Rechner bedienen. Tja, und dann? Dann merkte Rüdi erst, was es heißt, kostenloses Mitglied im Single-Portal zu sein. Nachrichten lesen ist nicht, meldete ihm das Portal, er solle gefälligst erst mal bezahlen. Aber wo? Woooooo nur? Was sich inzwischen in Rüdis Kopf abspielte, kann man durchaus als völligen Totalausfall bezeichnen. „Wooooooo kann ich bezahlen?“, war alles, was seine Hirnwindungen noch hergaben. Dieser Umstand führte dazu, dass er versehentlich ein Halbjahres-Abo für fast 100 Euro abschloss, als lediglich die Mindestlaufzeit für 30 Tage zu wählen. Wenn es um Sahnehäubchen ging, war ihm alles egal. HAUPTSACHE ENDLICH DIE NACHRICHT LESEN! Sagen wir mal so: Ich hätte jetzt ja auch total doof sein können und entsprechend eine doofe Nachricht schreiben. Da ich Rüdi gegenüber ein paar Wochen Vorsprung habe an Erfahrung mit derlei Portalen, verfüge ich über folgende Weisheit: 98 % der ersten Nachrichten sind sogar verdammt saudoof. Aber so was von. Dafür 100 Euro zu bezahlen, gleicht eigentlich mittelschwerer Körperverletzung. Allein Rüdis unerschütterlichem Glauben an Sahnehäubchen ist es zu verdanken, keinerlei Zweifel daran zu hegen, dass ich doof sein könnte oder gar doofe Nachrichten verfasse. Ne, gar nicht, ich zaubere nur Ozeane nach Auhof. Dem Himmel sei also Dank, dass trotz dieser immensen Hindernisse Schäfchen zu Schäfchen gefunden hatte. Zumindest also Schäfchen-Nachricht 1 an Schäfchen-Postfach 2 ankommen konnte – und der leidgeplagte Popup-Rüdi nach Auslösung seiner „Lesesumme“ diese endlich auch lesen durfte. Zwei Nachrichten später bekam ich einen weiteren Sonnenuntergang in Aussicht gestellt. Einer, der näher an Auhof liegt, von dem ich dank Rüdis Aufklärung inzwischen wusste, dass es sich bloß um diese komische Wetterstation handelt. Wasser gibt es aber auch dort, es nennt sich Jagst und ist ein Fluss. Naja, Wasser ist Wasser. Dort auf die Lauer gelegt, gibt es für einen Fotografen natürlich kein Halten mehr, um die schönsten Sonnenuntergänge außerhalb eines Meeres einzufangen. Der Meeresstrand-Sonnenuntergang des anderen Fotos wiederum entpuppte sich in einer weiteren Rüdi-Nachricht als das Wasser vom Bodensee. Ich schwöre, es sah gar nicht Bodensee-mäßig aus, sondern wie ein astreines Meer! So hätten wir innerhalb von wenigen Minuten alles einmal zu Lande und zu Wasser komplett verschoben. Aber was interessierte mich das jetzt noch, wo ich gleich einen zusätzlichen Sonnenuntergang mit Wasser vom Auhof geschenkt bekommen sollte. Ach, so ein Netter, der Rüdi. Das Schenken per Single-Portal läuft aber leider auch nicht ganz hürdenfrei ab. Ich wusste aufgrund meiner Single-Portal-Erfahrung um diese Problematik. Rüdi wiederum hatte es eine halbe Nacht gekostet, um auf gleichen Wissensstand zu kommen. Denn das Schenken sollte so gehen: Rüdi stellt in der Bildergalerie seines Single-Profils einen Auhof-Sonnenuntergang ein. Ich darf das Geschenk dann auspacken in der Form, dass ich es einfach angucke. Die Single-Portal-Verantwortlichen wollen aber schon ein Wörtchen mitreden, wer hier nun wem welche Sonnenuntergänge zur Verfügung stellt. Sie prüfen daher jedes einzelne hochgeladene Bild sehr genau. Bei so vielen einsamen Schäfchen auf dieser Welt haben die also eine ganze Menge zu tun. Ich plante fürs Geschenke-Auspacken folglich erst den nächsten Morgen ein. Rüdi dagegen dachte, das Ding wäre in vier Sekunden online. Da sich aber hinsichtlich dessen keinerlei Veränderungen in seiner Bildergalerie zeigten, lief unsere Nacht an besagtem 11. Februar äußerst unterschiedlich ab. Uli: schlief. Rüdi: saß bis morgens 4 Uhr am Rechner und checkte immer wieder, wo zum Henker das Bild blieb. Aufgrund dieses enormen Einsatzes inklusive Schlafmangel würde ich seinen Geschenke-Wunsch in Richtung Uli als sehr hoch einstufen. Um nicht zu sagen ähnlich wichtig, als ginge es um Leben und Tod. Ob mich der Rüdi da wohl schon ein bisschen mochte? Bestimmt! Am Morgen danach hatte Rüdi eine zweite wichtige Single-Portal-Lektion gelernt. Und bekanntlich ist es immer von Vorteil, solche immens wichtigen Lerneffekte für das spätere Leben umgehend anzuwenden. Dies tat er ganz simpel, indem er mir kurzerhand den Link zu seiner Fotografen-Webseite schickte. Sehr clever, der Rüdi. Ich war dadurch den ganzen Tag beschäftigt, Sonnenaufgänge, -untergänge und noch ca. eine Million mehr Fotos auf seiner Webseite zu bestaunen. Gern hätte ich auch noch ein paar von ihm selbst angesehen, denn so ein bisschen imponierte mir die Glatze inzwischen schon. Da ich als Frau aber grundsätzlich nicht weniger clever bin, ging ich hier völlig anders vor. Ich sag nur: Facebook. Der Tummelplatz für alle Schäfchen dieser Erde und riesiges Fotoalbum obendrein. Also nichts wie hin zu Facebook, Rüdi erspähen und los ging’s mit meiner Recherche. Tja, und was sahen meine Augen da? Ein paar Glatzenbilder mehr. Von vorne, von rechts und links, lächelnd, Grimassen-schneidend usw. Somit hatte ich diesen Rüdi in null Komma nichts einmal komplett durchgecheckt und befand ihn für äußerst süß. Was war nur in mich gefahren, eine solche Feststellung über einen Mann mit Glatze zu treffen? Ich weiß es wirklich nicht. Jedenfalls: Wer mir so schöne Sonnenuntergänge schenkte und auch noch die Einstufung „süß“ erhalten hatte, den wollte ich doch glatt telefonisch näher kennen lernen. Vorläufig halt. Man soll’s ja nicht gleich übertreiben mit der Euphorie, wobei das Tempo schon darauf hindeutete, dass Amor bereits in eindeutiger Startposition stand. Nach nicht mal 24 Stunden äußerte ich also schriftlich meinen Telefon-Wunsch. Rüdi beantwortete diesen mit einem „Ach, ich schau den Menschen beim Reden lieber in die Augen“. Rüdi, Rüdi, so hatten wir aber nicht gewettet. Ich bestand auf ein Telefonat, wollte doch nicht die Katze im Sack kaufen bzgl. Aug-in Aug-Treffen. Wer weiß, vielleicht ist Rüdi wider Erwarten ja doch ein ganz seltsames Geschöpf, was ich aufgrund meiner außerordentlich ausgeprägten Intuition bei einem Telefonat nach fünf Minuten felsenfest beurteilen könnte. Nicht daran zu denken, ich stehe der Glatze gegenüber und weiß dann im Negativ-Fall nicht, wie ich die schnellstmöglich wieder loskriege. Ein vorheriger Telefon-Check war daher eindeutiges Muss. Sicher ist sicher. Rüdi sah das total ein. Und kriegte plötzlich mächtig Herzklopfen bei dem Gedanken, mit mir zu telefonieren. Da ich aber noch ein wenig arbeiten musste, blieb Rüdi nur eine Wahl: Sein Herzklopfen mit ca. zwei Litern Kaffee einigermaßen unter Kontrolle zu halten, bis drei Stunden später dann endlich sein Handy klingelte. Einem Herzinfarkt nahe, dank Aufregung und einer Überdosis Koffein, ging er ran. Doch Uli war schon wieder weg. Nein, nein, ich hatte keine kalten Füße bekommen. Sondern hörte nur kein Tuten in meinem Handy. Er jedoch in seinem schon – sogar ganz laut, es klingelte nämlich. Also legte ich mangels Tuten schnell wieder auf, um es erneut zu versuchen. Der aufgeregte Rüdi kam mir zuvor, was ich an einem sehr einprägenden „Hallo“ an meinem Ohr wahrnahm. Oh Gott! Was stellst du nur an? Kannst du Amor bitte davon unterrichten, ein bisschen langsam zu machen? Wie du weißt: Ich bin eine Frau im fortgeschrittenen Alter und komme mit der Geschwindigkeit nicht ganz hinterher. „Hallo Rüdi, schön, dass es geklappt hat.“ So in der Art lautete meine Antwort. Da ich keine Massen an Koffein zur Beruhigung im Blut zur Verfügung hatte, musste ich der Lage anders Herr werden: mit pausenlosem Durcheinander-Reden von wirrem Zeug. Rüdi konnte mir die ersten 15 Minuten nicht wirklich folgen, befand mich aber dennoch ebenso als verdammt sympathisch. Er antwortete vorsichtshalber nur mit „ok“, bis mein Anfall vorüber war und ich wieder einigermaßen normal sprechen konnte.

Total „normal“ ging unser Telefonat auch weiter. Da sich die Sympathiewerte gegenseitig auf Höchstlevel befanden, stand einem Live-Check nichts mehr im Wege. Und wo treffen sich zwei arg verrückte Menschen mit viel Amor-Adrenalin im Herzen am Besten? Klar, am Ortsschild. Die Devise lautete: einmal am Ortsschild kurz in die Augen schauen, Check machen und sollte dieser negativ ausfallen, den Rüdi sofort wieder nach Hause schicken. Sehr normal für ein erstes Rendezvous. Blieb nur die Frage offen, an welchem Ortsschild genau wir den Check durchführen sollten, schließlich gibt es ein paar davon. Zuerst schlug ich das in der Nähe des ortsansässigen Einkaufsladens vor, revidierte aber umgehend, da an einem Freitagnachmittag dort die Hölle los ist. Bei zu viel Menschengewimmel konnte ja keine Romantik aufkommen. Dass ein Treffen am Ortsschild grundsätzlich nicht gerade romantisch ist, stand überhaupt nicht zur Debatte. Also, nächstes Ortsschild. Vielleicht am Bahnhof? Kurzzeitig blieb dieses Schild ganz oben im Rennen. Wirklich lauschig war es dort aber auch nicht. Nachdem wir nach weiteren 30 Minuten fast alle Ortsschilde durch hatten, einigten wir uns auf dieses: Hallenbad! Für unser Rendezvous sogar richtig doll romantisch: nicht viel los, bisschen grün drumherum und daher gebont.

 

Rüdis Durchblick bei all den Ortsschildern drohte während des Telefonates komplett verloren zu gehen. Er half sich flugs mit einer Erste-Hilfe-Maßnahme und kritzelte sich beim Telefonieren wirre schriftliche Infos auf einen Zettel. Was nach dem Drei-Sekunden-Check allerdings weiter passieren sollte, darüber machte ich mir zu dem Zeitpunkt keine Gedanken. Ich war viel zu beschäftigt, aufgeregt zu sein. Und das hatte noch einen anderen Grund – außer dem süßen Rüdi selbst.

 

2

 

Das Schöne am Kennenlernen via Internet ist ja, dass Mann bzw. Frau zunächst herrlich viel verbergen kann. Es werden Fotos eingestellt, die mindestens 15 Jahre alt sind. Oder aktuelle werden wahlweise per Photoshop bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Vor allem bei der Damenwelt weit verbreitet: die nicht ganz wahrheitsgemäße Angabe bezüglich Gewicht. Aus „vollschlank“ wird „normal“ oder aus „normal“ wird „athletisch“. Da entsteht aus einem ersten Date doch ganz schnell ein Überraschungseffekt der besonderen Art. Mit nicht immer positivem Verlauf für alle Beteiligten. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich weder beim einen noch anderen je geschummelt habe. Glücklicherweise hat mich der liebe Gott mit einem Stoffwechsel gesegnet, der mir auch in fortgeschrittenem Alter ein zartes Gewicht von knapp 50 Kilogramm beschert. Diäten kenne ich daher nicht. Und als neulich meine Friseurin meinte, dass ich glatt wie Mitte 30 aussehe, erschien mir der Einsatz von Photoshop nicht mehr relevant. Nein, wer verrückt ist, der schummelt doch nicht bei solchen gewöhnlichen Dingen, sondern fährt exotische Geschütze auf: Ich unterschlage einfach die Tatsache, dass ich ziemlich bekloppt bin. Kaum erwähnenswert, wo Rüdi dafür knackige 50 Kilogramm und eine zehn Jahre jüngere Frau erhalten würde. Er hat zunächst also keine Ahnung, was auf ihn zukommt. Nach vier Litern Beruhigungs-Kaffee und umfangreichem Schönheitsprogramm startet er in Richtung Ortsschild bei Uli.

 

Tja, da sitze ich nun: die Bekloppte, kurz vor ihrem Ortsschild-Date. Ich sollte mir verdammt schnell eine gute Taktik überlegen, wie ich „das“ dem süßen Rüdi bloß beibringe. Am Besten schonend. Oder kreativ? Jedenfalls so, dass er das Ortsschild nicht gleich in panikartiger Flucht über den Haufen fährt. Aufgrund erheblichen Zeitmangels habe ich äußerst wenig Spielraum für Kreativität hinsichtlich dieses Problems. Außerdem raubt mir die Klamottenfrage mindestens eine Stunde der verbleibend knappen Zeit. Wir Frauen haben einfach nichts anzuziehen! Jedenfalls nichts, das uns in dem Moment als passend erscheint. Nach 3-maligem Umziehen gebe ich auf und belasse es bei Outfit Nummer drei. Damit bleiben mir gerade noch 25 Minuten für die verfluchte Taktik. Diese 25 Minuten wiederum verkürzen sich unverhofft drastisch um weitere zehn Minuten dank Rüdi. Der teilt mir um 18.50 Uhr per whatsapp mit, er sei nun eingetroffen und warte auf mich. Heiliger Strohsack. Die Erde bebt plötzlich so seltsam – mein Herz mit. Meine Finger zittern zudem seit dieser Mitteilung bedenklich. Uli, ganz ruhig: einatmen, ausatmen. Meine Blase atmet auch ein bisschen. Es wäre also sehr klug, noch einmal die Toilette aufzusuchen. Wer weiß, wie lange ich da am Ortsschild ohne ausharren muss. Vor lauter Fingerzittern bekomme ich kaum den Reißverschluss meiner Jeans zu. Das kann ja heiter werden mit diesem Ortsschild-Date …

Es geht los: Ich fahre aufgeregt Rüdi entgegen. Klappt ganz prima trotz dieser zittrigen Einschränkung. Aber was jucken mich schon ein paar zitternde Finger oder Hände, wo ich jetzt gleich dem süßen Rüdi gegenüberstehen werde. Hoffentlich sieht der in real genauso süß aus wie auf den Bildern, denke ich mir insgeheim. Aber man weiß ja nie. Schon gar nicht bei einem Fotografen, dessen liebstes Spielzeug bekanntlich Photoshop ist.

Kurz vor Abbiegen in Richtung Hallenbad, fällt mir plötzlich wieder ein, dass ich immer noch keine Taktik zurechtgelegt habe. Dabei wird es wohl auch bleiben, denn meine Ampel schaltet in dieser Sekunde auf Grün. Ich biege rechts ab und sehe nach 100 Metern ein verdächtiges Auto mit Crailsheimer Kennzeichen am Parkplatz lauern. Und dann trifft mich der Blitz. Ach was, ein ganzes Blitzgewitter prasselt in 0,4 Sekunden auf mich ein. Locker und cool lehnt er da am Auto und ich schwöre: Er ist in Natura sogar hundertmal süßer als auf den Fotos. Ich vergesse vor lauter Aufregung, meine zitternden Hände in die Manteltasche zu stecken. Ich vergesse, dass es affenkalt ist und ich vergesse, dass ich so ganz ohne Taktik demnächst ein großes Problem haben werde: dann nämlich, wenn mir diese Tatsache nach vorübergezogenem Blitzgewitter wieder einfällt. Hallo Amor, grüß dich. Schön, dass du auch wieder da bist. Amor lächelt und packt gleich noch ein paar Pfeile aus, um sie in Richtung meines Herzens zu richten. Warum zum Henker, ist der Rüdi denn nur so verdammt ruhig? Ich Amor-geplagt dagegen kriege weder ein vernünftiges Wort über meine Lippen noch eine gelassene Geste zustande! Ach so, der tut nur so. In ihm drin sieht es ähnlich aus wie bei mir, doch vier Liter Kaffee tun eben ihr Werk. Bei ihm tun sie das in der Form, dass er nach außen tiefste Ruhe ausstrahlt, während innerlich mindestens schon genauso viele Pfeile in seinem Herzchen stecken und den Rüdi ganz konfus machen. Leider merke ich von der Aufregung dank Kaffee-Orgie nichts, was ihm eindeutige Vorteile beschert: sich beispielsweise köstlich über meine nicht versteckbare Aufregung zu amüsieren.

 

Bezüglich Mann und Frau gibt es in allen Lebenslagen sehr viele Unterschiede, z.B. stehend bzw. sitzend pinkeln gehen. Auch im Falle der allerersten Sekunden eines Kennenlernens unterscheidet sich einiges. Meine Gedanken dabei sind: „Wow, ist der süüüüüüüüß!“, während ein ganzer Mann wie Rüdi natürlich denkt: „Alter, sieht die gut aus!“. Beides drückt inhaltlich allerdings in etwa das Gleiche aus. Wir stellen genauso einhellig fest, dass es doch ziemlich kalt ist an diesem heutigen 13. Februar. Vielleicht sollten wir das Gespräch lieber in seinem Auto fortsetzen. Dass unser Ortsschild-Aug-in-Aug-Check hiermit positiv ausgefallen ist, entbehrt jeglicher weiterer Worte. Rüdi darf also noch ein bisschen bleiben hier am Ortsschild. Was nun folgt, kennt die Menschheit normalerweise nur bei übermäßigem Genuss alkoholischer Getränke: den so genannten Filmriss. Meiner reißt auch – ohne einen Tropfen Alkohol, 170 Zentimeter Rüdi live reichen da völlig. Die ersten 30 Minuten unseres Gespräches sind mir komplett verloren gegangen. Was für mich eindeutig besser ist, vermutlich habe ich mich bis auf die Knochen blamiert. Denn da war ja auch noch die Sache mit der Taktik. Ich habe verflucht noch mal keine! Und so erwäge ich als einzig übrig gebliebene Alternative, ehrlich frisch raus sofort zu gestehen, dass ich ein bisschen verrückt bin. Also nicht normal halt. Wenn Rüdi diese Tatsache übersteht und mich danach weiterhin freundlich anlächelt, stehen die Chancen für mich gut, weiter in seinem Auto sitzen bleiben zu dürfen. Nach plötzlichem Erwachen aus meinem Filmriss und dem damit einhergehenden wirren Wortschwall schaue ich also vorsichtig nach links. Meine Augen erblicken: einen von Herzen lächelnden Rüdi. Wow, ich bin baff. Er mag mich tatsächlich noch und schaut mich total verständnisvoll an. Wobei er bis zu diesem Zeitpunkt aufgrund großer Verwirrtheit meinerseits kaum etwas verstanden hat. Was ihm nicht zu verdenken ist, da meine Erklärungen aufgrund der vielen Amor-Pfeile schon arg konfus waren: „Ich habe Angst. Ganz viel Angst. Deswegen kann ich nicht so vogelfrei das Haus verlassen wie andere und außerdem war ich die letzten Jahre schwer krank, bin noch nicht wieder ganz gesund und lebe deswegen eingeschränkt.“ Ich gebe zu, darunter kann man sich nun alles und nichts vorstellen. Dass Rüdi sich nicht vorstellte, lieber ganz schnell diesen Tatort hier zu verlassen, verwundert mich sehr. Da ihn aber doch schon immens diese Pfeile im Griff haben, spielen sich bei ihm völlig andere Problematiken im Oberstübchen ab: „Herrschaftszeiten, was für eine Wahnsinns-Frau! Vertraut mir, einem Fremden, offen und ehrlich so etwas gleich an. Sag jetzt bloß nichts Falsches, damit sie nicht sofort die Flucht ergreift!“ Ist das nicht süß? Der Rüdi hat Angst. DER RÜDI!!!! Dass ich abhaue, weil er vielleicht auf mein doch sehr persönliches Anfangsgeständnis nicht die richtigen Worte findet. Rüdi hat bisher wenig Erfahrung mit angstgeplagten Damen mittleren Alters gesammelt und ist daher kurzzeitig überfordert. Wie geht man mit solchen Geschöpfen am besten um? Was sagt man und was wiederum lieber nicht? Verkehrte Welt, würde ich sagen! Wenn jemand Angst haben muss vor Flucht des Gegenübers, dann ja wohl ich. Schließlich bin ich so bekloppt, einem Fremden gleich schonungslos meine Handicaps in den ersten Minuten unseres Treffens zu gestehen. Handicaps, mit denen ein normaler Mensch null anfangen kann und sich daher kaum eignen, um das Herz eines Mannes zu erobern. Männer erobert man mit einem knapp sitzenden Rock, Feinstrümpfen und hohen Hacken an den Fersen. Ein kleiner Einblick in den Ausschnitt schadet zusätzlich ebenso nicht.

 

„Hahahahaha!“, lacht es derweil schallend von oben zu uns herab. Rüdi hat es bestimmt auch gehört. Der liebe Gott im Himmel schüttelt lachend den Kopf. „Kinder, Kinder, macht euch doch keinen Kopf. Was ich von langer Hand zusammenführe, ergreift keine Fluchten. Also entspannt euch endlich!“ Warum hast du mir das nicht früher, gesagt, hä? Ich hätte mir dadurch enorm viel Adrenalin gespart. Nerven obendrein! Rüdis Kaffeevorrat wäre zudem nicht innerhalb von 24 Stunden auf Notfallration geschrumpft. O.k., ich fasse die Geschehnisse der letzten halben Stunde in Kurzversion zusammen: „Ach, ist der süß!“ bzw. „Alter, sieht die gut aus!“, zitternde Finger, Geständnis ohne jegliche Taktik, Aufwachen nach Filmriss, ein Lachen vom Himmel. Es könnte jetzt also fast romantisch werden nach Abhaken all dieser aufregenden Dinge, würde sich nicht schrecklich meine Blase zu Wort melden. Bei der Gelegenheit fällt mir ebenso wieder ein, dass ich soeben ein Rendezvous habe. Rüdi erwartet doch bestimmt, dass wir das demnächst an einem normalen Ort fortsetzen. Irgendwo, wo normale Leute sich hinsetzen, kennenlernen und reden würden. Da ich ja aber nicht normal bin, was inzwischen auch dem Rüdi klar sein müsste, ist das alles nicht so einfach. Mich als Angstpatientin in so eine Kneipe zu setzen, bedeutet Alarmstufe rot. Mit einem Fremden in dessen Auto zu sitzen, dagegen kaum. Diese Angstpatienten soll mal einer verstehen. Rüdi dagegen versteht mich kommentarlos schon richtig gut. Wir wahren dennoch kurzzeitig weiter den Schein eines handelsüblichen Dates und fahren Richtung Pizzeria. Mein Herz zerspringt fast vor angstmäßiger Erleichterung, als wir feststellen, dass heute Ruhetag ist. Rüdi findet das aus anderen Gründen genauso toll. Er will die Zeit nämlich lieber mit mir ganz allein verbringen. So ein Schlawiner! Natürlich verrät er mir davon kein Sterbenswörtchen, sondern lässt mich lieber noch etwas leiden. Ich versuche immer noch zwanghaft, aus dieser Nummer mit der Kneipe elegant rauszukommen. Meine Blase mischt sich inzwischen sehr penetrant ins Gespräch ein. Lokalität zwei, an der wir soeben vorbeirauschen, scheidet ebenso aus. Also bleibt nur eines: „Komme, was wolle, lieber Rüdi, ich muss jetzt aufs Klo. Wir fahren daher kurz zu mir, ich gehe pinkeln, dann sehen wir weiter.“ Und so chauffiert mich Rüdi seit zehn Minuten einmal quer durch mein Heimatdorf Richtung Wohnung. Mein Auto indes steht einsam am Hallenbad-Parkplatz und wartet auf meine Rückkehr. Da muss es sich leider noch ein bisschen gedulden, die Dinge entwickeln sich in den nächsten 3 Stunden anders als geplant …

 

„Rüdi, willst du vielleicht einen Schluck Wasser?“, frage ich meinen Gast fürsorglich, als ich vom Klo zurückkehre. „Rüdi, willst du dich nicht kurz setzen?“, folgt sogleich eine weitere Frage. Und so landen wir Wasser trinkend auf meinem Sofa. Rüdi checkt derweil zum zweiten Mal die Lage, als ich meinen Mantel abstreife. Seine Gedanken hierbei Mann-typisch: „Alter, hat die eine tolle Figur!“ Zehn Minuten später finden wir uns lachend wieder, via Laptop unsere Sternzeichen zu checken. Ich gebe zu, ich habe diesen Schwachsinn nur angezettelt, um von dieser schrecklichen Aufregung abzulenken. Als ich dann aber laut vorlese, was die Sterne über Steinbock und Stier sagen, werden ich zunehmend leiser. Das glucksende Lachen zu Anfang vergeht mir innerhalb weniger Sekunden. Die Sterne jedenfalls finden uns total super zusammenpassend. „Was auch sonst!“, ruft es aus dem Himmel mit vehementer Stimme. Bestimmt sind der liebe Gott und die Sterne irgendwie miteinander verwandt, mutmaße ich in diesem Moment. Ich gebe dennoch nicht auf, das Ganze hier als lockeren Spaß zu sehen. Meine Frage an Rüdi lautet daher übermütig, ob ihn auch das Thema Sexualität im Horoskop interessiert. Ja, fein! Ich traue mich nicht, mit Rüdi in eine Kneipe zu sitzen. Hege allerdings keinerlei Scheu, ihm das Sexualhoroskop vorzutragen. Muss ich erneut erwähnen, dass in meinem Oberstübchen auf verrückte Art doch ein paar Schräubchen locker sind? Sicher nicht. Rüdi scheint genau das an mir zu mögen, er amüsiert sich nämlich weiter köstlich. Auf meinem Sofa wohl gemerkt. Obwohl er ja eine Frau für sein Sofa sucht. Aber das Problem sollte auch bald erledigt sein. Sofern wir die sexuellen Auskünfte des Horoskops hier verkraften, die beim Stier-Mann folgendermaßen aussehen: „Er wird nicht mehr zu bremsen sein. Vorspiel, Liebkosen, Streicheln, Massieren – die reinste Wonne! Er weiß genau, wie es geht. Schenken Sie einem Stier-Mann Ihre ausschließliche Aufmerksamkeit und seien Sie zärtlich und geduldig. Dann werden Sie mit einem Vielfachen dessen belohnt, was Sie ihm gegeben haben. Wenn er Ihnen erst mal verfallen ist, ist er ein gefühlvoller Lover, der Ihnen immer das Gefühl geben wird, dass er nie genug von Ihnen bekommen kann.“ Die weiteren Details unterschlage ich besser, sonst werden die lesenden Frauen völlig wild auf den Rüdi. Was blöd wäre, da ich ja schon ganz wild auf ihn bin. Danke, liebes Horoskop, jetzt weiß ich Bescheid. Rüdi lacht inzwischen mit dem lieben Gott um die Wette. Ich werde puterrot. Mein Herz klopft wie wild. Würde deines auch, wenn ein süßer Rüdi neben dir auf dem heimischen Sofa sitzt, dich zauberhaft anlächelt und du dann ein solches Horoskop zu lesen kriegst. Insgeheim schaue ich ihn verstohlen von der Seite an und frage mich fortwährend, ob dieses Horoskop wohl wahr ist. Wenn ja, dann: Oh Gott, was hast du mir da nur geschickt? Den Traum aller Frauen? Attraktiv, süß, verständnisvoll, sympathisch, total lieb und einfühlsam, Traum-Figur – und die ist bereits offensichtlich trotz Strickjacke, T-Shirt und Jeans. Wir Frauen haben für so was einfach einen Blick! Diese Tatsache macht die derzeitige Situation nicht einfacher. Ich hüpfe vor Nervosität wie ein Flummi auf meinem Sofa hin und her. Verrenke mich dabei dermaßen, dass ich am nächsten Tag vor Schmerzen kaum noch laufen kann. Rüdi beobachtet mich weiterhin seelenruhig und stellt zu allem Überfluss noch trocken fest: „Uli, dir gefällts hier jetzt auf dem Sofa, gell? Du willst nun nirgends mehr hin, oder?“ Au Backe, das habe ich vor lauter Horoskop komplett vergessen – und er hat mich glatt dabei erwischt. Ich wollte eigentlich nur aufs Klo (jaja, du wolltest außerdem in keine Kneipe, Uli!). Meine Erleichterung, hier angstfrei in meiner „sicheren“ Bude zu sitzen anstatt in so einer „gefährlichen“ Kneipe, ist für einfühlsame Rüdis wohl kaum zu übersehen. Im Horoskop war außerdem noch zu lesen, dass Stiere sehr zurückhaltend sind. So mache ich mir keine Sorgen, dass Rüdi vor lauter Horoskop sofort zur Tat schreiten könnte, um mir praktisch zu beweisen, was wir theoretisch gelesen haben. Nein, ganz brav sitzt er da, lauscht in völliger Zurückhaltung meinen Worten. Bis ich irgendwann ein Gähnen kaum mehr unterdrücken kann. Oh, dieser süße Rüdi schafft mich. Amor schafft mich. Alles schafft mich. Da Rüdi ein fürsorglicher Gentleman ist, liegt ihm sehr viel an meinem Wohl. Und das lechzt derzeit nach Erholung und Schlaf. Obwohl ich doch eigentlich nach ihm lechze. Er schlägt vor, mich in meinen Schönheitsschlaf zu entlassen und den Weg nach Hause anzutreten. Wäre da nicht die Sache mit dem Auto, die noch geklärt werden muss. Das meinige steht ja immer noch am Hallenbad, während ich bereits selig zu Hause sitze. Ich frage ihn also zaghaft, ob er wohl so lieb sei, mich kurz zu meinem Auto zu bringen? Aber klar! Insgeheim denkt er sicher „juhu, ich kann noch ein paar Minuten länger bei Uli bleiben.“ Rüdi, gib’s zu, dass genau das deine Gedanken sind!


Rüdi parkt sein Auto neben dem meinen. Damit beginnt die doofste Zeit eines jeden ersten, positiv verlaufenden Dates: der Abschied. Was soll man bloß tun? Küsst man sich? Küsst man sich zum Abschied nicht? Gesteht man sich das Durcheinander im Herzchen bereits ein oder wartet man noch 1-2 Dates? Fragen über Fragen, die der Dating-Doctor via Kinofilm haarklein abgehakt hat. Eine Regel davon lautet: Spielt die Frau beim Abschied mit ihrem Schlüsselbund, will sie geküsst werden. Ich passe höllisch auf, dass ich meinen Schlüssel nicht in die Hand nehme, damit Rüdi mich nicht durchschaut. Bin dann aber mal wieder so bekloppt, ihm auch noch von dieser Szene im Film zu erzählen. Meine Güte, die Hormone bei Uli drehen beim nahenden Abschied nun völlig durch. Also steigen wir aus, nehmen uns herzlich (harmlos) in den Arm. Hach, kannst du das bitte die nächsten drei Stunden weiter tun, Rüdi? Ich bin ganz verzweifelt, so gut fühlt es sich in seinen Armen an. Aber da diese Arme zu einem Stier gehören, lässt er mich nach einer Minute wieder los und gibt mir sogar noch ein kleines Kussi auf den Mund (leider auch harmlos). Ich bin völlig perplex. Und das von einem Stier! Total hypnotisiert steigen wir jeweils in unsere Autos. Ich für meinen Teil steige nach 30 Sekunden genauso hypnotisiert wieder aus und möchte Rüdi am liebsten am Gehen hindern. Doch als schüchternes Mädchen, das sich momentan immer noch wie höchstens 15 fühlt, endet die Szene etwas anders, als ich mir gewünscht hätte: Meine Beine tragen mich zwar zu Rüdis Autoscheibe, ich klopfe zaghaft an und möchte eigentlich sagen: „Bitte bleib und nimm mich noch mal in den Arm!“. Ich, die schüchterne 15-Jährige, krieg aber nur wieder wirres Filmriss-Zeug über meine Lippen. Ich meine mich vage zu erinnern, ich hätte mich für sein Verständnis bedankt. Kruzifix! Etwas Romantischeres konnte mir wirklich nicht einfallen, und das als Kreative. Wie peinlich!

 

3

 

Amor und der liebe Gott sind mit ihrem bisherigen Werk einigermaßen zufrieden. Befinden jedoch, dass wir uns nicht wie Stier oder 15-Jährige hätten anstellen müssen. Schon gar nicht, da beide sofort von Sekunde eins an wussten, was diese Pfeile im Herz zu bedeuten haben. Aber: Die beiden Helfer sind geduldig mit ihren Schäfchen. So lange die Richtung in etwa weiterläuft wie bisher, gibt es keinen Grund zum Eingreifen. Wobei ich schon finde, dass zwischen erster Sonnenuntergangs-Nachricht, erstem Telefonat und erstem Ortseingangsschild-Treffen wahrlich nicht viel Zeit lag. Jeweils nur läppische 24 Stunden. Insgesamt also 48. Ich will also keine Beschwerden von da oben hören. Rüdi und ich tun, was wir können. Und das so schnell, wie wir können. Da wir es aber eben auf unsere verrückte Weise tun, knüpfen wir an dieses Verhalten an diesem Samstag nach Date einfach wieder an. Uns gegenseitig eingestehen, was wir fühlen? Neeee, Amor, gib uns bitte noch ein paar Stündchen. Dazwischen telefonieren wir bekloppt und schreiben uns bekloppte whatsapps. Also schön-bekloppt halt, nicht irre-bekloppt. Jedenfalls schwebe ich im siebten Himmel. Gegen Nachmittag, bei einem Telefonat mit dem süßen Rüdi bekommt mein schwebendes Traumbild dennoch leichte Bodenhaftung. Wie wir darauf kommen, kann ich schon nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls erörtern wir das Thema Duschvorhänge. Sehr interessant, wenn man sich im siebten Himmel befindet. Rüdi erzählt mir, dass er vor Duschvorhängen Angst habe. Die würden ihn immer verfolgen, deswegen gäbe es in seinem Bad keinen. Aha! Da ich mich mit den verrücktesten Dingen im Kopf als Angstpatientin bestens auskenne, mache ich mir zunächst noch wenig Sorgen. Als er mir dann weiter berichtet, er dusche daher immer ohne, komme ich ins Grübeln. Wie jetzt, ohne? Ohne Duschvorhang? Ohne Kleidung? Ohne was? Es klärt sich schnell, dass er natürlich ohne Kleidung duscht. Ich bin erleichtert. Alles andere käme mir schon etwas arg verrückt vor. Er führt weiter an, dass er aber eben auch ohne Duschvorhang dusche. Da ich mich derzeit noch nicht in seinen Örtlichkeiten zu Hause praktisch auskenne, frage ich spaßeshalber, wie er denn so bestückt ist. Um Himmels willen, nicht er! Seine Badezimmerausstattung natürlich. Seine Antwort: Eine Badewanne, in der man auch duschen kann. Hm. Ja, so was kenn ich. Danach formt sich in mir allerdings ein Besorgnis erregendes Bild: ein erwachsener Mann steht in der Badewanne. Er duscht ohne Duschvorhang. Plötzlich tun sich in mir die grellsten Überschwemmungsszenen auf. Rüdi bestätigt mir diese umgehend. Ich müsse mir aber keine Sorgen machen, er habe einen tollen Wischer plus Wischeimer. Lieber nach jedem Duschen die Überschwemmung aus dem Bad wischen, als sich vom Duschvorhang verfolgen lassen. Seine Tonlage weist eine solche Ernsthaftigkeit auf, dass ich ein Späßchen in meine Richtung ausschließe. Nachdem wir dieses Thema nach interessanten 35 Minuten erfolgreich abgeschlossen haben, muss er auflegen. Sein Nebenjob ruft und er sollte sich langsam frisch dafür machen. Als freier Fotograf rennt der Rüdi zuweilen in einem Club umher mit 1500 jungen Gästen. Die brauchen Feierlaune-Fotos, also macht der Rüdi welche. Aus einem weiteren Treffen heute Abend wird also nichts. Ich bin schon ein bisschen traurig. Aber auch sehr müde, da ich vor lauter Rüdi heute Nacht fast kein Auge zugetan habe. Kurz vor 22 Uhr bekomme ich eine letzte whatsapp. Was heißt „eine“! Mein Handy platzt. Rüdi schickt mir alle verfügbaren Fotos, die er inzwischen von mir gesammelt hat, und das sind viele. Darunter die Worte: „Die Uhr tickt so erbarmungslos. Ich will nicht in den Club, ich will lieber mit dir whatsappen.“ Sag doch gleich, dass du lieber zu mir eilen willst. Diese Worte samt Bilderüberfall machen mir zunächst wenig Sorgen. Erst der Zusatz stimmt mich nachdenklich. Denn er erzählt mir sehr verzweifelt von seinem Versuch mit der Uhr. Äh, was? Er wolle diese verdammte Uhr mit allen meinen Bildern ringsherum zuhängen, damit er die fortschreitende Zeit nicht mehr sehen müsse. Bei dieser Vorstellung kommen mir sofort sämtliche Tatorte der letzten Jahre in den Sinn. In einigen davon trieben ein paar Psychos ihr Unwesen. Ihr wisst schon: Solche Frauenmörder, die regelrechte Bilder-Altare ihrer Opfer aufbauen, um diese kurze Zeit später alle genüsslich um die Ecke zu bringen. Psychos halt. Ist Rüdi vielleicht ein Frauenmörder? Hat er nun einen Uli-Altar auf die Uhr geklebt? Oder ist er einfach verliebt? Da der liebe Gott seine Finger mit im Spiel hat und Rüdi zudem so lieb ausschaut, schließe ich die Tatort-Variante aus. Obwohl die Frauenmörder darin anfangs auch nicht weniger lieb aussehen. Damit trennen sich die Wege von Rüdi und mir an diesem Samstag: meiner führt mich ins Bett. Der seine führt ihn in den Club. Seine Uhr-Beschwörung mittels Uli-Fotos ist somit kläglich gescheitert. Doch bis morgen ist ja nicht mehr lange. Dann nämlich will der vor Duschvorhängen Angst habende Rüdi mich wieder besuchen kommen. Ach, wie aufregend. Und ich habe immer noch nichts zum Anziehen!

 

Gegen 11 Uhr des besagten Sonntags stehe ich Rüdi glücklicherweise mit Kleidung gegenüber, als ich ihm die Tür öffne. Rüdi ist an diesem Sonntag völlig schnurz, was ich anhabe. Er schaut mir ständig nur in die Augen, was mich überaus nervös macht. Schließlich haben wir uns immer noch nicht geoutet, was diese komischen Pfeile angeht. Und so schauspielert jeder ein wenig weiter vor dem anderen herum. Die Lage ändert sich erst nach ungefähr drei Stunden. Wir vertreiben uns die Nervosität mit Selfie-Machen. Dabei muss ich dann und wann Rüdis Hand anfassen. Rein zufällig natürlich. Ich schwöre, es ging nicht anders! Als wir nach Bäuche kringelndem Lachen und sehr viel Hand anfassen die Ergebnisse anschauen, wird uns plötzlich ganz anders. „Na endlich!“, ruft es von oben. Also tun wir „ihm“ halt den Gefallen und gestehen uns offen ein, dass wir uns ziemlich toll finden. Die Untertreibung des Jahrhunderts, wenn ich an mein bebendes Herz denke. Wir haben uns an diesem Tag noch ganz viele Stunden bis in den späten Abend toll gefunden. Und noch wesentlich mehr Herzklopfen ertragen müssen, aber was soll ich sagen: Dieses herzige „Problem“ ertrag ich doch gern – gern auch noch länger, wenn Rüdi einverstanden ist. Wie wäre es mit den nächsten 40 Jahren?

 

Ich gehöre zu den ganz wenigen Menschen, die mit Mitte 40 noch keine Rauscherfahrung gesammelt haben. Ab sofort kann ich endlich mitreden: Ich bin im Rüdi-Liebesrausch. Was sich an diversen Symptomen äußert: Zum einen vergesse ich während des kompletten Sonntags total, dass ich Angst habe. Und das grenzt an ein Wunder. Denn dieses Gefühl verfolgt mich eigentlich immer, seit ziemlich langer Zeit. Sehr langer Zeit sogar. Ich glaube, als das anfing, war ich noch grün hinter den Ohren. Verdammt jung also. Oft läuft dieses seltsame Programm nur dezent im Hintergrund, egal, was ich tue. Aber eben penetrant andauernd. Wie leise Hintergrundmusik, deren Ausschaltknopf nicht mehr zu finden ist. Sie spielt und spielt immer dieselbe Leier und hört einfach nicht mehr auf. Bis gerade eben. Musik aus. Rausch an. Sensationell! Der Rüdi muss ein Zauberer sein. Das zweite eindeutige Symptom hinsichtlich Rausch erlebe ich am Tag danach. Es ist Montag, der Rausch hat die Musik immer noch komplett abgeschaltet und führt so weit, dass ich wie ein junges Reh durch die Weinberge hüpfe. Was das zweite Wunder in zwei Tagen darstellt, da ich aufgrund meiner langen körperlichen Erkrankung eher die Fitness und Kraft einer Hundertjährigen habe. Jedenfalls bin ich aufgrund dessen eher selten hüpfend in den Weinbergen anzutreffen. Allenfalls mich mit letzter Kraft hindurchschleppend und maximal 15 Minuten Gesamtausflugszeit. Heute bin ich schon 45 Minuten unterwegs und scheue nicht davor zurück, steile Weinbergwege zu erklimmen. Unterbrochen wird diese Aktion lediglich durch den Rausch. Dank dessen muss ich einfach alle 20 Meter stehen bleiben und Rüdi eine whatsapp schreiben. Nach zehn kurzen Zwischenstopps dieser Art nehme ich mir fest vor, mindestens 100 Meter zu schaffen, bevor der Rausch mich handymäßig erneut in den Fängen hat. Ich schaffe 80 und sehe das als großen Erfolg. Am obersten Zipfel des Weinbergs nach hunderten von Höhenmetern weist mich Rüdi per whatsapp ein in die Weinberge-Fotografie. Ich robbe also wie von ihm beschrieben auf dem Bauch im Dreck, halte die Kamera exakt nach seinen Anweisungen und kriege ein weltmeisterliches Foto zustande. Federleicht und immer noch Rehen-grazil trete ich mit dieser Ausbeute den „Abstieg“ und Nachhauseweg an und bin nach über einer Stunde Ausflug kaum erschöpft. Wenn der Rüdi-Rausch weitere solche gesundheitlichen Welt-Wunder parat hält, kann der gern noch ein paar Jahrhunderte andauern.

 

4

 

Am darauf folgenden Wochenende bekundet Rüdi, dass 120 Kilometer zwischen uns doch arg viel sind für sein bebendes Herz. Ich zudem in meiner jetzigen Behausung doch sowieso in einer Notbehausung sitze, die dringenden Änderungsbedarf in sich birgt. Warum also nicht schleunigst meine Sachen packen und zu ihm kommen? Er sagt das mit einer Selbstverständlichkeit, als wären wir fünf Jahre zusammen, dabei haben wir gerade erst mal eine Woche hinter uns gebracht. Ich wehre mich mit Händen und Füßen. Zumindest mein Kopf. Der macht ständig einen auf vernünftig. Der Kopf antwortet Rüdi daher: „Nein, so was macht man doch nicht nach einer Woche. EINE WOCHE, Rüdi!!!!“. Mein Herz wiederum fängt schon an, die ersten Sachen in den Koffer zu schmeißen. Also kommt Amor noch mal kurz um die Ecke, um mir unmissverständlich eines klar zu machen: Bei der wahren Liebe des Lebens gibt es keine Vernunft. Wenn sie einen befällt, dann von der ersten Sekunde an. Zwei Tage später sitze ich nach einem ereignisreichen Tag voller Packen auf einem Riesen-Berg an Zeugs. Mir wird Angst und Bange inklusive folgender Gedanken: „Rüdi trifft der Schlag vor Schreck.“ „Rüdi kriegt nicht alles ins Auto.“ „Rüdi kriegt nicht alles in die Wohnung.“ „Ich krieg gleich einen Anfall!“ Doch Rüdi ist ein Mann der Taten. Freut sich wie Bolle, dass ich so viel mitbringen will. Ja, wer weiß, wie lange mein „Urlaub“ bei ihm andauert? Nicht auszudenken, mir fehlen wichtige Utensilien, also lieber gleich mal den halben Hausstand mitschleppen. Das Herz lacht sich indes schlapp über diese Argumentation. „Urlaub!!!!“, kringelt es sich vor Lachen. Uli, das wird kein Urlaub, sondern dein neues Zuhause. Du wirst es auch bald einsehen. Also verabschiede ich mich von Freunden, Verwandten mit den Worten, dass ich bei Rüdi ein bisschen Urlaub mache. 2-3 Wochen vielleicht. Höchstens …

 

Zunächst die gute Nachricht: Es passt alles ins Auto. Und irgendwie passt auch alles in Rüdis Wohnung. Diese verabschiedet sich mit meinem Ankommen innerhalb weniger Sekunden vom bisherigen Männer-Single-Haushalt-Dasein. Das lässt sich an folgenden Begebenheiten erkennen: Ein Duschvorhang ziert das Bad. Frauenkram liegt massenhaft überall verstreut herum. Mein BH hängt innen an der Badezimmertür. Besonders die letzte Tatsache findet Rüdi einfach nur beglückend. Was ein bloßer BH doch alles bewirken kann. Eventuell liegt es aber auch daran, dass sich zwischen seinen Unmengen an Sofakissen nun eine Frau kuschelt. Größtenteils an ihn.

 

Mein erstes „Urlaubs“-Wochenende bei Rüdi. Ich bin vollauf damit beschäftigt, die fremden Gefilde zu erforschen: innerhalb und außerhalb der vier Wände. Rüdi steht mir als Forschungsleiter bei und kann sich das Lachen nicht mehr verkneifen. Ich verlaufe mich mindestens einmal am Tag. Das liegt weniger an der Größe der Wohnung, sondern an der seltsamen Anordnung der Türen. Wesentlich übersichtlicher ist da der Crailsheimer Wald, zu dem wir sogleich aufbrechen. Kein Wunder, es ist Winter und die wenigsten Bäume tragen buntes Blätterwerk. Das macht die Erkundungstour erfreulich einfach. Nach Rückkehr wenden wir uns der interessantesten aller Erforschungen zu: seiner Küche. Sie wird dadurch tatsächlich kochfähig und die ganzen Schrauben und Muttern aus den Schubladen erhalten einen würdigen neuen Platz. Genau dafür verwendete Rüdi seine Küche in seinem Junggesellen-Leben: als Aufbewahrungsort für sämtliche Crailsheimer Schrauben. Vielleicht haben sich sogar ein paar Auhofer darunter gemischt, das kann ich abschließend leider nicht ganz klären. Dazwischen finden sich natürlich auch ein paar Teller und Töpfe, die man aber wirklich arg suchen muss. Nach drei Stunden Küchen-Rambazamba darf Rüdi seine neue Küche bestaunen und das erste selbst gemachte Mahl zu sich nehmen: handgeschabte Spätzle. Nicht, dass ihr denkt, ich hätte nörgelnd auf alle diese Änderungen bestanden. Nein, er hat vielmehr darauf gepocht, dass alles nach meinem Wohlbefinden umstrukturiert wird. Dafür besiegte er sogar seine Duschvorhang-Phobie. Bis jetzt hat der ihn übrigens nie mehr verfolgt, die Angstschreie aus dem Bad hätte ich mitbekommen. Aufgrund Rüdis enormen Bemühen hinsichtlich meines Wohlfühl-Pegels ist mein Hausstand ratzfatz untergebracht. Da muss man mich bezüglich Urlaubs-Umentscheidung auch gar nicht belächeln. Wo es sich wohl fühlt, verweilt man gerne länger. Aus meinem Urlaub mache ich an Tag zwei nach Urlaubsantritt „Ich bleibe jetzt für immer“. Obwohl ich mich fernab meiner ehemaligen schwäbischen Heimat befinde, sehe ich der Einbürgerung im Hohenloher Ausland positiv entgegen. Nur reden tun sie hier echt komisch. Da soll noch mal einer Witze über uns Schwaben reißen! Die Menschen hier sprechen viel seltsamer, denn es hört sich an wie eine Mischung aus Schwäbisch und Sächsisch. Schlimmer kann es bezüglich deutschsprachigem Dialekt wohl kaum kommen. Rüdi legt mir nahe, diese meine Meinung in der Öffentlichkeit vehement zu verschweigen. Meine Einbürgerung kann ich sonst echt vergessen. Ich stimme dem ohne Gegenargumentation zu und frage ihn, ob er jetzt gerade nicht Lust hätte, ein kleines Foto-Shooting zu machen. Es ist Sonntagabend, 20 Uhr. Ich bin hundemüde, da mein Biorhythmus sich noch nicht an die Hohenloher Luft gewöhnen konnte. Mit meinen Augenringen hätte man eine Geisterbahn glücklich machen können, meine Frisur saß auch schon besser. Keine wirklichen Voraussetzungen also für ein Shooting. Warum ich dieses Vorhaben dennoch vorschlage, entzieht sich meiner eigenen logischen Kenntnis. Da Rüdi für jede Schandtat zu haben ist, tippeln wir rüber ins Studio. Ein Bild für Götter: Rüdi in T-Shirt und Unterhose. Ich in Jogginghose und mit Horrorkabinett-Augenringen. Eins muss man uns lassen: Spaß haben wir trotzdem eine Menge. Seit diesem Abend stufe ich Rüdis Fotografie-Künste zudem als unsagbar genial ein. Denn nur an ihm und seinem Können kann es liegen, dass entzückende Bilder dabei rauskommen! Nein, eben keine Geisterbahn-Schocker, sondern wie bei Germanys next Topmodel. Nur, dass die eben zwei Stunden Schminken sowie Frisieren vor Knipsen genießen dürfen. Ich dagegen komme direkt vom Sofa. Fast ungeschminkt und mit Rändern unter den Augen. Das Ergebnis allerdings sieht fast gleich aus. Ich möchte da jetzt wirklich nicht angeben, ich schiebe das ausschließlich auf Rüdis Begabung als Fotograf. Frage mich an der Stelle dennoch, warum bei Shootings immer so ein Zirkus veranstaltet wird, wenn doch sowieso die gleichen Bilder bei rauskommen. Rüdi schwört mir mehrmals, dass ich einfach schön sei und das Ergebnis allein hierin begründet liege. Dabei schaut er herzbebend auf meine Fotos, hat fast Tränchen in den Augen vor Rührung. Ist der Rüdi nicht toll? Warum konnte er mir denn nicht schon früher über den Weg laufen? Naja, Chef da oben wird schon seine Gründe haben, wie er was wann tut. Und seine Bestimmung sah nun mal vor, dass ich erst mit 46 Jahren ins Hohenloher Ausland auswandere. Dort mit einem Fotografen in Unterhosen Sonntagabends spontan ein Shooting veranstalte und aus einem harmlosen Urlaub eine Einbürgerung mache. Diese besiegeln wir exakt vier Wochen nach dem ersten Treffen, am 13. März, hochoffiziell per Rathaus-Stempel. Ich teile Rüdi während dieses Aktes mit, dass das nun so etwas wie eine Eheschließung sei. Er sich aber keine Sorgen machen müsse bezüglich Bigamie. Schließlich leben wir beide jeweils noch in Scheidung und haben erst einen anderen rechtlichen Akt vor uns, bevor neue Stempel dieser Richtung irgendwohin gesetzt werden könnten. Aber Stempel ist für mich Stempel. Und eine Einbürgerung fast so was wie eine Hochzeit. Bei Verrückten ist das eben so! Ich denke, die Rathaus-Angestellte sieht das ähnlich, als sie während ihrer Stempel-Arbeit das Gespräch zwischen Rüdi und mir von Eheschließung, Bigamie und Einbürgerung verfolgt. Da ihr dies ein Lächeln ins Gesicht zaubert, schlussfolgere ich, dass sie sich mit diesem jungen Glück unsagbar mitfreut, das ihr soeben gegenübersitzt und einbürgerische Hochzeit feiert. In Crailsheim ist fast alles möglich! An der Stelle wird es dringend Zeit zu erwähnen, dass es sich hierbei nicht einfach nur um einen 13. März handelt. Sondern wie beim ersten Treffen bereits um einen FREITAG DEN 13.! Da soll noch mal einer daherkommen und behaupten, diese Tage bringen Unglück.

Für alle, die die große Liebe noch nicht gefunden haben. Man erkennt diese an einigen untrüglichen Punkten:

 

  1. Dein Partner schafft sich todesmutig einen Duschvorhang an.

  2. Du verschenkst deinen Fernseher, da er überflüssig geworden ist. Wir jedenfalls gucken uns lieber stundenlang selber an. Und das gerne täglich, bis uns die Augen von allein zufallen vor Müdigkeit.

  3. Du machst regelmäßig gemeinsame Ausflüge mit deinem/deiner Liebsten in die Waschküche im Untergeschoss, da ihr euch niemals voneinander trennen könnt. Es sei denn, äußerst wichtige Gründe liegen vor wie Arbeit, Schlaf oder Toilettengang.

  4. Wenn du ein Mann bist: Du bist völlig entzückt, wenn ein BH an der Badezimmertür hängt. Wenn du eine Frau bist: Du bist völlig entzückt über die Schraubensammlung in der Küchenschublade deines Liebsten, die du nach Entdeckung mit deiner ganzen Liebe und großer Sanftheit in den Werkzeugkoffer umbettest.

  5. Du lässt dich in einer Region, in der sie Schwäbisch-Sächsisch sprechen, kurzfristig wie freiwillig einbürgern – inklusive Eheschließungs-Einbürgerungs-Stempel.

 

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„Bist du sicher, dass das ein Mann ist?“, fragt mich eine Bekannte ungläubig? Sie meint damit meinen Rüdi, der selbstverständlich ein Mann ist – männlicher geht gar nicht: beschützt seine Liebste in allen Belangen oder Lebenslagen und hat außerdem alle die Haare, die ihm am Kopf fehlen, herrlich männlich dicht auf Brust und Wangen verteilt. Seinen durchtrainierten Körper muss ich kaum extra erwähnen, der sticht Frau sowieso sofort ins Auge. Die Frage, ob es sich hier um ein männliches Wesen handelt, ist ergo relativ lächerlich. Wobei ich ihr schon ein bisschen Recht geben muss. Innen drin ist der Rüdi verdammt wenig Mann. Wir Frauen kennen das üblicherweise aus langjähriger Erfahrung: Männer – die unbekannten Wesen, was deren Emotionalität und Gesprächsbereitschaft über derlei Dinge angeht. Man könnte Männer daher auch super mit Fischen vergleichen: Hat man nämlich ein Aquarium, fragt man sich ständig: Wie es ihnen wohl geht, diesen Fischen? Gut oder schlecht? Leben sie noch? Man hört so selten ein Laut von ihnen hinsichtlich ihres Befindens, was sie fühlen oder denken. Hat man einen Mann zu Hause, ist es kaum anders: Lebt er noch? Ah ja, Gott sei Dank, er atmet. Nur daran lässt sich erahnen, dass der Mann an deiner Seite Leben in sich trägt. Du wirst es aber selten hören. Daher auch der bekannte Rat an alle Frauen, niemals zu fragen, was er gerade denkt oder fühlt. Männer denken und fühlen halt nicht. Außer, wenn die Sportschau losgeht. Gefühle und Männer – das ist so kompatibel wie ein Rostbraten mit veganer Ernährung. Wir Frauen sind da ganz anders: Wir fühlen und fühlen und fühlen immer so entsetzlich viel. Und müssen sämtliche dieser wunderbaren und vielzähligen unterschiedlichen Gefühle natürlich in Worte fassen. Am liebsten unserem Liebsten ins Ohr hauchen. Mangels Interesse an diesen Themen verläuft eine solche Flüsterei meist einseitig. Womit ich schon zu meiner Bekannten zurückkomme, die also gar nicht so Unrecht hat: Rüdi ist nur außen ein Mann. Innen drin ist er definitiv eine Frau. Er fühlt verdammt viel und hat die größte Freude daran, mir all das mitzuteilen oder meinen vielen Worten in dieser Richtung zu lauschen. Ach, was sag ich da. Er lauscht nicht nur, er saugt sie geradezu in sich auf, als wäre mein Gesagtes der letzte Sauerstoff zum Atmen auf dieser Welt. Und schon wieder kommt in mir große Sorge auf, ob ich für meinen Rüdi nun Personenschutz anheuern muss. Ein Mann wie für uns Frauen geschaffen und in vielen sehnsüchtigen Momenten unseres Lebens erträumt. Ich mutmaße, dass demzufolge großes Interesse besteht seitens der weiblichen Leserschaft, diesen Rüdi für sich zu ergattern. Denn diese Sorte ist eine glatte Rarität und zumindest auf der Erde bereits ausgestorben. Vielleicht findet sich in einem anderen Sonnensystem noch etwas Ähnliches wie Rüdi – hier auf unserem blauen Planeten jedenfalls nicht. Wie gut, dass das allerletzte Erden-Exemplar den Weg zu mir ans Ortsschild gefunden hat. Und ich damit in Folge dessen den Weg auf sein Crailsheimer Sofa.

 

Die Phänomene des Rüdi sind damit aber noch längst nicht abschließend aufgezählt. Ein weiteres ist sein Schlafverhalten. Woher dieses stammt, kann ich mangels Fachwissen schlecht beurteilen. Vielleicht von den Fischen? Der menschlichen Spezie ordne ich es keinesfalls zu. Ich kenne jedenfalls niemand, der mit 3-4 Stunden Schlaf auskommt. Rüdi schon. JEDE NACHT! Voller Kraft und Tatendrang steht er direkt nach seinem 3-Stunden-Schlaf fit wie ein Turnschuh auf seinen Beinen und könnte Bäume ausreißen. Was ich nicht mal nach acht Stunden Murmeltierschlaf hinkriege. Vielleicht hat er sich damit aber auch evolutionär seiner aktuellen Lebenssituation angepasst. Rüdis Wecker klingelt nämlich sage und schreibe stets nachts um halb vier, weil sein Chef das so will – ziemlich verständnislos von seinem Chef. Aber was will man machen. Seit meinem Einzug tut sich für ihn ein schweres Dilemma hinsichtlich neuste Evolution auf: Er kann ja schlecht um neun schon ins Bett hüpfen. Zu der Zeit sind wir noch beschäftigt mit unserem täglichen Fernsehprogramm, das ganz ohne Fernseher abläuft: Wir gucken uns gegenseitig schmachtend an. So ist das mit der großen Liebe, man wird einfach nie satt mit Gucken vor lauter Liebestaumel. Und so endet unser Anguck-Programm oft erst um Mitternacht. Bleiben Rüdi folglich exakt 3,5 Stunden, um sich der Uli’schen Evolutionsgeschichte anzupassen. Mir leider auch, denn um halb vier geht’s für beide weiter mit dieser Schmachterei: Zuerst muss ich aufs Klo. Danach muss ich sofort zu Rüdi. Der rennt bereits Bäume ausreißend durch die Wohnung. Wir nehmen uns schmachtend in den Arm. Hey, ihr müsst das schon verstehen. Rüdi und ich werden in ein paar Minuten für lange, lange Zeit wegen diesem bösen Chef zwangsweise voneinander getrennt. Der verlangt tatsächlich, dass Rüdi seiner Arbeit außer Haus nachgeht. Heißt, wir sehen uns erst in unfassbaren, unglaublichen und kaum vorstellbaren 10-12 Stunden wieder. Wenn ich und er das überleben wollen, müssen wir eben nachts um halb vier eine Umarmungsorgie stattfinden lassen. Die sicher 15 Minuten Zeit in Anspruch nimmt. Zeit, die Rüdi im Anschluss für seine Morgentoilette fehlt. Ich finde jedoch, dass die restliche Zeit für einen Mann ohne Haare sehr gut ausreichen müssten. Nicht daran zu denken, was ich jeden Morgen für ein Programm im Bad auf die Beine stellen muss, um einigermaßen salonfähig durch den Tag zu kommen. Unsere Wege trennen sich also nach 15 Minuten im Arm halten auf die Weise, dass ich zurück ins Bett hüpfe, während Rüdi seine verpassten 15 Minuten aufzuholen versucht. Kaum aus der Wohnungstür Richtung bösem Chef bricht bereits große Sehnsucht über ihn herein, die sich in einer whatsapp an mich äußert. Ich wiederum reiße nach dem ersten Augenaufschlag bei dieser meiner zweiten, äußerst kurzen nächtlichen Schlafphase wie eine Geisteskranke mein Handy an mich, um die Nachricht meines Liebsten zu lesen – von der ich weiß, dass sie bereits auf mich wartet. Leider habe ich mich an die evolutionären Veränderungen hinsichtlich Nachtschlaf noch nicht ganz so gut anpassen können wie Rüdi. Ich bin total fertig – obwohl ich mich nach der Umarmungszeremonie ja noch mal aufs Ohr legen kann. Aber eben nicht lang.

 

Tja, Phänomene über Phänomene bei diesem Rüdi:

 

  1. Er ist nur außen ein Mann.

  2. Er kann nach drei Stunden Schlaf Bäume ausreißen.

  3. Nicht zu vergessen: Er wird von Duschvorhängen verfolgt

(jedenfalls in seinem früheren Leben).

  1. Und er ist Straßenbauer!

 

Meine Güte, ein STRASSENBAUER! Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen und fragt sich dabei sofort: Hä, was jetzt? Der ist doch Fotograf! Nun, das ist er ja auch. Somit schließt sich der phänomenale Kreis, da mir noch nie ein straßenbauender Fotograf begegnet ist, der von außen wie ein Mann aussieht, innen drin aber ziemlich gerne fühlt, denkt und über all diese Gefühlsduselei sogar redet. Ein Straßenbauer! „Um Himmels willen“, dachte ich, als er mir das gleich zu Anfang unseres Kennenlernens mitteilte. Mein Bild von ihm wurde seinerzeit aufgrund dieser Aussage erheblich erschüttert oder sagen wir durcheinander geworfen. Dieses Durcheinander habe ich bis heute nicht entwirrt. Straßenbauer?!?! Und Fotograf? Ihr lieben Straßenbauer dieser Welt: Bitte nicht böse sein. Ich finde es spitze, dass ihr die Straßen so toll und ebenmäßig baut, dass ich ohne zu stolpern darauf laufen und ohne größere Unfälle mit meinem Auto darauf fahren kann. Ihr seid daher total wichtig für die Menschheit, und das meine ich wirklich ehrlich. Doch mal unter uns: Ihr seid doch ganze Kerle! Müsst schon anpacken können – Männer fürs Grobe also. Sonst würdet ihr es kaum aushalten, jeden Tag mit 180 Grad heißer Straßenmasse unter den Füßen eurer Pflicht nachzugehen. Und die Steinmasse so gekonnt straßenzubauen, dass sie wirklich top-eben für mich wird. Ich weiß, ich weiß, wir schreiben das Jahr 2016 und ihr habt dazu viele moderne Maschinen und Geräte im Einsatz. Aber eben auch ganze Manneskraft, wo es sein muss und die Maschinen versagen. Wie kann ein solcher Mann also derart feinfühlig sein, um jede noch so klitzekleine Nuance durch die Linse eines Fotoapparats erahnen zu können? Und das auch noch dermaßen vorausschauend kreativ, dass er bereits vor dem eigentlichen „Klick“ Dinge auf dem Bild sieht, die da bis jetzt gar nicht zu erkennen sind. Vor Rüdis Auge allerdings ist das Endergebnis längst vorhanden, das er mit einem Spiel von Licht und Schatten, punktgenauem Bildausschnitt usw. im späteren Verlauf seiner Kunst zum kreativen Meisterwerk werden lässt. Erst vorhin haben Rüdi und ich wieder dieses „Ich sehe was, was du nicht siehst“-Spiel gespielt. Spielbeginn: Fotostudio. Mitspieler: ich – vor der Linse. Zweiter Mitspieler: er – hinter der Linse. Rüdi ist nämlich der Meinung, er brauche dringend neues Material zum Schmachten. Und wo schmachtet es sich die 12 Stunden außer Haus besser als am Handy, um herzallerliebste Fotos seiner Uli anzuschauen. Der weitere Spielverlauf: Die Fotos sind im Kasten. Dieses Mal trägt Rüdi statt Unterhose sogar eine Jeans zum Fotografieren. Spiel-Ende: Wir sitzen vor dem Rechner und laden die Bilder hoch. Ich rufe bei jedem zweiten Bild entsetzt: „Oh Gott, wie furchtbar seh ich da denn aus!“ Rüdis Antwort in 99 % dieser Fälle: „Uli, wart mal!“ Also warte ich.

 

Nach ca. zwei Minuten ist ein „Oh!“ von hinten rechts zu hören. Mein Sitzplatz in diesem Spiel befindet sich in der hinteren Reihe rechts außen. Rüdi grinst und erspart sich jeden weiteren Kommentar, da er den weiteren Spielverlauf kennt. Hinten rechts sagt es eine weitere Minute später: „Wow, meine Augen!“, was so viel bedeuten soll, dass Meister Rüdi mit seinem Licht-und-Schatten-Spiel inzwischen ein wahrhaftes Hingucker-Bild gezaubert hat. Daher erneut die verzweifelte Frage: So was braucht doch eindeutig andere Gene als die, die zum Straßenbauen nötig sind, oder nicht? Ein Metzger benötigt schließlich auch andere als ein Geigenvirtuose! Ziemlich gegensätzliche sogar. Phänomen vier ist für mich daher so phänomenal, dass ich Tag für Tag stets aufs Neue darüber staunen muss. Besagte Bekannte fällt inzwischen völlig vom Glauben ab. Erst muss sie verkraften, dass die letzte, die allerletzte Spezie dieser seltenen Gattung von fühlendem, denkendem, sprechendem Mann bereits vergeben ist und daher niemals auf ihrem Sofa sitzen wird. Anschließend ereilt sie der zweite Schock, als sie von mir erfährt, dass es sich bei Rüdi um einen straßenbauenden Fotografen handelt. Wie bitte, um was? Unser Telefonat dauert an diesem Tag länger als sonst. Solche Phänomene sind eben nicht in zehn Minuten erklärt. Vor allem, als ich ihr auch noch von Phänomen fünf berichte …

 

Rüdi hat nämlich einen implantierten Ausschalter. Eventuell handelt es sich dabei aber auch um gar kein Implantat, sondern ein zusätzliches spezielles Rüdi-Gen. Jedenfalls ist in meiner Gen-Landschaft und der der meisten anderen Menschen kein solches Ausschalter-Gen (oder Implantat) zu finden. Das Ding ist so verdammt super, sodass ich den Rüdi nahezu ständig darum beneide – hilfreich obendrein. Schongleich, wenn nach 3,5 Stunden Schlaf der Wecker klingelt. Das Phänomen funktioniert so: Man nehme den Rüdi. Der äußert, er sei jetzt echt müde. Er macht die Augen zu und schläft eine Sekunde später tief und fest. Ich schwöre, er kann auf Kommando und nach nur einer einzigen Sekunde in den Tiefschlaf fallen. Dieses Gen will ich auch haben. SOFORT! Wir Frauen sind da wieder mal komplett anders. Legen wir uns schlafen, müssen wir noch entsetzlich viel denken und fühlen. Nach einer Stunde denke ich dann zusätzlich, dass es verflucht doof ist, schon so lange zu denken, da die Nacht dadurch immer kürzer wird. Ich fühle extrem vehement, dass ich unbedingt schlafen will. Je mehr ich das wiederum fühle, desto weniger wird mir Schlaf zuteil. Ich werde also irgendwann mächtig wütend. Eine Minute später unsagbar verzweifelt: ICH WILL SCHLAFEN! Solche Probleme kennt Rüdi nicht: Augen zu und tschüss. Es ist wirklich wahr. Wirklich! Anfangs konnte ich das kaum glauben. Es ist aber auch ein bisschen gruselig mit dem Rüdi und seinem Phänomen fünf. Denn nach besagter Sekunde redet er manchmal noch mit mir. Und hat dabei sogar die Augen offen. Trotzdem schläft er. Ich kann also theoretisch mit ihm machen, was immer ich will. Er würde nichts mitkriegen. Denn außer, dass er in nur einer Sekunde schläft, schläft er wahrhaft bombenfest. Zur Not könnte ich ihn sogar auf die Straße tragen, ohne dass er das je bemerken würde. Dies schien mir als Experiment doch ein bisschen gewagt, also führe ich ersatzweise eben ein alternatives durch, um dieses Phänomen von allen Seiten wissenschaftlich zu beleuchten. Vermutlich war ich in meinem früheren Leben als Schlaf-Forscherin tätig, denn ich erforsche den Rüdi mit seinem Sekundenschlaf außerordentlich gern. Und zwar genau jetzt um 22.12 Uhr an diesem Donnerstagabend! Die Versuchsanordnung sieht vor: Rüdi liegt mit seinem täglichen Uli-Fernsehprogramm auf dem Sofa und ist nach der berühmten Sekunde unverhofft eingeschlafen. Muss ich mir bezüglich meiner Anziehungskraft schon Sorgen machen? 22.12 Uhr und Rüdi schläft tatsächlich ein? Um 22.12 Uhr? Nach seinen Berichten von vorhin liegt ein anstrengender Straßenbau-Tag hinter ihm. Anstrengender als sonst, da er heute arg viel Manneskraft zum Bauen einsetzen musste, da die Maschinen bei den vielen kleinen Ecken und Kanten der heutigen Straße nicht flächendeckend eingesetzt werden konnten. Der Gedanke beruhigt mich, da ich daraus schlussfolgere, dass die Straßen Schuld sind an seinem ungewohnt frühen Schlaf und nicht meine abnehmende Anziehungskraft. Ich überdenke nach dieser Feststellung, was ich nun alles mit ihm anstellen könnte, um seinen Tiefschlaf ausreichend zu testen. Da ich den Rüdi sehr lieb habe, entscheide ich mich, die Versuchsreihe mit eher liebevollen Gesten auszuführen. Ich knutsche ihn erst im Gesicht und dann die Glatze ringsherum komplett nieder. Rüdi grinst, schläft aber weiter. Dann taste ich ihm von Kopf bis Fuß die gesamten 170 Zentimeter ab. Schließlich muss ich prüfen, ob auch wahrhaft alles an ihm schläft. Es tun sich hierbei keine besonderen Vorkommnisse auf, außer, dass er erneut lächelt. Aha, sehr interessant! Ich notiere in meinen Versuchsaufzeichnungen, dass Rüdis Unterbewusstsein wacher ist als Rüdi und die Liebkosungen erfreut wahrnimmt, während er selbst weiterhin bombenfest schläft. Ok, eine Steigerung der Forschungsreihe kann somit stattfinden: Ich lege mich komplett auf ihn. Meine 50 Kilogramm schaffen es allerdings auch nicht, die Forschungsergebnisse dahingehend zu verändern, dass Rüdi aufwacht. Mir bleibt also gar nichts anderes übrig, als zur mächtigsten Waffe einer Frau zu greifen: Ich rede! Ich quassle und quassle. Ganz dicht an seinem Ohr sogar. Erzähle ihm die dollsten Geschichten, die jeden Toten mit Schreck aus dem Reich der Toten hätten reißen müssen. Aber nicht meinen Rüdi aus seinem Schlaf. Hm, vielleicht ein wenig lauter? Also lege ich bei der Lautstärke einen Zahn zu. Ergebnis unverändert: Rüdi schläft. Da sich rein gar nichts Bewegendes ereignen will in meiner inzwischen hochkreativen Versuchsreihe, kündige ich Rüdi den nächsten Versuch sogar verbal an: „Lieber Rüdi, schau mal, das ist dein linker Arm. Den nehme ich jetzt und halte ihn so hoch, wie ich kann. Achtung, und jetzt lasse ich los!“ Mit atemberaubender Geschwindigkeit plumpst Rüdis Arm zurück auf seinen Bauch. Autsch, das tut mir sogar beim Zuschauen weh. Vorläufiges Forschungs-Endergebnis: Rüdi schläft! Versuchsreihe beendet und Phänomen fünf hiermit als astreines Phänomen in die Weltgeschichte eingegangen. Als Rüdi am nächsten Morgen aufwacht, muss ich ein bisschen grinsen. Der Rüdi sieht aus wie immer und scheint keinerlei Schmerzen in der Bauchregion zu verspüren. Ich taste mich vorsichtig an die Sachlage heran und frage, ob er irgendwas geträumt habe: „Nö“, antwortet er und will wissen, wie ich drauf komme. „Ach, nur so …“

 

 

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